Freitag, 12. Dezember 2014

In der U-Bahn


auf dem Hinweg eine blinde Frau mit ihrem Begleiter, dir macht es doch nichts aus, ein paar Stationen zu stehen, sagt er zu ihr, die Plätze sind besetzt von Grundschulkindern, einige von ihnen werden bald auf die Frau aufmerksam, mustern sie stumm und nachdenklich, eine Bank weiter spielt ein Mädchen Schach auf ihrem Handy, Chess!, wirft der Junge ihr gegenüber auftrumpfend ein und erklärt, ohne dass sich jemand dafür interessiert, was sie alles mit der Dame machen kann. Bei den Erwachsenen in seinem Umfeld, kann ich mir vorstellen, rufen solche Erläuterungen regelmäßig Begeisterungsstürme hervor, bei den Kindern in seiner Klasse blitzt er damit ab. Dann entdecke ich plötzlich M. und taumele durch das halbe U-Bahn-Abteil auf ihn zu, kurz liegen wir uns in den Armen, ich lobe ihn schnell für seine Fahrt aufnehmende Karriere als Comedy-Star, er bedankt sich und sagt gleich, aber es sei viel Arbeit, sich immer wieder bei Veranstaltern anzubieten, Arbeitsproben zu sammeln, wichtig: ins Fernsehen zu kommen; Klinken putzen, denke ich und bin doch überrascht, dass es das ist, was er als erstes betont. Und von wo nach wo ziehst du um? Von Kreuzberg nach Kreuzberg! Akkurate Entscheidung, sagt er und muss schon aussteigen, zusammen mit der Grundschulkinderschar. Weil der neue Vermieter auf mein Klingeln nicht öffnet und auf dem Messingschild am Eingang steht, sein Büro sei im fünften Stock, betrete ich das Haus, als jemand anderes es verlässt, stiefele bis ganz nach oben und lese in meinem Buch weiter. Nach einer halben Stunde rufe ich den Vermieter an, ich warte auf Sie, sage ich, und er: Und ich auf Sie, aber Sie müssen halt klingeln, ich: Das hab ich, ich sitze hier vor Ihrer Tür, er: Nee, ich: Doch! Wie sich herausstellt, hat der Vermieter sein Büro inzwischen im Erdgeschoss, oben wohnt nur noch sein Vater, er hat das Schild an der Haustür nie geändert, und die Klingel war ausgestellt, warum auch immer, her mit dem Mietvertrag!, unterschrieben, endlich, hätten wir das auch. In der U-Bahn auf dem Rückweg ein Typ, der mir schräg gegenüber allein auf seiner Bank sitzt, aber wahllos mal in meine Richtung ein bisschen was aus seinem Leben erzählt, vernuschelt und verwaschen und ohne dass es ihm wohl darauf ankommt, verstanden zu werden oder eine Antwort zu bekommen. Ja nee warum eigentlich nicht sich manchmal einfach irgendwohin setzen und so ins Leere reden, immer wieder diese Momente, wo es mir unbegreiflich erscheint, dass so viele Menschen es schaffen, sich an die gesellschaftlichen Konventionen zu halten, nicht weiter aufzufallen, niemals auszuflippen, niemals auch nur kurz davor zu stehen – die wahre Kunst: das Leben zu meistern.

