Freitag, 16. Juni 2017

Ich könnte

Ich könnte ewig aus dem Fenster schauen und zusehen, wie die Äste des Baums sich im Wind wiegen. Ich könnte ewig zuhören, wie das Laub raschelt und rauscht. Ich könnte ewig durch die Stadt gehen in meinem bodenlangen Kleid und spüren, wie der glatte schwere Stoff gegen meine Beine schlägt mit dem Geräusch von flatternden Fahnen. Ich könnte ewig auf dem Bürosofa liegen und lesen, während die anderen auf ihren Laptops herumtippen. Ich könnte ewig im Baumarkt herumlaufen, nur um zu gucken, was es dort alles gibt. Ich könnte mir ewig die Augen reiben, ich könnte ewig Campari Soda trinken, ich könnte ewig dem Klinkern der Eiswürfel im Glas lauschen. Ich könnte ewig mit meinen Eltern am Abendbrottisch sitzen. Ich könnte ewig ein Kind auf dem Arm halten, das ein bisschen müde ist. Ich könnte ewig nach dem Hibiskus schauen, der so viele Blätter verloren hat und der jetzt neue, zarte, hellgrüne sprießen lässt, während sich eine Blüte nach der anderen öffnet. Ich könnte mich ewig fragen, was wohl wird. Ich könnte ewig keine Antwort finden.

Freitag, 5. Mai 2017

Und das verblüffte Gesicht des Typen

, der jetzt draußen auf dem Bahnsteig steht.
Im nächsten Waggon ist einer, den solltet ihr euch mal anschauen, habe ich zu den Männern vom Sicherheitsdienst gesagt, die zu dritt in dem Waggon standen, in den O. und ich gewechselt sind, mit ihren neongrünen Jacken, mit ihrem Schäferhund, mit ihrem sogleich sehr interessierten Blick: Ein Betrunkener? Aggressiv? Einer, der randaliert?
Eher so ein Psychotischer, sage ich vorsichtig, denn tatsächlich kann ich nicht sagen, ob der Typ betrunken war, wie er da saß mit der blutigen Wunde über dem Auge und der Sonnenbrille auf der Nase und vor sich hinredete in einer Sprache, die wir nicht verstanden, und plötzlich laut anfing zu singen, aber nicht fröhlich, und der dann aufstand und sich zwischen uns und den Frauen, die uns gegenüber saßen, an die Haltestangen hängte–
Und die Blicke, die wir mit diesen Frauen wechselten, unsere Oha-Au-weia-Gesichter–
Aber wenn ich eins gelernt hab in all den Jahren in Berlin, dann, dass es nie darum gehen darf, eine Situation auszuhalten, sondern immer darum, einen Ausweg zu finden.
Komm, wir gehen eins weiter, habe ich zu O. gesagt.
Und die Männer vom Sicherheitsdienst ziehen sich schon mal ihre Handschuhe an, und bei der nächsten Station gehen sie rüber und schauen sich den mal an. Und jetzt stehen sie mit dem Typen draußen auf dem Bahnsteig, und er macht ein Gesicht wie einer, der nicht weiß, was er Schlimmes getan haben soll, der nicht weiß, wie ihm geschieht; fast kindlich verblüfft und überhaupt nicht aggressiv.
Und es stimmt ja, denke ich, er hat nichts Schlimmes getan.
Daran sind wir jetzt schuld, sage ich zu O., und er sagt: Ich glaub, die Frauen von eben sind froh, dass der weg ist, und dann fährt die Bahn auch schon weiter, und dann sind wir auch schon weg.

