Donnerstag, 9. März 2017

68 Tage 2017

"Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuges darauf, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen." Faszination absurd-konkretes Deutsch. Ihre Koffer? Nein, man reist ja auch z.B. mit Taschen oder Rucksäcken. Ihr Gepäck? Manch einer hat nur eine Handtasche dabei. Manch einer nur einen Regenschirm, und auch der will nicht vergessen werden. Ebensowenig wie die Jacke am Haken. Ihre Sachen? Zu flapsig. Warum eigentlich nicht: Ihre Habseligkeiten? Immerhin das schönste Wort der deutschen Sprache. (Platz zwei übrigens: Geborgenheit. Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuhauses darauf, Ihre Geborgenheit mitzunehmen.)
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Gesehen: Meine keine Familie, ein Dokumentarfilm über die Kommune Friedrichshof, in die der Regisseur hineingeboren wurde. (Ich war in einem Text über das Altern über eine Erwähnung der Otto-Muehl-Sekte gestolpert, die so beiläufig klang, dass ich dachte, mir fehlt da ein Stück Allgemeinwissen. Was ich nun nachgeholt habe. Ob man ein gesondertes Interesse mitbringt oder nicht: Der Film ist absolut sehenswert. Denn wie er ein dermaßen persönliches und oft schmerzhaftes Thema verhandelt, ohne dass man sich als Zuschauer emotional erpresst fühlt, ist ein Kunststück für sich.) Außerdem: Cemetery of Splendour. Sehr rätselhaft, sehr schön.
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Gelesen: Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens
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Worauf sie hinauslaufen soll, diese #meintagohnemich-Aktion, ist mir rätselhaft. Darauf, sichtbar zu machen, wie viel Arbeit Frauen* verrichten, bezahlte und unbezahlte? Ist nicht die Erkenntnis viel naheliegender, dass die Welt sich auch ohne einen weiterdrehen würde? Aber ist das nicht etwas banal? Ich dachte gestern Abend jedenfalls durchaus sentimental darüber nach, was ich verpasst, nicht gesehen, nicht erlebt hätte, wäre der Tag ohne mich ins Land gezogen: zum Beispiel den Anblick von dem kleinen, mit Dinosauriern bedruckten Rucksack und wie er auf N.s Rücken auf- und abtanzt, während N. voller Vorfreude zum Spielplatz rennt mit seinen Minischritten.
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"Bitte achten Sie beim Verlassen des Blogposts darauf, Ihre persönlichen Gefühle mitzunehmen."

2 Kommentare:

  1. ich nehme ein paar gefühle mit und lasse auch ein paar da. meine gemischten zum beispiel, die auch ich der aktion #meintagohnemich gegenüber habe. besonders dann, wenn die mehrheit der frauen in blogposts dann schreibt, dass sie nicht streiken können, weil selbstständig, weil kinder weiweilweil. und mir fehlt die zusatzerkenntnis, die daraus folgt. oder soll man selber erkennen, wie viel arbeit man leistet? ich weiß nicht. mir täte der gedanke weh, mein fehlen auf meine unverrichtete arbeit herabzubrechen. abgesehen davon, dass hier wohl kein chaos ausbrechen würde. vielleicht habe ich die aktion einfach nicht verstanden? ich hätte es gerne.

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    1. Ich auch! Bin aber immer noch ratlos. Gut zu wissen, dass es nicht nur mir so geht … Liebe Grüße!

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