Dienstag, 18. November 2014

Zu dumm


Die sind zu dumm zum Scheißen!, brüllt der neue Chef ins Telefon, die Tür zu seinem Büro ist weit geöffnet, die Praktikantin, die er vom Fleck weg als persönliche Assistentin engagiert hat und die ihm seitdem immer gegenübersitzen muss, findet das wahrscheinlich witzig (ich mag sie nicht, aber sie ist sehr jung und sie tut mir leid, eben weil sie so jung ist, und eben weil ich auch mal so jung war und so was wahrscheinlich witzig gefunden hätte, tue ich mir selber leid), der Kollege links von mir fragt leise: Aber der redet nicht von uns, oder?, da muss ich dann lachen. Schonmal habe ich für Chefs gearbeitet, die ich nicht mochte und habe es hinterher bereut. Und jetzt? Träume ich von einem Umzug in eine größere Wohnung, was, wenn mich die beiden Mitbewerber, die der Vermieter heute am Telefon erwähnte, nicht ausstechen, sogar wahr werden könnte. Nachdem ich jahrelang immer wieder geträumt habe (und zwar nachts, nicht tagsüber), meine Wohnung wäre viel größer als in Wirklichkeit, da gäbe es weitere Räume, von denen ich sogar wüsste, aber die ich aus irgendeinem Grund nie benutzt hätte, und ich würde durch diese Räume wandeln und mich fragen – warum, warum habe ich hier nicht gewohnt, mich ausgebreitet, alle Räume in Besitz genommen, mich immer nur auf so einen kleinen Teil beschränkt – warum? Man übertrage diesen Traum wahlweise auf meine Persönlichkeit oder auf meine Art, mein Leben zu leben, und denke sich seinen Teil. G. jedenfalls, dem ich neulich von diesem Traum erzählte, musste ziemlich lachen. Nach Feierabend spricht die Praktikantin von der ehemaligen Chefin als „Trulla“, mit einer Selbstsicherheit, bei der ich denke: Stimmt schon, die meisten Kollegen würden ihr jetzt beipflichten. Ich aber wittere mal wieder Misogynie und mache bloß große Augen.

Donnerstag, 6. November 2014

Das Fahrrad: Nachtrag

Wie sich heute früh herausstellte, war nur der Stecker locker, der die Lichtkabel mit dem Dynamo verbindet. Dass mir da wohl jemand den Stecker gezogen hatte, haha, passt irgendwie auch hervorragend in die Wahnsinnsanalogie der ganzen Fahrrad-Geschichte. Bei der Internetrecherche zu Fahrradlicht-Problemquellen übrigens auf diesen Text gestoßen, über den ich ziemlich lachen musste. Und nun weiterhin gute Fahrt.

Mittwoch, 5. November 2014

Das Fahrrad

Das Fahrrad in die Werkstatt gebracht, das ich täglich fahre und das, wie sich herausstellte, nicht nur einen neuen Antrieb, sondern ein komplett neues Hinterrad brauchte, abgeholt, viel Geld bezahlt, Gute Fahrt gewünscht bekommen, einen Tag lang gute Fahrt gehabt. Dann fehlte nach Feierabend plötzlich die Kappe, die das Licht abdeckt.
Das Fahrrad in die Werkstatt gebracht, den Mechanikern beim Herumkramen in den Kramkisten zugeschaut, eine triumphierende Mechanikerfaust gesehen, als eine passende Kappe gefunden war, lachen müssen, wenig Geld bezahlt, Gute Fahrt gewünscht bekommen, einen Tag lang gute Fahrt gehabt. Dann funktionierte nach Feierabend das Licht plötzlich nicht mehr, weder vorne noch hinten.
Überlegt: Das Fahrrad jetzt wieder in die Werkstatt bringen? Nein, heimfahren, mich morgen drum kümmern, auf dem Weg von Polizisten angehalten worden, aber Sie haben da doch Licht!, gesagt bekommen, JA SCHON ABER UND UND UND geantwortet, mit wütendem Eifer meine Fahrrad-Leidensgeschichte dargelegt, kein Geld bezahlt, Aber fahren Sie vorsichtig gewünscht bekommen, zu Hause angekommen, beinahe heulen müssen.
An das Täschchen denken müssen mit dem Aufdruck „U can’t buy happiness but u can buy a bike and that’s pretty close“, das ich neulich auf einem dieser Hipster-Handwerkermärkte gesehen habe und hätte ich genug Geld dabei gehabt, hätte ich es gleich gekauft.
Dass es aber auch solche Dinge sind, die mich gerade dermaßen aus dem Takt bringen.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Lebensmittelmotten also.

