Mittwoch, 23. Januar 2013

Bier mit zwei Pärchen


Da stehe ich also beim Bier mit zwei Pärchen zusammen, Mann-Frau, Mann-Frau. Das eine Pärchen gibt eine Runde Wodka aus, denn es hat eine Zusage für eine Wohnung bekommen, nach einem Jahr Suche. Das Pärchen erzählt von der Wohnungsbesichtigung, dem Zustand der Wohnung, der Hausverwalterin, sich gegenseitig ins Wort fallend, sich ergänzend, so, wie ein Pärchen eben erzählt: gemeinsam. Im Erzählen die Gemeinsamkeit unterstreichend: Das haben wir beide gesehen und erlebt, genau gleich, genau gleich.
Das andere Pärchen ergänzt mit Anekdötchen rund um den eigenen, kürzlich stattgefunden Zusammenzug. Am Samstag waren wir bei Ikea, sagt der Mann vom einen Pärchen dann. Aber wir haben nichts gefunden, sagt die Frau. Irre ich mich, oder sahen die Ikea-Sachen früher irgendwie besser aus? - Ich kaufe auch nichts mehr bei Ikea, nur Kerzen, sagt die Frau vom anderen Pärchen. Und komischerweise gab es kein einziges Pärchen, das sich gestritten hat, sagt der Mann vom einen Pärchen. Dabei streiten sich die Pärchen bei Ikea doch eigentlich immer, ha, ha.
Ich hau ab, sage ich bald darauf. Wirklich?, fragt der Mann vom anderen Pärchen. Ja. Ich stiefele nach Hause, irre schlecht gelaunt. Und das ist es, was du dir wünschst?, frage ich mich. Wieder ein Teil von einem Pärchen zu sein, mit anderen Pärchen zusammenzustehen und Pärchen-gespräche führen? Denn zweifelsohne ist es das, was ich tun werde. Genauso wie nach einer gemeinsamen Wohnung suchen und zu Ikea fahren, eventuell. Nichts gegen einzuwenden. Rein gar nichts gegen Gespräche darüber. 
Und doch gibt es etwas an der Biederkeit solcher Situationen, das mich unendlich rappelig macht. Das Gefühl von vorgefertigten Szenen, vor-gefertigten Skripten, die man nicht anders kann als wiederholen: So steht man dann halt zusammen. As seen on TV. Plötzliches, unfassbares Ungenügen an den Beziehungsmodellen, wie sie mir angeboten werden, Mann-Frau, Mama-Papa-Kind, die Heterohölle, simse ich G., und doch klopfe ich an die Tore, lasst mich wieder rein! Ich möchte nicht alleine neben euch stehen, das macht nur Spaß, wenn man als Pärchen nach Hause gehen und über die anderen Pärchen lästern kann. Die sicher nicht so sind wie man selbst. Einzigartig nämlich: Das sind nur wir.

Montag, 21. Januar 2013

Alle Romy-Schneider-Filme, Teil 1: Scampolo, Monpti, Das Mädchen und der Kommissar


Doch noch ein guter Vorsatz für 2013: Ich werde mir alle Filme mit Romy Schneider anschauen. Unchronologisch, so, wie sie gerade in der Bibliothek erhältlich sind, und auch die, die ich schon kenne. Um dann hier im Blog darüber zu berichten. Privatvergnügen? Meinetwegen.

Scampolo (1958)
Romy spielt Scampolo (der Name bedeutet soviel wie Überrest), eine 17jährige Vollwaise, die ihr Geld als Touristenführerin auf Ischia verdient. „Bin ich eigentlich hübsch?“, fragt sie sich in ihrer ersten Szene beim Blick in den Spiegel, fragt es im Folgenden so ziemlich jede Person, der sie begegnet. Ja, sie ist hübsch, und gerechtigkeitsliebend, ehrlich, hilfsbereit, humorvoll und spontan noch dazu. Ein Unmensch, wer nicht gleich von ihr verzaubert wäre: Alle lieben Scampolo, aber nur einer erobert ihr Herz. Da Scampolo („In mir ist eine Katze, die man streicheln muss und ein Hund, der bellt“) weiß, dass Männer alle nur das eine wollen („Es gibt immer einen, bei dem man es nicht glaubt – da weiß man es erst hinterher“, warnt die mütterliche Vertraute), dauert es so seine Irrungen und Wirrungen, bis am Ende der Heiratsantrag gemacht werden kann. „Jetzt bin ich kein Scampolo mehr!“ Hach. Schon kurios, das Ganze im ‚Sehnsuchtsland’ Italien angesiedelt zu sehen, mit klischeehafter Darstellung der italienischen Lebensweise, während alle Hauptrollen mit Deutschen besetzt sind. Und dann diese Szene, wo ein Fotograf seinen Assistenten fragt, wie man denn heutzutage noch Benito mit Vornamen heißen könne. „Ich bin 1935 geboren.“ – „Na das erklärt natürlich alles.“ Ein Gruß an all die 23jährigen Adolfs im Kinopublikum oder was? Ob und wie – und sei es auch nur so zwischen den Zeilen – Umgang mit der NS-Zeit in den deutschen Komödien der 50er/60er-Jahre stattgefunden hat, wäre auch mal eine interessante Frage.