Sonntag, 23. April 2017

Bloggeburtstag

Heute vor fünf Jahren ging hier mein erster Post online. Und während andere Blogger*innen zu ihrem Fünfjährigen beeindruckende Besucherstatistiken und Kommentarzahlen vorweisen können und sich bei ihren Leser*innen für die Treue bedanken, kann ich nur sagen: Den Blogstatistiken von Blogspot traue ich nicht, Kommentare gab es in den fünf Jahren genau 18 Stück (über jeden einzelnen habe ich mich sehr gefreut), die Hälfte meiner geschätzten drei Leser*innen kenne ich persönlich (danke, dass ihr hier mitlest!) und ingesamt ist aus dem Blog nix weiter geworden als das, was er von Anfang an war, eine Art öffentliches Notizbuch, in das ich anonym und unregelmäßig reinschreibe, ohne Ziel und Zweck (ohne Sinn und Verstand wäre irgendwie noch schöner, aber das muss einem erst mal gelingen.)
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Young Love, heimlich in der Tram fotografiert. Wie sie sich auf seinen Schoß gesetzt hat, obwohl die Tram gar nicht voll war, mit der größten Selbstverständlichkeit, wie überhaupt dieses Pärchen die größte Selbstverständlichkeit ausstrahlte, natürlich gehören wir zusammen, wir und die Schnittblumen und die Tiefkühlpizza auf dem Weg durch Friedrichshain, das ist unser Freitag, früher Abend.
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Viele Jahre später glaub ich, dass mehr Mut dazu gehört, weiterzumachen als zu springen. Dabei liest man immer, dass Springen etwas Gutes sei. Spring ins Ungewisse, spring ins kalte Wasser, spring ins Glück! Der Sprung an sich ist aufregend, rebellisch, radikal. Der Moment der Tat birgt ein Versprechen ins sich. Ein neues Leben, eine andere Routine, ein veränderter Tagesablauf. Trotzdem muss man Kaffee kaufen, man muss die verdorbene Milch wegschütten und abends die Wäsche aufhängen. Ganz unmythisch auf einen Wäscheständer wie Tausende andere auch.
Weitermachen – ein wunderbarer Text von Barbara Kaufmann.
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Spontanverliebtheit in Wisława Szymborska.
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Und dann noch dieser Ohrwurm. "There's nothing to be proud of, there's nothing to regret / when you are with the Phantom of the Operette."

Donnerstag, 9. März 2017

68 Tage 2017

"Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuges darauf, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen." Faszination absurd-konkretes Deutsch. Ihre Koffer? Nein, man reist ja auch z.B. mit Taschen oder Rucksäcken. Ihr Gepäck? Manch einer hat nur eine Handtasche dabei. Manch einer nur einen Regenschirm, und auch der will nicht vergessen werden. Ebensowenig wie die Jacke am Haken. Ihre Sachen? Zu flapsig. Warum eigentlich nicht: Ihre Habseligkeiten? Immerhin das schönste Wort der deutschen Sprache. (Platz zwei übrigens: Geborgenheit. Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuhauses darauf, Ihre Geborgenheit mitzunehmen.)
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Gesehen: Meine keine Familie, ein Dokumentarfilm über die Kommune Friedrichshof, in die der Regisseur hineingeboren wurde. (Ich war in einem Text über das Altern über eine Erwähnung der Otto-Muehl-Sekte gestolpert, die so beiläufig klang, dass ich dachte, mir fehlt da ein Stück Allgemeinwissen. Was ich nun nachgeholt habe. Ob man ein gesondertes Interesse mitbringt oder nicht: Der Film ist absolut sehenswert. Denn wie er ein dermaßen persönliches und oft schmerzhaftes Thema verhandelt, ohne dass man sich als Zuschauer emotional erpresst fühlt, ist ein Kunststück für sich.) Außerdem: Cemetery of Splendour. Sehr rätselhaft, sehr schön.
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Gelesen: Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens
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Worauf sie hinauslaufen soll, diese #meintagohnemich-Aktion, ist mir rätselhaft. Darauf, sichtbar zu machen, wie viel Arbeit Frauen* verrichten, bezahlte und unbezahlte? Ist nicht die Erkenntnis viel naheliegender, dass die Welt sich auch ohne einen weiterdrehen würde? Aber ist das nicht etwas banal? Ich dachte gestern Abend jedenfalls durchaus sentimental darüber nach, was ich verpasst, nicht gesehen, nicht erlebt hätte, wäre der Tag ohne mich ins Land gezogen: zum Beispiel den Anblick von dem kleinen, mit Dinosauriern bedruckten Rucksack und wie er auf N.s Rücken auf- und abtanzt, während N. voller Vorfreude zum Spielplatz rennt mit seinen Minischritten.
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"Bitte achten Sie beim Verlassen des Blogposts darauf, Ihre persönlichen Gefühle mitzunehmen."