Nun gut, man kann sich seine Feinde nicht aussuchen. Und wann habe ich sonst schon mal die Gelegenheit, entschieden gegen irgendetwas vorzugehen. Stunden vor dem Küchenregal verbracht, alles Offene aussortiert, alles Unverdächtige in Tupperdosen-Quarantäne verbannt, gewischt, gewischt, gewischt. Ob’s das jetzt war? Woher die Viecher kamen, weiß ich nämlich immer noch nicht. Derweil schickt M. eine Rundmail, Empfänger unsichtbar, liebe Berliner Freunde, und ob jemand Lust hätte, mit auf das Konzert am selben Abend zu kommen? Mails, die ich niemals verschicken würde, weil ich Angst hätte, dass entweder niemand mitkommt oder gleich mehrere Personen, die sich untereinander dann nicht verstehen. An M., die ich sicher ein dreiviertel Jahr nicht gesehen habe, schreibe ich zurück, dass ich dabei bin. Als wir uns abends treffen, ist sie in Begleitung einer Freundin, die, während M. mir noch vor Konzertbeginn kurz ihr aktuelles Herzeleid klagt, sagt, wir sollten das jetzt nicht persönlich nehmen oder ihr übel, aber sie würde lieber doch wieder nach Hause fahren und mit ihrem Freund telefonieren. Mit einem strahlenden Lächeln sagt sie das und dem inneren Leuchten einer Person, die vollkommen beseelt davon ist, auf die eigenen Gefühle zu hören. Mir fällt innerlich die Kinnlade runter, so unsensibel finde ich das M. gegenüber, die für eine halbe Minute auch etwas konsterniert wirkt und sich dann nichts mehr anmerken lässt. Das Konzert ist sehr schön. Gestern zum ersten Mal die Heizung angemacht, und jetzt auch noch die Zeitumstellung. Bald ist es um vier Uhr schon so dunkel, wie es im Sommer niemals wird; mir graut immer ein bisschen davor.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Deutsches Sympathieorchester

Netter Verleser neulich, gleich gedacht, da ist doch bestimmt schon jemand drauf gekommen, aber Google sagt: Nein. Dann eine Berufsbezeichnung dazu ausgedacht, Triangelistin im Deutschen Sympathieorchester, aber zu kokett, oder Artikeleröffnung: Gäbe es ein Deutsches Sympathieorchester, er/sie würde sicher die erste Geige spielen. Aber auf wen würde die Beschreibung zutreffen. Herbert Grönemeyer? Lebt der überhaupt noch in Deutschland?
Derweil grölt draußen schon wieder dieser Typ rum, ich weiß nicht, der ist neu, redet betrunken und vorwurfsvoll mit keine Ahnung wem. Zwischendurch kurze Pausen, ob und wer antwortet, ist nicht zu hören. Neulich das verlinkte Video irgendwo im Internet, gar nicht angeschaut, nur den Artikel dazu angefangen zu lesen, dass da jemand vom Balkon aus einen Typen gefilmt hat, der im Hof stehend seine Frau beschimpft, die sich wohl hinter einem der Fenster verbirgt, und dass dieser jemand, der das gefilmt hat, doch besser die Polizei hätte rufen sollen. Und heute irgendwo im Internet dieser Artikel, dass man aufhören sollte, die News zu lesen, dass man sich fragen soll, welche News aus dem vergangenen Jahr hat mein Leben wirklich beeinflusst? Natürlich auch diesen Artikel nicht zu Ende gelesen.
Am Kotti der Aushang mit der Reisewarnung, mehrsprachig, dass im Oktober verstärkt mit Polizeikontrollen zu rechnen ist. Und das läuft unter dem Namen „Mos maiorum“? Wie zynisch, denke ich. Und dass auch das News sind, die mein Leben nicht wirklich beeinflussen, schießt mir später durch den Kopf. Hallo, Privilegien. Soll ich euch was auf der Triangel vorspielen?

