Freitag, 2. September 2016

Ich gehe die Straße herunter,

unten an der Ecke ist eine Säuferkneipe, wie ich sie innerlich immer nenne, beim Aufschreiben fällt mir auf, wie abfällig das klingt, dabei habe ich eigentlich eine Sympathie für diese in Berlin, wie es scheint, oder zumindest in meinem Kiez immer seltener werdenden Lokale, in denen die Männer schon mittags vor ihren Bieren sitzen, oft auch Frauen, Frauen jedenfalls immer hinter der Theke, herzliche, raue, unendlich patente Frauen.
Ich gehe also die Straße herunter, und unten an der Ecke, an einem der Tische sitzt schon ein Mann, der mir entgegen schaut, völlig unauffällig sowohl seine Erscheinung als auch sein Schauen, er sieht eben einfach nur, dass ich die Straße runter gehe, so wie ich ihn da sitzen sehe, nichts weiter. Und just in dem Moment, als ich an ihm vorbeigehe, kommt die Thekenfrau raus und bringt dem Mann sein Bier, n einsames Eckchen haste dir hier ja ausgesucht, sagt sie, stellt ihm sein Bier hin, und er sagt: Joah, so ein leicht verlegenes Joah, und er sagt: Danke, so ein freundliches kurzes Danke, und nimmt, während sich die Frau schon wieder abwendet und einen routinierten Raucherhusten ausstoßend zurück in die Säuferkneipe geht, seinen ersten Schluck Bier.
Und zehn vor zwei, ich bin auf dem Weg in die Pause, bin mit G. verabredet, und auf dem ganzen Weg zu G., dem ich als erstes natürlich von dem Mann erzähle, rede ich mir innerlich gut zu: Das war nicht schlimm. Das war überhaupt nicht schlimm. Der Mann da, der ist auch Teil einer sozialen Gemeinschaft, die Thekenfrau kennt ihn, andere Gäste kennen ihn sicher auch, und was weiß ich denn, wer ihn sonst noch kennt und mag und liebt vielleicht, und was ist schon dabei, sich um zehn vor zwei wo hinzusetzen und einen ersten Schluck Bier zu trinken und friedlich ein bisschen in der Gegend herum zu gucken, ist doch jedenfalls nicht schlimm.
Nicht weiter schlimm.

Mittwoch, 31. August 2016

Loch im Kopp

Hör auf, du machst der noch n Loch im Kopp!, hörte ich eine Mutter eben zu ihrem Sohn sagen, und schon als Kind muss ich diesen Spruch gehört haben, nicht nur einmal, öfters, auch wenn ich nicht mehr weiß, von wem. Aber ganz deutlich erinnere ich mich plötzlich an meine kindliche Vorstellung vom Loch im Kopf, kreisrund, nicht einmal besonders groß, dahinter ist es schwarz. Kein Blut gehört zu der Vorstellung, auch keine Schmerzen, das Loch im Kopf, in der glatten Schädelwand, etwa an der Schläfe, sieht eher aus wie das eines Nistkastens, passt ja auch, denke ich, wir haben schließlich alle einen Vogel.

Samstag, 28. Mai 2016

Viel Spaß, sagt der Kellner

, als er uns den Kuchen aufs Tischchen stellt, Cheesecake für S., Brownie für mich, wir sitzen draußen, es ist wärmer als ich dachte, ich ziehe meine Jacke aus und an dem Tag nicht wieder an. Wir sprechen über Medikamente in Einmaldosis, die uns, obwohl wir uns in verschiedenen Fällen schon von ihrer Wirksamkeit überzeugen konnten, verdächtig vorkommen, es sollten doch bitte immer drei Tabletten sein, sage ich, damit man das Gefühl hat, an drei Tagen aktiv was gegen seine Krankheit zu tun, es können ja Placebos dabei sein, wäre mir egal. Dann überlegen wir, wann wir uns das nächste Mal sehen, ob ich S. besuchen könnte, noch bevor sie im Juli wieder einmal herkommt, wir schauen auf den Platz vor uns, auf die Bäume Autos Fahrradfahrer und ich habe ein spezifisches Berlin-Gefühl, das mich inzwischen nur noch sehr selten überkommt, nämlich wenn ein Moment die Erinnerung daran weckt, wie ich es mir mal vorgestellt hatte, hier zu leben, in der schönen, schrecklichen Hauptstadt. Neben S. in einem Café zu sitzen und über dies und das zu reden, unaufgeregt, eine Insel der Vertrautheit in all der weitgehenden Anonymität, die Berlin einem schenkt, das trifft es schon relativ gut.
Viel Spaß damit, das hat der Typ im Handyladen eben gesagt, erzählt S., und der Kellner wünscht uns zum Abschied erneut: Viel Spaß noch, mit einem strahlenden Lächeln, das wir so aus Prinzip nicht erwidern, es ist ein Grad an Freundlichkeit, sage ich im Weitergehen, der schon wieder misstrauisch macht. Musst du zufällig zum Baumarkt?, fragt S., und ich sage: Ja, zufällig schon, tatsächlich will ich mir Holz zuschneiden lassen, um damit die Spüle zu verkleiden. Beim Zuschnitt muss man eine Nummer ziehen, ich habe die 68, angezeigt wird die 62, S. macht sich auf in die unendlichen Weiten zwischen den Regalreihen, um einen Schraubenzieher und Porzellankleber zu suchen, nach ein paar Minuten drückt mir ein Typ die 66 in die Hand, das dauert mir hier zu lange, sagt er, und als S. zurückkommt, beschließe ich, dass auch mir das zu lange dauert.
Und was machst du jetzt?, fragen wir uns, als wir wieder draußen stehen, ich weiß, dass meine Nachbarn heute im Hof grillen, aber habe ich da jetzt schon Lust drauf? Eigentlich nicht, eigentlich will ich lieber noch ein bisschen mit S. durch die Straßen gehen, in eine Boutique, vor deren Eingang aus Vintagekleidern zurechtgenähte Hipster-Kleider hängen („Los modernos“, sagte M. neulich zu ihrem Vater, um ihm das Wort Hipster zu übersetzen, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Zukunft nur noch von „den Modernen“ zu sprechen). Wir schauen uns die Kleider erst genauer an, als wir den Laden nach einer kurzen Runde wieder verlassen haben, eigentlich ganz schön, sagt S., ja eigentlich, sage ich, und der Verkäufer, der sich von hinten an uns herangeschlichen hat, fragt: Wieso denn nur eigentlich?, er mustert uns und fragt: Mal im Ernst, warum solltet ihr nicht solche Kleider tragen?, was mir schmierig vorkommt, denn wenn er uns auch nur einmal kurz angeschaut hat, kann sich das unmöglich beziehen auf: ihr mit eurem Style, sondern bloß auf: ihr mit euren Körpern.
Aber sieh mal, sage ich im Weitergehen zu S., die Leute sehen viel mehr Potenzial in uns als wir selbst, die denken, wir könnten in Vintagekleidern durch die Welt tänzeln, die denken, wir würden viel Spaß haben. Ich könnte, sage ich dann, hier im Eisladen arbeiten, tatsächlich ist da ein Aushang, Aushilfe gesucht, und S. wirft mir erst einen Seitenblick zu, ob ich das wohl ernst meine, ich sage: Wo ich doch sonst grad nix mit mir anzufangen weiß, und sie sagt: Ja, warum nicht. Kurz stelle ich es mir sehr wunderbar vor, an Sommertagen hinter dem Tresen zu stehen und Hörnchen, Waffeln sagt man hier, mit Vanille, Pistazie, salzigem Karamell in die Hände anderer Menschen zu drücken, dann sind wir schon in der nächsten Boutique, wo ich mir neue Sandalen kaufe und S. sich ein Jäckchen, die beiden etwas verspulten Verkäuferinnen scheinen uns durchaus sympathisch zu finden, dabei hat S. vorhin noch erzählt, sie wäre in dem Laden früher auch schon mal schief angeschaut worden.
Aber inzwischen sind wir wahrscheinlich viel mehr so die Zielgruppe, sagt sie, als wir wieder draußen stehen, und ich sage: Klar, sowieso, wir sind jetzt Mitte dreißig, im besten Konsumentinnenalter, zumindest von außen betrachtet kein Vergleich zu den armen Studentinnen, die wir waren, als wir uns kennen gelernt haben vor zehn Jahren, neulich habe ich ein Foto gefunden von uns, von damals, wir waren Babys, sagte S., als ich es ihr zeigte, wir waren melancholische Babys, wir hatten ja keine Ahnung und wussten doch alles, alles so viel besser als heute. Zum Abschied umarmen wir uns, wir sagen: Bis bald, als wäre dieses Bald schon morgen oder übermorgen, und für eine Sekunde fällt es mir leicht zu vergessen, dass es so nicht ist.

