Montag, 6. November 2017

Notizen KW 44


Als ich am Dienstag joggen gehe, es ist schon dunkel, es ist Reformationstag, kommen mir kleine Mumien entgegen, Vampire, Monster mit grünem Gesicht, ein Kind im Skelett-Kostüm an der Hand seines Vaters, es hat die Mütze mit dem Schädelaufdruck hochgeschoben, schaut mit müden, verwirrten Augen in die Welt, dann wieder Mumien, offenbar die beliebteste Verkleidung, weil sie so leicht umzusetzen ist, mit ein paar Mullbinden, die man sich um den Kopf wickelt. 
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Sie sei so disappointed gewesen, sagt die Yogalehrerin am Mittwoch in ihrer kleinen, ja wie nennt man das eigentlich, Predigt sicher nicht, in ihrer kleinen Rede zu Beginn der Stunde, so enttäuscht also, dass es im Focus of the Month nicht um Veganism gehe, sondern um Inversions, es gehe sonst im November immer um Veganism, weil November bedeute ja Thanksgiving, und heute sei übrigens World Vegan Day, sie redet noch eine ganze Weile darüber, wie verwerflich es sei, anderen wehzutun, und wie man, indem man jemanden esse, demjenigen ganz sicher wehtue; es ist diese Art von Unterricht, wo man nicht nur Yoga, sondern auch eine Weltanschauung vermittelt bekommt, was ich mal mehr, mal weniger gut vertrage, am Mittwoch fühle ich mich nach der Stunde wie ein schlechter Mensch; noch schlechter, als ich zu Hause in den Kühlschrank schaue und mich über den guten Käse freue, den unser Besuch eingekauft hat.
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In meiner alten Straße, lese ich in einem Berlin-Newsletter, hat ein neuer Hipsterladen eröffnet, wo man nun carefully curated Dies und Das kaufen kann. Dass da früher ein kleiner Schlecker war, daran erinnert sich außer mir auch Google Maps.
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Melancholie allerorten, auch im Weltall: "Der Wissenschaftler geht nicht davon aus, dass das Objekt, das zunächst fälschlicherweise für einen Kometen gehalten wurde, noch einmal in unser Sonnensystem zurückkehren wird."
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"Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft." Um diesen Mangel zu beheben, leistet der Artikel ganze Arbeit – und der nebenbei erwähnte, schöne Genrebegriff "Umweltgrusel" bezeichnet im Grunde genau das, was mich beim Lesen erfasst hat.
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Humor in Kundenfragen und -antworten auf Amazon.de: Eine Untersuchung
 
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Kurzfilm: Monday – A German Love Story

Montag, 30. Oktober 2017

Notizen KW 43

Ich habe ein neues Handy, das mich an meinem Daumenabdruck erkennt, was mir ein merkwürdiges Gefühl der Intimität gibt. Wie gut das zum Gesamtgefüge Mensch-Handy passt, wo wir alle diese Geräte doch ständig bei uns tragen, andauernd zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und tippen und die Vorstellung beängstigend finden, es könnte verloren gehen oder geklaut werden. Ich erinnere mich an eine Werbung von vor Jahren, in der ein animiertes Handy traurig seinem Besitzer hinterhergerannt ist, der inzwischen ein neues Modell hatte, und wie leid mir das alte Handy tat – ein schlimmer Fall von Clueyness. Interessanterweise musste ich für mein neues Handy erst eine Schutzhülle kaufen und eine Panzerglasfolie, bevor ich mich getraut habe, es wirklich zu benutzen. Bei dem alten Modell, meinem ersten Smartphone von vor viereinhalb Jahren, fand ich das noch überhaupt nicht nötig, es war von Anfang an robust genug und konnte in jede Tasche gepfeffert werden. Schön auch: Wenn man, wie ich, in Sachen Datensicherung so dermaßen nachlässig ist, geht einem, wenn das alte Handy unverhofft in die ewigen Jagdgründe eingeht, extrem viel verloren, unter anderem alle Telefonnummer. So verschwinden mit einem Mal alle Leute, mit denen man eh nix mehr zu tun hatte, aus den eigenen Kontakten, während man bei allen anderen nach und nach die Telefonnummern erneut erfragen darf. Dumm nur, wenn dann plötzlich der alte Chef anruft, den man natürlich noch nicht mit einem Ey kannste mir nochmal deine Handynummer geben belagert hat, das neue Handy also nur die Telefonnummer anzeigt und dann noch die Verbindung schlecht ist, und man die erste halbe Minute blöde fragt, Schulligung, WER ist da, Schulligung, WER GENAU? Schön auch, dass das neue Handy bessere Fotos macht als das alte, z.B. von Granatapfelkernen.
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Hier ist ein Song für dich, schrieb F. mir mit einem Link zu diesem Lied.
Someone please finish what I started 
I tried my best, but my best was half hearted

Montag, 16. Oktober 2017

Notizen KW 41

Die Terrorübung, bei der die Berliner Polizei neulich einen Angriff mit Biowaffen simuliert hat, lief unter dem Namen "Wunderbaum". Ja genau, so heißen auch diese Lufterfrischer, die eine Zeitlang von jedem Autorückspiegel baumelten und die man jeweils nur stückchenweise aus der Plastikverpackung ziehen darf, weil der Gestank, ah nein: der Duft sonst unerträglich wäre.
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Die Telegram-Spezialfunktion für Introvertierte
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Was für ein Name für einen Waffenladen. Sind wir nicht alle Soldaten des Schicksals, kämpfen in der Armee der Ergebenheit.
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Der Kram von Krim zu verschenken. Auch schön, warum nicht.
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Kochbuch für Witwer:
"Es ist wirklich entstanden aus den Erzählungen unserer Pflegekräfte, die gekommen sind und gesagt haben: Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt essen soll, können sie mir nicht mal ein einfaches Rezept aufschreiben?"

