Freitag, 4. Mai 2018

Einkaufen

Ich habe gerade ein mir unbekanntes Gemüse in meinen Einkaufswagen gelegt, als ein älterer Herr mich anspricht, wie das denn schmecken würde, fragt er, ich weiß es nicht, sage ich, ich will es aber gerne wissen, deswegen kaufe ich das jetzt. Wie das denn heißen würde, fragt er, ich sage: Knollenrettich, steht da. Also wahrscheinlich wie Rettich, vermutet der ältere Herr, ich vermute: Ja, vielleicht ein bisschen milder? Ich stelle mir vor, so fein geschnitten, mit ein bisschen Salz drauf, sagt der ältere Herr, ich sage, ganz genau, so dachte ich mir das auch, so werde ich das probieren. Dann berichten Sie mir beim nächsten Mal, wie es geschmeckt hat, sagt der ältere Herr, er hat zwischenzeitlich seine Hand ganz leicht auf den Rand meines Einkaufswagens gelegt und lässt jetzt wieder los, mache ich, sage ich, gerne.
Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, sagt eine ältere Dame, als ich gerade dabei bin, alle Mangos zu betatschen, diese grünen Mangos, die sind alle nichts, die werden nie richtig reif und schmecken nie richtig gut. Ach nein?, frage ich, nein, sagt sie, und dass ich nach gelben und rotwangigen Ausschau halten solle, drüben bei Lidl hätte ich vielleicht Glück, oder in der LPG. In der LPG gebe es Flugmangos, reif eingeflogen, schweineteuer, sagt die ältere Dame, aber das würde sich lohnen, so süß, da falle man vom Stuhl. Gut, sage ich, in der Nähe von der LPG, da bin ich morgen, da werde ich mal schauen, und sie sagt noch: Flugmangos, also das ist eine der Sachen, wegen denen ich es schade fänd, diese Welt zu verlassen. Also dann!, und wendet sich zum Gehen, ich sage noch: Danke, nehme keine Mango mit, esse zu Hause den Knollenrettich, fein geschnitten, mit ein bisschen Salz drauf.

Montag, 5. Februar 2018

Was ich bemerkenswert fand

Graue Literatur ist nicht etwa das, was ich schreibe. Statische Szenen bewegungsunwilliger Menschen in einer Suppe aus Nieselregen und Graupelschauer. Nein, unter Grauer Literatur versteht man (oftmals private) Publikationen, die nicht über den Buchhandel vertrieben werden. Wieder was gelernt!
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Nachtrag aus dem Dezember: Dieser Kalender in unserer Büroküche hat das Prinzip Achtsamkeit wirklich begriffen: LOS, BESORG DIR!
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Zum Glück auch vorbei: Die Zeiten, in denen mir Medikamentenpackungen was wünschten.
There are other sorts of time, besides the writing time. There is thinking time, reading time, research time and sketching out ideas time. There is working on the first page over and over again until you find the tone you’re looking for time. There is spending just five minutes catching up on email time. (...) There is going for a long walk because all the great writers always talk about walking time being the best thinking time, and then there is getting back from that walk and realising what the hell the time is now time.
Jon McGregor: My writing day. (Überhaupt eine schöne Reihe.)
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Großbritannien hat künftig ein Ministerium für Einsamkeit. 
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"I begin at the beginning. I write my name on the first page."
Gleich mal ein Buch von Muriel Spark bestellt.
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Die drei Wörter, die mir mein Handy immer als erstes vorschlägt.

