Dienstag, 29. Juli 2014

Schnipsel

„Siehste, sie war zum Beispiel vor 15 Tagen zum letzten Mal da“, sagt die Empfangsfrau am Fitnessstudiotresen zu ihrer jüngeren, offensichtlich anzulernenden Kollegin, man muss zum Einchecken immer sein Plastikkärtchen abgeben, das wird dann in den Computer eingelesen, und der Computer gibt daraufhin offensichtlich solch wertvolle Infos preis. „Ich meine, es gibt auch Leute, die waren vor 241 Tagen zum letzten Mal da“, fügt sie hinzu; ich habe wohl etwas erschrocken geguckt. Natürlich weiß ich das: Früher war ich hier zweimal die Woche, und jetzt etwa nur noch alle zwei Wochen. Trotzdem: Ach du scheiße. Hier, genauer gesagt: In der Umkleide, habe ich auch den Anruf bekommen, die Einladung zum Vorstellungsgespräch, das dann zu meiner derzeitigen sogenannten abhängigen Beschäftigung führte, und beim Auflegen dachte ich damals auch: Ach du scheiße. Und vergaß dann wohl prompt mein Kärtchen in der Umkleide, jedenfalls war es beim nächsten Einchecken nicht mehr da. Woraufhin ich zehn Euro bezahlen musste. Wucher, ganz klar, aber ich nahm das gelassen hin. Dachte: Ich verdiene ja jetzt bald so irre viel, was kostet die Welt, hahaha. Puh. Hochmut kommt vor dem Fall, oder wie lautet da noch gleich der passende Spruch. Vor dem Fall in die rückenschmerzverzierte Untrainiertheit.
Und dann war da noch G.s Sohn, der „Allahu Akbar“ vom Balkon runterrief, völlig unvermittelt, Atheistenkind, Berlinkind, und G.s Blick, diese elternspezifische Mischung aus Fassungslosigkeit und Amusement. Und dann war da noch dieser Mann, der, als ich mit Freundinnen vor einem Café in Neukölln saß, auf uns zutrat, um zu fragen, wo denn hier das Bordell sei. Bisschen vernuschelt: „Bordell? Wo issn das?“, und Z., die in aller Ruhe und Bestimmtheit sagte, hier die Straße runter, unten rechts ist eine Hofeinfahrt, da. Und schon machte er sich wieder davon, etwas abgerissener Typ, fünfzig vielleicht, humpelnder Gang, als hätte er seine Krücke zu Hause vergessen. Ja, bitte für die Auskunft.
Schnipsel, schnipsel, schnipselpopipsel. 

Dienstag, 15. Juli 2014

Und sie, die am Gehwegrand

vor dem Mülleimer steht mit einer Plastiktüte, darin die soeben gekauften Kirschen, von denen sie die schlechten, zerdötschten aussortiert, und er, der ein paar Meter weiter wartet und fragt: Willst du das nicht machen, wenn wir auf der Bank sitzen?, und sie, die sich Zeit lässt und schließlich sagt: Drei schlechte Kirschen, das ist nicht viel.
Wie ich mir dann auch Kirschen kaufe. Das Gefühl vom Kirschkerneausspucken, die Erinnerung daran, dass ich als Kind die von der lieben Tante, dem lieben Onkel ausgespuckten Kirschkerne nochmal in den Mund genommen habe, um wie auf winzigen Endlosbonbons daran herumzulutschen, bis sie ganz blank waren, was mich stolz gemacht hat, und wie niemand das Igitt oder sonstwie fand. Kopfschütteln.
Plötzlicher, absurder Gedanke: Wenn ich schon sterben muss, dann ess ich wenigstens noch Kirschen! Und gestern sehr gelacht, als ich im Internet über die Beschimpfung stolperte: „Kauf dir mal Leben.“ (Vielleicht nur witzig für Menschen, die Candy Crush und Konsorten spielen. Was wiederum viele sein dürften.)
Und auf Arbeit mitzubekommen, wie jemand versagt, so umfassend, so grundlegend, so rettungslos versagt, dass niemand wütend wird oder grob, sondern alle immer nur noch sanfter und sanfter, aus Mitleid, gemischt mit Fassungslosigkeit, und wie ich denke: Sollte ich jemals versagen, dann bitte nicht so.