Sonntag, 13. Dezember 2015

12 von 12 fast ohne Bilder

Die restlichen Teilnehmer_innen hier

1: Ein ausgelesenes Buch
„Noch oft in den nächsten Jahren wurde ich damit konfrontiert, in diesen mächtig von Testosteron bestimmten Gesellschaften Stärke beweisen zu müssen. Zuletzt auch in Zaatari. Es geht um Macht, um Mannsein, trotz aller Gender- und Gleichheitsdiskussionen muss man dort einer Männerwelt beweisen, dass man der Überlegene ist.“ Ähem. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch „Weil es um die Menschen geht. Als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt“ von Kilian Kleinschmidt durch ein interessantes Interview. Und anfangs dachte ich noch, dass die Lektüre eine Art guilty pleasure werden könnte. Denn Kleinschmidt (bzw. seine Ghostwriterin Regina Carstensen) lässt die Geschichten von seinen Einsätzen wie Räuberpistolen klingen. Dass man da als Leserin ebenso wie die Krisenhelfer in ihrem Job ein, sagen wir mal: robustes Gemüt braucht (und dass auch die Welt der Hilfsorganisationen nicht ohne interne Rangeleien und Intrigen auskommt) wird dabei allzu klar. „Die Milizen holten sich, was ihnen ihre Lust befahl.“ Solche Formulierungen eben. Unterm Strich doch kein guilty pleasure, eigentlich wenig pleasure at all.

2: Brauner Haarschaum
Entgegen meinem in jungen Jahren gefassten Vorsatz, in Würde zu ergrauen, habe ich mir dieses Jahr zum ersten Mal die Haare färben lassen, und ich weiß immer noch nicht, was ich darüber eigentlich denken soll. Erst sahen meine Haare wie angemalt aus (fand ich, ansonsten hat kaum jemand was gemerkt), dann habe ich mich daran gewöhnt, und schon nach zwei Wochen blitzten die Ansätze wieder hervor. Die Perspektive, jetzt regelmäßig zum Nachfärben anzutreten, deprimiert mich irgendwie. Zumal ich gemerkt habe, dass ich meine grauen Haare eigentlich auch mag. Ich hätte nur gerne nicht so viele davon. Während ich also noch herumüberlege, was jetzt, habe ich in der Drogerie einen sogenannten Color Refresher von Syoss gefunden. „Blendet graue Haare schrittweise aus“, so das Werbeversprechen. Was ich so nicht belegen kann, aber wahrscheinlich verwende ich das Produkt noch nicht lange genug.

3: Ein Kaschmirpulli
Neueste Errungenschaft: der erste Kaschmirpulli meines Lebens. Sooo weich und kuschelig und nicht zu warm, nie zu kalt. Warum habe ich nicht schon viel früher undsoweiter, hachja, naja.

4: Zwei Koffer
Ich bringe H., M. und N. zum Flughafen, die vor Weihnachten noch einen Abstecher nach Spanien machen, die Glücklichen. Auf dem Weg sagt H. den Satz: „Schade, dass du nicht öfter bloggst.“ Finde ich auch. Hm. Irgendwie muss ich mir eine neue Strategie für das Ganze hier ausdenken oder überhaupt mal eine Strategie. Ich habe den Blog damals eröffnet, als ich anfing, feministische Blogs zu lesen und nicht so anonym dastehen wollte, wenn ich mal irgendwo kommentierte. Mit meinem echten Namen undsoweiter wollte ich den Blog aber auch nicht verknüpfen, und so ist dieser Kanal hier entstanden, im Grunde ein Privatvergnügen, sage ich zu H., eins, an dem theoretisch zwar die ganze Welt teilhaben könnte, aber meinen Seitenstatistiken zufolge tut sie das nicht. Frechheit eigentlich!

5: Ein Kaffee im Pappbecher
H. spendiert mir am Flughafen den teuersten Kaffee in Tegel, wir reden über Netflix und Amazon Prime, wo ich mich jetzt angemeldet habe, um „The Good Wife“ zu gucken, weil ich mal wieder Lust auf eine gute Serie habe. Den Hype um Jessica Jones habe ich überhaupt nicht verstanden, obwohl ich’s lange versucht habe, weil doch alle die so toll fanden, aber dann habe ich es infolge eines Anfalls von schlechtem Gewissen („Warum verbringst du deine Zeit nicht mit pädagogisch wertvolleren Beschäftigungen?“) kurz vor Schluss drangegeben.

6: Büchertische bei Dussmann
Halbherziges Herumgesuche nach eventuellen Weihnachtsgeschenken, es ist unheimlich drängelig, war ja klar, und ich finde nichts, war ja auch klar, außer einem neuen Buch für mich selbst.

7: Mein Sofa, zu Hause
Pause!

8: Ein Geschirrberg
Abwasch!

9: Eine Packung Kaugummis
, gekauft im Automaten am S-Bahnhof Schöneberg. Ich kaufe mir gerne Dinge an diesen Automaten. Die haben so was Nostalgisch-Futuristisches; so hat man sich in meiner Kindheit die Zukunft vorgestellt, eine vollautomatisierte Welt, wo man alles per Knopfdruck erhält und es keinerlei Interaktion mehr gibt mit sogenannten echten Menschen. Nur dass es am Ende diesen globalen Megaautomat namens Internet geben würde, hat damals noch keiner geahnt.