Dienstag, 24. Mai 2016

Gelesen: Delisle, Klemm, Basener

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem
Graphic Novel. Der Comiczeichner Guy Delisle begleitet seine Frau, die bei „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, nach Israel. Sie wohnen mit ihren Kindern in Ost-Jerusalem, und Guy begegnet der Stadt, dem Land mit einer sympathischen Unvoreingenommenheit, mit viel Unwissen und ohne große Erwartungshaltung. Er lässt sich überraschen und seine Leserinnen daran teilhaben: an einer samstäglichen Autofahrt durch Mea Shearim, an den betrunkenen Haredim zu Purim, an dem Leben der Siedler und Araber in Hebron und so weiter. Gerade diese Unvoreingenommenheit ist eine schöne, seltene Haltung einem Land gegenüber, über das, wie mir oft scheint, jeder eine Meinung hat; wie über kein anderes Land wird über Israel Bescheid gewusst und geurteilt. Sehr angenehm, wenn da mal jemand kommt und neugierig guckt und eventuell erst mal ein paar Skizzen machen will. Außerdem mochte ich, wie Guy Delisle sein Vater- und Hausmanndasein immer mal wieder thematisiert. Hier gibt es eine Leseprobe. 

Gertraud Klemm: Muttergehäuse
„Aberland“ mochte ich sehr, noch einmal auf das aktuelle Buch aufmerksam geworden bin ich durch ein Interview mit der Autorin, aus dem ich im Kopf behalten habe, dass man „Muttergehäuse“ nicht wie einen Roman lesen dürfe. Das Buch ist geprägt von einer radikal persönlichen Sicht, ausgehend vom Kinderwunsch der Erzählerin, der unerfüllt bleibt, bis sie und ihr Mann sich zur Adoption entschließen. Der Blick aufs Mutterdasein in all seiner klaustrophobischen Enge und Kontrolliertheit-durch-Gesellschaft ist dabei alles andere als romantisierend. Die Außenseiterposition der nichtleiblichen Mutter wird sehr eindringlich beschrieben, auf eine ruppige, auch mit sich selbst ruppige Art geht es einmal quer durch alle Gefühlslagen, aber die Schilderungen kommen niemals emotionalisierend daher. Es ist ein Buch, das zu sich selber spricht, ein Sich-über-sich-selbst-klarwerden, an dem die Leserin teilhaben kann, hier wird keine Geschichte erzählt, sondern man bekommt die Möglichkeit, an einer Gefühlsentwicklung teilzuhaben, und diese Erzählhaltung hat mir sehr gefallen. Leseprobe hier. 

Anna Basener: Heftromane schreiben und veröffentlichen
Man sollte sich von den selbstironischen Kapitelüberschriften („1. Warum? Mitreißende Einleitung über die Notwendigkeit dieses Buchs“) nicht täuschen lassen, es handelt sich um einen sehr ernst gemeinten und ernst zu nehmenden Ratgeber für alle, die gerne einen Heftroman schreiben wollen (und dazu zähle ich). Denn es gibt einiges zu beachten, wenn man die Dramaturgiefolge „Das Verlieben. Der Konflikt. Die Lösung. Das Happy End“ auf 90 Manuskriptseiten so umsetzen will, dass die Heftroman-Lektorin vor Freude in die Hände klatscht. Ob es mir gelingen wird?, fragte sich die Bloggerin bange. Zunächst mal muss ich wohl zu Recherchezwecken erst noch einige Heftromane lesen.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Ein paar Fotos aus der letzten Zeit

Graffiti.

Viele Köpfe.

Ein Mann mit Schwanz.

Ist das auch noch diese so genannte Sharing Economy?

Und da hab ich meine Steuererklärung reingeworfen.

Lektüre: Annemarie Schwarzenbach. "Es war auf jeden Fall gut." Oh Zigaretten, oh Melancholie.

Hierüber könnte man nun lange nachdenken.

Was es alles gibt.

Was es außerdem alles gibt.
 
Frauenzeitschriften. So interessant.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Erinnerungen an mein früheres Leben: Doktor P.

Doktor P. ging zum Rauchen immer in den Keller; in die Tiefgarage unter dem ambulanten OP-Zentrum, das ihm gehörte und dessen Räume er, nach Bedarf auch mit Personal, an Ärzte verschiedenster Disziplinen vermietete, die dort allerhand Eingriffe durchführten: Fettabsaugungen, Abtreibungen, Grauer Star. Zu einem dieser Ärzte und seinem Team gehörte auch ich. Ich saß an „unseren“ OP-Tagen an der Rezeption des OP-Zentrums, begrüßte „unsere“ Patienten, bereitete sie auf ihre OP vor und verabschiedete sie danach wieder; medizinische Kenntnisse brauchte ich dafür nicht.
Doktor P. war Anästhesist; nicht das anspruchsvollste aller Fachgebiete, wie man sagt. Weil „unsere“ Patienten keine Vollnarkose brauchten, hatte ich mit ihm nicht viel zu tun. Aber natürlich war er immer präsent, führte Anästhesie-Aufklärungsgespräche mit den Patienten anderer Ärzte und stand oft selber mit im OP-Saal. Oder eben im Keller, um zu rauchen.
„Guten Tag, ich hab hier heute einen Termin“, so was in der Art sagten die meisten Patienten, wenn sie an die Rezeption traten, ganz als müsste man wissen, wer derjenige sei und um wie viel Uhr der Termin. „Sie müssen mir schon auch Ihren Namen sagen!“, hatte mich eine Sprechstundenhilfe einst angefahren, als ich mich ähnlich wurstig an der Rezeption gemeldet hatte. „Der steht Ihnen schließlich nicht auf die Stirn geschrieben!“ Mir war es wichtig, immer freundlich zu bleiben. „Sagen Sie mir bitte einmal Ihren Namen? Ja, schön, dass Sie da sind! Haben Sie den Aufklärungsbogen dabei?“
Weil ich zu jedem Patienten dasselbe sagte, jedem dasselbe erklärte und mir irgendwann nicht mehr sicher war, wem ich was schon gesagt und erklärt hatte, gewöhnte ich mir ein andauerndes „Wie gesagt“ an. „Das sind wie gesagt die Schmerztabletten, die Sie wie gesagt dreimal am Tag nehmen müssen …“ Das Gute war, dass sich „unsere“ Patienten alle auf das Ergebnis der OP freuten, und es war schön, mich ein bisschen um sie kümmern zu können, an einem für sie doch recht aufregenden Tag.
Mit zehn Euro die Stunde kam mir der Job fürstlich bezahlt vor. Ich hatte ihn von einer Freundin übernommen, die in Germanistik promoviert hatte, wiederum über einen Bekannten an der OP-Rezeption gelandet war und es dort nur zwei Monate ausgehalten hatte. Im Gegensatz zu mir, ich blieb fast zwei Jahre lang dabei. Damals verstand ich mich selbst noch als Künstlerin, aber leben, nein leben konnte ich davon natürlich nicht. Einen seltsamen Nebenjob zu haben war ebenso Notwendigkeit wie Teil der Selbstinszenierung.
Meine drei Kolleginnen hingegen, die in Vollzeit angestellt waren, gingen ihrer Arbeit mit der miesen Laune von Menschen nach, die keinen Gedanken daran verschwenden, dass der eigene Job etwas ist, das Spaß machen oder gar das Leben mit Sinn erfüllen sollte. Waren sie zu zweit, lästerten sie jeweils über die nicht anwesende Dritte; dass über mich wahrscheinlich ebenso gelästert wurde, blendete ich einfach aus. Aber als mir angeboten wurde, meine Stundenzahl deutlich zu erhöhen, lehnte ich vor allem deswegen ab, weil ich in und mit diesem Team nicht noch mehr Zeit verbringen wollte.
Wenn Doktor P. nichts anderes zu tun hatte, schlurfte er wie ein Teenager, dessen Oma sich aufregen würde, dass der Junge die Füße nicht vom Boden bekommt, durch die Räume, beobachtete durch die Bullaugenfenster der OP-Türen, was dahinter vor sich ging, oder stellte sich an die Rezeption, hinter mich und die Auszubildende aus seinem Team, die dort auch immer saß. Für die wenigen Lücken im Tag hatte ich immer ein Buch dabei, und einmal nahm Doktor P. es ohne zu fragen in die Hand, schaute auf den Titel („Rot und Schwarz“ von Stendhal) und warf mir über seinen Brillenrand hinweg einen fragenden Blick zu, fragte aber nichts. Wir haben nie viel miteinander geredet, waren uns aber sympathisch, er mir mit seiner jungenhaften Art, und ich ihm, ja, wie habe ich wohl auf ihn gewirkt. „Soll ich sonst noch irgendwas beachten?“, fragten ihn seine Patienten manchmal, eine letzte Frage, gestellt vorne an der Rezeption. „Rauchen Sie?“, fragte Doktor P. dann jeweils. „Ja? Dann hören Sie auf zu rauchen.“