Montag, 20. Februar 2017

Berlinale 2017 – „Ich akzeptiere deine Gefühle“

Das war sie also mal wieder, die Berlinale. Ich hatte vergessen, wie voll die Säle immer sind. Und wie es riecht, wenn dermaßen viele Menschen aufeinander hocken. Wie es nerven kann, das Gedrängel und Geplapper, das Gehuste und Nasehochgeziehe. Und wie anstrengend es dann doch ist, jeden Tag einen Film zu schauen, auch wenn das eigentlich nach Spaß klingt.
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„Willst du nicht mal deiner Filmfee danken?“, hörte ich an einem der Tage eine Frau mit kindlich-quengeliger Stimme ihren Begleiter fragen, der darauf bloß meinte, sooooo tolle Filme hätte sie nun auch wieder nicht ausgesucht. Ich war zum Glück meine eigene Filmfee und kann mir selber für meine Auswahl danken, bei der mit On Body and Soul und Pokot auch zwei spätere Preisträger dabei waren.
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On Body and Soul hat mir zunächst eigentlich gut gefallen, toll gefilmt und mit viel Liebe für die schrägen Charaktere erzählt. Für Figuren, die sozial relevante Verhaltensweisen nicht beherrschen, habe ich ja ohnehin eine Schwäche. Aber dass Mária sich gegen Ende, Achtung Spoiler, die Pulsadern aufschneiden muss, nachdem sie von Endre eine vermeintlich endgültige Abfuhr bekommen hat, hat dann doch noch ganz schön in mir rumort. 
Wie überhaupt das Bild der feenhaften Frau, die aber eben gestört ist – Frauen aus der Kategorie „leider geil“, schoss es mir auf dem Heimweg durch den Kopf – mich nervt, nervt, nervt. Ein ähnliches Problem in Sachen Beschränktheit der Frauenfiguren hatte ich mit Barrage, den ich nicht mal zu Ende geguckt habe, ich verweise aber gerne auf die Rezension der Filmlöwin.
Ein schönes Gegenbeispiel war Pokot, in dem die für gewöhnlich nicht weiter ernst zu nehmende Figur der „verrückten Alten“ zur Sympathieträgerin wird und man sich auf einmal nichts Schöneres vorstellen kann, als an Heiligabend zu klassischer Musik mit einem Teller Nudeln alleine in seiner kleinen Hütte vor dem Computer zu sitzen und Horoskope zu deuten. 
Das Potenzial, durch seine Hauptfigur zu faszinieren, hätte auch Kuun Metsän Kaisa gehabt, aber leider wird über Kaisa, die Urgroßmutter der Filmemacherin, zu viel behauptet und zu wenig erzählt.
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Zum Thema Frauenfiguren war schließlich auch Karera ga Honki de Amu toki wa interessant. Die 11-jährige Tomo zieht bei ihrem Onkel ein, der mit einer Transfrau zusammenwohnt: Rinko kann fantastisch kochen, arbeitet in einem Careberuf, strickt in ihrer Freizeit und baut sofort eine innige Beziehung zu dem Mädchen auf. Dass sie ihre Wut nicht zeigen dürfe, erklärt sie Tomo, sondern stattdessen zum Strickzeug greifen solle – um mit jeder Masche einen Fluch auf die Welt auszusprechen, bis die Wut verflogen ist. 
Da könnte einem fast ein bisschen unwohl werden angesichts der Konstruktion von Weiblichkeit, auf die hier zurückgegriffen wird. Aber man muss auch sehen, was Rinko und bald auch Tomo und ihr Onkel stricken: Wollpenisse, über 100 Stück, die am Ende allesamt verbrannt werden. 
Und danke, liebes Kino, mal wieder für den Einblick in andere kulturelle Temperaturen: Dass sie Tomo gerne adoptieren möchte, sagt Rinko in einer Szene zu ihrem Partner, nur um sich gleich darauf für diesen Vorstoß zu entschuldigen. Ihr Partner bleibt ganz ruhig. „Ich akzeptiere deine Gefühle“, sagt er – ein Satz, den ich mir zur späteren Verwendung zurücklegen werde.
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Ich habe mich durch Colo hindurchgelangweilt, bin bei El Pacto de Adriana trotz anstrengender Handyaufnahmen-Optik zum Glück drangeblieben. Highlight des Festivals waren für mich der Dokumentarfilm Motherland über eine Geburtsstation auf den Philippinen, der seinen Protagonistinnen nah kommt, ohne dass man sich je als Voyeur fühlt, und Honeygiver Among the Dogs aus Bhutan mit rätselhafter Verdächtiger, skeptischem Ermittler, wunderschöner Landschaft und einem Erzähltempo, das einen mit zauberhafter Gemächlichkeit auf ein Ende zutreiben lässt, das alle bis dahin gewonnen Gewissheiten auf mystische Weise infrage stellt. 
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Dass bei der Hälfte aller vom Filmnachwuchs gepitchten Projekte eine „starke, unabhängige Frau“ im Mittelpunkt stehe, wie O. mir erzählte, stimmt mich wiederum auch ein bisschen skeptisch. Klar, jetzt ist also wohl erst mal das dran, die Powerfrau 2.0. Doch im Sinne von „Das Gegenteil ist genauso falsch“ ahne ich jetzt schon, dass ich die starke, unabhängige Frau ähnlich nervig finden werde wie die wunderschön-gestörte. Aber wir werden sehen. 