10: Der Konzert-Pinguin
Juchu, doch ein Bild. Ein Requisit von M.s Hauskonzert in Zehlendorf. Ich mag M. total gerne und wie sie auf der Bühne steht und singt, mit einer dermaßen großen Selbstverständlichkeit. Im Laufe des Abends schafft sie es mithilfe der Ausgabe von Fingerzimbeln und den Grundlagen der Elementaren Musikpädagogik, das Zehlendorfer Publikum aus der Reserve zu locken. Danach fragt uns jemand, ob wir Schwestern sind. Schön wärs!

11: Der Knirps mit Knopf
Weil es inzwischen angefangen hat zu regnen, leiht uns die nette Gastgeberin zum Abschied Schirme, die andere Gäste irgendwann mal liegengelassen haben („Irgendwann bringt ihr sie mir wieder zurück“). Kurz kämpfe ich damit, den Schirm aufzuspannen, und merke dann, dass er sich auf Knopfdruck öffnen lässt – genial! Auch der Stoff kommt mir unwahrscheinlich viel fester vor als bei meinem Rossmann-Knirps. Dies ist also ein gewiss sehr teurer Zehlendorfer Automatikknirps, und nun ist er mein (aber irgendwann bringe ich ihn wieder zurück, klar).

12: Die volle U-Bahn
In der S-Bahn und auf der Straße ist kaum noch was los, aber in der U7 Richtung Rudow gibt’s ne Party. Ich stehe für ein paar Stationen mitten im Gedränge und schaue mir die jungen Leute an, die heute Nacht alle noch was vorhaben, und freue mich für sie, und dann steige ich aus und gehe nach Hause.

Montag, 7. Dezember 2015

Gelesen: Kondo, Scholl, Bjerg

Marie Kondo: Magic Cleaning
Ein Sachbuch über richtiges Aufräumen, dessen Strategie sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Man mistet einmal gründlich aus, behält nur das, was einen glücklich macht, bestimmt für jedes Ding einen festen Ort und muss fortan NIE WIEDER AUFRÄUMEN. Sehr charmant von Dr. Monika Lubitz aus dem Japanischen übersetzt und trotz einiger Redundanzen unterhaltsam zu lesen. Warum der deutsche Verlag das Buch, auf das ich über US-Blogs aufmerksam geworden bin, mit einem Cover aus der Hölle versehen hat, ist mir ein Rätsel:
Für mich, die ich fest an das Leben der Dinge glaube und schon als Kind, wenn es ans Ausmisten ging, mit aufgerissenen Augen fassungslos fragte: „Weg-schmei-ßen???“ (so zitiert die Familie mich noch heute), eine sehr wertvolle Lektüre, ermutigt einen die Autorin doch, in einen Dialog mit den Dingen zu treten und sich durchaus auch mal bei ihnen zu bedanken, bevor man sich von ihnen trennt. Ist sicher nicht für jeden was, aber bei mir hat’s funktioniert. (Und was ist schon für jeden was.)
Ein paar Sätze: „Die stehende Aufbewahrung eignet sich für die verschiedensten Orte. Ich, zum Beispiel, liebe Karotten. Und lagere sie im Kühlschrank. In der Getränkehalterung der Tür. Ordentlich aufgereiht. Stehend!“

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns
Von einer Bekannten empfohlen bekommen, mehrmals begonnen, mehrmals wieder zur Seite gelegt, auch dann noch, als ich hineingefunden hatte und eigentlich begeistert war. Seltene Kategorie: Ist das Buch zu stark, bist du zu schwach. Hier wird Familiengeschichte beleuchtet, aber nicht mit den großen Bühnenscheinwerfern, sondern schlaglichtartig, in kleinen Episoden, mit einer präzisen, voraneilenden Sprache, konzentriert auf die Frauen, die Großmütter, die Mutter und Schwiegermutter, die Ich-Erzählerin, die schließlich selber Kinder bekommt, hineinschlüpft in „eine dritte Person: die Mutter“. Das Buch erforscht das Gefüge zwischen den Generationen, die ungefragt weitergegebenen Lasten, die Erwartungen an „die Mutter“, den Wunsch nach Selbstbehauptung und ist dabei stellenweise auf eine Art schonungslos, die sicher nicht brutal sein will, mich aber trotzdem mitgenommen hat – von dem Moment an, als die Hebamme der Erzählerin bei der Geburt eigenhändig den Muttermund aufreißt bis zu dem Tag, als die volljährige Tochter das Haus verlässt, um mit Freundinnen zu feiern: „Vor ihr gehörte ihr Körper nur mir und ich konnte über meine Zeit verfügen. Danach war der kleine Mensch in meinem Leben, mit mir, ständig, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Stunde für Stunde, Minute für Minute stand ich mit allem, was ich war, für ihn ein. Keine Sekunde konnte ich keine Mutter mehr sein. Nun fühle ich, Lila hat meinen Körper hinter sich gelassen. Und ich bin leer. Eine Hülle, in die nichts mehr gehört. Unten läutet es. Ich drücke den Buzzer. Mein Sohn kommt heim, mein Körper macht sich auf, erneut Mutter zu sein, Mutter mit einer leeren Stelle, dort, wo die Tochter seit ein paar Minuten fehlt.“