Mittwoch, 20. April 2016

Wenn ich mir was wünschen dürfte

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Nachtrag zu Elena Ferrante: Ihre Bücher erscheinen ab September bei Suhrkamp. Und wer die Autorin eigentlich ist, weiß immer noch keiner.
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"Und wie alt bin ich?"
"Achtundneunzig, Frau Sonnenschein."
"Oh, mein Gott, watt ne alte Schachtel!"
Ich und meine Alzheimer-WG – eine TV-Reportage von Donya Farahani
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"Nun muss er seinem eigenen stückweisen Sterben zuschauen. Merkt, wie jeden Tag etwas Neues in ihm verloren geht. Diebesbanden wüten in ihm und räumen ihn langsam aus. Stehlen seine Fähigkeiten, seine Vorlieben, seine Gedanken und Erinnerungen."
Ein halber Held – eine Hör-Reportage von Andreas Wenderoth (der über die Demenz seines Vaters auch ein Buch geschrieben hat).
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Oh die Naturwissenschaften und ihre wunderbaren Begriffe: Verdriftung. Könnte eigentlich auch eine Lebenseinstellung beschreiben, eine Haltung. Wenn man sich einfach ziellos treiben lässt, sich der "passiven Ausbreitung" hingibt eben.
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Männer kommen hingegen selten in die Meckerrolle. Zum Habitus dieser urbanen, alternativen Männer, die sich angeblich so in Haus- und Familienarbeit einbringen, gehört typischerweise eine ostentative Gelassenheit. Diese Männer sind meist ganz autonom und machen einfach »ihr Ding«. Umgekehrt gelten die Frauen eher als unentspannt, anspruchsvoll und unnötig aufgeregt - man könnte auch sagen: hysterisch - im Privaten und auch in Sachen Erwerbsarbeit bzw. finanzieller Sicherheit.
Sarah Speck über ihre Studie zu Paaren, in denen die Frau das Haupteinkommen verdient. (Seufz.)

Montag, 18. April 2016

Reisenotizen

Wie lange der Bus wohl ins Zentrum braucht?, fragt mich die Frau neben mir, ich schätze, 15 bis 20 Minuten, aber genau weiß ich es nicht. Auch zum ersten Mal in Barcelona?, fragt sie. Ja, sage ich. Exciting, sagt sie. Yes, sage ich. Dass sie aus Schweden kommt, erzählt sie mir dann noch, und dass ihre Tochter hier leben würde, ein Baby bekommen habe vor sieben Monaten, sie würde es jetzt zum ersten Mal sehen. All my children live far away, sagt sie. That’s nice, sage ich und denke, dass es somehow auch sad ist. Ob ich denn auch jemanden kennen würde in der Stadt? Nein, sage ich, ich bin einfach nur so hier. Um mir die Stadt anzuschauen. Ach was? Der Frau scheint das ein wenig merkwürdig vorzukommen, und mir mit einem Mal auch.
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„Tourism kills the city“, steht auf einem Aufkleber in der Metrostation, bei der ich raus muss, und in der Straße, in der wir wohnen, hat jemand „Tourists go home“ an eine Häuserwand gesprayt. Beim Spaziergang durch das sehr nette Viertel kommen wir an einer Art autonomen Zentrum vorbei, das per Schaufensteraushang auch auf Englisch über die Entwicklung der Stadt informiert. Dass die inzwischen abgewählte Regierung die Stadt in einen fucking Lunapark verwandelt habe, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Dass den Bewohnern nichts anderes übrig bleibe, als schlecht bezahlte Servicejobs oder Sexarbeit zu machen. Wir füttern euch, wir füllen euch ab, wir wischen eure Pisse weg und wir – warum sagen wir es nicht ganz offen – ficken euch, also was könnt ihr tun? Erzählt zu Hause nicht allen, in was für einem netten Viertel ihr da gewohnt habt. Äh, okay. Der Aufkleber in der Metrostation ist ein paar Tage später wieder verschwunden, und auch das „Tourists go home“ wird schnell übermalt.  
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Unser Airbnb-Apartment ist mit Familienfotos, scheinbar an der Garderobe vergessenen Kleidern und Schminktäschchen im Bad so persönlich eingerichtet, als würde die Besitzerin es uns tatsächlich bloß untervermieten, während sie selbst auf Reisen ist. Eine Illusion, typisch Airbnb: Am Kühlschrank kleben zahlreiche Dankes-Zettelchen von früheren Gäste, die Daten reichen bis zu drei Jahre zurück, drei Jahre, in denen diese Wohnung wahrscheinlich so oft vermietet wurde, wie es nur ging, und in denen sich eine seltsame Seelenlosigkeit hier eingeschlichen hat, die das ganze Authentizitäts-Gefimmel als Attrappe enthüllt. Der Gedanke daran, bei der nächsten Reise eine tatsächlich seelenlose Ferienwohnung zu mieten, um sich über diesen „Authentizität als höchster Wert, Authentizität als Fiktion“-Scheiß, der unsere Generation zerstört hat, nicht mehr nachdenken zu müssen.
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Suchbild mit Papagei
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Hoch oben im Park Güell stehend, die Stadt überblickend, einem Gitarrenspieler lauschend, der hier seine kleine Anlage aufgebaut hat und wehmütig singt, darüber, wie er nachts wach liegt und nicht weiß, was er tun soll, so viel Spanisch verstehe ich gerade noch. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt, so genau, als lägen die Zeiten des Garnichtweiterwissens keine Jahre, sondern erst Wochen zurück, und als ich dem Gitarrenspieler ein paar Euros in seinen Gitarrenkoffer lege und seinen müden Blick auffange, ahne ich, dass es ihm ganz ähnlich geht.
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In der Sagrada Familia ausgerechnet von der Stimme des Audioguides aufgefordert zu werden, den Audioguide doch mal Audioguide sein zu lassen, die Kopfhörer abzunehmen, einen Moment innezuhalten, ganz egal, ob ich religiös sei oder nicht.
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Es ist verboten, von den „blanket salesmen“ etwas zu kaufen, verkündet ein Schild an der Hafenpromenade. Auf ihren großen Decken bieten die salesmen Sonnenbrillen, Turnschuhe und Souvenirs an, mit uns schlendern zwei Polizisten die Promenade entlang, und wie können zusehen, wie ein salesman nach dem anderen einpackt, die Decken verwandeln sich in riesige Säcke, die die salesman auf dem Rücken tragen, während sie weiterziehen.
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Wir fahren mit dem Touristenbus, machen eine Touristenführung mit, liegen am Touristenstrand und erkennen Deutsche auf Anhieb als Deutsche, was im Umkehrschluss ja wohl heißt, selbst auch auf Anhieb als Deutsche erkannt werden zu können. Aber dass man diesen Deutschen dann auch noch mehrmals über den Weg laufen muss, ist doch irgendwie verhext. Das ältere Paar, das sich im Café vom Miro-Museum zu uns gesetzt hat, kommt uns am nächsten Tag beim Spaziergang durch Barceloneta wieder entgegen, das junge Dreier-Gespann, das auf der Placa del Sol am Nebentisch saß, taucht anderntags am fast fünf Kilometer langen Strand genau an dem Fleckchen auf, das wir uns ausgesucht haben.
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Schatten werfen keine Schatten