Montag, 9. Oktober 2017

Notizen KW 40

Was es alles gibt: Diskrete Mathematik. Mit taktvollen Gleichungen, zurückhaltenden Nachkommastellen und unaufdringlichen Unbekannten hat das Ganze natürlich nichts zu tun, sondern mit, äh ja, wer das gut erklären kann, tue es bitte in den Kommentaren.
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In meinem Regal auf der Suche nach einem ganz anderen Buch überraschenderweise auf "Was vom Tage übrigblieb" des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers gestoßen. Wusste gar nicht, dass ich das besitze. Gelesen habe ich es auch noch nicht (oder ich erinnere mich nicht daran). Die Vorstellung (der Wunschtraum) von einem magischen Bücherregal, in dem sich stets alle Bücher finden, die einen momentan eventuell interessieren könnten.
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Seltsam berührende Headline. Die Schönheit der Alliterationen. Die Traurigkeit des Inhalts. Die geradezu symbolhafte Zufälligkeit der Zahl 18.
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Noch von irgendwann in meinem Linkordner: 7 videos of German facial expressions that need explaining – "5. Blinking 'Hello'" könnte ich mir immer und immer und immer und immer wieder angucken.

Mittwoch, 27. September 2017

Dienstag, 19. September 2017

Was es geben müsste

Es müsste eine Hotline geben, wo Menschen anrufen könnten, die wichtige Telefonate zu tätigen haben, aber leider äußerst ungern telefonieren. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hotline wären nett und verständig. Guten Tag, hier ist auch nur ein Mensch, was steht denn an? So würden sie jeden Anrufer und jede Anruferin begrüßen. Und dann könnte man erzählen: Ja also, ich muss jetzt gleich zuerst mal bei der Bahn anrufen, weil, mir ist meine Bahncard nicht zugestellt worden. Und ich bin mir ziemlich sicher, das liegt an der Post, deswegen muss ich als nächstes da anrufen und mich beschweren, dass der Postbote uns immer noch nicht all unsere Briefe bringt. Ich hab mich da schon mal beschwert, aber das hat nichts gebracht, also muss ich diesmal vielleicht deutlicher werden. Ja und dann muss ich bei der Firma anrufen, die neulich diese Stelle ausgeschrieben hat, ob meine Bewerbung überhaupt angekommen ist? Weil, ich hab gar nichts von denen gehört. Und kann ja sein, die haben auch nur Probleme mit der Post. An der Hotline könnte man so unordentlich reden, wie man will. Oder wahrscheinlich wie man gar nicht will, aber leider nicht besser kann. Aber man muss nicht immer alles besser können. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden einen trotzdem verstehen. Sie würden fragen: Wollen wir die Gespräche mal durchspielen? Aber meistens wäre das gar nicht nötig. Man hätte ja nun bereits einmal telefoniert. Sich daran erinnert, wie die eigene Stimme klingt. Sich daran erinnert, dass am anderen Ende immer auch nur ein Mensch ist. Das wäre übrigens nicht nur der Begrüßungs-, sondern auch der Abschiedsspruch der Hotline-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen: Dann viel Erfolg beim Telefonieren! Und vergessen Sie nicht, am anderen Ende ist immer auch nur ein Mensch! Ja, danke, würde man sagen, genau, haha. Die Hotline-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen würden einem in dem Moment ein wenig leid tun. Den ganzen Tag telefonieren! Nicht auszudenken.

Montag, 18. September 2017

Vielleicht

sollte ich doch Drehbuchautorin werden. Der Bildergalerie zufolge entspricht vor allem das Aufgabenfeld "Im Besprechungsraum recherchieren" voll und ganz meinen Kenntnissen und Fähigkeiten. Ebenso attraktiv erscheint mir die Tätigkeit "Ideen zu Inhalt, Handlung und Figuren sammeln". Und sehe ich mir die berufliche Herausforderung "Zusammenfassung der Geschichte notieren" einmal genauer an, so kann ich nur konstatieren: Ja, genau so möchte ich meinen Arbeitsalltag gestalten!

Donnerstag, 14. September 2017

Das Mädchen

Das Mädchen sitzt auf dem Boden und weint. Ich nehme die Kopfhörerstöpsel aus dem Ohr, beuge mich runter. Ist alles in Ordnung?, frage ich. Ich kann nicht laufen, sagt sie. Doch, bestimmt kannst du das, sage ich. Nimm mal meine Hand. Ich reiche sie ihr. Sie nimmt sie. Und rappelt sich auf. Meine Hand ist ganz dreckig, sagt sie. Das ist nicht schlimm, sage ich. Wir gehen nebeneinander her, in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Aber kalt ist deine Hand, sage ich. Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der uns entgegenlächelt. Gehört ihr zusammen?, frage ich. Ja, sagt er. Ja ne, sage ich, es soll so klingen wie: Sieht man auch. Da hat das Mädchen meine Hand schon losgelassen. Und ich wende mich ab und geh weiter meines Wegs. Mit den Stöpseln wieder im Ohr. Und ein bisschen Herzklopfen. Hätte ja sein können, das Mädchen fängt noch doller an zu weinen, wenn ich es anspreche. Hätt ja sein können, der Mann und das Mädchen, Vater und Tochter, haben da gerade einen Konflikt zu klären, in den sich niemand einmischen soll. Eine Sache, die nur die beiden etwas angeht. Aber mir ist der Blogeintrag von aufZehenspitzen so in Erinnerung geblieben. „Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern“, hat sie da geschrieben. „Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte?“ Ignorant, unlustig, unwissend, das bin ich alles schon längst nicht mehr. Und ja, auch der Spruch von dem Dorf, das man braucht, um ein Kind und so weiter, fällt mir ein. Und Berlin, Berlin ist ja im Grunde auch nur ein Dorf, denke ich.

