Samstag, 16. März 2013

Auf einer Tagung zum Thema Männlichkeitskonstruktionen


„Da drüben hat sich ein junger Mann gemeldet“, sagt die Moderatorin, das Mikro wird weitergereicht, und die gemeinte Person spricht hinein: „Aha, Sie lesen mich also als Mann, das könnte man ja auch noch mal diskutieren“, süffisanter Tonfall, „aber nun zu meiner Frage“, ich verdrehe innerlich die Augen. Dabei hätte auch ich erwartet, dass diese Tagung – die sich immerhin der Frage „Wann ist der Mann ein Mann“ stellen will – queere Perspektiven beinhalten wird. Aber schon während der Einführung von Christina Schildmann, die von drei Männerbildern spricht – der Mann als Verlierer, als Alphatier, als neuer Vater – zeichnet sich ab, dass das hier nicht der Fall sein wird.
Und irgendetwas an der Art und Weise, wie die Neos im Publikum versuchen, auf die Matrix hinzuweisen, geht mir auf die Nerven. Überheblichkeit. Eine gewisse Stumpfheit auch. „Mir ist aufgefallen, dass Sie Männer als heterosexuell und über ihre Reproduktionsfähigkeit definieren!“, sagt eine Person im anklagenden Tonfall zu Michael Meuser, der einen Kurzvortrag über Anforderungen an Väter gehalten hat.
Die haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt, vom Familienoberhaupt und Ernährer hin zum Sorgearbeit mitleistenden Vater, der jedoch – Meusers Darstellung zufolge – von der Anwesenheit und Karrierewilligkeit fordernden Arbeitswelt und den an ihrem Zuständigkeitsbereich ‚Haushalt und Kinder’ festhaltenden Frauen („maternal gatekeeping“, ein für mich neuer Begriff / der Mann in der Rolle als ewiger Praktikant der Frau) zurückgehalten werde.
Ob er es sich nicht ein bisschen einfach mache, den Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben?, fragt jemand anders, aber da ist Meuser natürlich auf der sicheren Seite, und die nennt sich Empirie. Er beschreibe nur das, was erforscht worden sei und was – Stichwort hetero und repro – in unserer Gesellschaft vorherrsche. Aber wir dürften doch nicht vergessen!, meldet sich eine Person, die ich als sehr junge Frau lese, zu Wort, warum wir Frauen alle die weichen Schmusefächer gewählt hätten, mit denen sich soviel weniger Geld verdienen lasse als mit den Fächern, die die Männer studierten!, Sozialisation!!!, Meuser hält dagegen: Auch bei Paaren, die gleichviel verdienen, sei dieselbe Bewegung zu beobachten – die Frau beansprucht die Hoheit über Haus und Hof (mal in eigenen Worten zusammengefasst).
Naja. Das ist selbst mir ein bisschen zuviel „So isses“ und zu wenig „Weshalb“. Tatsächlich habe ich auf dem Hinweg noch über den Hype um die neuen Väter nachgedacht, den ich gerade kommen sehe – oder ist er schon da? –; dass also heutzutage Väter bejubelt werden, die um 17 Uhr Feierabend machen, um noch zwei Stunden mit ihren Kindern zu spielen und sogar wissen, wo der Impfpass liegt. Toll! Und bitte nicht falsch verstehen: Es ist natürlich rein gar nichts gegen Väter einzuwenden, die sich bei der Sorgearbeit einbringen. Was ich kritisch beäuge, ist die Art und Weise, wie das gesellschaftlich verhandelt wird. Lobend erwähnt werden zB Männer, die sich freinehmen, wenn das Kind krank ist und zum Arzt oder zu Hause bleiben muss. Denn normalerweise würde das ja die Frau tun. Sie dafür zu loben, würde niemandem einfallen. Erst wenn der Mann es macht, wird es zu etwas Besonderem.
Man könnte nun immer noch wohlwollend bleiben und sagen: Ist doch auch etwas Besonderes, machen ja leider wenige, in diese Richtung soll sich die Gesellschaft doch entwickeln usw. Was man aber nicht aus den Augen verlieren darf, ist die Abwertung von Weiblichkeit – in diesem Fall: einer mit Weiblichkeit konnotierten Tätigkeit – die hinter dem Ganzen steht. Eine Frau erfährt keine Wertschätzung allein dafür, dass sie für ein Kind sorgt. Im Gegenteil: Man schaue sich nur mal an, was für ein schlechtes Ansehen alleinerziehende Mütter genießen (Armutsrisiko!, Überlastung!, und die Kinder müssen ohne männliches Vorbild aufwachsen!!).
Um es kurz zu machen: Sorgearbeit ist eigentlich Scheißarbeit. Und sie wird auch nicht besser, wenn ein Mann sie macht. Aber der Mann wird dadurch besser – ein Superheld, der diese Scheißarbeit freiwillig über-nimmt. Ach, wie sehr ich es liebe, das unbestechliche gesellschaftliche Bewertungssystem.
Interessant in dem Zusammenhang auch der Vortrag von Jürgen Martschukat über die Familieninszenierung der Obamas. Seht her, ich bin ein treusorgender Familienvater!, ruft Barack sowohl den Konservativen als auch den Liberalen zu, jeweils mit einem anderen Akzent: als der, der diese Verantwortung tragen kann; als der, dem das Familienleben aber auch wichtig ist. Während Michelle beteuert, sie möge noch so viel in ihrem Leben erreicht haben – am Ende sei ihr liebster Posten der der „mom-in-chief“.
„Wenn nur Männer Jungs zu Männern machen können, läuft grundsätzlich schon mal was falsch“, sagt Rolf Pohl in der Nachmittagsrunde, und: „Ein anderes Vorbild sein zu wollen als – da ist das ‚als’ schon ein Konstrukt“, und regt dazu an, sich – was Männlichkeits- und Weiblichkeits-einstellungen angeht – zu fragen: „Was ist mir nicht nur fremd, sondern feindlich?“ Worüber ich nochmal ausführlich meditieren muss.
Im Abschlusspanel dann gibt Elke Schmitter die Kassandra: Diskriminierungserfahrungen, die Frauen machen, seien nicht vermittelbar, da könne keine Generation von der vorherigen lernen, da müsse jede Frau selber durch, aber ein Mann wolle sie auch nicht sein, so arm sei für die das Angebot der anzunehmenden Identitäten heutzutage. Und Thomas Sattelberger, der einst die Frauenquote bei der Telekom eingeführt hat, wirft der Veranstaltung Autismus vor, mit der Wirtschaftswelt müsse man sich auseinandersetzen, sich anschauen, was an den Businessschools gelehrt werde.
Und wen wunderts, dass sich ganz am Ende dann noch der alte, weiße Mann im Publikum erhebt und Sätze sagt, die mit „Frauen müssen“ beginnen. Nämlich: Auch was fordern! Nicht immer so zaghaft! Starke Frauen sind auch für Männer gut! Kurz bin ich versucht, aufzustehen und „Maul halten!“ zu rufen. Wäre ja mal eine Forderung. Stattdessen schleiche ich ans Buffet, hole mir eine Brezel und ein Bier als Proviant für den Heimweg, und trete den Rückzug an.

