Sonntag, 22. März 2015

Gegen zwanzig vor elf

Gegen zwanzig vor elf versammeln sich die Leute aus den umliegenden Büros unten auf dem Hof, geht das jetzt los mit der Sonnenfinsternis, frage ich, meine Kolleginnen und ich schauen aus dem Fenster, keine von uns hat eine dieser Spezialbrillen dabei, mit denen man gefahrlos in die Sonne schauen kann, und auch die Leute unten auf dem Hof haben nicht alle eine, manche schauen durch ihr Handy, einige schneiden eine goldglitzernde Rettungsdecke in Streifen und halten sie sich vors Gesicht, einer hält sich einen Karton über den Kopf, eine Lochkamera. A. macht schnell auch so einen Karton zurecht, ich werfe einen Blick auf die winzige leuchtende Sichel, die innen an der braunen Pappwand erscheint, und bin merkwürdig gerührt. Meine Kolleginnen gehen nun doch raus, ich nicht. Ich habe Kopfschmerzen von dem einen Bier zuviel, das ich gestern nach dem Treffen mit F. noch getrunken habe, und was F. gesagt hat und wie, geht mir nach, dass man sich wirklich und ernsthaft nicht darauf vorbereiten könne, wie es sei, ein Kind zu haben, und er sprach davon nicht mit dem Ergriffenheitspathos junger Väter, sondern mit einem ernsten, fast forscherhaften Interesse an der Unfassbarkeit mancher Dinge. F. ist so einer, mit dem ich gerne befreundet wäre, und bei dem ich keine Chance habe, nicht, weil er mich nicht sympathisch finden würde, sondern weil er schon ein ganz und gar vollständiges, eingefasstes und gut funktionierendes Leben hat, in dem gar kein Wunsch aufkommt nach neuen Freunden. Aber vielleicht denke ich mir das nur so, denke ich, einen hochkalorischen Vanilledrink in mich hineinkippend, den E. mir neulich geschenkt hat, Astronautennahrung, sagte er mit seinem strahlenden Lächeln, das seine Fähigkeit aufblitzen lässt, sich für etwas vollkommen zu begeistern; eine Fähigkeit, die mir abgeht und die ich an anderen beneide. Dass überhaupt eine Sonnenfinsternis ansteht, habe ich erst vor zwei Tagen mitbekommen, als ich am Fielmann im Karstadt am Hermannplatz vorbeiging; an jedem einzelnen Spiegel klebte ein Zettel mit der Info, man verkaufe hier keine Spezialbrillen für die Sonnenfinstenis, und es reizte mich sehr, nun einen der Verkäufer doch danach zu fragen. Bei der letzten Sonnenfinsternis, daran erinnere ich mich genau, wurden diese Brillen überall angeboten, es gab einen richtiggehenden Sonnenfinsternis-Hype und von der Schule wurden Ausflüge organisiert zur Sonnenfinsternisbeobachtung, ich nahm nicht daran teil, im selben Jahr wurde ich volljährig, wie habe ich diesen Geburtstag eigentlich gefeiert, mit Freunden? Hatte ich damals Freunde? Schon damals jedenfalls hieß es, die nächste Möglichkeit, eine Sonnenfinsternis zu beobachten, bestünde erst im Jahr 2015, lächerlich weit schien mir das in der Zukunft zu liegen, eine Jahreszahl wie ausgedacht.

Mittwoch, 18. März 2015

Haben Sie fünfzig Cent


Haben Sie fünfzig Cent für was zu essen, ich habe gar kein Essen, sagt eine Frau auf der Straße zu mir, es klingt sorglos, heiter, fast albern, wie ein Kinderreim, der ihr nicht aus dem Kopf geht und den sie mit comicfigurenhaft verstellter Stimme aufsagt. Ich sortiere seit neuestem die 10- und 20-Cent-Münzen aus meinem Portemonnaie und bewahre sie in meiner Jackentasche auf, griffbereit, um jedem etwas zu geben, der mich anspricht, keine Unterschiede mehr machen jetzt, ich reiche der Frau ein paar Münzen, es sind nicht ganz fünfzig Cent, aber das scheint egal zu sein. Erst später erinnere ich mich an diese andere Frau, die mich mal am Kanal ansprach und die sagte, sie bräuchte Geld für ein U-Bahn-Ticket, ich gab ihr fünfzig Cent, und sie sagte, das würde aber nicht reichen, und ich sagte, mehr hätte ich nicht, was gelogen war, sagte, sie müsse halt noch jemand anderen fragen, so pädagogisch, dass ich mich heute dafür schäme, warum habe ich ihr nicht einfach das Geld für ein Ticket gegeben, fertig, und alles weitere nicht mein Problem. Jetzt sind Sie gefragt, steht im Brief vom Gasanbieter, der mich darauf hinweist, dass ich den Abschlag nicht komplett bezahlt habe, was daran liegt, dass mir die neu berechnete Abschlagshöhe nicht mitgeteilt wurde, aber klar, jetzt bin ich gefragt. Vollidioten, der Kernassi-Tonfall von dem Typen, der mir neulich den Kühlschrank hier hochgeschleppt hat, alleine, auf seinem Rücken, nachdem zwei seiner Kollegen zuvor an der Treppenhaussituation gescheitert und unverrichteter Dinge wieder abgezogen sind, aber das lag nicht am Treppenhaus, das lag daran, dass das Vollidioten waren!, achso?, na dann. Die Männerschritte des Nachbarn über mir, die Bässe der Nachbarin unter mir, dazwischen ich mit meinen Gedanken an die Erdbeeren, die ich in den Balkonkästen pflanzen will.