Sonntag, 13. Dezember 2015

12 von 12 fast ohne Bilder

Die restlichen Teilnehmer_innen hier

1: Ein ausgelesenes Buch
„Noch oft in den nächsten Jahren wurde ich damit konfrontiert, in diesen mächtig von Testosteron bestimmten Gesellschaften Stärke beweisen zu müssen. Zuletzt auch in Zaatari. Es geht um Macht, um Mannsein, trotz aller Gender- und Gleichheitsdiskussionen muss man dort einer Männerwelt beweisen, dass man der Überlegene ist.“ Ähem. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch „Weil es um die Menschen geht. Als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt“ von Kilian Kleinschmidt durch ein interessantes Interview. Und anfangs dachte ich noch, dass die Lektüre eine Art guilty pleasure werden könnte. Denn Kleinschmidt (bzw. seine Ghostwriterin Regina Carstensen) lässt die Geschichten von seinen Einsätzen wie Räuberpistolen klingen. Dass man da als Leserin ebenso wie die Krisenhelfer in ihrem Job ein, sagen wir mal: robustes Gemüt braucht (und dass auch die Welt der Hilfsorganisationen nicht ohne interne Rangeleien und Intrigen auskommt) wird dabei allzu klar. „Die Milizen holten sich, was ihnen ihre Lust befahl.“ Solche Formulierungen eben. Unterm Strich doch kein guilty pleasure, eigentlich wenig pleasure at all.

2: Brauner Haarschaum
Entgegen meinem in jungen Jahren gefassten Vorsatz, in Würde zu ergrauen, habe ich mir dieses Jahr zum ersten Mal die Haare färben lassen, und ich weiß immer noch nicht, was ich darüber eigentlich denken soll. Erst sahen meine Haare wie angemalt aus (fand ich, ansonsten hat kaum jemand was gemerkt), dann habe ich mich daran gewöhnt, und schon nach zwei Wochen blitzten die Ansätze wieder hervor. Die Perspektive, jetzt regelmäßig zum Nachfärben anzutreten, deprimiert mich irgendwie. Zumal ich gemerkt habe, dass ich meine grauen Haare eigentlich auch mag. Ich hätte nur gerne nicht so viele davon. Während ich also noch herumüberlege, was jetzt, habe ich in der Drogerie einen sogenannten Color Refresher von Syoss gefunden. „Blendet graue Haare schrittweise aus“, so das Werbeversprechen. Was ich so nicht belegen kann, aber wahrscheinlich verwende ich das Produkt noch nicht lange genug.

3: Ein Kaschmirpulli
Neueste Errungenschaft: der erste Kaschmirpulli meines Lebens. Sooo weich und kuschelig und nicht zu warm, nie zu kalt. Warum habe ich nicht schon viel früher undsoweiter, hachja, naja.

4: Zwei Koffer
Ich bringe H., M. und N. zum Flughafen, die vor Weihnachten noch einen Abstecher nach Spanien machen, die Glücklichen. Auf dem Weg sagt H. den Satz: „Schade, dass du nicht öfter bloggst.“ Finde ich auch. Hm. Irgendwie muss ich mir eine neue Strategie für das Ganze hier ausdenken oder überhaupt mal eine Strategie. Ich habe den Blog damals eröffnet, als ich anfing, feministische Blogs zu lesen und nicht so anonym dastehen wollte, wenn ich mal irgendwo kommentierte. Mit meinem echten Namen undsoweiter wollte ich den Blog aber auch nicht verknüpfen, und so ist dieser Kanal hier entstanden, im Grunde ein Privatvergnügen, sage ich zu H., eins, an dem theoretisch zwar die ganze Welt teilhaben könnte, aber meinen Seitenstatistiken zufolge tut sie das nicht. Frechheit eigentlich!