Samstag, 4. Februar 2017

35 Tage 2017

Dass Heiter Scheitern nach fast zwei Jahren wieder einen Podcast aufgenommen haben, hat mich sehr gefreut. Für mich – um eine der im Gespräch aufgeworfenen Fragen zu beantworten – bringen die drei auf jeden Fall mehr Glück als Unglück in die Welt (ein Bewertungskriterium, das ich fortan auch für mein eigenes Wirken übernehmen werde).
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In einer „Nichts mehr zu tun, aber noch dasitzen müssen“-Bürosituation in der letzten Woche angefangen, Die Rekruten zu gucken. Mich daran erinnert, dass ich damals, in meinem früheren Leben, ab und zu auch mal mit Soldaten zu tun hatte, die als Patienten zu uns kamen. Und die, wie mir auffiel, wenn wir den Zeitplan nicht einhalten konnten, es offenbar gewohnt waren zu warten, klaglos, fraglos, vermutlich stundenlang hätten dasitzen können ohne ein sichtbares Zeichen der Unruhe oder des Unmuts. Dinge, die man offenbar beim Militär lernt.
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Die Pilotfolge zu „I love Dick“, die auf Amazon zu sehen ist und die mir sehr gut gefallen hat (das Buch wird jetzt von Matthes & Seitz erneut herausgebracht, in der aktuellen Edit findet sich ein Auszug, der mich weniger gepackt hat (Hilfe, ich wandle mich von der Romanleserin zur Serienkonsumentin)) hat mich wieder auf Lhasa de Sela gebracht, deren Alben ich schon vor Urzeiten mal von H. bekommen habe. Ganz wunderbare Musik.
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Bäm.

Sonntag, 29. Januar 2017

29 Tage 2017

Berlin: Internationale Tapeten – Farbenmischzentrale – Gardinenstudio
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Essensideen, die wie eine Kriegserklärung klingen: Ich brate den Chicoree und esse ihn mit Parmesan!!!
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Dreigroschenopern-Songtitel-Ideen für die heutige Zeit: „Ballade vom prekären Leben“, „Kinderwunsch-Duett“, „Das Lied vom Essenbestellen“.
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Der Futblog meldet sich ab. Mit einer Begründung, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Wahrscheinlich kennen das viele: Hielt man seine eigene Meinung vor ein paar Jahren noch für einen äußerst wertvollen Debattenbeitrag, ist einem inzwischen die Beschränktheit der eigenen Perspektive klargeworden – und die Tatsache, dass die eigene Stimme andere, bei denen es wichtiger wäre, dass sie gehört werden, übertönt. Einfach mal öfter die Klappe halten – gut. 
Dass diese Schlussfolgerung aber unter anderem dazu geführt hat, dass ich kaum noch schreibe, beobachte ich wiederum in Hinblick auf meine Entwicklung als denkender Mensch dann doch mit Besorgnis. Denn damit, dass ich Geschichten erzählen möchte, diese Geschichten aber aus Gründen für nicht erzählenswert halte, stelle ich mir andauernd selbst ein Beinchen. Derweil bleibt das Blatt Papier natürlich weiß.
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La La Land gesehen. Fast unfreiwillig (der Film, in den wir eigentlich wollten, war ausverkauft. Aber die Zilliarden Oscar-Nominierungen hatten mich doch auch neugierig gemacht). Gedacht, ich würde augenrollend im Kino sitzen, dann unverhofft sehr eingenommen gewesen. Beim Hätte-würde-könnte-Ende sogar ein Tränchen verdrückt! Ausrufezeichen! (Jetzt ein Ohrwurm: „Hätte ich für jedes Hätte ich jedes Mal nur 50 Cent gekriegt …“)
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Lektüre weiterhin: Patti Smith – M Train.