Mittwoch, 16. August 2017

Deutscher Buchpreis – die Longlist

„Da ist der Vater, Sven, der auch mithilfe von Drogen nicht recht über die Scheidung hinwegkommt, und da ist seine Neue, die alle nur The Dudess nennen, eine, die die Dinge in die Hand nimmt und aufräumt in Svens Leben. Und da ist Melanie, Vevs Mutter, die zu Nathan und seinen beiden Söhnen zieht, aber auch in ihrer neuen Familie nicht den richtigen Platz findet.“
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„Was ist zu tun, wenn man von allem endgültig genug hat, die Therapeutin aber dennoch Vorsätze für das neue Jahr hören möchte? Franka Stremmer, Anfang vierzig, rafft sich zu einem letzten Kraftakt auf: Zwölf Männer in zwölf Monaten!“
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„Ruth Zacharias reist nach Berlin. Dort will die Gastdozentin, Dokumentarfilmerin und Essayistin die Vernissage ihres früheren Studenten Mirko Sonntag besuchen.“
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„Ricarda Kraft, Rhetorikprofessorin in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden. Ihre alte Weggefährtin Isabel, Professorin an der Stanford University, lädt sie zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein.“
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„Matuschka ist vierzig, als ihr Vater stirbt, mit der sie sich das Haus teilte. Ohne seine Fürsorge weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Einen Mann hat sie nicht und von dort, wo sie wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschka ist eine, die bleibt, Bewohnerin des Hinterlands, einer von anderen längst aufgegebenen Welt.“
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„Als die deutsche Frankenstein-Expertin Jana Krippen auf dem Campus ihrer neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihr der junge Stammzellenforscher Moe sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat er diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Moe ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit der deutlich älteren Frau zu beginnen.“
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Klingt eigentlich alles voll interessant. Nicht.

Dienstag, 25. Juli 2017

Sexismus stirbt nicht

Ich habe über Facebook davon mitbekommen. Unglücklicherweise sah ich, kurz nachdem ich auf den Link zu den Beiträgen im Merkur (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) geklickt hatte, den Post eines Facebook-Friends, der zusammenhanglos fragte, ob denn der alte Holzmichel noch lebe, weswegen sich die Debatte zum Sexismus an Schreibschulen nun in meinem Kopf für immer mit folgendem Refrain verbunden hat: Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch, jaaa, er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht. 
Danach gefragt, welche Erfahrungen ich als Jungautorin a.D. denn mit Sexismus im Literaturbetrieb gemacht habe, könnte ich davon berichten, wie ich einst auf Einladung des Goethe-Instituts zusammen mit einer Delegation deutscher Schriftsteller_innen nach Riga reiste und eine Abends, auf dem Weg von da nach dort, begleitet von ein paar Letten, die offenbar auch nichts Genaueres wussten, als dass es gerade von da nach dort ging, gefragt wurde: So, you are the writer’s girlfriend?
Und ich sagte: No, I am the writer.
Dass ich mich jetzt ärgere, daran nicht festgehalten zu haben – an der Überzeugung, meinetwegen dem Glauben, ein writer zu sein – und mir stattdessen jahrelang erzählt habe, ich wisse nicht so recht, ob ich überhaupt noch schreiben wolle, wo was und wie, steht auf einem anderen Blatt.
Ob ich an die große Liebe glaube?
Ob ich einmal heiraten möchte?
Ob ich Kinder haben will?
Alles Fragen, die mir als Jungautorin in Interviews gestellt wurden.
Aber ich war ja dankbar, dass ich Interviews geben durfte.
Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch.
Wie sehr mich das nervt. Aber ich kann den Ohrwurm (wahlweise: den Sexismus) nicht einfach abstellen. 
Vor ein paar Jahren noch hätte ich die aktuelle Debatte intensiv verfolgt. Jetzt habe nur die Beiträge von Anke Stelling, Martina Hefter, Stefan Mesch und Katy Derbyshire gelesen, allesamt empfehlenswert. Ich weiß, dass diskutiert wird, weiß, dass das wichtig ist. Gleichzeitig werde ich müde, wenn ich überhaupt nur daran denke. So müde, dass mir die Tränen kommen beim Gähnen. So müde, dass ich in der Sekunde einschlafen könnte, wie es M. neulich passiert ist, als J. ihr etwas erzählte, was sie nicht hören wollte, und sie aber auch nicht einfach weggehen konnte. (Auch ein Ohrwurm: We fade to grey.)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Später

Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Eis gegessen. Vanille, Pistazie, Stracciatella, ist das auch für Kinder, hat L. mich heute gefragt, und ich habe Ja gesagt, und er hat es probiert, Stracciatella, obwohl er sonst immer nur Himmelblau nimmt, dieses Schlumpfeis mit bunten Streuseln. Ich habe vergessen zu fragen, wie es ihm geschmeckt hat. Aber ich glaube, gut.
Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Geburtstage gefeiert. Denn ein paar Sonnenstunden gab es, doch, wir werden uns erinnern. An die Würstchen auf dem Grill, die Girlanden im Garten, das Bier in unserer Hand und das Geburtstagskind, das schon ein bisschen besser als letztes Jahr, aber immer noch nicht ganz verstanden hat, was eigentlich das Besondere an diesem Tag ist. Dafür verstehen wir es ja, wissen es ganz genau und werden es nie vergessen: Da bist du auf die Welt gekommen. Ja, du. Ja, diese Welt. Stell dir das mal vor.
Später werden wir sagen, ich vermisse dieses Geräusch. Das leise, beständige Rauschen, etwas daran hat uns beruhigt. Wir konnten so gut dazu einschlafen, und wenn wir wach waren, hat es uns eigentlich auch nicht gestört. Später werden wir sagen, aber ein bisschen merkwürdig war das schon. Wie tief die Pfützen waren. Wie trüb die Blicke der Passanten. Und wie die Erdbeeren auf dem Balkon ersoffen sind, das war schade.