Monpti (1957)
Gleich noch ein deutscher Film, der im Ausland spielt, diesmal in Paris. Anne-Claire (Romy) und Monpti (Hotte Buchholz) treffen sich auf einer Parkbank, und tatsächlich wechseln sie die ersten Sätze auf französisch. Dann aber schaltet sich der Erzähler aus dem Off ein: Man wolle doch ein wenig zaubern und das Gesagte synchronisieren. Ebenjener Erzähler hat gerade noch Saint-Germain-de-Prés als den Ort beschrieben, „wo die Existentialisten zuhause sind – und die Existenzen“, worüber ich lachen musste. Anne-Claire ist genauso arm wie Monpti, erzählt ihm aber, sie wäre reich. „Weißt du, wie ich mir das Glück vorstelle?“, fragt sie ihn. „Die Frau wäscht, kocht, bügelt und spart für ihren Mann und könnte nicht ohne ihn leben. So stelle ich mir das Glück vor. Ich könnte das auch alles tun.“ – „Für mich?“, fragt er. – „Ja.“ Aber: „Ich möchte doch so gerne in einem weißen Kleid heiraten!“ Die Dramen, gut: Drämchen, die die beiden sich liefern (Zerschneide die Seidenstrümpfe, die ich dir schenkte, um zu zeigen, dass du mich nicht wegen der Geschenke liebst!), lassen sich auf folgende gegensätzliche Erwartungshaltungen reduzieren: Wenn du mich lieben würdest, würdest du mit mir schlafen. Wenn du mich lieben würdest, würdest du mich heiraten. Ende vom Lied: Er findet heraus, dass sie ihn in punkto Reichtum belogen hat, denkt, sie hätte ihn zudem schon immer betrogen, nennt sie „schmutzige kleine Hure“, sie rennt in Verzweiflung vor ein Auto und stirbt, selbstverständlich nicht ohne dass er ihr vorher noch die Heirat verspricht und die Ärzte feststellen, dass sie noch „ein Mädchen“ ist, unberührt und rein. Gibt’s eigentlich eine irgendwie wertfreiere Bezeichnung für den Jungfrau/unschuldig-Zustand!?, das frage ich mich. Und warum, das fragt Monpti, hat Anne-Claire eigentlich erzählt, sie wäre so reich? Weil sie dachte, dass er sich sonst nicht für sie interessiert, sagt sie. Es fällt der Satz: „Männer sind so.“ Es fällt der Satz: „Ich wollte dich doch behalten.“
Was mir gefallen hat: Die surrealistisch anmutenden Träume von Monpti („Wo ist das Höschen meiner Frau?“ „Warum haben Sie mein grünes Höschen gestohlen? Gab es denn keinen anderen Weg, mich kennenzulernen?“). Die Gegenschnitte auf das dekadente Geliebten-Pärchen bzw. -Dreichen, das mit  übertriebener Blasiertheit als die verkommene Version des jungen Glücks daherkommt. Paris als Kulisse. Und die superkurze Freibad-Szene, die mich an Kylie Minogue erinnert hat.

Das Mädchen und der Kommissar (1971)
Auftritt Romy als unabhängige Prostituierte Lily im schwarzen Lackmantel, beobachtet durch das Observationsfernrohr des von Erfolglosigkeit gequälten Kommissars Max („Wir sind nutzlos. Völlig nutzlos“), gespielt von Michel Piccoli mit seinen schönen braunen Augen unter den schönen  breiten Augenbrauen. Weil Lily mit einem Mitglied einer Kleinkriminellenbande liiert ist, nimmt er undercover Kontakt zu ihr auf – herrlich ihr überlegen-amüsierter Aaaaaah-ja-Blick, als er ihr eröffnet, er würde nur mit Frauen schlafen, die er nicht dafür bezahlen muss. Lily gibt er Geld, damit sie ihm Gesellschaft leistet, sie badet in seiner Wohnung (und trällert dabei „Deine Augen waren blau, oder vielleicht waren sie schwarz“), lässt sich von ihm fotografieren, spielt mit ihm Karten und fragt angelegentlich: „Bist du sicher, dass du n Mann bist?“ Je weniger er sich für sie zu interessieren scheint, desto mehr interessiert sie sich für ihn, will ihn sehen ohne Geld. „Du kennst mich nicht“, sagt Max, und Lily: „Das stimmt. Dabei könnte es so einfach sein.“ Unterdessen hat er ihr einen Floh ins Ohr gesetzt: Dass ein Banküberfall doch eine ganz lohnenswerte Sache wäre (die, da Banken versichert sind, im Grunde auch niemandem schadet). Lily gibt das so an die eher trottelig als kriminell wirkende Bande weiter, die sich erstmals für den Banküberfall überhaupt Waffen besorgt und denn natürlich geschnappt wird. Drama am Ende: Max’ Kollege will Lily als Mitwisserin „bezahlen“ lassen, da Max als eigentlicher Strippenzieher ja nicht so recht haftbar gemacht werden kann. Max erschießt den fraglichen Kollegen, die restlichen Polizisten machen betroffene Gesichter und Max wirft bei seinem Abtransport einen letzten schwermütigen Blick durchs Autofenster auf Lily, die im Regen steht – es hätte alles so einfach sein können. Übrigens: Alle rauchen. Immer. Ob das damals extra in den Drehbüchern stand oder irgendwie klar war, so wie atmen? Auf das Duo Schneider-Piccoli in weiteren Filmen freue ich mich jetzt schon. 