Donnerstag, 7. April 2016

Gelesen: Petrowskaja, Winnemuth, Spät

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther
Einen großen Erzählbogen zu spannen ist überhaupt kein zeitgemäßes Konzept mehr, scheint mir. Wir müssen, siehe Schimmelpfennig, siehe Kuckart, siehe eben auch Petrowskaja, in Episoden und Fragmenten erzählen, mit losen Fäden und offenen Enden. Und wir müssen dabei, scheint mir, überhaupt gar keine Gewissheiten haben. Was sollen das eigentlich sein, Gewissheiten? Leseempfehlung für das Buch, in dem die Autorin ihrer Familiengeschichte nachgeht, die sich für den Blog nicht tumb in zweidrei Sätzen zusammenfassen lässt (mehr auch zur Autorin hier).

Meike Winnemuth: Das große Los
Das ist der Stoff, aus dem die Bestseller sind: Journalistin gewinnt 500.000 Euro bei „Wer wird Millionär“ und macht daraufhin eine Weltreise, jeden Monat verbringt sie in einer anderen Stadt. Flott geschrieben, ich hätte mir allerdings mehr Erlebnisse und Schilderungen von unterwegs gewünscht als immer wiederkehrende Reflektionen darüber, was das Reisen mit der Autorin „macht“.

Patrick Spät: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch
„Fragt sich jetzt, ob das genial oder total bescheuert ist“, sagte ich zur Buchhändlerin, als ich das Buch an der Kasse liegen sah. „Ich glaube, es ist gut“, sagte sie sanft, „sonst würden wir es nicht immer wieder nachbestellen.“ Also mal mitgenommen und schnell durchgelesen, schließlich hatte ich gerade keine Arbeit, d.h. meinen letzten Auftrag abgeschlossen und noch keinen neuen in Aussicht, was die unter Freelancern sicher allseits bekannte Weltuntergangs-Panik zur Folge hatte („Ich werde nie wieder einen Auftrag bekommen!“). Da kam dieser tatsächlich sympathisch geschriebene Aufruf zu mehr Müßiggang gerade recht. Dochdoch, es lohnt sich, die allgemeine Vergötterung der Erwerbstätigkeit mal zu hinterfragen. Allerdings ist es auch ein unglaubliches Privileg, wie in meinem Fall mal für zwei Wochen (so lange hat es gedauert, bis der nächste Auftrag da war) auf Arbeit verzichten zu können. „Die meisten Geringverdiener können es sich ja noch nicht einmal leisten, in Teilzeit zu arbeiten“, stellt auch der Autor fest, allerdings erst im letzten Kapitel. Lösungsansätze wie 30-Stunden-Woche und bedingungsloses Grundeinkommen in allen Ehren, aber ich habe immer noch nicht ganz verstanden, warum auch ich mich von den Mühlen des Kapitalismus nur allzu leicht zermahlen lasse. Bei der Lektüre zum ersten Mal gelacht auf S. 21: „Beim Kaffeeautomaten (…) unterhielt ich mich mit einer jungen Kollegin. Sie sagte zu mir: „Ich gehe in meinem Job voll auf.“ O ja, ich auch: Ich zerfalle in meine Einzelteile, ich atomisiere mich, ich gehe nahtlos ins Nirwana ein, ich harmonisiere mich mit der völligen Inhaltsleere.“

Dienstag, 29. März 2016

… and an old man with a fan


Trade cards depicting women, flowers, babies, a kitchen, a frog, fishing and an old man with a fan sitting on a barrel – from The New York Public Library
Noch eine Liste zum Durchgucken: 100 Filme von Regisseurinnen.
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Mop Macramé. Überhaupt ein toller Blog. "Making stuff happen with little time and energy": sollte ich eigentlich auch mal öfter.
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Dienstag, 22. März 2016

Gelesen: Kippenberger, Keun, Schimmelpfennig

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf der Familie – Jessica Mitford und ihre Schwestern
Ach, wie lange habe ich an diesem Buch herumgelesen, über ein Jahr lang bin ich immer wieder eingetaucht in die Lebensgeschichte von Jessica Mitford, die 1917 als fünfte von sechs britischen Upper-Class-Schwestern geboren wurde und später als politische Aktivistin und Autorin in den USA lebte. Es ist Susanne Kippenberger gut gelungen, eine (man kann es nur ahnen) schier unüberschaubare Menge an Recherchematerial zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Sehr nett, vielleicht schon fast ein bisschen zu nett schreibt sie über die exzentrische, engagierte, eigensinnige „Decca“, was die Lektüre unterhaltsam, ja geradezu kurzweilig macht, mich aber leider nie richtig gepackt hat.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen
Das kunstseidene Mädchen – das sind wir!, sagte K. mal zu mir, und als S. das Buch dann neulich auch erwähnte, wusste ich, dass ich es jetzt endlich mal lesen muss. 1932 wurde der Roman erstveröffentlicht, er spielt in den 1920ern in Berlin: Hierhin geht Doris, die Ich-Erzählerin, um „ein Glanz“ zu werden, was irgendwie berühmt, begehrt und reich bedeutet. Zwecks Vermeidung von Erwerbsarbeit, oft auch zwecks Erotik hangelt sich Doris von diesem zu jenem Mann („Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus“) – auch dann noch, als es überhaupt nichts Glanzvolles mehr hat. Das ist alles sehr wahr, sehr witzig, sehr wunderbar. Wenn auch die Zeiten, da ich ein kunstseidenes Mädchen gewesen sein soll, schon so lange zurückliegen, dass ich mich kaum noch an sie erinnern kann.

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Nach Ende der Lektüre notierte ich mir (eigentlich nicht für den Blog, deswegen minimal wirr): „Ich mochte das Schimmelpfennig-Buch, wie kalt es war, wie traurig es war, dass es Zärtlichkeit gab und Gewalt, dass es den Chilenen gab, der nur Geschichten erzählte und eigentlich gar kein Chilene war, und dass es einen Polen gab, der Angst vorm Alleinsein hatte, und eine vom Leben enttäuschte Mutter, die ihre Tochter schlug und wie die dann wegrannte, und wie die Tochter einer andere Mutter deren Tagebücher verbrannte, und wie die Straßen alle so genau benannt waren, und wie da der Wolf war, der einsame Wolf, natürlich, und wie das im Klappentext (ich lese Klappentexte immer als Letztes von einem Buch, ich finde, Klappentexte verraten zu viel und auch das Falsche, schlagen den falschen Ton an) erwähnt wird, aber im Text gar nicht diese dämliche Eindeutigkeit bekommt, die man erwarten könnte, ich mochte die Konstruktion, und wie der Förster einfach starb und tot war und vorher noch Angst hatte, er könne es nicht schaffen, und wie der Mann und sein Bruder tranken, und wie der Alkoholiker sagte, wer sagt denn, dass ich da bin, und wie alles, fast alles, ineinandergriff und sich verwebte, zu einem Teppich mit Löchern, mit Brandflecken, einem ausgetretenen Teppich, einem Fußabtreter, einem Teppich von Berlin. Ich mochte, dass die Figuren teils nur Marionetten waren, dass die Figuren komisch waren aber nicht allzu, ich mochte das alte Pärchen da unten, die ihre Wohnung nicht verließen, das uralte Männlein und sein Weib, und wie es in ihrer Wohnung stank, und wie die Leute zueinander sagten: Du kannst mit mir kommen, du kannst hier bleiben, und wie ich mir dieses Lebensgefühl immer gewünscht und es nie gefunden habe, in Berlin nicht, nirgends. Und wie man nicht weiß, was aus allen wird, und wie weh das tut, und wie es eben am Ende kein großes Bumm gab, kein großes Finale mit Auflösung und Zusammenführung und was weiß ich, sondern wie man sich vorstellen kann, dass diese episodische Struktur immer so weitergeht und wir alle durch diese oder jene Episode miteinander verbunden sind.“
Kurz: Ich mochte das Buch.