Dienstag, 4. Juli 2017

Schieflage

Im Baum vor dem Fenster haben zwei Tauben sich ein Nest gebaut. Tauben. Diese Tiere, die in lebenslanger Monogamie leben, was auch klingt wie eine Freiheitsstrafe – die, zu der wir alle verurteilt werden wollen. Oder nicht? Nach dem Nestbau sind die Tauben weggeflogen. Ein Eichhörnchen entdeckte das Nest, legte sich ab und zu hinein, wenn die Sonne schien, und chillte. Hörte Hiphop über seine kleinen Eichhörnchen-Kopfhörer, wippte ab und zu mal mit dem Fuß. Doch die Tauben kehrten zurück. Seit ein paar Wochen sitzen sie abwechselnd im Nest und brüten. Nicht, dass ich sie auseinanderhalten könnte. Dass sie abwechselnd brüten, hab ich auch nur im Internet gelesen.

Durch den Regen in der letzten Woche – ein Jahrhundertregen war das, ein Drittel der Wassermenge, die sonst in einem Jahr fällt, kam innerhalb von 36 Stunden vom Himmel, „und das an meinem Geburtstag!“, war ich versucht zu seufzen, wie die Eistänzerin, die ich früher gerne gewesen wäre, („die tat mir damals so leid“, der einzige Kommentar unter dem Video, ach Menschheit) – ist das Nest in Schieflage geraten.

Die Taube, auf ihren Eiern sitzend, versuchte, es zu richten, pickte hier mal nach einem Ast, um ihn neu festzustecken, ruckelte im Nest hin und her, um den Schwerpunkt zurück zu verlagern. Ergebnislos.

Es fiel mir nicht schwer, alle menschlichen Gefühle auf diese Situation zu projizieren. Ja, so sitzt man eben da, wenn was plötzlich in Schieflage geraten ist. Man versucht, das Ganze wieder zu richten, so unbeholfen und dumm, dass es allen, die es mitansehen müssen, wehtut. Aber man kann ja nicht einfach davonfliegen. Dafür hat man das Nest nicht gebaut, die Eier nicht gelegt. Man wird stur sitzen bleiben und aufs Beste hoffen, und wenn der nächste Windstoß einen samt Gelege doch vom Baum fegt, dann, ja dann wird man halt weiterschauen müssen.

Freitag, 16. Juni 2017

Ich könnte

Ich könnte ewig aus dem Fenster schauen und zusehen, wie die Äste des Baums sich im Wind wiegen. Ich könnte ewig zuhören, wie das Laub raschelt und rauscht. Ich könnte ewig durch die Stadt gehen in meinem bodenlangen Kleid und spüren, wie der glatte schwere Stoff gegen meine Beine schlägt mit dem Geräusch von flatternden Fahnen. Ich könnte ewig auf dem Bürosofa liegen und lesen, während die anderen auf ihren Laptops herumtippen. Ich könnte ewig im Baumarkt herumlaufen, nur um zu gucken, was es dort alles gibt. Ich könnte mir ewig die Augen reiben, ich könnte ewig Campari Soda trinken, ich könnte ewig dem Klinkern der Eiswürfel im Glas lauschen. Ich könnte ewig mit meinen Eltern am Abendbrottisch sitzen. Ich könnte ewig ein Kind auf dem Arm halten, das ein bisschen müde ist. Ich könnte ewig nach dem Hibiskus schauen, der so viele Blätter verloren hat und der jetzt neue, zarte, hellgrüne sprießen lässt, während sich eine Blüte nach der anderen öffnet. Ich könnte mich ewig fragen, was wohl wird. Ich könnte ewig keine Antwort finden.

Freitag, 5. Mai 2017

Und das verblüffte Gesicht des Typen

, der jetzt draußen auf dem Bahnsteig steht.
Im nächsten Waggon ist einer, den solltet ihr euch mal anschauen, habe ich zu den Männern vom Sicherheitsdienst gesagt, die zu dritt in dem Waggon standen, in den O. und ich gewechselt sind, mit ihren neongrünen Jacken, mit ihrem Schäferhund, mit ihrem sogleich sehr interessierten Blick: Ein Betrunkener? Aggressiv? Einer, der randaliert?
Eher so ein Psychotischer, sage ich vorsichtig, denn tatsächlich kann ich nicht sagen, ob der Typ betrunken war, wie er da saß mit der blutigen Wunde über dem Auge und der Sonnenbrille auf der Nase und vor sich hinredete in einer Sprache, die wir nicht verstanden, und plötzlich laut anfing zu singen, aber nicht fröhlich, und der dann aufstand und sich zwischen uns und den Frauen, die uns gegenüber saßen, an die Haltestangen hängte–
Und die Blicke, die wir mit diesen Frauen wechselten, unsere Oha-Au-weia-Gesichter–
Aber wenn ich eins gelernt hab in all den Jahren in Berlin, dann, dass es nie darum gehen darf, eine Situation auszuhalten, sondern immer darum, einen Ausweg zu finden.
Komm, wir gehen eins weiter, habe ich zu O. gesagt.
Und die Männer vom Sicherheitsdienst ziehen sich schon mal ihre Handschuhe an, und bei der nächsten Station gehen sie rüber und schauen sich den mal an. Und jetzt stehen sie mit dem Typen draußen auf dem Bahnsteig, und er macht ein Gesicht wie einer, der nicht weiß, was er Schlimmes getan haben soll, der nicht weiß, wie ihm geschieht; fast kindlich verblüfft und überhaupt nicht aggressiv.
Und es stimmt ja, denke ich, er hat nichts Schlimmes getan.
Daran sind wir jetzt schuld, sage ich zu O., und er sagt: Ich glaub, die Frauen von eben sind froh, dass der weg ist, und dann fährt die Bahn auch schon weiter, und dann sind wir auch schon weg.

