Dienstag, 26. Januar 2016

Warten auf den Weltuntergang

Irgendein Spinner hat uns erzählt, die Welt würde untergehen, und weil das einige von uns doch stärker beunruhigt, als es sollte, beschließen wir, uns zusammenzutun. Wir sitzen alle in einem Zimmer mit Blicks ins Freie, meine Eltern sind da, meine Brüder, ihre Kinder, auch M., ein guter Freund von meinem Bruder, ist dabei, die Kinder sind gut gelaunt bis verschlafen, es herrscht ein bisschen Silvesterstimmung, nur ohne Luftschlangen und Berliner. Und ohne Feuerwerk. Und die Welt geht natürlich auch nicht unter. Nicht um zehn Uhr, wie es vorausgesagt war, und auch nicht später. Stattdessen geht der Mond auf, er ist riesig, und er zieht in einer irren Geschwindigkeit sehr nah an der Erde vorbei, wir können den Mondwind spüren, er ist kellerkühl, und den Satelliten sehen, der den Mond umkreist, wir können sogar die Gebäude sehen, die auf dem Mond errichtet wurden, eine Forschungsstation offenbar, die aber wirkt wie ein amerikanischer Vorort, und ich probiere einen Witz: Da sind ja Häuser, warum wohnen wir nicht dort?, und alle lachen, und das Warten auf den Weltuntergang ist vorbei, es war schön, denke ich beim Aufwachen, wie wir da saßen und alle zusammen viel weniger Angst hatten als allein.

Samstag, 23. Januar 2016

Wie hell es ist, wenn der Schnee ins Zimmer scheint

Snow crystals from the great snow of 1832, from The New York Public Library 
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Zauberschlaf, ein toller Comic von Aike Arndt, dessen Bücher „Das Nichts und Gott“ und „Die Zeit und Gott“ auch ganz fantastisch sind. Gott sieht darin ein bisschen so aus wie ein Altglascontainer mit Gesicht, ist weder Mann noch Frau, sondern viele, feuert lieber Bäume beim Wachsen an, als Kriege zu verhindern, und sitzt gerne mit Mond bei einem Bier zusammen, wenn Sonne endlich aufgegangen ist („Und sonst, immer noch Ebbe und Flut?“ „Na klar.“ „Und Sterne? Alles okay?“ „Voll!“). Große, unbedingte Empfehlung.
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Schreiben ist ja die Folge davon, dass es keinen Trost vom Nichtverstandenwerden gibt, wie sollte dann also das Schreiben ein Trost sein? Es ist nämlich das Schreiben selbst, dass einen immer weiter hinein in das Verstandenwerdenwollen und das Nichtverstandenwerden hineinführt, und schließlich in das Nochmehrverstandenwerdenwollen und Nochwenigerverstandenwerden: Auf Biegen und Brechen ist es das Schreiben, das in die Vergeblichkeitsspirale hinein­führt. „Man kommt nicht schreibend aus etwas heraus, in das man sich schreibend hineinmanövriert hat“, denke ich und stehe endlich auf, weil es nur bis halb elf Frühstück gibt und es schon halb zehn ist. 
Hinein führt nicht hinaus, ein schöner, kluger, lustiger Text von Ulrike Anna Bleier über eine, die bei einem Literaturwettbewerb keinen Preis gewonnen hat.
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„Wie überfallen Senioren einen Geldtransporter?“ – „Det hab ick mich auch schon gefragt. Also ick könnte det wahrscheinlich nicht, ick hab jetzt auch n gebrochenes Bein, also ick könnte det sowieso nicht.“ 
Zur Alterskriminalität der ehemaligen RAF-Terroristen hat das Dradio Michael Bommi Baumann befragt. 

Samstag, 16. Januar 2016

Wir wollen kein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerblume

Die Ballerina Clara Webster
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12 von 12 verpasst, egal. Obwohl, ein schönes Foto von dem Tag hab ich im Angebot: Das videoüberwachigste Videoüberwachungsauge von ganz Berlin, entdeckt am U-Bahnhof Frankfurter Tor.
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Ein Satz, der seltsamerweise hängen geblieben ist: „Ehrgeiz ergibt sich daraus, wie sehr du geliebt werden willst.“ Hat Janis Joplin mal geschrieben. Und wenn man nun nicht sehr ehrgeizig ist, was ergibt sich dann daraus?
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Sachbuchtitelidee: „Das große Wagen“. (Müsste irgendwie davon handeln, wie man sich ganz viel traut und dadurch ein glücklicherer Mensch wird. Denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt usw. Leider nicht mein Spezialgebiet.)
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Oh, aber nein!, wie Mia-Maria sagen würde.

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Gebacken: das Bananenbrot von Sophie Dahl, Rezept bei Slomo. Das nächste Mal vielleicht wirklich vier Bananen (ich hatte nur drei), vielleicht weniger Zucker. Aber unbedingt ein nächstes Mal.
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Gesehen: The Danish Girl. (Trailer hier.) Schön, aber allzu melodramatisch für meinen Geschmack. Sehr wunderbar die Beziehung der beiden Hauptfiguren zueinander, die Intimität einer sechsjährigen Ehe, habe ich jede Sekunde geglaubt. Außerdem: die Kostüme! Würde jedes einzelne davon selber anziehen.