Dienstag, 15. März 2016

Und die AfD?, fragte mich der Mitarbeiter vom Meinungsforschungsinstitut.

Wer?, fragte ich.
Die AfD. Alternative für Deutschland, sagte er.
Keine Ahnung, sagte ich. Nie von gehört, sagte ich. Auf jeden Fall unter fünf Prozent, sagte ich.
Wann hat dieser Anruf stattgefunden? 2013, vor der Bundestagswahl? Es kommt mir länger her vor. Aber ich erinnere mich, wie ich nach meiner Einschätzung gefragt wurde, das Abschneiden diverser Parteien betreffend, und dass die Frage aus irgendeinem Grund so variierte, dass der Mitarbeiter vom Meinungsforschungsinstitut mehrmals die großen Parteien durchging und dann fragte: Und die AfD?
Keine Ahnung. Unter fünf Prozent.
Aufgelegt mit dem Vorsatz, mich mal über diese ominöse AfD zu informieren. Kurz gegoogelt. Mich gefragt, wer wohl Auftraggeber dieser Umfrage gewesen sein mag. Dann nicht mehr weiter dran gedacht. 4,7 Prozent waren es damals am Ende übrigens.

(Seit ich selbst mal bei einem Meinungsforschungsinstitut gearbeitet habe – kurz, aber doch –, mache ich immer mit, wenn ich mal für eine Umfrage angerufen werde. Weil ich weiß, wie froh man ist, wenn auch nur eine Person einem brav und geduldig den ganzen Scheiß beantwortet. Nicht, weil es da um meine Meinung geht – Meinung, die Trottelwährung überhaupt.)

Mittwoch, 9. März 2016

Dass diese Frau,

die an der Straßenecke steht mit Pelzmantel und -mütze und großer Sonnenbrille und Handtasche, Typ: alternde Diva–
die mich anspricht, Entschuldigung, haben Sie mal 70 Cent, ich habe mein Portemonnaie verloren–
und der ich 70 Cent in ihre schmale, warme und etwas schwitzige Hand lege, danke, sagt sie, vielen Dank, ihr Tonfall streng, fast vorwurfsvoll–
dass diese Frau mich überhaupt erst zum Nachdenken darüber bringt, wie es sich wohl anfühlen mag–
Ja, genau.

Montag, 7. März 2016

24. Damals. Als Bären im Wald zur Schule gingen

1. „Hoffentlich findet er mich nicht zu dick!“
2. „Ist mein Busen groß genug?“
3. „Sitzt mein Make-Up noch?“
Für Sie geklickt. 
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"Mein Grundeinkommen" sammelt per Crowdfunding Geld für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Immer wenn 12.000€ zusammen sind, werden sie an eine Person ausgelost.
Und eine Freundin von mir hat da neulich gewonnen. Bäm!
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Nach diesem Video erst mal gegoogelt, ob es wirklich sein kann, dass aus Supermarkteiern noch was schlüpft (für alle, die es wissen wollen: wohl eher nicht).
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I think we're just going to have to be secretly in love with each other and leave it at that …
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Und ich kann nicht mal sticken (heul!)
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Winzige Tänzer_innen!
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Ab und zu schaue ich nach, was Philipp Jahner auf BuzzFeed so macht. Zum Beispiel so was hier. ("24. Damals. Als Bären im Wald zur Schule gingen")
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Einmal so melancholisch auf einem Bett liegen wie Bill Murray.
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Perlentaucher-Rezensionen sind auch manchmal, wie soll ich sagen, eine ganz eigene Kunstform.

Donnerstag, 3. März 2016

Nichts was zu tun

Hotel Berlin, from the New York Public Library
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Es bleibt jeden Tag ein bisschen länger immer noch hell, denke ich, auf dem Fahrrad gen Sprachunterricht strampelnd, der Himmel über mir Hellblau und Rosa (die Farben der Saison, ach was, des ganzen Jahres), der Satz wie schlecht ins Deutsche übersetzt. Im Leben manchmal es ist traurig und schmerzt und es gibt nichts was zu tun, noch so ein Satz, diesmal wirklich aus einer Übung, die wir als Hausaufgabe aufhatten. Es gibt nichts was zu tun. So einfach. So wahr. So schwer zu ertragen.
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Wie viele Schauspieler jetzt Bücher schreiben, sagt G., der selber Schriftsteller ist, ich hätte ja nichts dagegen, sagt er, mal eine Rolle im Theater zu übernehmen, den Hamlet vielleicht, ich denke, ich werde an der Schaubühne mal anfragen, was da möglich ist.
Als ich ihn neulich traf, um mir mit ihm einen Film auf der Berlinale anzuschauen (Wir haben uns so lange nicht mehr getroffen!, sagte G. am Telefon. Willst du dich nicht mehr mit mir treffen, dann sag es gleich, dann leg ich wieder auf!, worüber ich, wie mir jetzt auffällt, nur deswegen lachen musste, weil G. sich zu hundert Prozent sicher sein kann, dass ich mich jederzeit mit ihm treffen würde; ein Prozent Unsicherheit hätte das Ganze schon irgendwie unangenehm gemacht), als ich ihn also neulich traf und zur Begrüßung umarmte, roch er wie eben erst aus dem Bett gefallen – nach verbrauchter Luft, Bettwäsche, die mal gewechselt werden müsste, und Träumen, an die man sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann. Als bräuchte er jetzt erst mal einen Kaffee. Dabei war es schon sechzehn Uhr. Und ich hätte G. als patenten Familienvater nicht mal einen Hauch dieser Verlottertheit zugetraut, die er in dem Moment verströmte. Lass uns noch was essen gehen, sagte G. nach dem Film („Rafi Pitts gehört zu den großen Mysterien des Berlinalewettbewerbs der Ära Kosslick. „Soy Nero“ ist bereits sein dritter Film, der um den goldenen Bären konkurrieren darf. Ein auch nur halbwegs gelungener war bislang nicht darunter“), in irgendeins dieser seelenlosen Restaurants hier.
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Seelenlos, ein Wort, das mir gestern wiederbegegnete. Ich gehe nie zu Aldi, sagte I., als wir vom Sprachunterricht wieder nach Hause radelten, ich finde die Läden immer so seelenlos. Dabei sind wir früher mit der Familie oft dorthin, sogar Brot haben wir bei Aldi gekauft, erzählt er und ich sage: Ja, wir auch, als wir noch klein waren und die Eltern wirklich sparen mussten, haben wir dort immer Großeinkäufe gemacht, meine Mutter mit dem Auto und die Kassiererin, die denselben Vornamen hatte wie ich und wie ich mich an der Kasse, vorne im Einkaufswagen sitzend, manchmal schlafend stellte, weil mir diese Kassiererin nicht wirklich sympathisch war, all diese Erinnerungen sind auf einmal wieder da. Aber das hat nicht dazu geführt, dass ich irgendwelche sentimentalen Gefühle habe, wenn ich einen Aldi betrete, sage ich zu I., er lacht. Guten Hummus soll es im Aldi geben, hat uns eine andere Sprachkursteilnehmerin erzählt.
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Seelenlos. G. und ich sind dann in den PizzaHut gegangen, und es hat uns gut geschmeckt. 

Freitag, 26. Februar 2016

Schabischu dü Poatuh

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Der musste sein, was, tagesschau.de?
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Geschichtsstunde: Die Madgermanes.
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Grape Expectations.
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These Cali stars are hypnotizing. They have a presence to them, like they’re heavy. Like they’re hanging from God’s fingers and dangling right in front of your nose, if we believed in that sort of thing.
The Man Dangling the Stars, sehr schöner Text über eine sehr schöne Haltung zum Leben.
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… Moment mal …
Wollten wir denn nich’
Geister rufen eigentlich?
Meister von Aike Arndt.