Sonntag, 23. April 2017

Bloggeburtstag

Heute vor fünf Jahren ging hier mein erster Post online. Und während andere Blogger*innen zu ihrem Fünfjährigen beeindruckende Besucherstatistiken und Kommentarzahlen vorweisen können und sich bei ihren Leser*innen für die Treue bedanken, kann ich nur sagen: Den Blogstatistiken von Blogspot traue ich nicht, Kommentare gab es in den fünf Jahren genau 18 Stück (über jeden einzelnen habe ich mich sehr gefreut), die Hälfte meiner geschätzten drei Leser*innen kenne ich persönlich (danke, dass ihr hier mitlest!) und ingesamt ist aus dem Blog nix weiter geworden als das, was er von Anfang an war, eine Art öffentliches Notizbuch, in das ich anonym und unregelmäßig reinschreibe, ohne Ziel und Zweck (ohne Sinn und Verstand wäre irgendwie noch schöner, aber das muss einem erst mal gelingen.)
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Young Love, heimlich in der Tram fotografiert. Wie sie sich auf seinen Schoß gesetzt hat, obwohl die Tram gar nicht voll war, mit der größten Selbstverständlichkeit, wie überhaupt dieses Pärchen die größte Selbstverständlichkeit ausstrahlte, natürlich gehören wir zusammen, wir und die Schnittblumen und die Tiefkühlpizza auf dem Weg durch Friedrichshain, das ist unser Freitag, früher Abend.
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Viele Jahre später glaub ich, dass mehr Mut dazu gehört, weiterzumachen als zu springen. Dabei liest man immer, dass Springen etwas Gutes sei. Spring ins Ungewisse, spring ins kalte Wasser, spring ins Glück! Der Sprung an sich ist aufregend, rebellisch, radikal. Der Moment der Tat birgt ein Versprechen ins sich. Ein neues Leben, eine andere Routine, ein veränderter Tagesablauf. Trotzdem muss man Kaffee kaufen, man muss die verdorbene Milch wegschütten und abends die Wäsche aufhängen. Ganz unmythisch auf einen Wäscheständer wie Tausende andere auch.
Weitermachen – ein wunderbarer Text von Barbara Kaufmann.
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Spontanverliebtheit in Wisława Szymborska.
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Und dann noch dieser Ohrwurm. "There's nothing to be proud of, there's nothing to regret / when you are with the Phantom of the Operette."

Donnerstag, 9. März 2017

68 Tage 2017

"Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuges darauf, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen." Faszination absurd-konkretes Deutsch. Ihre Koffer? Nein, man reist ja auch z.B. mit Taschen oder Rucksäcken. Ihr Gepäck? Manch einer hat nur eine Handtasche dabei. Manch einer nur einen Regenschirm, und auch der will nicht vergessen werden. Ebensowenig wie die Jacke am Haken. Ihre Sachen? Zu flapsig. Warum eigentlich nicht: Ihre Habseligkeiten? Immerhin das schönste Wort der deutschen Sprache. (Platz zwei übrigens: Geborgenheit. Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuhauses darauf, Ihre Geborgenheit mitzunehmen.)
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Gesehen: Meine keine Familie, ein Dokumentarfilm über die Kommune Friedrichshof, in die der Regisseur hineingeboren wurde. (Ich war in einem Text über das Altern über eine Erwähnung der Otto-Muehl-Sekte gestolpert, die so beiläufig klang, dass ich dachte, mir fehlt da ein Stück Allgemeinwissen. Was ich nun nachgeholt habe. Ob man ein gesondertes Interesse mitbringt oder nicht: Der Film ist absolut sehenswert. Denn wie er ein dermaßen persönliches und oft schmerzhaftes Thema verhandelt, ohne dass man sich als Zuschauer emotional erpresst fühlt, ist ein Kunststück für sich.) Außerdem: Cemetery of Splendour. Sehr rätselhaft, sehr schön.
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Gelesen: Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens
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Worauf sie hinauslaufen soll, diese #meintagohnemich-Aktion, ist mir rätselhaft. Darauf, sichtbar zu machen, wie viel Arbeit Frauen* verrichten, bezahlte und unbezahlte? Ist nicht die Erkenntnis viel naheliegender, dass die Welt sich auch ohne einen weiterdrehen würde? Aber ist das nicht etwas banal? Ich dachte gestern Abend jedenfalls durchaus sentimental darüber nach, was ich verpasst, nicht gesehen, nicht erlebt hätte, wäre der Tag ohne mich ins Land gezogen: zum Beispiel den Anblick von dem kleinen, mit Dinosauriern bedruckten Rucksack und wie er auf N.s Rücken auf- und abtanzt, während N. voller Vorfreude zum Spielplatz rennt mit seinen Minischritten.
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"Bitte achten Sie beim Verlassen des Blogposts darauf, Ihre persönlichen Gefühle mitzunehmen."