Samstag, 21. Januar 2017

21 Tage 2017

Wie ich einmal versuchte, den Schnee zu fotografieren.
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„Liebe Fahrgäste! Zu Ihrer eigenen Sicherheit möchten wir Sie bitten, sich während der Fahrt festzuhalten.“ Immer wieder dieser Spruch, jeden Morgen im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Der Gedanke daran, dass auch dahinter eine Geschichte steckt: freistehende Fahrgäste, die bei einer scharfen Bremsung durch den Bus purzeln, sich verletzen, die BVG anklagen: Warum sagt einem denn niemand, dass man sich FESTHALTEN muss?, daraufhin die eine Person, die diesen Spruch entworfen, einer anderen Person zur Abnahme vorgelegt hat, der Mann mit der sonoren Stimme, der ihn eingesprochen hat, die Kette aller Beteiligten–
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Abnehmen ist auch so ein Trend derzeit, scheint mir. Nicht verdruckst-erfolglos mit Kohlsuppendiät o.ä., sondern professionell, mit Fachwissen unterlegt und dem entsprechenden Vokabular: ein Defizit essen, Makronährstoffe, Refeed Day und was nicht alles. Ich will natürlich auch ständig abnehmen, weil: Leben als Frau, schaffe es aber kraft meiner Intelligenz immer wieder, mir das auszureden, weil: Muss nicht. Muss überhaupt nichts, danke.
Warum genau mir dieser Trend suspekt ist, darüber könnte ich nun lange nachdenken. Vermutung: Weil das Ganze auf dem Gedanken aufbaut, man hätte es selbst in der Hand. Ich bin Herrin meines eigenen Körpers. Diese Illusion. Der unendliche Rausch, der darin besteht, irgendetwas kontrollieren zu können – und sei es das eigene Gewicht. In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, können wir wenigstens noch Kalorien zählen. Hurra.
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Lektüre: Patti Smith: M Train.

Sonntag, 15. Januar 2017

15 Tage 2017

„Wir haben die Wohnung gekauft“, sagt M., als ich gerade nur dezent nachgefragt habe, wie sie eigentlich an die Wohnung gekommen seien, ob auf dem freien Markt oder über Beziehungen … Achso.
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Später landen wir in einer Neuköllner Bar, in der Austern auf der Karte stehen. Früher, erzählt F., war das mal eine dieser typischen Eckkneipen, seine Freundin und er haben da mal Darts gespielt. „Ich hätt gerne den günstigsten Weißwein“, sage ich zu der Bedienung, um mich aktiv von dem Ambiente abzugrenzen. „Das ist ein weißer Burgunder“, sagt sie beim Einschenken.
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Am Mittwochabend kommt J. nicht zur Probe, wegen der Unwetterwarnung, schreibt sie. Unwetterwarnung? Davon haben wir gar nichts gehört, malen uns aber kurz aus, wie wir später wieder vor die Tür treten werden und es stürmt und schneit und hagelt und blitzt und donnert, so wie wir es alle noch nie erlebt haben werden.
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Vor dem Burgerladen an der Ecke baut der Typ, der dort immer den Kaffee kocht, einen Schneemann, wirklich mannsgroß, sein Gesicht ist menschlich geformt mit großer Nase, auf der eine Sonnenbrille sitzt.
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Es gibt Menschen, die so eine grundsätzliche Gekränktheit ausstrahlen, dass man zunächst denkt, man hätte ihnen etwas zuleide getan – obwohl man weiß, dass das nicht der Fall ist. Es dauert ein Weilchen, bis man versteht, dass diese Gekränktheit sich nicht auf einen bestimmten Menschen bezieht oder einen bestimmten Vorfall, sondern auf das Leben selbst, das einfach eine Enttäuschung ist und das niemals auch nur eins seiner Versprechen hält.
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Zum Schluss noch dies, eins dieser Facebook-Spielchen:
Also: „Ich komme dann schon, wenn es so weit ist.“ (Michael Ballhaus: Bilder im Kopf.) Hrr hrr hrr.   

