Mittwoch, 21. Mai 2014

Der Birnbaum

Dafür müsse wohl der Birnbaum kommen, sagte die eine Kollegin zur anderen an meinem ersten Arbeitstag, und obwohl ich nicht wusste, worum es ging, weckte der sorgenvolle Tonfall gleich mein Interesse.
Wer oder was ist denn der Birnbaum?, fragte ich, aber die Kolleginnen überhörten das. Absichtlich, wie mir schien.
Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, dass der Birnbaum kommt, wäre das gut, sagte die eine Kollegin nur.

Dafür müsse wohl der Birnbaum kommen, sagte wiederum eine andere Kollegin an meinem dritten Arbeitstag zu mir, als mir ein Firmenrechner zugeteilt worden war und ich fragte, wer mir den denn einrichten könne. Gemeinsam gingen wir zur Empfangsdame, deren Aufgabe es offenbar ist, den Birnbaum anzurufen, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Zögerlich nahm sie den Hörer in die Hand. Das hast du auch nicht gewusst, oder?, fragte meine Kollegin die Empfangsdame, Mitleid klang aus ihrer Stimme.
Ich kann den Rechner doch einrichten!, sagte da wiederum eine andere Kollegin, die nur zufällig vorbeigegangen, wohl nur das Wort Birnbaum aufgeschnappt hatte und ganz klar wusste, wie gut es wäre, wenn es sich irgendwie vermeiden ließe, dass der Birnbaum kommt.
Ich kümmere mich darum, versprach sie. Die Empfangsdame ließ den Hörer erleichtert wieder sinken.

Am Donnerstag kommt der Birnbaum, sagte die Empfangsdame an meinem fünften Arbeitstag zu mir. Der Rechner war immer noch nicht eingerichtet. Als die Kollegin, die versprochen hatte, sich darum zu kümmern, später am Tag zu mir kam, um sich tatsächlich darum zu kümmern, sagte ich: Dafür kommt aber am Donnerstag der Birnbaum.  
Die Kollegin sah erschrocken aus. Das ist nicht gut, sagte sie.
Ich hob die Schultern. Jetzt lässt es sich nicht  mehr vermeiden, sagte ich.   

Samstag, 17. Mai 2014

Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Schlaftablette

Dialog am ersten Tag auf der neuen Arbeit
Kollegin 1: Du hast aber noch keine Kinder, oder?
Ich: Nein.
Kollegin 2: Oh, ich habe verstanden: Du hast immer noch keine Kinder, oder? So nach dem Motto: Wird aber langsam mal Zeit!
Ich: Finde ich aber auch!
Kollegin 2: Das solltest du am ersten Tag vielleicht nicht so laut sagen!
-
Ohrwurm dieser Tage: Au weia, au weia, der Hahn hat keine Eier! Eigentlich lautet der Liedtext natürlich anders.
-
Gedacht: Wenn ich in einem Film noch einmal eine Frau selbstvergessen tanzen sehe, und dieses selbstvergessene Tanzen soll etwas über den inneren Zustand dieser Frau aussagen, dann muss ich schreien. Die Frage, wie man über ein Milieu erzählen kann, dem man selber nicht angehört, bleibt indes ungelöst. Ich bin ja auch nicht dafür, dass Mittelschichtskids nur über Mittelschichtskids schreiben oder Filme machen. Aber wenn Mittelschichtskids sich die Unterschicht vornehmen, und da liegen die Eltern dann wieder nur vor dem Fernseher und interessieren sich nicht für ihre Kinder, denke ich doch irgendwie sowas wie: Schuster, bleib bei deinen Leisten.
-
Georg Blume berichtet in der ZEIT:
Ach ja, diese weibliche Ungezwungenheit, sich von Kindern nicht alles verbieten zu lassen. Wir sollten wirklich mal erforschen, woran es liegt, dass „Hör gefälligst auf zu rauchen!“ oftmals einer der erste Sätze ist, die Mütter von ihren Kindern zu hören bekommen. Und warum ausgerechnet die deutsche Mutter es nicht schafft, sich von solchen Forderungen zu emanzipieren. Obwohl es doch so wichtig wäre, das zu lernen, der Geburtenrate und unser aller Altersversorgung zuliebe.

Freitag, 9. Mai 2014

Immer, immer wieder diese Bewegung

in Texten, die ein im weitesten Sinne feministisches Anliegen haben und in der Mainstreampresse erscheinen, wie hier in dem Artikel von einer meiner Lieblingsautorinnen der ZEIT, Katja Nicodemus:


Das ist wirklich doppelt und dreifach verdreht, wie hier eine zu erwartende Abwertung vorsorglich schonmal vorweggenommen und die eigene Empörung gleichzeitig lächerlich gemacht wird. Schaut mal, der kleine Emanzendrachen, der in seiner Fantasiewelt für Fantasieziele kämpft. Haha, niedlich. Besteht da eigentlich irgendeine Verwandtschaft zum Hausdrachen?

Seufz. Solange es noch notwendig ist, sich derart abzusichern, sobald man in irgendeine Richtung argumentiert, wo irgendjemand am Wegesrand wieder sagen könnte: „Igittegitt, das ist ja politisch korrekt!“, habe ich keine Lust, mitzudiskutieren.

(Aber wie kann ich dann die Weltrevolution vorantreiben? Fragezeichen.)

Donnerstag, 8. Mai 2014

Lass los

, sagt die Yogalehrerin immer, sagen wohl alle Yogalehrerinnen auf der ganzen Welt, und wenn du denkst, du hast schon losgelassen, lass nochmal los. Schließ hinter deinen geschlossenen Augen die Augen noch einmal. Shavasana. Die Totenstellung. Und wie die Gegenübung dazu lauten würde, darüber musste ich heute Nacht nachdenken, als ich mit laut klopfendem Herzen im Bett lag und nicht schlafen konnte, halt fest, und wenn du denkst, du hältst schon fest, halte noch fester. Öffne vor deinen geöffneten Augen die Augen noch einmal. Die Lebendigenstellung. 

Dienstag, 6. Mai 2014

In meinen Lieblingssweater geschlüpft,


den anthrazitfarbenen mit den bunten Fusseln, den ich damals in der Sportabteilung gefunden habe, als ich eigentlich Joggingschuhe kaufen wollte, haha. Wie meine regelmäßig aufwallenden sportlichen Ambitionen mir im Nachhinein immer vorkommen wie ein Witz, stundenlang Yogastudios in der Nähe gegoogelt, Philosophien und Preise verglichen, nie irgendwo hingegangen. Oder mir ausgemalt, wie ich in der Freibadsaison jeden Morgen zum Frühschwimmen radeln werde, konnte schon fühlen, wie erfrischt ich zurückkomme, mit nassem Haar, energiegeladen, bereit für den Tag, es nicht einmal auch nur ausprobiert. Mein Lieblingssweater, für den mir am Ende nie jemand ein Kompliment gemacht hat. Und wie Lena Dunham in einem Interview mal gesagt hat, Schreiben wäre für sie, wie in ihren Lieblingssweater zu schlüpfen. (Oder war das gar nicht sie? Ich kann das Interview online nicht wiederfinden, jedenfalls nicht, wenn ich „Lena Dunham Writing Sweater“ bei Google eingebe.) Und wie ich diesen Gefühlsvergleich nicht vergessen kann, Behaglichkeit und Wärme beim Verfassen von Blogeinträgen. Stattdessen kalte Füße.