Bov Bjerg: Auerhaus
Nachdem Frieder versucht hat, sich umzubringen, ziehen der Ich-Erzähler und zwei Freundinnen, die alle kurz vorm Abitur stehen, mit ihm zusammen in ein Haus. Es ist die Zeit, in der ein Walkman noch das genialste Geschenk für die kleine Schwester war. Als es Westberlin noch gab. Und Jungs noch gemustert wurden. Das Setting so nostalgisch, die Stimmung so ruppig und zärtlich, wie es ein bisschen typisch ist für das Genre, Coming-of-Age, das mich immer auch daran erinnert, wie genial ich mich selber in dem Alter fand, nie größer, nie klüger gewesen als damals, quasi unbesiegbar.
Ein paar Sätze: „Cäcilia hatte mal gesagt, die Ehe ihrer Eltern sei „gescheitert“. Ich fand das einen total bescheuerten Ausdruck. Cäcilias Eltern waren zwanzig Jahre verheiratet gewesen, und dann hatten sie sich eben scheiden lassen. Zwanzig Jahre, das war länger, als Cäcilia überhaupt auf der Welt war! Zwanzig gescheiterte Jahre? Dann musste man ja jedes Leben, das mit dem Tod endete, gescheitert nennen. „Da er im Altern von 100 Jahren sanft entschlief, war sein ganzes Leben gescheitert.““

Freitag, 13. November 2015

12 von 12 ohne Bilder

In anderen Blogs schaue ich mir 12 von 12 immer gerne an und will schon ewig mal mitmachen, vergesse nur jeweils zu fotografieren … Aber man kann sich die Bilder ja auch einfach nur dazu denken.

1 Kaffee. Da es gestern spät geworden ist, komme ich etwas mühsam in den Tag. Zum Frühstück lese ich ein Interview mit Charlotte Roche, zu der natürlich auch ich eine Meinung habe: Im Fernsehen fand ich sie eher nervig, aber ihre Bücher habe ich sehr gerne gelesen (das neueste noch nicht).

2 Mein Schreibtisch. Heute geht es um: eine Nacht in der Prärie und wie sich die Musikwelt Ende der 80er geändert hat. Ich rätsele ein bisschen an dem Begriff „stadium rock“ herum, den ich mit Stadionrock übersetzen würde, wobei mich verunsichert, dass es dazu im Internet relativ wenig zu lesen gibt, jedenfalls nichts im Sinne von „DAS war DER Stadionrock, wie er uns allen ein Begriff ist“. Da frage ich mich dann gleich, ob Stadionrock vielleicht nur mir Begriff ist.

3 Eine Scheibe Dreiecksbrot mit Butter. Leider tendieren meine Ernährungsgewohnheiten zurzeit stark Richtung „Stulle mit Brot“.

4 Mandarinen, Milch, Salat in der Tüte. R. kommt kurz mit L. und W. vorbei, um vor dem Urlaub nicht mehr Verkonsumiertes vorbeizubringen. Ich halte den acht Wochen alten W. im Arm. Wie leicht er ist! L. zeigt mir seinen Glitzerflummi, den er zum Geburtstag bekommen hat.

5 Yogiteebeutel-Papieranhänger. „Wenn wir ganz bei uns selbst sind, sind wir Liebe.“ Ich habe eine heimliche Schwäche für solche Sprüche. Gibt es eigentlich einen Fachbegriff für Teebeutel-Papieranhänger?

6 Auf den Straßen von Berlin, tags. Ich fahre mit dem Rad nach Mitte. Seit ich neulich auf trockenem Laub fast weggerutscht bin und dann noch haarscharf einer sich öffnenden Autotür ausweichen musste, bin ich eine etwas ängstliche Radfahrerin, was mich nervt und die anderen Radfahrer, die mich klingelnd überholen, auch.

7 Der Schreibtisch einer Versicherungsangestellten. Ich muss was mit meiner Versicherung klären und dachte, ich schaue lieber persönlich vorbei, weil die Callcenter-Mitarbeiterin, mit der ich neulich zu tun hatte, ziemlich barsch war. Die Dame am Empfang nimmt mich gleich mit an ihren Schreibtisch, sie ist unheimlich freundlich, auf so eine Art, dass ich mich persönlich gemeint fühle, als würde sie mich sympathisch finden, als würde sie sich gerne um mein Anliegen kümmern, was ja vielleicht auch so ist. Seltsam, dass ich bei Freundlichkeit in solchen Zusammenhängen immer von professioneller Freundlichkeit, das heißt aufgesetzter, nicht wirklich empfundener ausgehe. Die Sache ist innerhalb von zehn Minuten geklärt.

8 Holzkirschen. M. und H. sind unterwegs, und ich passe ein bisschen auf N. auf. Wobei: aufpassen. Wir hängen uns Holzkirschen über die Ohren, essen Bananen, galoppieren mit den Dinos und Pferden durch die Wohnung, räumen meine Tasche aus und dann sind M. und H. auch schon wieder da.

9 Ein Schälchen Oliven. Zum ersten Mal seit dem Urlaub esse ich Oliven und habe sofort ein Spanien-Flashback.

10 Gebratene Chorizo und Bier. Das gibt es später noch. (Es ist wahrscheinlich gar nicht so einfach, dieses 12 von 12 immer vollzubekommen, oder?)

11 Boys vor dem Späti. Es ist so warm, dass die jungen Leute auch spätabends noch vor dem Späti sitzen und Bier trinken. Eine Zeitlang dachte ich, das wäre das nächste große Ding: sich vor den Späti zu setzen statt in eine Bar. Ist aber doch keine Massenbewegung geworden.

12 Auf den Straßen von Berlin, nachts. Ich fahre noch mal los, weil ich heute woanders übernachte. Die Straßen sind leer und schön, und nur aus der Autowerkstatt kommt noch Musik.