Montag, 11. März 2013

Alle Romy-Schneider-Filme, Teil 4: Mado, Die Dinge des Lebens


Mado (1976)
Der Film spielt zu Zeiten der Wirtschaftskrise, gabs nämlich alles in den 70er Jahren schonmal: Junge Menschen, die keine Arbeit finden und Bier trinken, genauso wie Geschäftsleute, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können und sich umbringen. Irgendein Unternehmen muss vorm Bankrott gerettet werden, ich verliere den Faden, warte auf Romys Auftritt: erste Hälfte des Films. Frage mich dann, ob das (diese lange, lange Einstellung, die sich ganz auf ihr Gesicht konzentriert, ist schon sehr besonders) bereits alles war: zweite Hälfte des Films. Nein, am Ende wird sie noch in die Klinik gebracht, auf zum Entzug. 
Wenn ich vorher gewusst hätte, wie winzig Romys Rolle hier ist, hätte ich mich wahrscheinlich mehr auf die weibliche Hauptfigur konzentriert, Mado, eine junge Frau, die als Prostituierte arbeitet und, ähnlich wie Lily in „Das Mädchen und der Kommissar“, dieser Tätigkeit mit einer großen Nonchalance nachgeht. Ich habe den argen Verdacht, dass die freiwillige Prostitution in beiden Fällen sowas wie das Maximum an weiblichem Selbstbewusstsein darstellen soll: Mado und Lily verkaufen ihre Körper und schämen sich noch nichtmal dafür. Skandal! 
Wobei der eigentliche Skandal in meinen Augen natürlich das Konzept ist, Frauenfiguren darüber zu charakterisieren, wie selbstbestimmt sie nun den eigenen Körper für andere verfügbar machen. Ganz übel in Erinnerung ist mir da auch eine Szene aus „Gegen die Wand“, wo die weibliche Hauptfigur sich, so wird es einem als Zuschauer erzählt, absichtlich komplett fertigmachen lässt, und das soll dann die ultimative Toughness sein: Waaas, die hat ja geradezu provoziert, so übel misshandelt zu werden, na da ziehen wir aber den Hut. Zum Kotzen! Es ist immer wieder dieselbe alte Dein-Körper-macht-Dich-zum-Opfer-Erzählung, die uns präsentiert wird (und über die ich auch schon einmal nachgedacht habe) – und die nie zum Thema wird, weil sie einfach zu den Voraussetzungen des Erzählens zu gehören scheint.

