Samstag, 24. Oktober 2015

Die Lichter der Großstadt blendeten mich

Ich treffe O. auf der Straße, O., mit dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Sushi essen war, bei Musashi am Kottbusser Damm, da waren wir noch jung, O. erschien stark parfümiert zu unserem Treffpunkt und auf dem Weg zum Sushiladen begegneten wir Freunden von ihm, die das wohl auch bemerkten und mich anschauten und grinsten. Tatsächlich war ich an O. interessiert, der selber schon mal in Japan gewesen war und jeden Morgen eine Tasse heißes Wasser trank, das hatte ihm eine Heilpraktikerin empfohlen, erzählte er mir, während wir Edamame aßen, er redete immer sehr viel, was mich beeindruckte, auch auf der Straße legt O. gleich wieder los, seine nächsten Projekte, gleich das Thema Geld, so etwas wie Mindestlohn für Künstler, das müsse es doch geben, dafür wolle er sich einsetzen, und das Problem dabei seien eben die, die nicht auf Bezahlung angewiesen seien, denen es egal sein könne, und die kämen dann auch immer am weitesten, zum Kotzen sei das. Wie er immer sagen würde: Eine Familie könnte ich davon nicht ernähren, und seine Schwester, ihr Mann, drei Kinder, er in der IT-Branche, tja. Tja, sage ich. Und hast du noch Kontakt zu den Leuten von früher? Ach kaum, sagt er, auf dieser einen Party neulich sei er gewesen, da habe er alle noch mal wiedergesehen, und dem J. gehe es doch ganz gut, vor allem seit er nicht mehr jeden Scheiß einwerfe, das sei doch schön, ich sage, ja, den Eindruck habe ich auch. Ich war auch eingeladen auf diese eine Party neulich, aber ich bin nicht hin, ich frage: War W. auch da?, O. nickt, W., der damals als einer der ersten abgehauen ist, sich mit Frau und Kind in Sicherheit gebracht hat, in ein anderes Leben, wo er, wie ich hörte, eine Ausbildung zum Erzieher gemacht hat, W. wäre der einzige gewesen, den ich gerne mal wiedergesehen hätte, aber ich dachte, der kann sich ja auch bei mir melden, wenn er hingeht zu dieser einen Party, deren Zweck es war, dass sich alle mal wiedersehen, hat er aber nicht gemacht. Tja, sage ich, tjaja, als ich O. damals nach unserem Sushiessen schrieb, man könne ja mal und so weiter, schrieb er zurück, ja sicher, aber man sehe sich doch bestimmt ohnehin zu dieser oder jener Gelegenheit wieder, und so war es dann auch, damals liefen wir uns häufig über den Weg, mehr nicht. Also dann, wir sehen uns, sage ich zu O., und er sagt, ja klar, obwohl was ganz anderes klar ist, nämlich dass wir uns inzwischen gar nicht mehr sehen, aber Hauptsache, man erkennt sich noch auf der Straße, man sagt sich noch Hallo und bleibt kurz stehen.

Am Abend wieder Musik.

Freitag, 23. Oktober 2015

Musik

A-WA – Habib Galbi

Montag, 19. Oktober 2015

Gelesen: Scheuer, Zeiner, Klemm

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel
Schmucklose Sprache an der Grenze zum Drögen. Ein in Afghanistan stationierter Soldat, der lieber Vögel beobachtet als alles andere. Und langsam verrückt wird. Erzählt hauptsächlich über die treulich im Soldatentagebuch wiedergegebenen Beobachtungen, während sich die Nebenstränge u.a. der früheren Freundin widmen. Erzählkonstruktion auf mehreren Ebenen, und wenn dann im Tagebuch auch noch die Telefonate 1:1 niedergeschrieben werden müssen, damit die Leserin wohlinformiert bleibt, dann rumpelt es mitunter im Romangetriebe. Auch waren mir einige Verwicklungen in der Vergangenheit allzu schicksalhaft gestaltet. Aber diese Soldatenseele hat mich dennoch sehr berührt.
Ein paar Sätze: „Ich zeichne die Tauben in ihren Umrissen auf gekörntes Papier, das etwas dicker ist als Klopapier. Die dunkleren Stellen wie Gefieder und Schatten schraffiere ich mit Bleistift, danach kennzeichne ich die Stellen, an denen das Gefieder glänzt. Ich koche in unserer kleinen Aluminium-Espressomaschine sehr starken Kaffee – ca. 4-5 Kaffeelöffel auf eine halbe Tasse Wasser. Sergej hat einmal aus Versehen von meinem Aquarellkaffee getrunken und gemeint, endlich mal richtiger Kaffee, nicht so eine wässrige Brühe wie in der Kantine.“
(Die Aquarellkaffee-Bilder von den Vögeln, die im Buch abgedruckt sind, haben mich auch berührt.)