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Pleite

Mir war nicht klar, dass ich ein sinkendes Schiff betrete, aber jetzt sitze ich schon wieder einem Investor gegenüber, er ist mir beinahe so unsympathisch wie die Investoren, mit denen ich vor anderthalb Jahren zu tun hatte, in einer anderen Firma. Aber du findest ja alle Leute erstmal unsympathisch, hat M. vor hundert Jahren mal zu mir gesagt, was tendenziell stimmt.
Dieser Investor ist einer von der Sorte „Ich will ja auch, dass meine Frau arbeitet“, er erzählt mir vom Ballettunterricht seiner Tochter, da seien immer diese Mütter, und diese Mütter, er wisse nicht, wie er das jetzt vornehm ausdrücken solle, seien eher so, er formt mit seinen Händen eine Kugel, und neulich sei es so heiß gewesen, da habe eine der Mütter ihr T-Shirt ausgezogen und dann im BH dagesessen. Ahja, sage ich und mache weiterhin mein „Ich werde nichts tun, um diese Situation irgendwie angenehmer zu gestalten“-Gesicht. Aber um auf die Kinder zurückzukommen, Kinder seien einfach was Tolles. Auch nervig, klar, das müsse man mal sagen, sagt er, aber toll.
Das Geschäftliche haben wir bereits abgehakt. Dass es durchaus beachtlich sei, was ich bisher erreicht hätte, hat er festgestellt, wie alt ich gleich sei?, ach und ein paar graue Haare hätte ich aber doch schon. Ob ich Ideen hätte?, bezogen auf die Zukunft der Firma, ich: Nein. Ob ich mir Sorgen machen würde?, ich: Nein. Fast musste ich lachen. Ich mache mir wirklich keine Sorgen.
Es ist wie in diesem Artikel, den ich neulich irgendwo gelesen habe (warum notiere ich mir sowas nie oder merke es mir genauer) über Angsttherapie, wo es darum ging, dass man nicht unendlich Angst vor irgendetwas haben kann, sondern dass irgendwann das Angst-Reservoir aufgebraucht ist, und dann hat man keine mehr, so ungefähr habe ich das in Erinnerung.
Noch bis vor Kurzem habe ich mir dermaßen viele Sorgen gemacht, Sorgen, die sich allesamt als unbegründet herausstellten, die ich mir nicht hätte machen müssen (aber wie viele von den Sorgen, die man sich macht, hätte man sich schon machen müssen, das ist doch gerade das Typische für die Sorgen, dass sie nutzlos sind, und würden sie einen nicht so quälen, hätte diese verschwenderische Qualität doch auch etwas Schönes).
Und jetzt ist dieses Reservoir eben aufgebraucht. Aber wie bei einer auf den Kopf gestellten Sanduhr beginnt es sich bereits erneut zu füllen, das weiß ich, auch wenn ich noch nichts davon spüre, ein fein rieselnder Strahl aus Sorgensand, aus winzig kleinen Sorgenkörnchen kommt von oben herab, es ist alles nur eine Frage der Zeit, denke ich, bis ich mir wieder Sorgen mache und dann wieder keine mehr und dann wieder welche und dann.

(Am Nebentisch sitzt ein Sohnemann, schätzungsweise Studienanfänger, seinen Eltern gegenüber, in deren Haus er nicht mehr wohnt, und die damit zu kämpfen haben, ihn nurmehr bloß noch besuchen zu dürfen in seinem neuen Leben, so sieht das aus. Und er erzählt ihnen was mit der aufgeregten Art von einem, den es nervös macht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, noch dazu muss er die Unterhaltung im Grunde alleine führen, denn die Eltern wollen nur hören und wissen, wie es geht (hören und wissen, dass es gut geht, unbedingt). Und wie genau ich das kenne und wie lange das schon vorbei ist, nie wieder werde ich meinen Eltern so gegenübersitzen, denke ich, das zumindest habe ich hinter mir.)