Montag, 1. Januar 2018

Jahresrückblick

Natürlich habe auch ich auf das Jahr 2017 zurückgeblickt. So, wie ich schon auf das Jahr 2016 zurückgeblickt habe, mit dem Yearcompass, den eine Bürokollegin uns, ihren Bürokolleg*innen, empfohlen hat. Per Facebook, in der Bürogemeinschaftsgruppe, die da existiert und aus der man meines Wissens nie wieder rausgeschmissen wird, auch dann nicht, wenn man der Bürogemeinschaft gar nicht mehr angehört, was bei mir ab März der Fall sein wird. Dann muss, dann will ich mir einen neuen Platz suchen, einen festen, eigenen, in einem kleineren Büro mit weniger Fluktuation, wo ich nicht jeden Tag gucken muss, welcher Platz heute frei ist, sondern wo feststeht: Dieser Tisch gehört mir, mir ganz allein!, da steht mein großer Bildschirm und am besten noch ein Familienfoto im Rahmen, ein Kaktus, eine Tube Handcreme. Das wird eine der Herausforderungen in 2018: so einen Platz zu finden. Zumal bitte im neuen Büro nur nette Schreibtischarbeiter*innen sitzen sollen, die nie telefonieren und eigentlich am liebsten alleine Mittagessen gehen. So wie ich. So wie ich! Vor ein paar Monaten postete ich in besagter Facebookgruppe einen Link zu einem Stick-Workshop, den ich vorhatte zu belegen. Ob da sonst noch wer Lust drauf hätte? Drei Bürokolleg*innen haben das geliket. Im Workshop (übrigens bei dieser talentierten Lady) saß dann aber niemand, den ich kannte. Sticken habe ich also gelernt in 2017. Eine unfassbar meditative Angelegenheit, möchte ich sagen. Stichelchen, Stichelchen, Stichelchen. Man braucht viel Geduld, um ein größeres Motiv zu vollenden, aber das wird einem gar nicht so klar, weil man ja die ganze Zeit beschäftigt ist. Am Ende sieht es dann auch anders aus, als man es sich vorgestellt hat, aber doch irgendwie schön. Nehmt dies als Sinnbild für das ganze Jahr. „Unglaublich, was für ein Scheißsommer das war. Wie es an meinem Geburtstag geregnet hat, sintflutartig“, notierte ich unter Lebewohl, vergangenes Jahr. Ja, ich hab mir den Yearcompass ausgedruckt und per Hand ausgefüllt, mit meiner fahrigen, gar nicht mal mehr so ansehnlichen Schrift, aus der Übung gekommen, ich tippe ja nur noch. Und auch das nicht genug!, wie ich selbstkritisch feststellen musste. Was hätte ich alles schreiben können in 2017, doppelt so viele Blogeinträge, ganze Erzählungen, halbe Romane, mindestens. Tja, vorbei! Ein dummes Wort. Viel habe ich, so scheint mir, 2017 nicht geleistet. Aber was ist schon eine Leistung. Was soll das sein, eine Herausforderung. Und bitte definier mir mal wer Erfolg. „Mit diesen drei Dingen werde ich mich regelmäßig verwöhnen“, ah nein danke. Wie ich allein das Wort schon verabscheue, verwöhnen. Wenn ich mich auf eins verlassen kann, dann auf das Gefühl, mich im Strudel der Selbstreflektion früher oder später einfach platt auf den Boden legen zu wollen wie so eine Flunder. Höchstens ein bisschen zu blinzeln mit meinen komischen Flunderaugen. Und nachts Flohkrebse und Borstenwürmer zu essen. Dieses ganze „Überleg mal, wer du bist und was du willst und mach was draus.“ So verführerisch, denn man hat ja, Tatsache, nur dieses eine Leben. Und gleichzeitig so oll und öde und schal und schnöde. Es liegt nicht alles in deiner Hand. Wie ich mir das Anfang 2017 notierte, zur inneren Beruhigung. Kann ich mir 2018 auch noch mal ganz oben auf den Zettel schreiben. Und dann vielleicht dies: „You’re never gonna feel like it“ (Minute 10:11). „Ever!“ Weil ich lachen musste, als ich das heute zufällig hörte, beim Wäscheaufhängen Ted-Talks laufen lassend. In meiner Erinnerung hat die Dame sofort eine Mickeymaus-Stimme bekommen, was ihrer Aussage noch mehr Wucht und Wahrhaftigkeit verleiht. Dabei sagt sie es gar nicht so. Liebe Leser*innen: Frohes Neues, frohes Neues, frohes Neues!