Montag, 22. Februar 2016

Wenn ich mal eine Frittenbude eröffne,

dann gibt es da nicht nur Hamburger, sondern auch Würzburger, Freiburger und Salzburger („Die folgende Liste enthält länderübergreifend alle Städte mit BURG“).
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Ich fände es schön, wenn sich auch die anderen kritiker_innen der sendung mal besser mit der show befassen würden. Die subtilität, mit der ausbildung und arbeit im neoliberalismus dort nämlich stattfinden, findet sich genauso an den meisten arbeitsplätzen, die ich bisher so kennen gelernt habe (dienstleistungssektor ohne vorausgesetzte qualifizierungen) – alle sind nett, und kritik darfst du üben, und deine personality bringst du auch ein, aber wenn du schwierig bist, dann kriegst du halt weniger_schlechtere schichten oder deine probezeit wird nicht zum festen vertrag.
 technocandy über Germany’s Next Topmodel.
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Machen die Kinder am Tisch Quatsch, werfen wir uns verschwörerische Blicke zu und rollen unbeobachtet ein bisschen mit den Augen. Selbst wenn wir die vollgespuckte Bettwäsche eines Kindes in der Nacht abziehen, sitzt jeder Handgriff und wir sind ein echt gutes Team. Ich finde das alles höchst romantisch.
Frische Brise ist mir so sympathisch.
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Der Berlinale Trailer ist toll. Die Sterne, das Feuerwerk, die Musik. Sie dürfen diesen Trailer niemals ändern.
Aber ich sehe es schon kommen. Irgendwann tritt Kosslick ab und dann übernimmt ein anderer den Laden und macht erst mal Relaunch. Aus “Berlinale” wird: film.woche.berlin.
Aber noch ist es nicht so weit.
Alles ist gut.
Ich fühle dasselbe wie Frau Ruth.
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Auf der Berlinale am meisten beeindruckt gewesen von: Tempestad. Ein mexikanischer Dokumentarfilm von Tatiana Huezo, in der eine Frau aus dem Off ihre Geschichte erzählt, während die Zuschauer auf eine Busreise quer durch Mexiko mitgenommen werden. Wie diese Frau wegen Menschenhandel verhaftet wurde, obwohl sie unschuldig war. Weil irgendjemand bezahlen muss, wie ihr der Anwalt sagte. Wie sie ein Jahr im Gefängnis verbrachte und ihre Angehörigen Geld bezahlen mussten, damit ihr dort nichts passierte. Eine Geschichte wie aus einer anderen Welt. Aus unserer Welt. Hier ein Interview mit der Filmemacherin.
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One of these mornings
Won't be very long
You will look for me
And I'll be gone
Ohrwurm von früher.

Freitag, 12. Februar 2016

Notizen

Opportunity: The Salesman’s Guide, from The New York Public Library
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Die Nominierungen zum Preis der Leipziger Buchmesse sind draußen: In den Kategorien Belletristik und Sachbuch sind insgesamt neun Männer und eine Frau nominiert, in der Kategorie Übersetzung sind es vier Frauen, ein Mann. Aha. (Dieses Buch werde ich sicher lesen.)
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Unter Vätern gibt es so gut wie keine Diskussion über die eigene Rolle und darüber, wer innerhalb der Familie welche Arbeit übernimmt. Selbst für die meisten schreibenden Väter ist das Privatsache und wird auf ihren Blogs oder in ihren Tweets neben den Tests für Kinderwägen kaum thematisiert. 
Jochen König über feministische Vaterschaft.
Dazu auch:
Oje Mann. Du hast es wirklich nicht einfach. Alle sind schuld: Die Mails vom Chef aufs Smartphone, die Turnierplanung des lokalen Fussballvereins, die Frau, die Gesellschaft (!). Nur du nicht.
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Yoga: Worrier Pose (in Perfektion!)
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Tolles journalistisch-literarisches Format: Die Wetterrezension
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Warum fällt das Ausmisten so schwer? Weil jedes Buch eine Seele hat, sage ich mir. Es bewahrt die Gedanken eines Menschen, vielleicht sein Lebenswerk. Ich hüte es nicht nur für mich, sondern für uns alle. Das wäre eine noble Gesinnung gewesen in der Ära vor dem Offsetdruck oder im Kambodscha der Roten Khmer. Im Deutschland von 2016 ist es schlichter Quatsch.
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Gesehen: Ulrich Seidl und die Bösen Buben (noch bis 17.2. online). Dokumentarfilm über Ulrich Seidl, in dem er sich als Meister des Sozusagens zeigt (sogar das Wort Angst kommt nicht ohne ein sozusagen aus), der nicht mal den Vornamen seiner Protagonistin kennt, die bitte nicht im Trainingsanzug, sondern im Bikini am Kicker für ihn posieren soll, weil sonst schaut das ja nach nix aus.
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Aus der Reihe „Arbeitsplätze, die was hermachen“: Das Gravitationswellen-Observatorium

Dienstag, 9. Februar 2016

Gelesen: Ferrante, Berg, Lueken

Elena Ferrante: Die Frau im Dunkeln
aus dem Italienischen übersetzt von Anja Nattefort
„Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen“, sagt die Erzählerin zu Beginn des Romans. Und dann erzählt sie doch, ganz einfach, wie es scheint. Wie sie, Uniprofessorin und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, alleine Urlaub am Strand macht. Wie sie dort jeden Tag eine neapolitanische Großfamilie beobachtet, gleichzeitig genervt und fasziniert. Und es sind ganz einfache Sätze – „Die Puppe hatte ich, sie lag in meiner Tasche“ – bei denen man beim Lesen plötzlich einen Schreck bekommt. Denn mit dieser Puppe hat das Großfamilien-Kind am Strand immer gespielt, diese Puppe wird nun vermisst und verzweifelt gesucht. „Ich war so traurig in jenen Jahren“, erinnert sich die Erzählerin an die Zeit, als ihre Kinder noch klein waren. „Arbeiten konnte ich nicht mehr, mein Körper fühlte sich leblos an, ohne jedes Begehren. (…) Alles in jenen Jahren schien mir hoffnungslos, ich selbst war hoffnungslos.“ 
Präzise und unsentimental beschreibt die Erzählerin ihre inneren Regungen – all die unbestimmten Sehnsüchte, „die ganze Wut von damals“ (und heute) – ohne sie jemals wirklich fassen zu können. Und am Faden dieser Wahrnehmung, dieser Haltung sich selbst und der Welt gegenüber hängt „ein ganzes Metaphern-Mobile des Verschwindens, Verlierens, Wegnehmens und Verlassens“, wie Till Raether schreibt, über dessen ausführlichen, sehr lesenswerten Blogeintrag ich auf die Autorin aufmerksam geworden bin.
Warum nur sind die Bücher von Elena Ferrante, die in anderen Ländern zu Bestsellern geworden sind, in Deutschland allesamt vergriffen? Doch bitte nicht, weil sie von Frauenleben handeln – und in diesem Fall von einer Frau, deren Verhalten und Gefühle nicht der gesellschaftlichen Standard-Formatvorlage entsprechen (der Klappentext spricht tatsächlich von „einer Frau, die sich nur schwer ihr Versagen als Mutter und Ehefrau eingestehen kann“, was ich für diskussionswürdig halte).
Bester Roman seit Langem jedenfalls. Ob ich jetzt warte, bis die Romanreihe „L’amica geniale“ hoffentlich im Herbst auf Deutsch erscheint, oder die Bücher auf Englisch lese? Hm.

