Freitag, 5. Mai 2017

Und das verblüffte Gesicht des Typen

, der jetzt draußen auf dem Bahnsteig steht.
Im nächsten Waggon ist einer, den solltet ihr euch mal anschauen, habe ich zu den Männern vom Sicherheitsdienst gesagt, die zu dritt in dem Waggon standen, in den O. und ich gewechselt sind, mit ihren neongrünen Jacken, mit ihrem Schäferhund, mit ihrem sogleich sehr interessierten Blick: Ein Betrunkener? Aggressiv? Einer, der randaliert?
Eher so ein Psychotischer, sage ich vorsichtig, denn tatsächlich kann ich nicht sagen, ob der Typ betrunken war, wie er da saß mit der blutigen Wunde über dem Auge und der Sonnenbrille auf der Nase und vor sich hinredete in einer Sprache, die wir nicht verstanden, und plötzlich laut anfing zu singen, aber nicht fröhlich, und der dann aufstand und sich zwischen uns und den Frauen, die uns gegenüber saßen, an die Haltestangen hängte–
Und die Blicke, die wir mit diesen Frauen wechselten, unsere Oha-Au-weia-Gesichter–
Aber wenn ich eins gelernt hab in all den Jahren in Berlin, dann, dass es nie darum gehen darf, eine Situation auszuhalten, sondern immer darum, einen Ausweg zu finden.
Komm, wir gehen eins weiter, habe ich zu O. gesagt.
Und die Männer vom Sicherheitsdienst ziehen sich schon mal ihre Handschuhe an, und bei der nächsten Station gehen sie rüber und schauen sich den mal an. Und jetzt stehen sie mit dem Typen draußen auf dem Bahnsteig, und er macht ein Gesicht wie einer, der nicht weiß, was er Schlimmes getan haben soll, der nicht weiß, wie ihm geschieht; fast kindlich verblüfft und überhaupt nicht aggressiv.
Und es stimmt ja, denke ich, er hat nichts Schlimmes getan.
Daran sind wir jetzt schuld, sage ich zu O., und er sagt: Ich glaub, die Frauen von eben sind froh, dass der weg ist, und dann fährt die Bahn auch schon weiter, und dann sind wir auch schon weg.

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