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como
Urlaubslektüre. Gelesen, weil J. erwähnte, mit der Autorin befreundet zu sein, deswegen dem Roman auch eine grundsätzliche, unbeirrbare Sympathie entgegengebracht. Früher waren Tom und Marc beste Freunde und Marc und Betty ein Paar, sie strebten Berufungen an wie Pianist, Komponist, Sängerin. Heute klimpert Tom nurmehr in einer Worldjazz-Band, Betty ist Anästhesistin, und Marc ist tot. Tom und Betty bewegen sich aufeinander zu, dabei wird über das Jetzt räsoniert und an das Früher erinnert. War Marcs Tod Selbstmord? Und kriegen sich Tom und Betty am Ende? Solche Fragen trieben mich beim Lesen um. Ich mochte einige der geradezu aphoristischen Gedanken und originellen Bilder sehr in dem Buch, das Kippen von allzu bedeutungsvoll zu absurd nebensächlich. Über allem liegt so eine Art westdeutsches Wohlgefühl, schwer zu beschreiben, als würde mir immerzu jemand zuflüstern: Uns kann eigentlich nichts Schlimmes passieren. Mich hat das auf die Dauer etwas nervös gemacht, weil ich weiß, dass das nicht stimmt. Und weil ich als Leserin definitiv auf der Suche nach anderen Einflüsterungen bin.
Ein paar Sätze: „Dann wurde es still. Man hätte die Stille in Scheiben schneiden und auf ein Brot legen können, bevor fast gleichzeitig, nur leicht versetzt, Betty Morgenthal und Anne Hermanns „tja, also dann“ sagten. Etwas zu laut, etwas zu grell und nackt standen die Worte in der weiten leeren Akustik der Eingangshalle. Tom aber schwieg, zog mit seinem Bick eine Linie zwischen den beiden Frauen, die, wie ihm auffiel, genau gleich groß waren.“

Getraud Klemm: Aberland
Hier dann also ein Buch, das voll ist mit den oben erwähnten anderen Einflüsterungen, nur dass hier nicht geflüstert wird, ganz und gar nicht. Das Leben und die, die es bestreiten, werden beäugt und seziert, hinterfragt und bewertet abwechselnd von Elisabeth, die die Ich-Perspektive übernimmt, und ihrer erwachsenen Tochter Katharina, die personal erzählt wird. 15 Kapitel, zu deren Beginn immer eine Nachricht steht, eine Einladung zum Muttertagsbrunch, eine Verlobungs-, eine Todesanzeige. Das Leben, wie es sich für Frauen in meinem Milieu gestalten kann, wenn man, wie Katharina, junge Mutter mit liegengelassener Promotion ist und die mit dem Mann vereinbarte Arbeitsteilung von 50/50 doch nur bei 90/10 liegt, oder wenn man, wie Elisabeth, ebenso heimliche wie folgenlose Besuche bei der Scheidungsanwältin hinter sich hat und sich irgendwie arrangiert mit der großen Unlust. Ein Buch mit einer tiefen Furche zwischen den Augenbrauen, das mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt hat – wie beharrlich es seinem Thema folgt, wie es über alle Fallstricke des die-Figuren-lächerlich-Machens hinwegschreitet. Wie gut es konstruiert ist. Wie eine Wut fassbar wird, die sonst so selten Ausdruck findet. 
Ein paar Sätze: „Natürlich habe ich alles, was ich gewollt habe. Nur dass das, was ich gewollt habe, nicht viel war. Man ist bescheiden. Man ist am Buffet des Lebens schon auf Diät gewesen und hat sich für eine gedämpfte Zukunft mit salzlosen Lebensträumen entschieden.“
(Weitere Zitate sind gerade heute bei aufZehenspitzen erschienen.)