Dienstag, 30. April 2013

Die absolute Erhabenheit


von dem Typen, der vor dem Sexshop steht, verlebt sieht er aus auf eine Art, wo man denkt: Aber gutes Leben gehabt, ne, alles mitgenommen, schon alles gesehen. Die Haare gelber als blond, das Gesicht sonnenstudiobraun, faltig, er steckt sich eine Zigarette an, und danach sicher gleich die nächste, die nächste. Einer, der Bonbons lutscht, wenn er mal irgendwo nicht rauchen kann. Einer, der sich in der Gegend umschaut und überhaupt kein Problem damit hat, wenn wer gesehen hat, dass er eben aus dem Sexshop gekommen ist, wenn wer denkt, dass er vielleicht dort arbeitet. Ich denke das, fahre auf meinem Fahrrad an ihm vorbei, versuche, seinen Blick zu erhaschen, aber nein. Interessiert ihn nicht. Wie die Leute gucken, was sie denken. Was sie alle treiben, was sie anstellen mit ihrem kleinen Leben. Kein bisschen arrogant. Bloß einer, der sich grad selbst genug ist. Zu allem Überfluss trägt er einen beigefarbenen Trenchcoat.

Donnerstag, 25. April 2013

Ich könnte nur Malzbier trinken


momentan. Malzbier, Malzbier, Malzbier.

Hinterm Tickettresen vom Hamburger Bahnhof stehen zwei Frauen, eine ist mit einem Besucher beschäftigt, die andere hält den Kopf gesenkt, fummelt gerade an irgendwas rum, einer Geldrolle, vermute ich und warte darauf, dass sie aufschaut, mich anschaut, zwei weitere Besucherinnen haben sich bereits hinter mir angestellt, ich trete näher an den Tickettresen heran, frage die Frau: Sind Sie ansprechbar?, eine Frage, als ginge es um jemand Bewusstlosen. Ja, sagt sie, auf so eine bräsige Art verwundert tuend, Sie hätten mich doch jederzeit was fragen können!, so nach dem Motto: Warum haben Sie denn nicht? Ich stehe doch hier, und Sie wollen was von mir, nicht ich von Ihnen! Formvollendete Sprechstundenhilfen-Garstigkeit.

Die Kippenberger-Ausstellung: Kalauer-Kunst, schießt es mir durch den Kopf, als ich durch die Räume gehe. Immer auf eine Pointe aus. Und ich muss tatsächlich ziemlich viel schmunzeln. Dabei ein starkes 80er-Jahre-Feeling, eine unbeschwerte Zeit. Ein unbeschwertes Ego.


Und dann, später, ein nicht mal mitgehörtes Gespräch, eher eine am Rande mitbekommene Gesprächssituation, wo ich mal wieder das Gefühl habe: Kenn ich!, der Tonfall der beiden reicht schon, Mann und Frau. Ich muss gar nicht verstehen, worum es geht, irgendein Laden, der irgendwem gehört, und wo es irgendein Problem gab. Und wie der Mann, der offensichtlich die Einzelheiten dazu weiß, darüber redet, einsilbig, abwiegelnd, mit jedem seiner kurzen Sätze ihr zu verstehen gebend: Kein Drama, ist wirklich kein Drama, mach jetzt bitte bloß kein Drama draus. Dabei will sie einfach nur auch gerne die Einzelheiten wissen, merkt schon, dass sie ihm die aus der Nase ziehen müsste, was er wiederum als Dramamachen bewerten würde. Also bloß kein Interesse zeigen, sondern so tun, als wäre man selbst bereits genervt von der ganzen Geschichte, und leicht angepisst nachfragen: Hä?, Aber ich dachte, dass...? Aber wieso...?, mit gerunzelter Stirn und als wollte man sich gleich abwenden. Sind aber immer noch Fragen, die auf Einzelheiten aus sind. Und die will er für sich behalten. Aus welchem Grund auch immer. Ja, weiß ich doch auch nicht, sagt der Mann. Ende des Gesprächs.

Freitag, 19. April 2013

Tage, an denen es warm ist


und die Sonne scheint, aber es ist noch kein einziges Blatt an den Bäumen. Das sehr grelle Licht dann immer, und die sehr blassen Gesichter meiner Mitmenschen, fahl noch vom Winter, über den wieder alle gejammert haben. Wie alle dann wieder jammern werden, wenn es im Sommer zu heiß wird oder nicht heiß genug oder oder oder. Inzwischen hat sich ein zweiter Nachbar einen Hund zugelegt, und wenn die Tiere alleine in den Wohnungen sind, fangen sie an zu bellen, hinter den verschlossenen Türen im Erdgeschoss und zweiten Stock, bellen sich gegenseitig an, hören nur, dass da noch ein anderer Hund ist, legen sich mit ihm an. Lassen nicht locker. Die Bekannte meines damaligen Freundes, die zu mir meinte, wenn man keine Tiere mögen würde, sei man sicher auch nicht in der Lage, eine Liebesbeziehung zu führen. Und wie einem solche Bemerkungen für immer in den Knochen stecken bleiben, obwohl man sie doch als bescheuert abhaken will. Die Wohnung im zweiten Stock stand jahrelang leer, beziehungsweise fragte ich mich, ob sie leerstand oder jemand darin wohnte, der sich nie zeigte, denn manchmal standen die Fenster auf Kipp. Aber es brannte nie Licht. Und dann eines Tages zog der Typ ein, der inzwischen auch einen Hund hat, sein Vater sprach mich auf dem Hof an, redete mit dieser seltsamen Dringlichkeit, der man anmerkt: Diese Person muss das jetzt loswerden. Und redete ein wenig wirr. Was ich verstand: Jahrelang hätte sein Sohn diese Wohnung, seine Junggesellenwohnung, behalten, falls einmal etwas passiert, man wisse ja nie. Und jetzt hätte sich seine Frau wirklich von ihm getrennt, nach mehr als zehn Jahren, trotz gemeinsamer Kinder. Und nun würde er eben wieder zurückziehen. Was ich spürte: Der Vater hätte Trost gebraucht. Aber ich nickte nur und hob die Schultern. Was hätte ich auch sagen sollen? Wenn es warm wird, bleiben die Bäume immer nur für ein paar Tage noch kahl, dann fängt alles an zu grünen und blühen.