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
Ich mag Sibylle Berg, von Weitem und auf Verdacht, seit ich „Ein paar Menschen suchen das Glück und lachen sich tot“ gelesen habe, das muss wohl, oha, 1997 gewesen sein. Aber einen Roman von ihr habe ich lange nicht mehr gelesen, weil ich diesen All-die-Menschlein-und-ihr-Streben-nach-Glück-dabei-müssen-wir-doch-alle-sterben-Stil auf die lange Strecke nicht so gut haben kann. „Der Tag, …“ tauchte in einer 2015-Buchliste einer Bloggerin meines Vertrauens auf (blöd, dass ich mir nicht gebookmarkt habe, wer das war), und da dachte ich, vielleicht sollte ich es noch mal versuchen. Und ja, das Buch ist schnell gelesen und durchaus unterhaltsam. Aber unterm Strich haben mich die Figuren nicht wirklich interessiert, fand ich das alles so unendlich vorhersehbar: Der Theatermacher und seine Frau in ihrer leidenschaftslosen Liebe zueinander und der Masseur, der für sexuellen Rausch einstehen muss (aber, wie wir am Ende erfahren, auch Gefühle hat, herrje), das Milieu, in dem die Geschichte angesiedelt ist, das Mittelmaß und der Überdruss, das Leiden an sich selbst, an der großen Ödheit, das ewige Seufzen zwischen den Zeilen.

Verena Lueken: Alles zählt
Rätselhaftes Büchlein über eine namenlose Protagonistin, die zum dritten Mal in ihrem Leben an Lungenkrebs erkrankt. Da ist sie gerade in New York und bleibt auch dort, um sich operieren zu lassen. Dieser erste Teil des Buchs mit den Krankenhausszenen, den Erinnerungen der Protagonistin vor allem an ihre Mutter, zu der sie eine sehr innige Beziehung hatte, den literarischen und filmischen Querverweisen hat mir sehr gut gefallen. Der zweite Teil spielt in Frankfurt und widmet sich dem Erleben der Schmerzen, die sehr eindringlich geschildert werden, aber ich hatte den Eindruck, dass die im ersten Teil so präzise Sprache hier zerfasert, repetitiv wird, vielleicht war das auch als Stilmittel bewusst gesetzt, aber mich hat das beim Lesen eher rausgekickt als reingezogen. Vollends ratlos hat mich dann der dritte Teil zurückgelassen, in dem die Protagonistin der Erinnerung an einen Masseur (der ihr einstmals sagte: You are kind) folgend nach Burma reist, dort einen Arzt kennenlernt, seiner Lebensgeschichte lauscht und letztlich von ihm aufgefordert wird, mit ihm in die Berge zu reisen, wo er eine Krankenstation errichten will. Ahja. Schön übrigens die Berg-Lueken-Parallele mit der Figur des Masseurs, die mir jetzt erst auffällt, man möchte sagen: „Der Masseur als Projektionsfläche in der zeitgenössischen Literatur“, und eine Hausarbeit darüber schreiben, aber man studiert ja leider keine Literaturwissenschaften und hat es in seinem Leben nur zwei Semester lang getan.

Donnerstag, 4. Februar 2016

Notizen

Tailored Smartness in Spring Suits for Ladies, from The New York Public Library
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Filmemacherinnen empfehlen Filme von Filmemacherinnen. Nachdem mein Versuch, alle Filme mit Romy Schneider zu gucken, drei Jahre nach Beginn wohl als gescheitert erklärt werden kann (aber immerhin, ich habe es versucht: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4), könnte ich mir jetzt doch eigentlich diese Liste vornehmen. Zumal mit „Cleo from 5 to 7“ von Agnes Varda und „Daisies“ von Vera Chytilova schon mal zwei Filme dabei sind, die ich ziemlich genial fand.
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Das Leben schien so unendlich wie Herr Kohl, der seit gefühlten 78 Jahren das Land betulich brabbelnd regierte, und wenn junge Menschen Pläne hatten, dann waren es Reisepläne. Reisen. In Orte, die noch nicht von Terroranschlägen beschmutzt waren, Flugzeuge, in denen Reisende nicht vorrangig Sicherheitsrisiken bedeuteten. Wenn doch nur etwas passieren würde, hofften die Meisten. Und sehnten sich nach der Jahrtausendwende.
Sibylle Berg über die Neunziger, das Jahrzehnt meiner Jugend. Ja, die Jahrtausendwende, und wie wir zu Silvester 99/00 extra nach Hamburg gefahren sind, und da rumstanden an der Außenalster oder wo, warum eigentlich. Wer feiert in Berlin schon Silvester am Brandenburger Tor, fragte H. mich neulich, und ich sagte, Leute wie du und ich, wie wir damals in Hamburg, junge Leute, Touristen.
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So meistert man also die großen Werke der Weltliteratur: Schritt für Schritt, mit fünfundzwanzig Seiten pro Tag
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Gesehen: Schnee von gestern (Trailer hier), ein unglaublich berührender Dokumentarfilm der israelischen Regisseurin Yael Reuveny, deren Großmutter und Großonkel beide den Holocaust überlebt, sich aber nach dem Krieg nicht wiedergetroffen haben. Die Großmutter ist Zeit ihres Lebens davon ausgegangen, ihr Bruder sei gestorben. Tatsächlich aber, und dem geht die Filmemacherin nach, ist er in Deutschland geblieben und hat dort eine Familie gegründet. Eigentlich ausgeliehen, weil ich auf Wikipedia gelesen hatte, dass Hauschka die Filmmusik gemacht hat (die auch sehr schön ist).
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Der Literaturbetrieb, in dem prinzipiell jeder alles macht, einfach, um sein Überleben zu sichern, ist deshalb grundsätzlich dysfunktional. Dass er trotzdem irgendwie weiter existiert, noch zumindest, liegt daran, dass es die Beteiligten schaffen, die zynische Grundlage seines Doch-Funktionierens immer wieder auszublenden. Der Preis dafür ist freilich hoch, und viele geben schließlich auf oder freunden sich mit dem Zynismus an.
Das andere Schreiben“, ein sehr lesenswerter Essay von Thorsten Krämer, der zehn Jahre lang Fernsehtexterei betrieben hat (und wegen dessen Off-Texten zu „Das perfekte Dinner“ ich die Sendung zwar nicht regelmäßig, aber wenn, dann immer sehr gerne geschaut habe, bis der Fernseher sich dann verabschiedet hat).

Dienstag, 2. Februar 2016

Gelesen: Shipstead, Friedrichs, Kuckart

Maggie Shipstead: Dich tanzen zu sehen
Ein Roman, der in der Ballettwelt spielt. Juchu! Ähem. Bevor Joan Mutter wurde, war sie mal Tänzerin, bevor Joan Mutter wurde, hat sie mal einem russischen Ballettstar (den sie sehr begehrt hat) zur Flucht in die USA verholfen, bevor Joan Mutter wurde, hat sie Jacob geheiratet, den sie seit der Jugend kennt (und nie begehrt hat), und wie sich herausstellt (Achtung „Spoiler“), ist natürlich Arslan und nicht Jacob der Vater von Joans Sohn, und wie sich herausstellt, ist dieser Sohn tänzerisch unglaublich talentiert, und wie sich herausstellt, wird Arslan am Ende mit der Frau, die als Kind bei Joan in den Ballettunterricht gegangen ist, glücklich usw. usf., es ist leicht, sich über die Vorhersehbarkeit, die Melodramatik lustig zu machen, dabei ist es schwer, so eine Geschichte zu komponieren mit all den Zeitebenen und dem ständigen Wechsel zwischen selbigen und all dem Personal und all den Ballettvideos auf YouTube, die sich die Autorin, so las ich irgendwo, zu Recherchezwecken angeschaut hat, und es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, dass man solche Bücher hin und wieder ganz gerne liest, weil sie sich eben einfach so weglesen lassen, weil sie unterhaltsam sind, weil sie nicht viel Raum beanspruchen im Geist und man sich in dem selbstgefälligen Gefühl suhlen kann, sich unter seinem Niveau zu amüsieren. Trotzdem den Vorsatz gefasst, mich in 2016 wieder vermehrt „wertvollerer“ Lektüre zu widmen.