Die Dinge des Lebens (1970)
Vor Jahren habe ich den Film bereits einmal gesehen, und es ist schon lustig, wie man sich die Sachen so zurechterinnert: Der Autounfall, von dem man schon zu Beginn weiß, dass er stattfinden wird, ereignet sich nicht erst am Ende des Films, sondern so ziemlich in der Mitte. Spektakulär, wie sich das Auto da in Zeitlupe überschlägt, langsam, ganz langsam, man hat fast den Eindruck, der Regisseur war ein winziges bisschen verliebt in diese Szene und zeigt sie deswegen so ausführlich. Eigentlich, das zeigt er uns dann auch, geht so ein Unfall rasend schnell vonstatten, zackbumm, schon beißt jemand ins Gras und das Auto geht in Flammen auf, und die Schaulustigen machen ihre Gesichter dazu.
Was zuvor geschah: Ein Mann kann sich nicht entscheiden. Achgott, das habe ich ja bisher fast genauso selten gesehen wie eine Frau, die geheiratet werden will! Michel Piccoli, den ich, ich bin mir nun sicher, sehr verehre, spielt das aber ganz wunderbar. Dieser fassungslos-amüsiert-zärtlich-wehmütige Blick, als sein bei der Mutter lebende, beinahe erwachsene Sohn ihm die Zwitschermaschinen zeigt, die er konstruiert hat und verkauft. Mein Gott, das ist mein Junge, und ich weiß so wenig über ihn!, denkt Pierre da. Und als der Sohn ihn fragt, ob man nicht gemeinsam in Urlaub fahren könne, sagt er sofort ja.
Das bedeutet allerdings für Helene (gespielt von Romy), die Frau, für die Pierre seine Familie verlassen hat: Bitte hinten anstellen! Eigentlich wollte sie mit ihm verreisen, aber wann das stattfinden soll, bleibt nun weiterhin offen. Oh-ich-KENNE-solche-Situationen-Gefühle hatte ich bei der Szene im Restaurant, als Helene klar wird: Es wird für immer offen bleiben. Das Commitment, über das ich noch im Zusammenhang mit Pussycat räsoniert habe: Pierre bringt es nicht auf.
Er steigt stattdessen ins Auto, fährt weg, denkt nach, sieht eine Dorfhochzeit, schreibt Helene einen Brief, dass er sie verlassen will, schickt ihn nicht ab, ruft sie lieber an – habe ich etwas übersehen, oder geschieht das wirklich so aus dem Impuls heraus? – um ihr ausrichten zu lassen, sie solle ihm nachkommen, er wolle sie treffen. Und heiraten!, das ist wohl der Gedanke dahinter. Jedenfalls vielleicht!
Auf der Weiterfahrt dann allerdings der Unfall. Im Krankenhaus der Tod. Pierres erster Ehefrau werden seine Sachen ausgehändigt, sie liest den Brief an Helene und zerreißt ihn mit einer Ungerührtheit, die allerhöchstens ein bisschen deprimiert darüber ist, dass es solche Dinge waren, die Pierre zuletzt noch meinte zum Ausdruck bringen zu müssen. Sein Wankelmut, seine Unentschlossenheit: hiermit für immer beendet.