Samstag, 24. Oktober 2015

Die Lichter der Großstadt blendeten mich

Ich treffe O. auf der Straße, O., mit dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Sushi essen war, bei Musashi am Kottbusser Damm, da waren wir noch jung, O. erschien stark parfümiert zu unserem Treffpunkt und auf dem Weg zum Sushiladen begegneten wir Freunden von ihm, die das wohl auch bemerkten und mich anschauten und grinsten. Tatsächlich war ich an O. interessiert, der selber schon mal in Japan gewesen war und jeden Morgen eine Tasse heißes Wasser trank, das hatte ihm eine Heilpraktikerin empfohlen, erzählte er mir, während wir Edamame aßen, er redete immer sehr viel, was mich beeindruckte, auch auf der Straße legt O. gleich wieder los, seine nächsten Projekte, gleich das Thema Geld, so etwas wie Mindestlohn für Künstler, das müsse es doch geben, dafür wolle er sich einsetzen, und das Problem dabei seien eben die, die nicht auf Bezahlung angewiesen seien, denen es egal sein könne, und die kämen dann auch immer am weitesten, zum Kotzen sei das. Wie er immer sagen würde: Eine Familie könnte ich davon nicht ernähren, und seine Schwester, ihr Mann, drei Kinder, er in der IT-Branche, tja. Tja, sage ich. Und hast du noch Kontakt zu den Leuten von früher? Ach kaum, sagt er, auf dieser einen Party neulich sei er gewesen, da habe er alle noch mal wiedergesehen, und dem J. gehe es doch ganz gut, vor allem seit er nicht mehr jeden Scheiß einwerfe, das sei doch schön, ich sage, ja, den Eindruck habe ich auch. Ich war auch eingeladen auf diese eine Party neulich, aber ich bin nicht hin, ich frage: War W. auch da?, O. nickt, W., der damals als einer der ersten abgehauen ist, sich mit Frau und Kind in Sicherheit gebracht hat, in ein anderes Leben, wo er, wie ich hörte, eine Ausbildung zum Erzieher gemacht hat, W. wäre der einzige gewesen, den ich gerne mal wiedergesehen hätte, aber ich dachte, der kann sich ja auch bei mir melden, wenn er hingeht zu dieser einen Party, deren Zweck es war, dass sich alle mal wiedersehen, hat er aber nicht gemacht. Tja, sage ich, tjaja, als ich O. damals nach unserem Sushiessen schrieb, man könne ja mal und so weiter, schrieb er zurück, ja sicher, aber man sehe sich doch bestimmt ohnehin zu dieser oder jener Gelegenheit wieder, und so war es dann auch, damals liefen wir uns häufig über den Weg, mehr nicht. Also dann, wir sehen uns, sage ich zu O., und er sagt, ja klar, obwohl was ganz anderes klar ist, nämlich dass wir uns inzwischen gar nicht mehr sehen, aber Hauptsache, man erkennt sich noch auf der Straße, man sagt sich noch Hallo und bleibt kurz stehen.

Am Abend wieder Musik.

Freitag, 23. Oktober 2015

Musik

A-WA – Habib Galbi

Montag, 19. Oktober 2015

Gelesen: Scheuer, Zeiner, Klemm

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel
Schmucklose Sprache an der Grenze zum Drögen. Ein in Afghanistan stationierter Soldat, der lieber Vögel beobachtet als alles andere. Und langsam verrückt wird. Erzählt hauptsächlich über die treulich im Soldatentagebuch wiedergegebenen Beobachtungen, während sich die Nebenstränge u.a. der früheren Freundin widmen. Erzählkonstruktion auf mehreren Ebenen, und wenn dann im Tagebuch auch noch die Telefonate 1:1 niedergeschrieben werden müssen, damit die Leserin wohlinformiert bleibt, dann rumpelt es mitunter im Romangetriebe. Auch waren mir einige Verwicklungen in der Vergangenheit allzu schicksalhaft gestaltet. Aber diese Soldatenseele hat mich dennoch sehr berührt.
Ein paar Sätze: „Ich zeichne die Tauben in ihren Umrissen auf gekörntes Papier, das etwas dicker ist als Klopapier. Die dunkleren Stellen wie Gefieder und Schatten schraffiere ich mit Bleistift, danach kennzeichne ich die Stellen, an denen das Gefieder glänzt. Ich koche in unserer kleinen Aluminium-Espressomaschine sehr starken Kaffee – ca. 4-5 Kaffeelöffel auf eine halbe Tasse Wasser. Sergej hat einmal aus Versehen von meinem Aquarellkaffee getrunken und gemeint, endlich mal richtiger Kaffee, nicht so eine wässrige Brühe wie in der Kantine.“
(Die Aquarellkaffee-Bilder von den Vögeln, die im Buch abgedruckt sind, haben mich auch berührt.)

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como
Urlaubslektüre. Gelesen, weil J. erwähnte, mit der Autorin befreundet zu sein, deswegen dem Roman auch eine grundsätzliche, unbeirrbare Sympathie entgegengebracht. Früher waren Tom und Marc beste Freunde und Marc und Betty ein Paar, sie strebten Berufungen an wie Pianist, Komponist, Sängerin. Heute klimpert Tom nurmehr in einer Worldjazz-Band, Betty ist Anästhesistin, und Marc ist tot. Tom und Betty bewegen sich aufeinander zu, dabei wird über das Jetzt räsoniert und an das Früher erinnert. War Marcs Tod Selbstmord? Und kriegen sich Tom und Betty am Ende? Solche Fragen trieben mich beim Lesen um. Ich mochte einige der geradezu aphoristischen Gedanken und originellen Bilder sehr in dem Buch, das Kippen von allzu bedeutungsvoll zu absurd nebensächlich. Über allem liegt so eine Art westdeutsches Wohlgefühl, schwer zu beschreiben, als würde mir immerzu jemand zuflüstern: Uns kann eigentlich nichts Schlimmes passieren. Mich hat das auf die Dauer etwas nervös gemacht, weil ich weiß, dass das nicht stimmt. Und weil ich als Leserin definitiv auf der Suche nach anderen Einflüsterungen bin.
Ein paar Sätze: „Dann wurde es still. Man hätte die Stille in Scheiben schneiden und auf ein Brot legen können, bevor fast gleichzeitig, nur leicht versetzt, Betty Morgenthal und Anne Hermanns „tja, also dann“ sagten. Etwas zu laut, etwas zu grell und nackt standen die Worte in der weiten leeren Akustik der Eingangshalle. Tom aber schwieg, zog mit seinem Bick eine Linie zwischen den beiden Frauen, die, wie ihm auffiel, genau gleich groß waren.“