Samstag, 6. September 2014

Krank


Donnerstagmittag auf Arbeit gesagt, ich sei krank, nach Hause gegangen und hundert Stunden geschlafen, gegähnt, nochmal hundert Stunden geschlafen, dann einen Rekreationsspaziergang durch die Nachbarschaft gemacht. Freitagnachmittag, es ist sonnig und warm, die Leute freuen sich und sind draußen, mein Weg durch den Park wird begleitet vom Raunen der Dealer, „Hallo, whats up, hey, howareyoudoin’“. Ich erinnere mich daran, wie H. und ich einmal darüber redeten, dass wir gerne wissen würden, was für ein Leben die Dealer eigentlich führen, und dass wir es, so unsere Vermutung, wohl kaum erfahren würden, selbst wenn wir einen mal fragten. „Hey, what is your life like, show me, show me!“, unerträglicher Gedanke auch. Irgendjemand hat „Merkel du Motherfucker“ an eine Häuserwand gesprayt. Ich erinnere mich daran, wie G. mal erzählte, dass in der U-Bahn, die aus unerklärlichen Gründen nicht losfuhr, so ein Typ aus einer Jungsgruppe sagte: „Fahr los, du Opfer“, ich will den Merkel-Spruch fotografieren, habe aber mein Handy vergessen. Die ehemalige Kita („Wir wollen hier nicht weg, wir müssen“, so oder so ähnlich lautete zuletzt der Spruch auf dem Plakat an der Tür) ist jetzt zur einen Hälfte Eisladen (veganes Eis, Kugel 1 Euro), zur anderen Häfte Späti; was die Neueröffnungen der Restaurants angeht, habe ich längst den Überblick verloren. So viele Leute hier, so viele Touristen, denke ich und kann für einen Moment gar nicht glauben, dass ich auch hier wohne – „Du wohnst nicht hier!“, schrie mich das Vorderhaus-Nachbarskind vor einer Weile an, unten im Hausflur, vom Kindersitz des Vaterfahrrads aus, ganz sicher war es sich und empört: „Du wohnst nicht hier!“, und während der Vater noch besänftigend sprach: „Doch, guck mal, die Frau hat auch einen Schlüssel, die wohnt ganz bestimmt hier“, hatte ich innerlich schon kapituliert. Richtig, ich wohne nicht hier, ich tue nur so. Für immer, immer, immer. Aber heißt es nicht auch, fake it till you make it. Vor einer Bäckerei sitzt ein anderer Vater mit einem anderen Kind auf dem Schoß, ich meine ihnen das alternative Leben schon an der lila Pluderhose anzusehen, die er trägt, zufrieden sehen sie aus, er mümmelt an einem Börek und sie hat einen Orangenkarottensaft vor sich stehen. Auch die beiden würde ich gerne fotografieren, aber ich würde mich ja doch nicht trauen, sie zu fragen. Ich erinnere mich daran, dass ich mir das alles schon einmal überlegt habe, ein Blog mit Fotos, oder ein Blog nur mit Beschreibungen der Begegnungen, die sich aus der Darf-ich-euch-fotografieren-Frage ergeben (oder auch nicht), eine Überwindung, ein Projekt gegen die eigene Zurückhaltung. In der Apotheke kaufe ich Nasenspray und Aspirin, schließlich bin ich wirklich krank. „Haste n paar Cent?“, brüllt mir auf dem Rückweg der Punk vor dem Kaisers entgegen, „bringste mir n Quark mit?“

Mittwoch, 27. August 2014

Tante


Der schnaufende Atem, die emsigen kleinen Schritte die Treppe hoch, bepackt mit Taschen, in einer davon die Weihnachtsgans, bei ihr zu Hause vorbereitet, bei uns zu Hause in den Backofen gesteckt. Die Begrüßung: Beugt euch mal zu mir runter, sie anderthalb Köpfe kleiner als wir alle, trotz Absatzschuhe (natürlich damenhaft), trotz toupierter Haare (natürlich gülden gefärbt). Ihr Wangentätscheln, fast ein bisschen zu fest. Und dann erst mal einen Calvados und ein Zigarettchen. Blitzblaue Augen, heller Verstand, Sternzeichen Jungfrau, niemals Flausen im Kopf. Für uns Kinder gibt es aromatisiertes Marzipan, jedes Jahr wieder, wir haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihr zu sagen, dass wir das eigentlich nicht mögen, tauschen es bei unserem Vater gegen Kinderschokolade ein. Die Gans, die eigentlich eine Flugente ist, wird zum Mittagessen verspeist, Rotkraut und Apfelmus sind selbstgemacht, die Klöße nicht, da findet sie die aus der Packung, halb-und-halb, genausogut, dazu einzwei Gläser Weißwein, immer wieder der Stolz auf die knusprige Haut. Ihr Schnarchen beim Schläfchen nach dem Essen durchsägt das ganze Haus, wir kichern. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Meinen ersten Kuss, den fand ich einfach grauslig. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Kein Wunder, dass die Jungens nicht so spannend für dich sind, du kennst ja die Laffen (Anspielung auf meine Brüder). Wie sie mal zu mir gesagt hat: Weißt du, die Männer, das sind eigentlich arme Schweine (Anspielung auf die angebliche Triebhaftigkeit). Wie wir sie heute noch nachmachen, wir Kinder, die wir längst keine Kinder mehr sind, vor allem ihr „Bah!“, ein Laut der satten Freude – durchaus nicht das schlechteste, was von einem Menschen in Erinnerung bleiben kann. Tante, die eigentlich unsere Großtante war: Heute ist ihr Geburtstag und ihr Todestag, und ich denke an sie.