Montag, 4. Dezember 2017

Notizen KW 48

100 Portraits of Cyclists in Berlin. (Bis jetzt sind es nur zwölf.)
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Ich nenne Demenz Altenleid und sage, dass Demente unglücklich orientiert sind. Jeder Mensch altert anders. Wir haben rund 100 Milliarden Neuronen, und im Laufe des Lebens gehen zahlreiche davon zugrunde. Wenn man sehr alt ist, vergisst man nun mal. Das sollte man akzeptieren, so wie man Falten bekommt - mit 85 hat man davon mehr als mit 70 Jahren, bei den Neuronen ist es anders herum. Eine Tablette dagegen gibt es nicht.
Demenz ist keine Krankheit – ein Interview mit Naomi Feil
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Meine Schrottcontainerkindheit – Vanessa Vu erzählt über ihr Aufwachsen in einem Asylantenheim, in Deutschland, in den 90ern, der Text endet mit den Worten "Ich stieg die Treppen hinab, schob die Gedanken beiseite und betrat den Bus in mein eigenes, unerträglich bequemes, freies Leben", unerträglich bequem, ja genau, ja, ja, ja.
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Tja: Wenig im Internet finde ich so interessant wie die Serie Kontoauszug von Zeit-Online.
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arte KinoFestival: Hier kann man sich bis zum 17. Dezember ein paar Filme angucken, unter anderem Helle Nächte von Thomas Arslan, der eh noch auf meiner Liste steht.
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Und sonst? Hat es in Berlin gestern, wie mir der Nachmittagsbesuch berichtete, zum ersten Mal geschneit, ich bin lieber drinnen geblieben, habe Kekse gegessen und nicht aus dem Fenster geschaut. Heute habe ich mir zum ersten Mal eine Kurkuma-Wurzel gekauft, sie kleingerieben (Küchenhandschuhe wären dabei empfehlenswert gewesen), mit heißem Wasser übergossen und den Sud dann getrunken, weil mir eine Bürokollegin erzählte, sie wäre davon übers Wochenende gesund geworden. Ich habe bis auf Halsschmerzen derzeit eigentlich keine Beschwerden, aber eine Stimme wie Hildegard Knef, weswegen ich mich, jedes Mal, wenn ich etwas sage, fühle wie eine Grande Dame, 50 Jahre alt, drei Viertel davon Zigaretten geraucht, mehrere Liebhaber und Liebhaberinnen gehabt, so dies und das über die Dinge des Lebens wissend, vor allem aber, dass einem dieses Wissen im Zweifelsfall eh nix nützt, alle Mitmenschen nurmehr "Kinder" nennend, Lieblingsausspruch: "Ach Kinder, Kinder, Kinder!", mit diesem nonchalanten Lächeln. Alter Ego durch Heiserkeit, so einfach geht das.