Getraud Klemm: Aberland
Hier dann also ein Buch, das voll ist mit den oben erwähnten anderen Einflüsterungen, nur dass hier nicht geflüstert wird, ganz und gar nicht. Das Leben und die, die es bestreiten, werden beäugt und seziert, hinterfragt und bewertet abwechselnd von Elisabeth, die die Ich-Perspektive übernimmt, und ihrer erwachsenen Tochter Katharina, die personal erzählt wird. 15 Kapitel, zu deren Beginn immer eine Nachricht steht, eine Einladung zum Muttertagsbrunch, eine Verlobungs-, eine Todesanzeige. Das Leben, wie es sich für Frauen in meinem Milieu gestalten kann, wenn man, wie Katharina, junge Mutter mit liegengelassener Promotion ist und die mit dem Mann vereinbarte Arbeitsteilung von 50/50 doch nur bei 90/10 liegt, oder wenn man, wie Elisabeth, ebenso heimliche wie folgenlose Besuche bei der Scheidungsanwältin hinter sich hat und sich irgendwie arrangiert mit der großen Unlust. Ein Buch mit einer tiefen Furche zwischen den Augenbrauen, das mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt hat – wie beharrlich es seinem Thema folgt, wie es über alle Fallstricke des die-Figuren-lächerlich-Machens hinwegschreitet. Wie gut es konstruiert ist. Wie eine Wut fassbar wird, die sonst so selten Ausdruck findet. 
Ein paar Sätze: „Natürlich habe ich alles, was ich gewollt habe. Nur dass das, was ich gewollt habe, nicht viel war. Man ist bescheiden. Man ist am Buffet des Lebens schon auf Diät gewesen und hat sich für eine gedämpfte Zukunft mit salzlosen Lebensträumen entschieden.“
(Weitere Zitate sind gerade heute bei aufZehenspitzen erschienen.) 

Montag, 14. September 2015

Noch ganz lange Zeit

Und dann der Typ, der am Kotti oben auf der Telefonsäule hockt mit einer Türkei-Fahne in der Hand, und der andere Typ, der sein Handy zückt, um ihn zu fotografieren, und wie die ganze Stadt immer noch voll ist von Elends-, Armuts- und Wahnsinnsmotiven, während wir einander erzählen, dass wir vor fünf Jahren eine richtig große Wohnung hätten anmieten sollen, damals, als alles noch nicht gar so teuer war, jaja, hätte hätte–
Aber das erzählen sich alle, sagt J., egal, wie reich, egal, wie groß die Wohnung schon ist, in der man wohnt, alle denken so. J., die schon zu Westberlin-Zeiten hierher gezogen ist, da sind meine zehn Jahre Hauptstadt natürlich nichts dagegen, J., deren Schwester gestorben ist und die mir davon erzählt, wie sie ihrem Sohn jetzt vorrechnen muss, wie alt sie ist, wie alt die Schwester geworden ist, wie viele Jahre dazwischenliegen, wie viele Jahre zwischen seinem Alter und dem der Schwester liegen, all das muss heruntergerechnet werden–
Und ich erinnere mich, wie ich als Kind die bange Frage an meine Eltern gestellt habe, sterbt ihr auch irgendwann?, und die Antwort, ja, aber bis dahin ist noch ganz lange Zeit–
Und L., der mir von dem toten Vogel im Kita-Garten erzählt, der auf einer Mauer balanciert, und ich sage: Aber bitte nicht runterspringen, ja?, und er sagt: Wenn ich da runterspringe, bin ich dann tot?