Dienstag, 26. August 2014

Dienstagabend

Der Blick von diesem Typen am Radwegrand, von Weitem schaut er mir entgegen, fixiert mich, der ist im Wahn, denke ich, und dass ich den Blick jetzt bloß nicht persönlich nehmen darf, die Angriffslust, die er ausstrahlt, hellwach sieht er aus, wie auf dem Sprung in ein komplett anderes Universum. Und denkt wahrscheinlich, er könnte mit seinen Gedanken uns Fahrradfahrer steuern. Oder müsse uns abwehren. Was weiß denn ich und bin auch schon vorbei.
Irrlichternde Menschlein in dieser Stadt. Die junge Frau, die mir auf B.s Lesung eine getrocknete Rosenblüte in die Hand legte, eine Weile schweigend neben A. und mir stehenblieb und dann wieder verschwand. Der Mann, der in der U-Bahn die 50-Euro-Scheine zählte, einen ganzen Stapel davon hatte er dabei, blätterte sie immer wieder neben sich auf den Sitz, berauschtes Lächeln in die Runde. All die, die mit sich selber reden. Die lachen ohne Grund, tanzen ohne Musik, die langsam den Boden unter den Füßen verlieren. 

Montag, 25. August 2014

Montagabend

Zehn Uhr abends, und ich bin betrunken, jedenfalls fühlt es sich so an, aber in Wahrheit bin ich nur todmüde. Der Rausch der Werktätigen, haha. Heute gehört: „Ihr Gebiss ist wirklich in einem sehr gepflegten Zustand“, und obwohl ich weiß, dass ich das als Kompliment auffassen kann, muss ich doch kurz denken: Klingt, als wäre ich ein Pferd. Dabei würde man mit einem Pferd natürlich nicht so sprechen. Wie das wohl ist, die Zähne von anderen Leuten sauberzumachen?, die Frage stelle ich mir, aber nicht laut.
Im Büro dann der Praktikant an seinem vorletzten Tag, das Ende herbeisehnend, dabei äußerlich ganz gelassen, wie immer. Aber er sitzt mir schräg gegenüber, und ich kann sehen, was für ein Gesicht er macht. Hinter der zur Schau gestellten Höflichkeit ein gerüttelt Maß an Überheblichkeit, sind das alles Idioten hier, denkt er. Und ist dabei gezwungen, vom einen zum anderen zu dackeln und nach Aufgaben zu fragen, hast du noch was für mich, hast du vielleicht noch was, oder du, dass ihm das würdelos vorkommt, liegt auf der Hand, und dass er sich gegen dieses Gefühl wehren muss. Wenn er dann eine Aufgabe hat, erledigt er sie in Rekordzeit, natürlich macht er dabei Fehler. Fehler, auf die ich ihn nicht hinweise, die ich stillschweigend behebe, soll er doch bitte denken, er wäre uns allen überlegen, soll er doch bitte morgen seinen letzten Tag haben. Sollen doch bitte alle morgen ihren letzten Tag haben. Ich auch!
Zu Hause dann den ersten Kakao in diesem Herbst getrunken.
Und diese Fotostrecke bewundert.