5: Ein Kaffee im Pappbecher
H. spendiert mir am Flughafen den teuersten Kaffee in Tegel, wir reden über Netflix und Amazon Prime, wo ich mich jetzt angemeldet habe, um „The Good Wife“ zu gucken, weil ich mal wieder Lust auf eine gute Serie habe. Den Hype um Jessica Jones habe ich überhaupt nicht verstanden, obwohl ich’s lange versucht habe, weil doch alle die so toll fanden, aber dann habe ich es infolge eines Anfalls von schlechtem Gewissen („Warum verbringst du deine Zeit nicht mit pädagogisch wertvolleren Beschäftigungen?“) kurz vor Schluss drangegeben.

6: Büchertische bei Dussmann
Halbherziges Herumgesuche nach eventuellen Weihnachtsgeschenken, es ist unheimlich drängelig, war ja klar, und ich finde nichts, war ja auch klar, außer einem neuen Buch für mich selbst.

7: Mein Sofa, zu Hause
Pause!

8: Ein Geschirrberg
Abwasch!

9: Eine Packung Kaugummis
, gekauft im Automaten am S-Bahnhof Schöneberg. Ich kaufe mir gerne Dinge an diesen Automaten. Die haben so was Nostalgisch-Futuristisches; so hat man sich in meiner Kindheit die Zukunft vorgestellt, eine vollautomatisierte Welt, wo man alles per Knopfdruck erhält und es keinerlei Interaktion mehr gibt mit sogenannten echten Menschen. Nur dass es am Ende diesen globalen Megaautomat namens Internet geben würde, hat damals noch keiner geahnt.

10: Der Konzert-Pinguin
Juchu, doch ein Bild. Ein Requisit von M.s Hauskonzert in Zehlendorf. Ich mag M. total gerne und wie sie auf der Bühne steht und singt, mit einer dermaßen großen Selbstverständlichkeit. Im Laufe des Abends schafft sie es mithilfe der Ausgabe von Fingerzimbeln und den Grundlagen der Elementaren Musikpädagogik, das Zehlendorfer Publikum aus der Reserve zu locken. Danach fragt uns jemand, ob wir Schwestern sind. Schön wärs!

11: Der Knirps mit Knopf
Weil es inzwischen angefangen hat zu regnen, leiht uns die nette Gastgeberin zum Abschied Schirme, die andere Gäste irgendwann mal liegengelassen haben („Irgendwann bringt ihr sie mir wieder zurück“). Kurz kämpfe ich damit, den Schirm aufzuspannen, und merke dann, dass er sich auf Knopfdruck öffnen lässt – genial! Auch der Stoff kommt mir unwahrscheinlich viel fester vor als bei meinem Rossmann-Knirps. Dies ist also ein gewiss sehr teurer Zehlendorfer Automatikknirps, und nun ist er mein (aber irgendwann bringe ich ihn wieder zurück, klar).

12: Die volle U-Bahn
In der S-Bahn und auf der Straße ist kaum noch was los, aber in der U7 Richtung Rudow gibt’s ne Party. Ich stehe für ein paar Stationen mitten im Gedränge und schaue mir die jungen Leute an, die heute Nacht alle noch was vorhaben, und freue mich für sie, und dann steige ich aus und gehe nach Hause.

Montag, 7. Dezember 2015

Gelesen: Kondo, Scholl, Bjerg

Marie Kondo: Magic Cleaning
Ein Sachbuch über richtiges Aufräumen, dessen Strategie sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Man mistet einmal gründlich aus, behält nur das, was einen glücklich macht, bestimmt für jedes Ding einen festen Ort und muss fortan NIE WIEDER AUFRÄUMEN. Sehr charmant von Dr. Monika Lubitz aus dem Japanischen übersetzt und trotz einiger Redundanzen unterhaltsam zu lesen. Warum der deutsche Verlag das Buch, auf das ich über US-Blogs aufmerksam geworden bin, mit einem Cover aus der Hölle versehen hat, ist mir ein Rätsel:
Für mich, die ich fest an das Leben der Dinge glaube und schon als Kind, wenn es ans Ausmisten ging, mit aufgerissenen Augen fassungslos fragte: „Weg-schmei-ßen???“ (so zitiert die Familie mich noch heute), eine sehr wertvolle Lektüre, ermutigt einen die Autorin doch, in einen Dialog mit den Dingen zu treten und sich durchaus auch mal bei ihnen zu bedanken, bevor man sich von ihnen trennt. Ist sicher nicht für jeden was, aber bei mir hat’s funktioniert. (Und was ist schon für jeden was.)
Ein paar Sätze: „Die stehende Aufbewahrung eignet sich für die verschiedensten Orte. Ich, zum Beispiel, liebe Karotten. Und lagere sie im Kühlschrank. In der Getränkehalterung der Tür. Ordentlich aufgereiht. Stehend!“