Montag, 20. Februar 2017

Berlinale 2017 – „Ich akzeptiere deine Gefühle“

Das war sie also mal wieder, die Berlinale. Ich hatte vergessen, wie voll die Säle immer sind. Und wie es riecht, wenn dermaßen viele Menschen aufeinander hocken. Wie es nerven kann, das Gedrängel und Geplapper, das Gehuste und Nasehochgeziehe. Und wie anstrengend es dann doch ist, jeden Tag einen Film zu schauen, auch wenn das eigentlich nach Spaß klingt.
*
„Willst du nicht mal deiner Filmfee danken?“, hörte ich an einem der Tage eine Frau mit kindlich-quengeliger Stimme ihren Begleiter fragen, der darauf bloß meinte, sooooo tolle Filme hätte sie nun auch wieder nicht ausgesucht. Ich war zum Glück meine eigene Filmfee und kann mir selber für meine Auswahl danken, bei der mit On Body and Soul und Pokot auch zwei spätere Preisträger dabei waren.
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On Body and Soul hat mir zunächst eigentlich gut gefallen, toll gefilmt und mit viel Liebe für die schrägen Charaktere erzählt. Für Figuren, die sozial relevante Verhaltensweisen nicht beherrschen, habe ich ja ohnehin eine Schwäche. Aber dass Mária sich gegen Ende, Achtung Spoiler, die Pulsadern aufschneiden muss, nachdem sie von Endre eine vermeintlich endgültige Abfuhr bekommen hat, hat dann doch noch ganz schön in mir rumort. 
Wie überhaupt das Bild der feenhaften Frau, die aber eben gestört ist – Frauen aus der Kategorie „leider geil“, schoss es mir auf dem Heimweg durch den Kopf – mich nervt, nervt, nervt. Ein ähnliches Problem in Sachen Beschränktheit der Frauenfiguren hatte ich mit Barrage, den ich nicht mal zu Ende geguckt habe, ich verweise aber gerne auf die Rezension der Filmlöwin.
Ein schönes Gegenbeispiel war Pokot, in dem die für gewöhnlich nicht weiter ernst zu nehmende Figur der „verrückten Alten“ zur Sympathieträgerin wird und man sich auf einmal nichts Schöneres vorstellen kann, als an Heiligabend zu klassischer Musik mit einem Teller Nudeln alleine in seiner kleinen Hütte vor dem Computer zu sitzen und Horoskope zu deuten. 
Das Potenzial, durch seine Hauptfigur zu faszinieren, hätte auch Kuun Metsän Kaisa gehabt, aber leider wird über Kaisa, die Urgroßmutter der Filmemacherin, zu viel behauptet und zu wenig erzählt.
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Zum Thema Frauenfiguren war schließlich auch Karera ga Honki de Amu toki wa interessant. Die 11-jährige Tomo zieht bei ihrem Onkel ein, der mit einer Transfrau zusammenwohnt: Rinko kann fantastisch kochen, arbeitet in einem Careberuf, strickt in ihrer Freizeit und baut sofort eine innige Beziehung zu dem Mädchen auf. Dass sie ihre Wut nicht zeigen dürfe, erklärt sie Tomo, sondern stattdessen zum Strickzeug greifen solle – um mit jeder Masche einen Fluch auf die Welt auszusprechen, bis die Wut verflogen ist. 
Da könnte einem fast ein bisschen unwohl werden angesichts der Konstruktion von Weiblichkeit, auf die hier zurückgegriffen wird. Aber man muss auch sehen, was Rinko und bald auch Tomo und ihr Onkel stricken: Wollpenisse, über 100 Stück, die am Ende allesamt verbrannt werden. 
Und danke, liebes Kino, mal wieder für den Einblick in andere kulturelle Temperaturen: Dass sie Tomo gerne adoptieren möchte, sagt Rinko in einer Szene zu ihrem Partner, nur um sich gleich darauf für diesen Vorstoß zu entschuldigen. Ihr Partner bleibt ganz ruhig. „Ich akzeptiere deine Gefühle“, sagt er – ein Satz, den ich mir zur späteren Verwendung zurücklegen werde.
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Ich habe mich durch Colo hindurchgelangweilt, bin bei El Pacto de Adriana trotz anstrengender Handyaufnahmen-Optik zum Glück drangeblieben. Highlight des Festivals waren für mich der Dokumentarfilm Motherland über eine Geburtsstation auf den Philippinen, der seinen Protagonistinnen nah kommt, ohne dass man sich je als Voyeur fühlt, und Honeygiver Among the Dogs aus Bhutan mit rätselhafter Verdächtiger, skeptischem Ermittler, wunderschöner Landschaft und einem Erzähltempo, das einen mit zauberhafter Gemächlichkeit auf ein Ende zutreiben lässt, das alle bis dahin gewonnen Gewissheiten auf mystische Weise infrage stellt. 
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Dass bei der Hälfte aller vom Filmnachwuchs gepitchten Projekte eine „starke, unabhängige Frau“ im Mittelpunkt stehe, wie O. mir erzählte, stimmt mich wiederum auch ein bisschen skeptisch. Klar, jetzt ist also wohl erst mal das dran, die Powerfrau 2.0. Doch im Sinne von „Das Gegenteil ist genauso falsch“ ahne ich jetzt schon, dass ich die starke, unabhängige Frau ähnlich nervig finden werde wie die wunderschön-gestörte. Aber wir werden sehen. 