Julia Friedrichs: Wir Erben
Untertitel: „Was Geld mit Menschen macht“, vielleicht ein bisschen verfehlt, denn worunter viele der in dem Buch porträtierten Erben leiden, ist offenbar eher, dass sie besagtes Geld nicht selbst verdient haben (der Kapitalismus, der alte Schlawiner). Dieses Etwas-verdient-haben schiebt sich seit geraumer Zeit ergebnislos in meinem Kopf hin und her, denn die Tatsache, wie wenig jeder einzelne Mensch es „verdient“ hat, in welche Verhältnisse auch immer überhaupt hineingeboren zu werden, hält die Menschheit ja nicht davon ab, immer weiter die Legende von Glückes Schmied, der wir angeblich alle selber sind, zu erzählen. Ich mag Julia Friedrichs persönlich gefärbte Art zu schreiben (Beispiel Kapitelüberschrift: „Ich werde immer so müde, wenn ich ins Jakob-Kaiser-Haus gehe“), bin ihr auch ganz gerne zu den Porträtierten gefolgt, aber meinte auch zu merken, wie ihr und damit dem Buch irgendwann die Luft ausgeht und sich die Lethargie der Verhältnisse über die Lektüre legt (Beispiel Kapitelüberschrift: „Ich werde immer so müde, wenn ich ins Jakob-Kaiser-Haus gehe“), ein paar haben Geld und schützen es und sich selbst gut, andere wiederum haben keins und können bloß an Türen klopfen, die ihnen für immer verschlossen bleiben werden, und die Politiker in besagtem Jakob-Kaiser-Haus stützen auch nur müde ihren Kopf in die Hand.

Judith Kuckart: Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück
Elf Geschichten, die lose miteinander verbunden sind durch ihr Personal, z. B. die Schauspielerin, die in Polizei-Uniform kostenlos Zug fährt und sich eine Tochter erfindet, oder der Sohn des Klavierlehrers, der einst zwei seiner Schülerinnen umgebracht hat; Figuren, die im Leben herumstehen und oft überhaupt nicht wissen, was sie da eigentlich sollen, die in ihre Abschiedsbriefe schreiben, jemand möge bitte noch die Pfandflaschen wegbringen, und die keine Antwort geben, wenn sie gefragt werden, wovor sie Angst haben – Figuren also, für die ich die größten Sympathien habe. „Als ich weiterging, sah ich, der Sommer bekam bereits braune Ränder“, so lautet der letzte Satz des Buchs und als ich es zuklappte, hatte ich das Gefühl, es eigentlich gleich wieder aufklappen und es noch einmal lesen zu müssen, aufmerksamer, genauer, um wirklich zu verstehen, wie nun alles mit allem zusammenhängt, die Figuren, die Episoden, die sich wiederholenden Anspielungen. Aber weil ich keine unaufmerksame, ungenaue Leserin bin, und weil ich dieses Gefühl von Kuckart-Büchern schon kenne, habe ich es nicht getan. Ich denke, es soll so sein. Es bleibt immer ein Rätsel zurück, etwas, das sich einem entzieht, weil Judith Kuckart eben stets sozusagen an den braunen Rändern des Geschehens entlangerzählt, die Mitte, das Eigentliche umkreisend. Das muss man mögen. Mich macht es auch immer ein bisschen nervös.

Dienstag, 26. Januar 2016

Warten auf den Weltuntergang

Irgendein Spinner hat uns erzählt, die Welt würde untergehen, und weil das einige von uns doch stärker beunruhigt, als es sollte, beschließen wir, uns zusammenzutun. Wir sitzen alle in einem Zimmer mit Blicks ins Freie, meine Eltern sind da, meine Brüder, ihre Kinder, auch M., ein guter Freund von meinem Bruder, ist dabei, die Kinder sind gut gelaunt bis verschlafen, es herrscht ein bisschen Silvesterstimmung, nur ohne Luftschlangen und Berliner. Und ohne Feuerwerk. Und die Welt geht natürlich auch nicht unter. Nicht um zehn Uhr, wie es vorausgesagt war, und auch nicht später. Stattdessen geht der Mond auf, er ist riesig, und er zieht in einer irren Geschwindigkeit sehr nah an der Erde vorbei, wir können den Mondwind spüren, er ist kellerkühl, und den Satelliten sehen, der den Mond umkreist, wir können sogar die Gebäude sehen, die auf dem Mond errichtet wurden, eine Forschungsstation offenbar, die aber wirkt wie ein amerikanischer Vorort, und ich probiere einen Witz: Da sind ja Häuser, warum wohnen wir nicht dort?, und alle lachen, und das Warten auf den Weltuntergang ist vorbei, es war schön, denke ich beim Aufwachen, wie wir da saßen und alle zusammen viel weniger Angst hatten als allein.

Samstag, 23. Januar 2016

Wie hell es ist, wenn der Schnee ins Zimmer scheint

Snow crystals from the great snow of 1832, from The New York Public Library 
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Zauberschlaf, ein toller Comic von Aike Arndt, dessen Bücher „Das Nichts und Gott“ und „Die Zeit und Gott“ auch ganz fantastisch sind. Gott sieht darin ein bisschen so aus wie ein Altglascontainer mit Gesicht, ist weder Mann noch Frau, sondern viele, feuert lieber Bäume beim Wachsen an, als Kriege zu verhindern, und sitzt gerne mit Mond bei einem Bier zusammen, wenn Sonne endlich aufgegangen ist („Und sonst, immer noch Ebbe und Flut?“ „Na klar.“ „Und Sterne? Alles okay?“ „Voll!“). Große, unbedingte Empfehlung.
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Schreiben ist ja die Folge davon, dass es keinen Trost vom Nichtverstandenwerden gibt, wie sollte dann also das Schreiben ein Trost sein? Es ist nämlich das Schreiben selbst, dass einen immer weiter hinein in das Verstandenwerdenwollen und das Nichtverstandenwerden hineinführt, und schließlich in das Nochmehrverstandenwerdenwollen und Nochwenigerverstandenwerden: Auf Biegen und Brechen ist es das Schreiben, das in die Vergeblichkeitsspirale hinein­führt. „Man kommt nicht schreibend aus etwas heraus, in das man sich schreibend hineinmanövriert hat“, denke ich und stehe endlich auf, weil es nur bis halb elf Frühstück gibt und es schon halb zehn ist. 
Hinein führt nicht hinaus, ein schöner, kluger, lustiger Text von Ulrike Anna Bleier über eine, die bei einem Literaturwettbewerb keinen Preis gewonnen hat.
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„Wie überfallen Senioren einen Geldtransporter?“ – „Det hab ick mich auch schon gefragt. Also ick könnte det wahrscheinlich nicht, ick hab jetzt auch n gebrochenes Bein, also ick könnte det sowieso nicht.“ 
Zur Alterskriminalität der ehemaligen RAF-Terroristen hat das Dradio Michael Bommi Baumann befragt. 

Samstag, 16. Januar 2016

Wir wollen kein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerblume

Die Ballerina Clara Webster
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12 von 12 verpasst, egal. Obwohl, ein schönes Foto von dem Tag hab ich im Angebot: Das videoüberwachigste Videoüberwachungsauge von ganz Berlin, entdeckt am U-Bahnhof Frankfurter Tor.
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Ein Satz, der seltsamerweise hängen geblieben ist: „Ehrgeiz ergibt sich daraus, wie sehr du geliebt werden willst.“ Hat Janis Joplin mal geschrieben. Und wenn man nun nicht sehr ehrgeizig ist, was ergibt sich dann daraus?
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Sachbuchtitelidee: „Das große Wagen“. (Müsste irgendwie davon handeln, wie man sich ganz viel traut und dadurch ein glücklicherer Mensch wird. Denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt usw. Leider nicht mein Spezialgebiet.)
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Oh, aber nein!, wie Mia-Maria sagen würde.

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Gebacken: das Bananenbrot von Sophie Dahl, Rezept bei Slomo. Das nächste Mal vielleicht wirklich vier Bananen (ich hatte nur drei), vielleicht weniger Zucker. Aber unbedingt ein nächstes Mal.
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Gesehen: The Danish Girl. (Trailer hier.) Schön, aber allzu melodramatisch für meinen Geschmack. Sehr wunderbar die Beziehung der beiden Hauptfiguren zueinander, die Intimität einer sechsjährigen Ehe, habe ich jede Sekunde geglaubt. Außerdem: die Kostüme! Würde jedes einzelne davon selber anziehen.