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns
Von einer Bekannten empfohlen bekommen, mehrmals begonnen, mehrmals wieder zur Seite gelegt, auch dann noch, als ich hineingefunden hatte und eigentlich begeistert war. Seltene Kategorie: Ist das Buch zu stark, bist du zu schwach. Hier wird Familiengeschichte beleuchtet, aber nicht mit den großen Bühnenscheinwerfern, sondern schlaglichtartig, in kleinen Episoden, mit einer präzisen, voraneilenden Sprache, konzentriert auf die Frauen, die Großmütter, die Mutter und Schwiegermutter, die Ich-Erzählerin, die schließlich selber Kinder bekommt, hineinschlüpft in „eine dritte Person: die Mutter“. Das Buch erforscht das Gefüge zwischen den Generationen, die ungefragt weitergegebenen Lasten, die Erwartungen an „die Mutter“, den Wunsch nach Selbstbehauptung und ist dabei stellenweise auf eine Art schonungslos, die sicher nicht brutal sein will, mich aber trotzdem mitgenommen hat – von dem Moment an, als die Hebamme der Erzählerin bei der Geburt eigenhändig den Muttermund aufreißt bis zu dem Tag, als die volljährige Tochter das Haus verlässt, um mit Freundinnen zu feiern: „Vor ihr gehörte ihr Körper nur mir und ich konnte über meine Zeit verfügen. Danach war der kleine Mensch in meinem Leben, mit mir, ständig, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Stunde für Stunde, Minute für Minute stand ich mit allem, was ich war, für ihn ein. Keine Sekunde konnte ich keine Mutter mehr sein. Nun fühle ich, Lila hat meinen Körper hinter sich gelassen. Und ich bin leer. Eine Hülle, in die nichts mehr gehört. Unten läutet es. Ich drücke den Buzzer. Mein Sohn kommt heim, mein Körper macht sich auf, erneut Mutter zu sein, Mutter mit einer leeren Stelle, dort, wo die Tochter seit ein paar Minuten fehlt.“

Bov Bjerg: Auerhaus
Nachdem Frieder versucht hat, sich umzubringen, ziehen der Ich-Erzähler und zwei Freundinnen, die alle kurz vorm Abitur stehen, mit ihm zusammen in ein Haus. Es ist die Zeit, in der ein Walkman noch das genialste Geschenk für die kleine Schwester war. Als es Westberlin noch gab. Und Jungs noch gemustert wurden. Das Setting so nostalgisch, die Stimmung so ruppig und zärtlich, wie es ein bisschen typisch ist für das Genre, Coming-of-Age, das mich immer auch daran erinnert, wie genial ich mich selber in dem Alter fand, nie größer, nie klüger gewesen als damals, quasi unbesiegbar.
Ein paar Sätze: „Cäcilia hatte mal gesagt, die Ehe ihrer Eltern sei „gescheitert“. Ich fand das einen total bescheuerten Ausdruck. Cäcilias Eltern waren zwanzig Jahre verheiratet gewesen, und dann hatten sie sich eben scheiden lassen. Zwanzig Jahre, das war länger, als Cäcilia überhaupt auf der Welt war! Zwanzig gescheiterte Jahre? Dann musste man ja jedes Leben, das mit dem Tod endete, gescheitert nennen. „Da er im Altern von 100 Jahren sanft entschlief, war sein ganzes Leben gescheitert.““