Montag, 20. Februar 2017

Berlinale 2017 – „Ich akzeptiere deine Gefühle“

Das war sie also mal wieder, die Berlinale. Ich hatte vergessen, wie voll die Säle immer sind. Und wie es riecht, wenn dermaßen viele Menschen aufeinander hocken. Wie es nerven kann, das Gedrängel und Geplapper, das Gehuste und Nasehochgeziehe. Und wie anstrengend es dann doch ist, jeden Tag einen Film zu schauen, auch wenn das eigentlich nach Spaß klingt.
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„Willst du nicht mal deiner Filmfee danken?“, hörte ich an einem der Tage eine Frau mit kindlich-quengeliger Stimme ihren Begleiter fragen, der darauf bloß meinte, sooooo tolle Filme hätte sie nun auch wieder nicht ausgesucht. Ich war zum Glück meine eigene Filmfee und kann mir selber für meine Auswahl danken, bei der mit On Body and Soul und Pokot auch zwei spätere Preisträger dabei waren.
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On Body and Soul hat mir zunächst eigentlich gut gefallen, toll gefilmt und mit viel Liebe für die schrägen Charaktere erzählt. Für Figuren, die sozial relevante Verhaltensweisen nicht beherrschen, habe ich ja ohnehin eine Schwäche. Aber dass Mária sich gegen Ende, Achtung Spoiler, die Pulsadern aufschneiden muss, nachdem sie von Endre eine vermeintlich endgültige Abfuhr bekommen hat, hat dann doch noch ganz schön in mir rumort. 
Wie überhaupt das Bild der feenhaften Frau, die aber eben gestört ist – Frauen aus der Kategorie „leider geil“, schoss es mir auf dem Heimweg durch den Kopf – mich nervt, nervt, nervt. Ein ähnliches Problem in Sachen Beschränktheit der Frauenfiguren hatte ich mit Barrage, den ich nicht mal zu Ende geguckt habe, ich verweise aber gerne auf die Rezension der Filmlöwin.
Ein schönes Gegenbeispiel war Pokot, in dem die für gewöhnlich nicht weiter ernst zu nehmende Figur der „verrückten Alten“ zur Sympathieträgerin wird und man sich auf einmal nichts Schöneres vorstellen kann, als an Heiligabend zu klassischer Musik mit einem Teller Nudeln alleine in seiner kleinen Hütte vor dem Computer zu sitzen und Horoskope zu deuten. 
Das Potenzial, durch seine Hauptfigur zu faszinieren, hätte auch Kuun Metsän Kaisa gehabt, aber leider wird über Kaisa, die Urgroßmutter der Filmemacherin, zu viel behauptet und zu wenig erzählt.
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Zum Thema Frauenfiguren war schließlich auch Karera ga Honki de Amu toki wa interessant. Die 11-jährige Tomo zieht bei ihrem Onkel ein, der mit einer Transfrau zusammenwohnt: Rinko kann fantastisch kochen, arbeitet in einem Careberuf, strickt in ihrer Freizeit und baut sofort eine innige Beziehung zu dem Mädchen auf. Dass sie ihre Wut nicht zeigen dürfe, erklärt sie Tomo, sondern stattdessen zum Strickzeug greifen solle – um mit jeder Masche einen Fluch auf die Welt auszusprechen, bis die Wut verflogen ist. 
Da könnte einem fast ein bisschen unwohl werden angesichts der Konstruktion von Weiblichkeit, auf die hier zurückgegriffen wird. Aber man muss auch sehen, was Rinko und bald auch Tomo und ihr Onkel stricken: Wollpenisse, über 100 Stück, die am Ende allesamt verbrannt werden. 
Und danke, liebes Kino, mal wieder für den Einblick in andere kulturelle Temperaturen: Dass sie Tomo gerne adoptieren möchte, sagt Rinko in einer Szene zu ihrem Partner, nur um sich gleich darauf für diesen Vorstoß zu entschuldigen. Ihr Partner bleibt ganz ruhig. „Ich akzeptiere deine Gefühle“, sagt er – ein Satz, den ich mir zur späteren Verwendung zurücklegen werde.
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Ich habe mich durch Colo hindurchgelangweilt, bin bei El Pacto de Adriana trotz anstrengender Handyaufnahmen-Optik zum Glück drangeblieben. Highlight des Festivals waren für mich der Dokumentarfilm Motherland über eine Geburtsstation auf den Philippinen, der seinen Protagonistinnen nah kommt, ohne dass man sich je als Voyeur fühlt, und Honeygiver Among the Dogs aus Bhutan mit rätselhafter Verdächtiger, skeptischem Ermittler, wunderschöner Landschaft und einem Erzähltempo, das einen mit zauberhafter Gemächlichkeit auf ein Ende zutreiben lässt, das alle bis dahin gewonnen Gewissheiten auf mystische Weise infrage stellt. 
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Dass bei der Hälfte aller vom Filmnachwuchs gepitchten Projekte eine „starke, unabhängige Frau“ im Mittelpunkt stehe, wie O. mir erzählte, stimmt mich wiederum auch ein bisschen skeptisch. Klar, jetzt ist also wohl erst mal das dran, die Powerfrau 2.0. Doch im Sinne von „Das Gegenteil ist genauso falsch“ ahne ich jetzt schon, dass ich die starke, unabhängige Frau ähnlich nervig finden werde wie die wunderschön-gestörte. Aber wir werden sehen. 

Samstag, 4. Februar 2017

35 Tage 2017

Dass Heiter Scheitern nach fast zwei Jahren wieder einen Podcast aufgenommen haben, hat mich sehr gefreut. Für mich – um eine der im Gespräch aufgeworfenen Fragen zu beantworten – bringen die drei auf jeden Fall mehr Glück als Unglück in die Welt (ein Bewertungskriterium, das ich fortan auch für mein eigenes Wirken übernehmen werde).
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In einer „Nichts mehr zu tun, aber noch dasitzen müssen“-Bürosituation in der letzten Woche angefangen, Die Rekruten zu gucken. Mich daran erinnert, dass ich damals, in meinem früheren Leben, ab und zu auch mal mit Soldaten zu tun hatte, die als Patienten zu uns kamen. Und die, wie mir auffiel, wenn wir den Zeitplan nicht einhalten konnten, es offenbar gewohnt waren zu warten, klaglos, fraglos, vermutlich stundenlang hätten dasitzen können ohne ein sichtbares Zeichen der Unruhe oder des Unmuts. Dinge, die man offenbar beim Militär lernt.
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Die Pilotfolge zu „I love Dick“, die auf Amazon zu sehen ist und die mir sehr gut gefallen hat (das Buch wird jetzt von Matthes & Seitz erneut herausgebracht, in der aktuellen Edit findet sich ein Auszug, der mich weniger gepackt hat (Hilfe, ich wandle mich von der Romanleserin zur Serienkonsumentin)) hat mich wieder auf Lhasa de Sela gebracht, deren Alben ich schon vor Urzeiten mal von H. bekommen habe. Ganz wunderbare Musik.
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Bäm.