Sonntag, 24. August 2014

Sonntagabend

Gelesen: „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann. „Und weißt du noch, wie zuversichtlich wir vor zehn Jahren gewesen sind?“, fragt Stella ihre Freundin Clara in einem Brief. „Beinahe verwegen. Und dabei ging es um nichts. Was wir wollten, ist das, was wir haben – Mann, Kind, Dach über dem Kopf, ein abgeschlossenes Leben.“ Und Clara schreibt: „Früher habe ich mir manchmal vorstellen können, ich wäre jemand anders. Heute bin ich nur noch ich selber. Müde und überfordert.“ Und Stella? „Sie ist gerne allein, früher war sie nicht gerne allein, so einfach ist das, sie weiß nur nicht mehr genau, wann diese Veränderung eigentlich eingetreten ist.“ Das ist es, was mir an dem Roman eigentlich sehr gut gefallen hat. Dieses Thema. Wie man sich selber langsam, ganz schleichend aus dem Blick verlieren kann, einhergehend mit einem Misstrauen sowohl dem eigenen Leben gegenüber als auch dem Wunsch nach Veränderung. Genauso unheimlich im Grunde, wie wenn der Stalker hundertmal klingelt.
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Wikipedia-Fund der Woche (und ewiges Bedauern, nicht Soziologie studiert zu haben): Behaviorem.  „Einige Begrüßungsrituale (erste Hälfte 20. Jahrhundert): Hände an Hosennaht und Verbeugung – Österreich, Deutschland, Argentinien.” Hände an Hosennaht! Finde ich ja urkomisch, weiß aber bei näherer Betrachtung überhaupt nicht, warum. Wie so oft.
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Mal wieder Lust zu malen, mal wieder Lust zu tanzen, mal wieder Lust zur Schule zu gehen. Mal wieder eine Funktion f von x bestimmen, mal wieder eine Gedicht interpretieren, mal wieder Vokabeln lernen, mal wieder die Sportsachen zu Hause vergessen. 

Samstag, 16. August 2014

Büble


Immer, wenn ich an dem Werbeplakat fürs Büble-Bier vorbeifahre, muss ich an M. denken, genauer: wie er auf der Rückfahrt von R.s und B.s Hochzeit sich ein Büble-Bier aufmachte, es war ein heißer Tag, K. saß am Steuer und ich auf dem Beifahrersitz, hinten M., neben ihm zwei Kästen ungetrunkenes Bier, vier Tage lang waren wir auf dem Land gewesen mit allen Freunden, Bekannten und Verwandten von R. und B., und B.s Vater hatte in seiner Hochzeitsrede gesagt, er könne es nicht begreifen, dass die jungen Menschen nun wieder auf die Idee kämen zu heiraten, das widerspreche allen Idealen, die er als junger Mensch gehabt hätte, und R.s Vater hatte in seiner Hochzeitsrede gesagt, dass in einer Ehe immer einer nach den Sternen schauen müsse und einer nach dem Sturm, und R. und B. hatten eigentlich von Anfang an furchtbar angestrengt ausgesehen, sodass ich mich fragte, für wen machen sie diese Feier eigentlich, für sich selbst ja offensichtlich nicht, und die jeweiligen Familien wären allem Anschein nach lieber unter sich geblieben, und wir, die Freunde, wir hatten uns am Ende auch nichts mehr zu sagen und saßen schweigend im Auto, im Stau. Es war so um die Mittagszeit, und M. sagte plötzlich, ich glaube, ich mach mir ein Bier auf, und wir lachten, und M. fragte, wollt ihr auch. Und dass Büble-Bier irgendwann mal auf Plakaten beworben werden würde, war damals noch gar nicht abzusehen, soweit ich weiß, hatte B. die Kästen selber aus seiner Heimat herangekarrt, niemand kannte die Sorte. Schmeckts denn, fragte ich, und M. sagte, ist halt warm, und dann schwiegen wir wieder. M. mit seinen großen Augen, dem immer etwas erschrocken wirkenden Blick, inzwischen selbst verheiratet, aber als das gefeiert wurde, gehörte ich dem Freundeskreis schon nicht mehr an, inzwischen Vater einer Tochter, wie ich hörte, gesehen habe ich ihn seit Jahren nicht mehr.