Mittwoch, 28. Januar 2015

In der U-Bahn

In der U-Bahn hat ein Typ den Standardspruch der Obdachlosenzeitschriftenverkäufer zusammenschrumpft, aus „Hätten Sie vielleicht Interesse an der Motz, oder eine kleine Spende“ wird „Hätten Sie vielleicht Interesse an einer kleinen Spende“, was mir im Nachklang erst auffällt, nachdem der Typ schon wieder ausgestiegen ist, ins Gesicht geschaut habe ich ihm nicht. Die junge Frau gegenüber spricht mit Schauspielerinnenstimme ins Telefon, auf angenehm getunt und überartikuliert, tatsächlich arbeitet sie wohl im Krankenhaus, sie erwähnt OPs, die umverlegt worden seien und erzählt dann von den Franzosen, die jetzt bei ihr zu Hause für sie kochen und mit denen sie später noch ein Bier trinken geht. Eine Bank weiter reden zwei Männer miteinander italienisch, klares, reines, wunderschönes Italienisch, ich verstehe alles, was sie sagen, dabei beherrsche ich die Sprache gar nicht, ich könnte ihnen ewig zuhören.

Sonntag, 25. Januar 2015

Noch eine Woche

Noch eine Woche in der kleinen Wohnung, von der ich dachte, dass ich ihr einen Abschiedsbrief schreiben würde, tschüss kleine Wohnung, in der ich fast neun Jahre gewohnt habe, so und so warst du und so und so war ich in dieser Zeit, aber jetzt bin ich gar nicht mehr in der Stimmung.
Das wars schon, ich hab schon Abschied genommen, vielleicht als ich die Bücher in die Kisten gepackt und angefangen habe, die Fenster und Türen zu streichen, vielleicht schon viel früher, vor einem Jahr, als die Hoffnung auf die Wohnung, in die ich nächstes Wochenende tatsächlich ziehe, wie ein Silberstreif am Horizont erschien, oder vor drei Jahren, als – damals noch in einem anderen Leben, damals noch mit K. – der Umzug in eine gemeinsame Wohnung beinahe greifbar war, und wie das dann scheiterte, und wie K. und ich dann scheiterten, und wie dieses Scheitern seine Kreise in meinem Leben zog; ein Stein, in den See geworfen, die Ringe, die sich auf der Wasseroberfläche ausbreiten, zum Ufer hin verschwinden.
Anfangs habe ich gedacht, ich bleibe hier nur zwei oder drei Jahre, habe ich immer gerne erzählt, aber dann, nach zwei oder drei Jahren, waren alle größeren Wohnungen schon zu teuer geworden. Als ich hergezogen bin, gab es hier noch gar nichts, habe ich immer gerne erzählt, und als das Freie Neukölln aufmachte, berichtete man sich im Gerüchte-Tonfall davon, hast du gehört, in der Pannierstraße hat jetzt eine Kneipe aufgemacht. Inzwischen kann man an der Ecke von einer Bar in die nächste stolpern, das Freie Neukölln aber hat vor kurzem wieder zugemacht, der Besitzer gab dazu ein Interview, für das er auf meinem Facebook tüchtig verhöhnt wurde; eine Kneipe für Seinesgleichen gründen, aber sich dann beschweren, wenn plötzlich zuviele dieser Seinesgleichen angetanzt kommen.
Während ich hier wohnte, wurden um die Ecke Carlofts gebaut, Apartments mit Autoaufzug, und sogenannte New-York-Lofts, die erst keiner haben wollte, mit einem Restaurant im Erdgeschoss, an dem sich mehrere Betreiber versucht haben, jetzt wird dort Schickimickiküche serviert von einem der Loftbesitzer, wie ich vermute, seiner Kundschaft gehts gut, das kann man sehen, so wie es immer mehr Leuten in diesem Viertel immer besser und besser geht, was natürlich daran liegt, dass es nicht mehr dieselben Leute sind wie früher.
Meine Wohnung erinnert mich halt daran, dass ich nie so richtig über den Studentenstatus hinausgekommen bin, habe ich in den letzten Jahren schließlich gerne erzählt, und F. war der Einzige, der dazu etwas Hilfreiches zu sagen hatte, nämlich dass es doch auch etwas Widerständiges habe, in einem Viertel, in dem alles immer teurer wird, an dem festzuhalten, was man sich schon immer leisten konnte und immer leisten können wird. Aber nicht mal das stimmte so ganz, ich hatte hier Staffelmiete, auch meine Wohnung wurde immer teurer und ich will nicht wissen, für wieviel der Vermieter sie als nächstes loswird.
Ach, kleine Wohnung. Ich weiß noch, was ich als erstes hierherbrachte, meine Schreibmaschine und ein Poster von Papst Benedikt, das ich auf der Buchmesse bei irgendeinem katholischen Kleinverlag hatte mitgehen lassen. Meine dämliche Mitbewohnerin schenkte mir zum Abschied von der WG eine Packung Taschentücher, mit Rosendekor, für den Fall, dass doch mal ein Tränchen der Einsamkeit fließen sollte. Tatsächlich hatte ich ein bisschen Angst vor dem Alleinewohnen, aber kaum hatte ich damit angefangen, fand ich es herrlich und fragte mich, warum ich das nicht schon viel früher gemacht hatte. Das Unbeobachtetsein, das Tun und Lassen, was man will, die Freiheit vom Kommunikationszwang, nur dass in der Putzordnung mal jemand anderes dran wäre als ich, das hätte ich manchmal gerne gehabt.
Als ich in einer der ersten Nächte das dumpfe Stampfen und Hämmern hörte, dachte ich noch, da wäre eventuell eine Fabrik im Nebengebäude, mit unablässig stampfenden und hämmernden Maschinchen, die seltsame Vorstellung, dass in dieser Fabrik Briefumschläge hergestellt würden. Dabei war es natürlich die Disco, von der ich beim Einzug nichts wusste, im Keller des Hauses nebenan. Irgendwann fand dort jeden Tag eine Technoparty statt, und wir Nachbarn taten uns zusammen und reichten eine Lärmbeschwerde bei der Stadt ein, kurz darauf gab es eine Drogenrazzia in der Disco und sie musste schließen, kurz darauf gab es neue Betreiber und das Stampfen und Hämmern kehrte wieder, seltener, aber doch. Ich gewöhnte mich daran, genauso wie jeden Frühling wieder an den Lärm der Autowerkstatt, wo bei milderen Temperaturen alle Arbeiten im Freien erledigt werden.
Wie heiß es hier im Sommer immer geworden ist, Südseite und unter dem Dach. Und wie kalt im Winter, Altbau und uralte Fenster. Und von den Menschen möchte ich gar nicht erst anfangen, all den Menschen in diesen fast neun Jahren, die gekommen sind und wieder gegangen oder geblieben, oder die vorher schon da waren und jetzt nicht mehr oder immer noch. Die mich hier besucht haben, und die die Wohnung alle, alle mochten. Aber jetzt wohne ich wirklich nicht mehr hier, ich bleibe nur noch kurz. Tschüss, kleine Wohnung. Tschüss, ihr neun Jahre, ich weiß, ihr kommt nie wieder.