Samstag, 4. Februar 2017

35 Tage 2017

Dass Heiter Scheitern nach fast zwei Jahren wieder einen Podcast aufgenommen haben, hat mich sehr gefreut. Für mich – um eine der im Gespräch aufgeworfenen Fragen zu beantworten – bringen die drei auf jeden Fall mehr Glück als Unglück in die Welt (ein Bewertungskriterium, das ich fortan auch für mein eigenes Wirken übernehmen werde).
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In einer „Nichts mehr zu tun, aber noch dasitzen müssen“-Bürosituation in der letzten Woche angefangen, Die Rekruten zu gucken. Mich daran erinnert, dass ich damals, in meinem früheren Leben, ab und zu auch mal mit Soldaten zu tun hatte, die als Patienten zu uns kamen. Und die, wie mir auffiel, wenn wir den Zeitplan nicht einhalten konnten, es offenbar gewohnt waren zu warten, klaglos, fraglos, vermutlich stundenlang hätten dasitzen können ohne ein sichtbares Zeichen der Unruhe oder des Unmuts. Dinge, die man offenbar beim Militär lernt.
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Die Pilotfolge zu „I love Dick“, die auf Amazon zu sehen ist und die mir sehr gut gefallen hat (das Buch wird jetzt von Matthes & Seitz erneut herausgebracht, in der aktuellen Edit findet sich ein Auszug, der mich weniger gepackt hat (Hilfe, ich wandle mich von der Romanleserin zur Serienkonsumentin)) hat mich wieder auf Lhasa de Sela gebracht, deren Alben ich schon vor Urzeiten mal von H. bekommen habe. Ganz wunderbare Musik.
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Bäm.

Sonntag, 29. Januar 2017

29 Tage 2017

Berlin: Internationale Tapeten – Farbenmischzentrale – Gardinenstudio
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Essensideen, die wie eine Kriegserklärung klingen: Ich brate den Chicoree und esse ihn mit Parmesan!!!
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Dreigroschenopern-Songtitel-Ideen für die heutige Zeit: „Ballade vom prekären Leben“, „Kinderwunsch-Duett“, „Das Lied vom Essenbestellen“.
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Der Futblog meldet sich ab. Mit einer Begründung, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Wahrscheinlich kennen das viele: Hielt man seine eigene Meinung vor ein paar Jahren noch für einen äußerst wertvollen Debattenbeitrag, ist einem inzwischen die Beschränktheit der eigenen Perspektive klargeworden – und die Tatsache, dass die eigene Stimme andere, bei denen es wichtiger wäre, dass sie gehört werden, übertönt. Einfach mal öfter die Klappe halten – gut. 
Dass diese Schlussfolgerung aber unter anderem dazu geführt hat, dass ich kaum noch schreibe, beobachte ich wiederum in Hinblick auf meine Entwicklung als denkender Mensch dann doch mit Besorgnis. Denn damit, dass ich Geschichten erzählen möchte, diese Geschichten aber aus Gründen für nicht erzählenswert halte, stelle ich mir andauernd selbst ein Beinchen. Derweil bleibt das Blatt Papier natürlich weiß.
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La La Land gesehen. Fast unfreiwillig (der Film, in den wir eigentlich wollten, war ausverkauft. Aber die Zilliarden Oscar-Nominierungen hatten mich doch auch neugierig gemacht). Gedacht, ich würde augenrollend im Kino sitzen, dann unverhofft sehr eingenommen gewesen. Beim Hätte-würde-könnte-Ende sogar ein Tränchen verdrückt! Ausrufezeichen! (Jetzt ein Ohrwurm: „Hätte ich für jedes Hätte ich jedes Mal nur 50 Cent gekriegt …“)
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Lektüre weiterhin: Patti Smith – M Train.

Samstag, 21. Januar 2017

21 Tage 2017

Wie ich einmal versuchte, den Schnee zu fotografieren.
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„Liebe Fahrgäste! Zu Ihrer eigenen Sicherheit möchten wir Sie bitten, sich während der Fahrt festzuhalten.“ Immer wieder dieser Spruch, jeden Morgen im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Der Gedanke daran, dass auch dahinter eine Geschichte steckt: freistehende Fahrgäste, die bei einer scharfen Bremsung durch den Bus purzeln, sich verletzen, die BVG anklagen: Warum sagt einem denn niemand, dass man sich FESTHALTEN muss?, daraufhin die eine Person, die diesen Spruch entworfen, einer anderen Person zur Abnahme vorgelegt hat, der Mann mit der sonoren Stimme, der ihn eingesprochen hat, die Kette aller Beteiligten–
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Abnehmen ist auch so ein Trend derzeit, scheint mir. Nicht verdruckst-erfolglos mit Kohlsuppendiät o.ä., sondern professionell, mit Fachwissen unterlegt und dem entsprechenden Vokabular: ein Defizit essen, Makronährstoffe, Refeed Day und was nicht alles. Ich will natürlich auch ständig abnehmen, weil: Leben als Frau, schaffe es aber kraft meiner Intelligenz immer wieder, mir das auszureden, weil: Muss nicht. Muss überhaupt nichts, danke.
Warum genau mir dieser Trend suspekt ist, darüber könnte ich nun lange nachdenken. Vermutung: Weil das Ganze auf dem Gedanken aufbaut, man hätte es selbst in der Hand. Ich bin Herrin meines eigenen Körpers. Diese Illusion. Der unendliche Rausch, der darin besteht, irgendetwas kontrollieren zu können – und sei es das eigene Gewicht. In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, können wir wenigstens noch Kalorien zählen. Hurra.
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Lektüre: Patti Smith: M Train.