Sonntag, 8. Januar 2017

7 Tage 2017

Es kann doch nicht so schwer sein, hier mal wieder etwas reinzuschreiben. Vielleicht wöchentlich oder so?, vielleicht sollte ich wirklich einen festen Termin dafür festmachen, es muss ja nichts großes sein, Alltagsbeobachtungen reichen. Babysteps. Überhaupt erst mal wieder reinkommen ins Schreiben für den Blog.
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Zu Beginn des Jahres bin ich zur Abwechslung mit einem Job beschäftigt, bei dem ich unter Festanstellungs-Bedingungen jeden Tag den ganzen Tag mit den gleichen Leuten in einem Raum sitze und arbeite, oder, wenn es gerade keine Arbeit gibt, so tue als ob. Sehr schön zu beobachten auch hier mal wieder der Unterschied zwischen dem Kollegen, der reinkommt und seine Ansichten zur Lage der Nation verkündet, als hätten wir alle nur darauf gewartet, und den beiden Kolleginnen, die gemeinsam beratschlagen, ob die jetzt gleich zu versendende E-Mail vielleicht doch nicht freundlich genug formuliert ist. Derweil vor den Riesenfenstern das große Wetterpanorama: Der Regen peitscht, die Sonnen strahlt, die Schneeflocken taumeln hilflos zu Boden.
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Lage der Nation, so heißt übrigens auch ein Podcast, den ich seit ein paar Wochen trotz gelegentlichem Zwei-Klugscheißer-unterhalten-sich-Nervfaktor ganz gerne höre, wie überhaupt mein Podcast-Konsum gestiegen ist. Sehr gerne mochte ich die Doku-Serie „Der Anhalter“, sehr viel gelacht habe ich schon über „My Dad Wrote A Porno“.
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Gestern im Asia-Laden gleichzeitig genervt und gerührt gewesen von einem mittelalten Paar, das umständlich die Zutaten für das, wie ich mir vorstellte, am Abend gemeinsam zu kochende Essen zusammen suchte. „Schau mal, das hier müsste doch Koriander sein, oder?“ – „Ich glaube, wegen der Fischsauce müssen wir jetzt mal die Dame an der Kasse fragen.“ Es schien, als würden sie sich noch nicht lange kennen – so behutsam, wie sie miteinander umgingen. Frage, warum der Pärchenprogrammpunkt „Gemeinsam kochen“ Instant-Aggressionen bei mir auslöst. Wahrscheinlich, weil ich das mit P. damals regelmäßig veranstaltet habe und wir regelmäßig an den dabei zu umschiffenden Klippen (Wer hat in der Küche das Sagen? Und sollte Kochen nicht eigentlich etwas sein, das einen sagenhaft entspannt?) zerschellt sind. Klingt jetzt dramatischer, als es war, aber seitdem steht für mich fest, dass sich kochtechnisch alle anderen sich knallhart mir unterzuordnen, d.h. erst dann zu erscheinen haben, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Weswegen ich im Asialaden war, übrigens: Sesamöl. Oh Sesamöl aus gerösteten Sesamsamen, Licht meiner Augen, Liebe meines Lebens.
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Ich finde Agnes Obel toll. fantastisch.

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Und Jill Soloway auch.
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Und zuletzt noch ein Link aus meiner etwas angestaubten Linkliste für den Blog: Neukölln in den 2000ern und 2016. Seufz!