Samstag, 10. Januar 2015

Leidplanken


Auf einmal waren alle Charlie, auf Facebook wurden Profilbilder geändert und Karikaturen gepostet, he drew first, sogar die Tagesthemen waren Charlie und erläuterten auf ihrer Website stolz dieses Abweichen von der sogenannten journalistischen Neutralität. Und was bedeutet Wandel für euch?, wurden die KollegInnen und ich auf Arbeit gefragt, die Antworten, eifrig hervorgebracht, lauteten eine neue Richtung, ein frischer Wind, interessante Impulse; ich war die Einzige, die bei Wandel zuallererst an Abschied dachte, daran zweifelte ich nicht. Zu Hause starrte ich auf die Schatten an den frisch gestrichenen Wänden, die definitiv noch mal gestrichen werden mussten, und auch dafür würde ich hundert Stunden brauchen, wie für alles momentan. Die ersten Profilbilder wurden wieder zurückgeändert, der Sturm rüttelte an den Fenstern, und der Nachbar spielte die beiden einzigen Klavierstücke, die er beherrschte, Claire de Lune und irgendwas von Chopin, in den vergangenen neun Jahren hatte ich sie unzählige Male gehört, öfter wahrscheinlich als meine Türklingel.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Happy New Fear

Gestern im Waschsalon der Penner, der reinkam, höflich fragte, ob es hier eine Toilette gebe, ein Waschbecken, nein?, ich schulterte die IKEA-Tüte mit meiner gerade fertig gewordenen, noch trocknerwarmen Wäsche und ging, der vorletzte Besuch im Waschsalon oder der vorvorletzte vielleicht, bevor es damit ein Ende haben wird, und als ich schon draußen war und mein Fahrrad aufschloss, sah ich durch die Glasfront, dass der Penner drinnen seinen Pimmel aus der Hose geholt hatte und in den Waschsalonmülleimer pinkelte, in den ich zuvor noch meine leere Waschmittelflasche geworfen hatte, und ich starrte kurz hin und fragte mich, ob der wohl manchmal auch in die Waschmaschinen pinkelt? Und dann wandte ich mich endgültig ab.

Und heute beim Haareschneiden sagt die andere Friseurin ihrem Kunden, er solle es nicht falsch verstehen, jaja wir seien hier in Kreuzberg und jaja hier sei alles ganz oft ganz international, aber einfach hereinzukommen und ohne ein Hallo oder ein Entschuldigung oder ein Do you speak english? anzufangen, auf Englisch mit ihr zu reden, das fände sie einfach unhöflich, und der Kunde, dem sie bereits die Haare gewaschen hat und der jetzt nicht mehr weglaufen kann, sagt verschüchtert, Entschüldigung, und etwas mit: Mein Deutschkurs, meine Friseurin und ich lächeln einander über den Spiegel zu, die Tür öffnet sich, ein Typ kommt herein und sagt, er würde gerne einen Termin ausmachen, er sagt es auf Englisch und die andere Friseurin sagt, die Augen verdrehend, zu ihrem Kunden: You know what I mean, und da weiß ich, ich an seiner Stelle würde nicht noch einmal zu ihr gehen. Mit meinen Haaren bin ich am Ende sehr zufrieden; der gute Vorsatz, wöchentlich eine Haarkur zu verwenden, wird neu gefasst und gesellt sich zu den Klassikern mehr lesen, mehr schreiben, wieder öfter zum Sport.