Donnerstag, 13. August 2015

Immer schwer, aber immer gut

Wie schön ich diese Tage finde. Es ist so heiß, dass ich mich fühle wie in einem anderen Land, auf Städtetrip in einer fremden Metropole, na gut, so fremd nun auch wieder nicht, aber da ist dieses Urlaubsgefühl, befeuert dadurch, dass einfach keine Arbeit mehr da ist und im Büro auch niemand mehr so tut, als wäre das anders, alle kommen und gehen, wann sie wollen, eigentlich könnten wir auch wegbleiben, es würde niemandem auffallen, niemanden stören. Die völlige Irrelevanz des eigenen Tuns, und die Leichtigkeit, die damit einhergeht, aber ist mir ja klar, dass die viele Zeit sich nur deswegen so herrlich anfühlt, weil ich noch Geld bekomme, Geldgeldgeld. Und wie Facebook derweil meint, mich immer mal wieder an die Zeit von vor zwei Jahren erinnern zu müssen, an die große Haltlosigkeit, bevor dann erst mal alles wieder gut wurde. Nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle, ich klicke mich durch die Tabellen der jeweiligen Hilfsorganisationen, gebraucht wird kleingeschnittenes Obst, Bulgursalat (viel), und als ich den Link für den Blogeintrag eben noch mal raussuchen will, lese ich, dass jetzt keine Lebensmittelspenden mehr erlaubt sind, es ist ein Skandal, dass das Veterinäramt vor den Ärzten da ist, sagt die Sprecherin. Der Typ, der mich neulich auf der Straße angeschrien hat, treibt sich immer noch hier in der Gegend rum, ich sehe ihn fast täglich, in seinem immergleichen Hawaiihemd und mit seinem die große Weltverschwörung zergrübelnden Blick. „Der hat nicht dich gemeint“, sagte mir so ein Hippie, der einfach ein paar Schritte neben mir herging, nachdem ich zu ihm gesagt hatte, ogott habe ich mich erschrocken, und gesagt hatte, der hätte wenigstens was Nettes schreien können, aber er hat du blöde Schlampe geschrien, „das hat nichts mit dir zu tun“, sagte der Hippie, und ich: „Nein, ich weiß, ich lasse das alles durch mich hindurch“, und er: „Ja, das ist immer schwer, aber immer gut“, und wir wünschten uns einen schönen Abend und gingen unserer Wege. Immer schwer, aber immer gut: Nicht gemeint zu sein. Und wenn es nichts mit einem zu tun hat.

Dienstag, 28. Juli 2015

Wenn ich daran denke, was jetzt wieder alles umsonst war

Wenn ich daran denke, was jetzt wieder alles umsonst war, schreibe ich auf einen Zettel (endlich wieder mehr Zeit zum Schreiben), den ich fortan als Lesezeichen benutze (endlich wieder mehr Zeit zum Lesen). Der sogenannte Strategieplanungstag, die Kundenanalyse, die unzähligen Präsentationen, die Diskussion über den neuen Firmennamen, das Basteln der neuen Website, all die Meetings, bei denen über eine Zukunft diskutiert wurde, die es nun doch nicht geben wird. 
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Ein sehr schönes Buch: Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen, das zu sehr großem Appetit auf Kimchi führte, vorerst nicht selbst gemacht, sondern mitgenommen aus der Kühltheke des Asialadens:
Foodfotografie, ich komme
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Über Cloudette vorhin auf diese Liste gestoßen: Grundnahrungsmittelvorrat für eine Person und 14 Tage. Gruselwusel bei gleichzeitiger Faszination: Kirschen im Glas, Birnen in Dosen, Aprikosen in Dosen, auf staatlichen Rat gebunkert.
Weiters herausgefunden, dass es eine Warn-App gibt, herausgegeben vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sie heißt NINA. „Mit NINA sind Sie stets aktuell über Gefahren informiert, denn die Push-Funktion macht Sie auf neue Warnungen aufmerksam.“ Was will man mehr, als stets aktuell über Gefahren informiert zu sein? Höchstens ein paar Dosenaprikosen.

Mittwoch, 15. Juli 2015

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Ich träume, dass mein Buch bereits erschienen ist, ich halte es in der Hand, es ist dick und hat einen Leineneinband, ich kann mich gar nicht daran erinnern, es zu Ende geschrieben zu haben, ich denke nur: Huch, mein Buch ist ja schon da, hab ich gar nicht mitbekommen! Und das, obwohl ich jeden Tag den Perlentaucher lese. Ist wohl noch nicht rezensiert worden, folgere ich daraus, hat also keine Aufmerksamkeit bekommen, tja. Fazitgefühl: Kein Erfolg. Und das wiegt schwerer als das Buch in meiner Hand.
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Das Hotpantsverbot zieht an mir vorbei, die Bravo-Flirttipps ziehen an mir vorbei, ich erinnere mich an eine Stelle in einem Kinder-/Jugendbuch, wo sich die Erzählerin über ein anderes Mädchen in ihrer Klasse lustig macht, das sich immer Vaseline auf die Lider schmiert, für einen strahlenden Blick, und wie ich mir dann auch Vaseline auf die Lider geschmiert habe, und wie das gar keinen Effekt hatte. Wie ich solche Tipplisten damals verschlungen hätte, ganz sicher, und wie ich jahrelang supergut angekommen bin mit Dauerlächeln und -schweigen, so geheimnisvoll, ganze Jahre verplempert mit Zuhören, Zuhören, Zuhören.
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Ich fand Victoria einen Scheißfilm. Habe weder dieses Wir-sind-echte-Berliner-Getue geglaubt noch dass Victoria in drei Monaten Berlin niemanden kennen gelernt haben soll, und dann die Vergangenheit als angehende Konzertpianisten, das als Identifikationsangebot an die höherschichtige Zuschauerschaft, nee. Unglaublich lahmer Anfang, und dann diese blondierte Karikatur von einem Oberschurken, Bitch hier, Bitch da, und dass Victoria im weiteren Verlauf nicht ein einziges Mal auch nur eine einzige vernünftige Entscheidung zu erwägen scheint. Aus feministischer Sicht nicht vertretbar, hab ich jemals erwähnt, dass dieses Urteil, damals über den Film Black Swan gefällt, zu meinem Blogtitel führte?
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Ich habe zu nichts Lust. Zu nichts, nichts, nichts. Dieses graue Gefühl, eine Wolkendecke aus Beton, schwebt über meinem Kopf.
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Vielleicht bist du ja wie eine Spinne, die sich gerade häutet, sagt L. zu mir, L., die mir einfach so selbstgebackene Kekse im Büro vorbeibringt, L., die – ich romantisiere jetzt – die Freiheit besitzt, sich einfach so in die Küche zu stellen und Kekse zu backen, wenn sie Lust dazu hat, und damit dann noch andere Menschen zu beglücken. Spinnen häuten sich auch?, frage ich, ich dachte, nur Schlangen. Doch, Spinnen auch, sagt sie.