Sonntag, 10. Januar 2016

Notizen

Ich träume, ich wäre dick, zehn oder zwanzig Kilo würde ich mehr wiegen, es wäre Sommer, ich würde an mir herunterschauen, meine dicken Arme, meine dicken Beine, ich trage ein leichtes Kleid und bin umgeben von Menschen, die mich toll finden, ich finde mich selber toll, und dann sagt jemand: Du bist dick geworden. Und ich denke: Oh nein, dick! Und mein Freund versichert mir, ja, ich sei zwar dick, aber doch immer noch schlank, weil muskulös, und ich fange an zu lachen, über dieses Oh nein, dick!, den ersten Reflex, ich muss wirklich sehr lachen und fühle mich pudelwohl.
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Ein Feature auf Dradio über den ersten Satz von Romanen gehört und mir den Namen Fritz Zorn notiert, weil: „Ich bin jung, reich und gebildet. Und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.“ Der erste Satz von Mars. Wohl ein Kultbuch der 80er. Nie von gehört. Mich außerdem daran erinnert, dass ich Shanghai fern von wo von Ursula Krechel noch lesen will.
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Idee für einen Kneipennamen: Trinkgold. Auf dem Kneipenschild das e so durchgestrichen und o drüber gemalt, dilettantisch. Natürlich müsste auf der Karte dann auch Trinkgold zu finden sein, Preis: unbezahlbar, und es würden immer mal wieder Gäste fragen, was das denn sei, und die Kneipenleute würden sagen, sie wüssten das eigentlich auch nicht so genau. Ab und zu würde jemand allen Mut zusammennehmen und ein Trinkgold bestellen und dann einfach nur ein Bier bekommen oder eine Fanta. „Trinkgold ist aus.“ Trinkgold, würde man irgendwann munkeln, wäre der Künstlername des Kneipenbesitzers, der nie da war, deswegen auch der Ausspruch, Trinkgold sei aus. Aber das würde ja alles nicht stimmen, die Kneipe würde ja mir gehören, und das mit dem Trinkgold war nur ein Witz.
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Gesehen: „David wants to fly“, ein Dokumentarfilm von David Sieveking (Trailer hier). Es geht darin um die Transzendentale Meditation (TM), über die ich neulich mal kurz was recherchieren musste, da stieß ich auf den Film, erinnerte mich, dass ich den Film „Vergiss mein nicht“ vom selben Regisseur ganz gerne gemocht hatte (Trailer hier) und bestellte mir diesen in der Bibliothek. David Lynch ist ein großer Fan von TM, ich erinnerte mich, dass er den Teufelsberg hier in Berlin kaufen wollte, um darauf ein Meditationszentrum zu errichten, hierzu gibt es auch eine sehr schöne Szene im Film, der deutsche TM-Oberguru, wie alle anderen Obergurus weiß gekleidet und mit Goldkrönchen auf dem Kopf, hält in der Urania einen Vortrag und erzählt von den Zielen des Meditationszentrums: ein „unbesiegbares Deutschland“ zu erschaffen. Empörung seitens des Publikums. „Unbesiegbares Deutschland, das wollte Hitler auch!“ „Ja, aber das hat er leider nicht geschafft, weil er nicht die entsprechenden Mittel hatte …“ Der Rest sind Buhrufe. David Sieveking hat schon eine ganz eigene Art zu erzählen mit seiner jungenhaften, treuherzig klingenden Stimme aus dem Off. Mal gespannt, was sein nächster Film wird.

Dienstag, 5. Januar 2016

Am Cuccis-Stand, Alexanderplatz

fragt ein Mann, der schon da stand, als ich meinen Cappuccino bestellte, und der aber eine abwehrende Handbewegung machte, als der Verkäufer fragte, wer als nächstes dran sei, der große, massige, männliche, sanfte Verkäufer, der immer fragt, ob ich Kakao auf meinen Cappuccino haben will, und der mir meinen Cappuccino – ohne Kakao – schon hingestellt hat, diesen Verkäufer fragt der Mann also auf Englisch, ob er Urdu spreche? Nein, sagt der Verkäufer auch auf Englisch, er komme von hier, er sei hier geboren. Erst dann sagt er, er spreche Tamil, aber. Work?, der Mann fragt nach Arbeit. Kitchen?, es müsse doch irgendwo eine Küche geben hier, natürlich, denke ich, all die belegten Brötchen und Baguettes müssen irgendwo zubereitet werden, es fällt mir, und ich schäme mich, wie Schuppen von den Augen, irgendwo steht jemand und schmiert all diese Brote. Und dann sagt der Verkäufer auch noch, ja, unten, irgendwo in den Eingeweiden des U-Bahnhofs Alexanderplatz gibt es also eine Cuccis-Küche, denke ich, aber mit der Frau dort könne der Mann nicht reden, sagt der Verkäufer, she doesn’t even speak german, der Mann solle den Chef des Verkäufers anrufen, hier sei seine Nummer. Ich steige in die U-Bahn mit meinem Cappuccino in der Hand, ich denke an den Verkäufer, er hier geboren wurde und, soweit ich weiß, Deutsch, Englisch und Tamil spricht, an den Mann, der, soweit ich weiß, Englisch und Urdu spricht und Arbeit sucht, und die Frau in der Cuccis-Küche, über die ich nichts weiter weiß als dass sie nicht mal Deutsch spricht, und würde ich zum Pathos neigen, was ich ja tue, würde mein Cappuccino jetzt plötzlich bitter schmecken, nur für diesen kleinen Text, aber das tut er natürlich nicht, ich steige aus, an der Bushaltestelle die beiden schweigenden Frauen mit den Erwachet!- oder Wachtturm-Heftchen in der Hand, ich weiß es nicht mal so genau, vor dem Gemüseladen fegt einer den Schnee weg, in meiner Wohnung ist es warm und so weiter, und so weiter.