Samstag, 14. Juni 2014

Nervennahrung

, wie meine Ex-Kollegin das immer sagte, wenn sie an ihre Schublade ging und Schokolade hervorholte, jedes einzelne Mal: Nervennahrung, mit diesem Blick, als wäre sie jetzt schuld an irgendwas, als würde sie sich deswegen selbst leid tun, und dahinter ein Funken Rebellion, ein Riegelchen Das-gönn-ich-mir-aber. So traurig. Nie die Schokolade mit Genuss gegessen. Nie das Kindheitsgefühl vom heimlich-in-sich-hineinstopfen losgeworden. Die Erzählung, dass die Schokolade eigentlich nur ein Ersatz ist für etwas anderes, das fehlt, zu tief in mir verankert.

„In meiner Gegenwart hast du jedenfalls noch nie nach Schweiß gerochen“, sagte das ca. 15jährige Mädchen zu ihrem ca. 15jährigen Freund in der U-Bahn, neulich abends, nach einem dieser heißen Tage. Was ihn aber doch nicht davon abhielt, ein Deo aus seiner Tasche zu holen und sich damit einzunebeln. Sie hatte ihr nacktes Bein über sein nacktes Bein gelegt, es sah cool aus und schön, ich hätte das gerne fotografiert, heimlich, aber es kam mir falsch vor, hatte so schon das Gefühl, wenn die beiden aussteigen, wird sie ihn fragen: Hast du gesehen, wie die Frau uns angestarrt hat.

Auf Arbeit stoße ich zufällig auf das japanische mono no aware“ : „Das Pathos der Dinge“ oder auch „das Herzzerreißende der Dinge“ (物の哀れ, mono no aware) bezeichnet jenes Gefühl von Traurigkeit, das der Vergänglichkeit der Dinge nachhängt und sich doch damit abfindet. Als Mitgefühl mit allen Dingen und deren unabdingbarem Ende ist mono no aware ein ästhetisches Prinzip, das vornehmlich ein Gefühl, eine Stimmung beschreibt.“ Das Herzzerreißende der Dinge – Romantitel, irgendwann, denke ich und bin plötzlich seltsam stolz auf diese Idee, als ich später herausfinde, dass Friederike Mayröcker eines ihrer Bücher genau so betitelt hat.

Dienstag, 3. Juni 2014

Alltag


Dass die Existenz des lauten Mädchens im Büro offenbar der Tatsache geschuldet ist, dass ihre Mutter mit dem Chef liiert ist: Ach so. Noch lerne ich jeden Tag etwas dazu. Wenn das Mädchen mit den anderen Ladies Mittagspause macht, in der offenen Küche sitzend, eine Inszenierung des noch zu schreibenden Erfolgstheaterstücks „Unendlicher Quatsch“ vorwegnehmend, setze ich mir entweder die Kopfhörer auf oder fliehe nach draußen. Sitze dann gerne vor dem Pizzapavillon am Kanal, dort, wo ich vor tausend Jahren beim Trudeln durch die Nacht mit G., ob er sich daran wohl noch erinnert, mal einen Typen ansprach, auf so ganz schlechtem Englisch, hey do you know where a club is around here, someplace where we can dance, und er, auf genauso schlechtem Englisch, no, well I come from Club der Visionäre and I go home now, und wir uns anlächelten, und er, Pizzakarton in der Hand: You can come with me, if you want. Unendliche Charmanz. Habe ich aber nicht gemacht. Und dann das Warten auf den Aufzug, der mich zurück ins Büro bringt, für eine halbe Minute zum Nichtstun gezwungen, geschenkte Zeit, denke ich, verpisste Zeit, tönt die Stimme meiner Mutter in meinen Ohren, wie eine kleine geballte Faust, die man schüttelt, wenn man auf Dinge schimpft, die man doch nicht ändern kann. Aber auch an dem Ärger über die Dinge kann man nichts ändern.