Sonntag, 15. Januar 2017

15 Tage 2017

„Wir haben die Wohnung gekauft“, sagt M., als ich gerade nur dezent nachgefragt habe, wie sie eigentlich an die Wohnung gekommen seien, ob auf dem freien Markt oder über Beziehungen … Achso.
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Später landen wir in einer Neuköllner Bar, in der Austern auf der Karte stehen. Früher, erzählt F., war das mal eine dieser typischen Eckkneipen, seine Freundin und er haben da mal Darts gespielt. „Ich hätt gerne den günstigsten Weißwein“, sage ich zu der Bedienung, um mich aktiv von dem Ambiente abzugrenzen. „Das ist ein weißer Burgunder“, sagt sie beim Einschenken.
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Am Mittwochabend kommt J. nicht zur Probe, wegen der Unwetterwarnung, schreibt sie. Unwetterwarnung? Davon haben wir gar nichts gehört, malen uns aber kurz aus, wie wir später wieder vor die Tür treten werden und es stürmt und schneit und hagelt und blitzt und donnert, so wie wir es alle noch nie erlebt haben werden.
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Vor dem Burgerladen an der Ecke baut der Typ, der dort immer den Kaffee kocht, einen Schneemann, wirklich mannsgroß, sein Gesicht ist menschlich geformt mit großer Nase, auf der eine Sonnenbrille sitzt.
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Es gibt Menschen, die so eine grundsätzliche Gekränktheit ausstrahlen, dass man zunächst denkt, man hätte ihnen etwas zuleide getan – obwohl man weiß, dass das nicht der Fall ist. Es dauert ein Weilchen, bis man versteht, dass diese Gekränktheit sich nicht auf einen bestimmten Menschen bezieht oder einen bestimmten Vorfall, sondern auf das Leben selbst, das einfach eine Enttäuschung ist und das niemals auch nur eins seiner Versprechen hält.
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Zum Schluss noch dies, eins dieser Facebook-Spielchen:
Also: „Ich komme dann schon, wenn es so weit ist.“ (Michael Ballhaus: Bilder im Kopf.) Hrr hrr hrr.   

Sonntag, 8. Januar 2017

7 Tage 2017

Es kann doch nicht so schwer sein, hier mal wieder etwas reinzuschreiben. Vielleicht wöchentlich oder so?, vielleicht sollte ich wirklich einen festen Termin dafür festmachen, es muss ja nichts großes sein, Alltagsbeobachtungen reichen. Babysteps. Überhaupt erst mal wieder reinkommen ins Schreiben für den Blog.
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Zu Beginn des Jahres bin ich zur Abwechslung mit einem Job beschäftigt, bei dem ich unter Festanstellungs-Bedingungen jeden Tag den ganzen Tag mit den gleichen Leuten in einem Raum sitze und arbeite, oder, wenn es gerade keine Arbeit gibt, so tue als ob. Sehr schön zu beobachten auch hier mal wieder der Unterschied zwischen dem Kollegen, der reinkommt und seine Ansichten zur Lage der Nation verkündet, als hätten wir alle nur darauf gewartet, und den beiden Kolleginnen, die gemeinsam beratschlagen, ob die jetzt gleich zu versendende E-Mail vielleicht doch nicht freundlich genug formuliert ist. Derweil vor den Riesenfenstern das große Wetterpanorama: Der Regen peitscht, die Sonnen strahlt, die Schneeflocken taumeln hilflos zu Boden.
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Lage der Nation, so heißt übrigens auch ein Podcast, den ich seit ein paar Wochen trotz gelegentlichem Zwei-Klugscheißer-unterhalten-sich-Nervfaktor ganz gerne höre, wie überhaupt mein Podcast-Konsum gestiegen ist. Sehr gerne mochte ich die Doku-Serie „Der Anhalter“, sehr viel gelacht habe ich schon über „My Dad Wrote A Porno“.
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Gestern im Asia-Laden gleichzeitig genervt und gerührt gewesen von einem mittelalten Paar, das umständlich die Zutaten für das, wie ich mir vorstellte, am Abend gemeinsam zu kochende Essen zusammen suchte. „Schau mal, das hier müsste doch Koriander sein, oder?“ – „Ich glaube, wegen der Fischsauce müssen wir jetzt mal die Dame an der Kasse fragen.“ Es schien, als würden sie sich noch nicht lange kennen – so behutsam, wie sie miteinander umgingen. Frage, warum der Pärchenprogrammpunkt „Gemeinsam kochen“ Instant-Aggressionen bei mir auslöst. Wahrscheinlich, weil ich das mit P. damals regelmäßig veranstaltet habe und wir regelmäßig an den dabei zu umschiffenden Klippen (Wer hat in der Küche das Sagen? Und sollte Kochen nicht eigentlich etwas sein, das einen sagenhaft entspannt?) zerschellt sind. Klingt jetzt dramatischer, als es war, aber seitdem steht für mich fest, dass sich kochtechnisch alle anderen sich knallhart mir unterzuordnen, d.h. erst dann zu erscheinen haben, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Weswegen ich im Asialaden war, übrigens: Sesamöl. Oh Sesamöl aus gerösteten Sesamsamen, Licht meiner Augen, Liebe meines Lebens.
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Ich finde Agnes Obel toll. fantastisch.

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Und Jill Soloway auch.
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Und zuletzt noch ein Link aus meiner etwas angestaubten Linkliste für den Blog: Neukölln in den 2000ern und 2016. Seufz!