Freitag, 19. Juni 2015

Als ich vor drei Jahren

Als ich vor drei Jahren auf einer Lesung von Laurie Penny war, damals stellte sie ihr Buch Fleischmarkt vor, fand das in einer kleinen Buchhandlung im Prenzlauer Berg statt, vor etwa dreißig Leuten. Für die Lesung im SO36 vergangenen Mittwoch waren 200 Karten allein im Vorverkauf weggekommen, und als ich ankam, um viertel vor sieben – die Abendkasse sollte um sieben öffnen – war da schon eine Menschenschlange, die bis um die nächste Straßenecke ging. Ich war zur Lesung mit L. verabredet. Aber lass uns das doch nicht machen, sagte ich. Lass uns unsere eigene feministische Lesung veranstalten. Gegenüber vom SO36, vor dem Bateau Ivre, wurden gerade zwei Plätze frei, also setzten wir uns dorthin, wie so Münchner, sagte L., und tranken Weißweinschorlen.
Es stimmt nicht, was im Internet steht, es ist niemand außen vor geblieben, am Ende sind alle reingekommen, das können L. und ich bezeugen. Sogar wir hätten noch rüberhuschen können, als die Türsteher_innen mit jetzt-aber-schnell-Winkbewegungen die letzten Leute einließen, aber da hatten wir gerade die nächsten Schorlen bestellt.
Wir sprachen nicht über Feminismus an diesem Abend. Warum auch, es ist ja alles gesagt. Oft und oft und von vielen.  
Aber wie oft denke ich im Gegensatz dazu: Oh nein. Das zähle ich nicht mit. Das nehme ich gar nicht mehr wahr. Das Oh-nein-Denken ist Normalität geworden. 
Ich bin meine eigene feministische Großmutter, und ich habe in meinem Leben nichts erreicht.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Und dann der Exkollege

Und dann der Exkollege, der längst woanders PR macht, aber trotzdem noch mal zum Mittagessen vorbeikommt, entspannt sei sein neuer Job, erzählt er, und dass er plane, einen Blog zu starten und damit zusätzlich Geld zu verdienen, er habe da so einen Artikel gelesen, fünf- bis fünfzehntausend Euro würden manche Blogger im Monat machen, fünfhundert Euro allein für eine auf Instagram hingehaltene Uhr, und das bei einer Followerzahl, wo er denken würde: Das bekomme ich auch noch hin. Und Freunde von ihm hätten einen Reiseblog gestartet, vor einem Jahr erst, und die würden jetzt schon überallhin eingeladen und um die ganze Welt jetten. Und worum solls auf deinem Blog gehen?, frage ich, Lifestyle, sagt er, Reisen, Essen natürlich auch. Natürlich, ich nicke, sehe den Blog schon vor mir, nettes Layout, tolle Fotos, locker geschriebene Texte, diese ganz spezielle Stimmung verströmend, die Lifestyle-Blogs nunmal verströmen, die Welt ist voller schöner Dinge, sagen sie einem, entdecke sie, entdecke dich selbst, vergiss nicht, wie kostbar das Leben ist, wie wertvoll jede einzelne Sekunde, genieße sie, konsumiere sie, los kauf das, kauf mir das ab. Das könnte ich auch, denke ich kurz, gleich hier mein Mittagessen fotografieren, einen geheimnisvollen, verführerischen Blognamen überlegen und den ersten Post verfassen, das eigene Leben, Kochen, Reisen einmal durch die kapitalistische Verwurstungsmaschinerie drehen, ohne Darm bitte, und die Pommes mit Mayo, und bald zeige ich für fünfhundert Euro irgendwelche Uhren in die Kamera, ja warum eigentlich nicht. Später beim Yoga hält die Lehrerin ihr iPhone hoch, ihr wisst alle, dass das ein iPhone ist, sagt sie, und was man damit machen kann, aber andere Menschen, aus Ländern, die technisch nicht so weit entwickelt sind, die wissen das nicht, und während ich noch rätsele, welche Länder sie da wohl konkret meinen mag (wahrscheinlich „Afrika“, haha, denke ich), leitet sie über zu: Seht ihr, die Dinge haben immer nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. Die Dinge an sich sind leer. Und so, sagt sie, sei es auch mit Menschen, denen wir begegneten, und dem, was uns geschehe, und ich denke, wenn mir jetzt aber ein Mensch begegnet, der mir seine Faust mitten ins Gesicht ballert, soll ich dem dann auch erst selber die Bedeutung geben? Und hat sonst jemand im Raum gerade noch solche Gedanken, oder finden alle anderen das nun wirklich erhellend oder bereichernd oder sonstwie inspirierend? Neulich hat eine andere Lehrerin erzählt, dass die Moleküle unserer Fußsohlen und die Moleküle des Bodens einander abstoßen würden, sodass wir im Grunde immerzu schweben, und dann denke ich, dass ich darüber mal einen Blogeintrag verfassen müsste: Was ich am Yoga zweifelhaft finde, und damit habe ich mich schon wieder rauskatapultiert aus der Sparte Lifestyleblogs und bin wieder hier.

Hier wenigstens ein Bild von dem Kokosdrink, den ich trank, während ich diesen Eintrag verfasste. Ja, ist lecker. Kokosdrinkhersteller können mich gerne kontaktieren.