Montag, 6. November 2017

Notizen KW 44


Als ich am Dienstag joggen gehe, es ist schon dunkel, es ist Reformationstag, kommen mir kleine Mumien entgegen, Vampire, Monster mit grünem Gesicht, ein Kind im Skelett-Kostüm an der Hand seines Vaters, es hat die Mütze mit dem Schädelaufdruck hochgeschoben, schaut mit müden, verwirrten Augen in die Welt, dann wieder Mumien, offenbar die beliebteste Verkleidung, weil sie so leicht umzusetzen ist, mit ein paar Mullbinden, die man sich um den Kopf wickelt. 
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Sie sei so disappointed gewesen, sagt die Yogalehrerin am Mittwoch in ihrer kleinen, ja wie nennt man das eigentlich, Predigt sicher nicht, in ihrer kleinen Rede zu Beginn der Stunde, so enttäuscht also, dass es im Focus of the Month nicht um Veganism gehe, sondern um Inversions, es gehe sonst im November immer um Veganism, weil November bedeute ja Thanksgiving, und heute sei übrigens World Vegan Day, sie redet noch eine ganze Weile darüber, wie verwerflich es sei, anderen wehzutun, und wie man, indem man jemanden esse, demjenigen ganz sicher wehtue; es ist diese Art von Unterricht, wo man nicht nur Yoga, sondern auch eine Weltanschauung vermittelt bekommt, was ich mal mehr, mal weniger gut vertrage, am Mittwoch fühle ich mich nach der Stunde wie ein schlechter Mensch; noch schlechter, als ich zu Hause in den Kühlschrank schaue und mich über den guten Käse freue, den unser Besuch eingekauft hat.
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In meiner alten Straße, lese ich in einem Berlin-Newsletter, hat ein neuer Hipsterladen eröffnet, wo man nun carefully curated Dies und Das kaufen kann. Dass da früher ein kleiner Schlecker war, daran erinnert sich außer mir auch Google Maps.
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Melancholie allerorten, auch im Weltall: "Der Wissenschaftler geht nicht davon aus, dass das Objekt, das zunächst fälschlicherweise für einen Kometen gehalten wurde, noch einmal in unser Sonnensystem zurückkehren wird."
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"Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft." Um diesen Mangel zu beheben, leistet der Artikel ganze Arbeit – und der nebenbei erwähnte, schöne Genrebegriff "Umweltgrusel" bezeichnet im Grunde genau das, was mich beim Lesen erfasst hat.
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Humor in Kundenfragen und -antworten auf Amazon.de: Eine Untersuchung
 
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Kurzfilm: Monday – A German Love Story

Montag, 30. Oktober 2017

Notizen KW 43

Ich habe ein neues Handy, das mich an meinem Daumenabdruck erkennt, was mir ein merkwürdiges Gefühl der Intimität gibt. Wie gut das zum Gesamtgefüge Mensch-Handy passt, wo wir alle diese Geräte doch ständig bei uns tragen, andauernd zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und tippen und die Vorstellung beängstigend finden, es könnte verloren gehen oder geklaut werden. Ich erinnere mich an eine Werbung von vor Jahren, in der ein animiertes Handy traurig seinem Besitzer hinterhergerannt ist, der inzwischen ein neues Modell hatte, und wie leid mir das alte Handy tat – ein schlimmer Fall von Clueyness. Interessanterweise musste ich für mein neues Handy erst eine Schutzhülle kaufen und eine Panzerglasfolie, bevor ich mich getraut habe, es wirklich zu benutzen. Bei dem alten Modell, meinem ersten Smartphone von vor viereinhalb Jahren, fand ich das noch überhaupt nicht nötig, es war von Anfang an robust genug und konnte in jede Tasche gepfeffert werden. Schön auch: Wenn man, wie ich, in Sachen Datensicherung so dermaßen nachlässig ist, geht einem, wenn das alte Handy unverhofft in die ewigen Jagdgründe eingeht, extrem viel verloren, unter anderem alle Telefonnummer. So verschwinden mit einem Mal alle Leute, mit denen man eh nix mehr zu tun hatte, aus den eigenen Kontakten, während man bei allen anderen nach und nach die Telefonnummern erneut erfragen darf. Dumm nur, wenn dann plötzlich der alte Chef anruft, den man natürlich noch nicht mit einem Ey kannste mir nochmal deine Handynummer geben belagert hat, das neue Handy also nur die Telefonnummer anzeigt und dann noch die Verbindung schlecht ist, und man die erste halbe Minute blöde fragt, Schulligung, WER ist da, Schulligung, WER GENAU? Schön auch, dass das neue Handy bessere Fotos macht als das alte, z.B. von Granatapfelkernen.
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Hier ist ein Song für dich, schrieb F. mir mit einem Link zu diesem Lied.
Someone please finish what I started 
I tried my best, but my best was half hearted