Dienstag, 25. Juli 2017

Sexismus stirbt nicht

Ich habe über Facebook davon mitbekommen. Unglücklicherweise sah ich, kurz nachdem ich auf den Link zu den Beiträgen im Merkur (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) geklickt hatte, den Post eines Facebook-Friends, der zusammenhanglos fragte, ob denn der alte Holzmichel noch lebe, weswegen sich die Debatte zum Sexismus an Schreibschulen nun in meinem Kopf für immer mit folgendem Refrain verbunden hat: Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch, jaaa, er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht. 
Danach gefragt, welche Erfahrungen ich als Jungautorin a.D. denn mit Sexismus im Literaturbetrieb gemacht habe, könnte ich davon berichten, wie ich einst auf Einladung des Goethe-Instituts zusammen mit einer Delegation deutscher Schriftsteller_innen nach Riga reiste und eine Abends, auf dem Weg von da nach dort, begleitet von ein paar Letten, die offenbar auch nichts Genaueres wussten, als dass es gerade von da nach dort ging, gefragt wurde: So, you are the writer’s girlfriend?
Und ich sagte: No, I am the writer.
Dass ich mich jetzt ärgere, daran nicht festgehalten zu haben – an der Überzeugung, meinetwegen dem Glauben, ein writer zu sein – und mir stattdessen jahrelang erzählt habe, ich wisse nicht so recht, ob ich überhaupt noch schreiben wolle, wo was und wie, steht auf einem anderen Blatt.
Ob ich an die große Liebe glaube?
Ob ich einmal heiraten möchte?
Ob ich Kinder haben will?
Alles Fragen, die mir als Jungautorin in Interviews gestellt wurden.
Aber ich war ja dankbar, dass ich Interviews geben durfte.
Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch.
Wie sehr mich das nervt. Aber ich kann den Ohrwurm (wahlweise: den Sexismus) nicht einfach abstellen. 
Vor ein paar Jahren noch hätte ich die aktuelle Debatte intensiv verfolgt. Jetzt habe nur die Beiträge von Anke Stelling, Martina Hefter, Stefan Mesch und Katy Derbyshire gelesen, allesamt empfehlenswert. Ich weiß, dass diskutiert wird, weiß, dass das wichtig ist. Gleichzeitig werde ich müde, wenn ich überhaupt nur daran denke. So müde, dass mir die Tränen kommen beim Gähnen. So müde, dass ich in der Sekunde einschlafen könnte, wie es M. neulich passiert ist, als J. ihr etwas erzählte, was sie nicht hören wollte, und sie aber auch nicht einfach weggehen konnte. (Auch ein Ohrwurm: We fade to grey.)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Später

Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Eis gegessen. Vanille, Pistazie, Stracciatella, ist das auch für Kinder, hat L. mich heute gefragt, und ich habe Ja gesagt, und er hat es probiert, Stracciatella, obwohl er sonst immer nur Himmelblau nimmt, dieses Schlumpfeis mit bunten Streuseln. Ich habe vergessen zu fragen, wie es ihm geschmeckt hat. Aber ich glaube, gut.
Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Geburtstage gefeiert. Denn ein paar Sonnenstunden gab es, doch, wir werden uns erinnern. An die Würstchen auf dem Grill, die Girlanden im Garten, das Bier in unserer Hand und das Geburtstagskind, das schon ein bisschen besser als letztes Jahr, aber immer noch nicht ganz verstanden hat, was eigentlich das Besondere an diesem Tag ist. Dafür verstehen wir es ja, wissen es ganz genau und werden es nie vergessen: Da bist du auf die Welt gekommen. Ja, du. Ja, diese Welt. Stell dir das mal vor.
Später werden wir sagen, ich vermisse dieses Geräusch. Das leise, beständige Rauschen, etwas daran hat uns beruhigt. Wir konnten so gut dazu einschlafen, und wenn wir wach waren, hat es uns eigentlich auch nicht gestört. Später werden wir sagen, aber ein bisschen merkwürdig war das schon. Wie tief die Pfützen waren. Wie trüb die Blicke der Passanten. Und wie die Erdbeeren auf dem Balkon ersoffen sind, das war schade.

Dienstag, 4. Juli 2017

Schieflage

Im Baum vor dem Fenster haben zwei Tauben sich ein Nest gebaut. Tauben. Diese Tiere, die in lebenslanger Monogamie leben, was auch klingt wie eine Freiheitsstrafe – die, zu der wir alle verurteilt werden wollen. Oder nicht? Nach dem Nestbau sind die Tauben weggeflogen. Ein Eichhörnchen entdeckte das Nest, legte sich ab und zu hinein, wenn die Sonne schien, und chillte. Hörte Hiphop über seine kleinen Eichhörnchen-Kopfhörer, wippte ab und zu mal mit dem Fuß. Doch die Tauben kehrten zurück. Seit ein paar Wochen sitzen sie abwechselnd im Nest und brüten. Nicht, dass ich sie auseinanderhalten könnte. Dass sie abwechselnd brüten, hab ich auch nur im Internet gelesen.

Durch den Regen in der letzten Woche – ein Jahrhundertregen war das, ein Drittel der Wassermenge, die sonst in einem Jahr fällt, kam innerhalb von 36 Stunden vom Himmel, „und das an meinem Geburtstag!“, war ich versucht zu seufzen, wie die Eistänzerin, die ich früher gerne gewesen wäre, („die tat mir damals so leid“, der einzige Kommentar unter dem Video, ach Menschheit) – ist das Nest in Schieflage geraten.

Die Taube, auf ihren Eiern sitzend, versuchte, es zu richten, pickte hier mal nach einem Ast, um ihn neu festzustecken, ruckelte im Nest hin und her, um den Schwerpunkt zurück zu verlagern. Ergebnislos.

Es fiel mir nicht schwer, alle menschlichen Gefühle auf diese Situation zu projizieren. Ja, so sitzt man eben da, wenn was plötzlich in Schieflage geraten ist. Man versucht, das Ganze wieder zu richten, so unbeholfen und dumm, dass es allen, die es mitansehen müssen, wehtut. Aber man kann ja nicht einfach davonfliegen. Dafür hat man das Nest nicht gebaut, die Eier nicht gelegt. Man wird stur sitzen bleiben und aufs Beste hoffen, und wenn der nächste Windstoß einen samt Gelege doch vom Baum fegt, dann, ja dann wird man halt weiterschauen müssen.