Freitag, 5. Juni 2015

Und wovon


Und wovon brauchst du wirklich Urlaub, fragt Ingo, wir radeln nebeneinander her durch den Park am Gleisdreieck, vorhin im Unterricht habe ich verkündet, dass ich den Sommerkurs, der bei der Lehrerin privat stattfindet, nicht mitmachen werde, ich brauche mal Urlaub von der Sprache, habe ich gesagt, aber Ingo ist Psychologe und fragt nach. Ach, sage ich, es ist warm, der Himmel bewölkt und auf den Parkwiesen sitzen die Kids in kleinen Gruppen, so darf man sich also eine Jugend in Berlin vorstellen, denke ich, man trifft sich abends mit seinen Freunden im Park am Gleisdreieck, eigentlich auch von der Lehrerin, sage ich, die hat so was Trauriges seit zweidrei Monaten, so was dermaßen Trauriges, dass man denkt, vielleicht ist in ihrem Leben was passiert, jemand ist gestorben oder krank, jemand fehlt ihr oder etwas, jedenfalls macht ihr das mit uns keinen Spaß mehr, und mir auch nicht mehr mit ihr. Und auch vom Unterricht brauche ich Urlaub, von dem Gefühl, wenn ich fleißiger wäre, würde ich vielleicht vorankommen, aber ich bin nicht fleißig und komme nicht voran, es ist wie damals in der Schule. Wovon noch?, Ingo muss gar nicht fragen, ich setze die Aufzählung stumm alleine fort, von meinem Job brauche ich Urlaub, von der Langeweile und der Stupidität und der Arbeitswut, von meinen Kollegen, von der Frage, und was machst du heute zu Mittag, die mittlerweile jeden verdammten Tag gestellt wird, sogar vom Feierabend brauche ich Urlaub, davon, nach Hause zu kommen und erst mal gar nichts mit mir anfangen zu können. Ich brauche Urlaub von meiner Wohnung, in der immer noch die Umzugskartons zusammengefaltet an der Wand stehen, in der immer noch die nackten Glühbirnen von der Decke hängen, und von der Aussicht, dass das noch monatelang so bleiben wird. Und wovon wirklich?

Sonntag, 31. Mai 2015

Das Brot vom Vortag

Und dann der Mann, der vor dem Brotregal im Kaisers am Kotti neben mir steht und auf den Korb deutet, in dem die Brote vom Vortag zum halben Preis liegen, die sind auch gut, sagt er, und kosten nur einszehn. Ja, die sind auch gut, sage ich, weil ich das wirklich glaube, Brot, zumal ungeschnittenes, wird ja nicht so schnell schlecht. Trotzdem nehme ich mir ein frisches Brot aus dem Regal. Und sogleich schießt mir durch den Kopf, was ich sagen könnte, müsste ich mich dafür verteidigen. Dass die Brote vom Vortag mir alle zu groß sind, oder dass ich genau das mit den Sesamkörnern haben will. Dabei muss ich mich gar nicht verteidigen. Ich möchte lieber ein frisches Brot. Brot vom Vortag für einszehn zu kaufen ist für mich eine Art von Sparsamkeit, die sich nach Armut anfühlt, und dieses Gefühl will ich nicht haben. Muss ich auch nicht, ich bin nicht arm. Warum mich der Mann auf die Brote für einszehn wohl hingewiesen hat? Weil er dachte, ich sehe die nicht? Weil er nicht versteht, warum irgendjemand ein Brot zum Normalpreis kaufen sollte, wenn das für einszehn auch gut ist? Dass ich gerade von einer Yogastunde komme, die im Einzelpreis siebzehn Euro kostet, das sage ich dem Mann natürlich nicht, dass ich wie die Gentrifizierung in Person vor kurzem in eine komplett sanierte Altbauwohnung gezogen bin, die fast doppelt soviel kostet wie vor der Sanierung. Überhaupt nichts sage ich zu dem Mann. An der Kasse steht er zufälligerweise wieder hinter mir, eine Packung Käse legt er noch aufs Band, auch billig, aber sicher auch nicht schlecht, und noch zweidrei Sachen, ein Einkauf für unter sechs Euro, schätze ich, und zahle, stecke meine plötzliche Beklemmung – das könnte dein Einkauf sein – weg, als wärs mein Portemonnaie, und gehe, das frische Brot in der Tasche.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Endlich die vertrockneten Lilien weggeräumt,


die schon viel zu lang auf meiner Fensterbank standen, längst tote Blumen, traurig. Ich mag keine Lilien, seit ich mir mal einen ganzen Strauß davon kaufte und von ihrem Duft stechende Kopfschmerzen bekam, seit ich einmal bei Domian eine angehende Bestatterin sagen hörte, sie wisse jetzt auch, wozu all die Blumen bei Aufbahrungen gut sind. Der gelbe Staub der Lilienpollen auf meiner Fensterbank, und gleich der Gedanke an die Fernsehreportage über irgendein Luxushotel mit Lilien im Badezimmer und wie der Manager sagte, es gebe einen Angestellten, dessen Aufgabe es sei, täglich die Lilienpollen zu entfernen, damit sie ja keine Flecken auf der Gästekleidung, den Bademänteln und Handtüchern hinterlassen. Die Vorstellung, das sei die einzige Aufgabe dieses Angestellten, ich bin Lilienpollenentferner im Luxushotel, und das anerkennende Nicken in jeder Smalltalkrunde, ein verantwortungsvoller Job, dochdoch, durchaus.