Freitag, 18. Januar 2013

Condescension Game

Schöner neuer Begriff, heute gefunden auf feministing und gleich angewandt auf Axel Hacke, der in der ZEIT großzügig einräumt: "Man hat ja Verständnis für eine Grundwut bei Leuten, die täglich mit Rassismus zu tun haben", natürlich gefolgt von einem Aber. Oh, oh, oh. Auf den Titel der aktuellen Ausgabe und den Hauptartikel will ich gar nicht erst eingehen. Oder darauf, was sonst noch so passiert ist diese Woche. Eine Backlash-Woche, femgeeks bringt's auf den Punkt. 

Dienstag, 15. Januar 2013

Im Kino: Amour


Auf Gleisbauarbeiten eine wunderbare Besprechung von Hanekes „Liebe“; ein Film, in den ich gegangen war mit der Erwartung, sicher heulen zu müssen, und dann saß ich im Kinosessel und wagte es kaum mich zu rühren, als würde Haneke mich durch jedes seiner Bilder anbrüllen: Haltung bewahren!, unfassbar streng.
Für mich ein Gefühlsrätsel, das ich nicht so recht lösen konnte, woher kam denn jetzt dieser Eindruck?, und tatsächlich hat mich, obwohl ich den Film schon vor Wochen gesehen habe, die Besprechung eben erst auf die Spur gebracht. Haltung bewahren, das ist nämlich die Devise im Umgang der beiden Hauptfiguren miteinander, der Eheleute, des Liebespaares. Und wenn das nicht mehr geht: Dann Schluss, bitte.
Die Szene, als Anne momentlang wie weggetreten ist, und wie sie danach zunächst mal einfach weitermachen will, ich hab nichts, es ist nichts, hier, in dieser Wohnung, dieser Ehe, diesem Leben ist kein Raum für irgendeine Art von Irritation, für irgendetwas abseits des Gewohnten.

Und warum hab ich eigentlich gedacht, ich müsste heulen. Weil ich wohl dachte, das Identifikationspotential mit diesem Paar wäre groß genug, wer wünscht sich das nicht, mit einem Partner bis ans Lebensende usw., wer hat sich das nicht zu wünschen innerhalb unseres Wertesystems, es ist ein sehr, sehr hoch gehaltenes Ideal: Die Zweierbeziehung, bis dass der Tod.
Die Zweierbeziehung, die in Ausschließlichkeit und Aufeinander-bezogenheit verläuft. Die Szene, wie Anne und George nach dem Konzert mit dem Bus nach Hause fahren und dann die Wohnung betreten, unendlich vertraut miteinander, mit dem, was sie immer so machen. So scheint es, und was ich dabei übersehen habe: Es geht offensichtlich darum, die Dinge immer so zu machen, wie sie immer schon gemacht wurden, weil sonst auch die Vertrautheit weg wäre.
An den Routinen festhalten, den Ritualen, den Traditionen, sich darin einander versichern. Das Tröstliche, das Verbindende des Bekannten hat allerdings eine Kehrseite: Die Bedrohung der Zweisamkeit, die vom Unbekannten ausgeht. Von dem, was man von dem Anderen evt noch nicht weiß, was von außen kommt, was neu ist.

Und sei es ein Vogel, der sich in die Wohnung verirrt, zwei- oder dreimal. Wie unheimlich diese Szenen auf mich wirkten; meine Erwartung, sie würden sich gleich ausweiten in irgendetwas Albtraumartiges, auch das verstehe ich jetzt besser. Annes Krankheit weitet sich aus in etwas für George Albtraumartiges, das er dann beendet. Wem zuliebe, die falsche Frage. Um die Haltung zu bewahren.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Man sollte doch meinen


, dass die das nicht mehr nötig hat, sagt K., wir reden über den Marina-Abramovic-Film, über die Szene am Anfang, als Abramovic bei einem Fotoshooting mit einem prächtigen Dekolletee vor der Kamera posiert. Dass die Brüste gemacht sind, ist kein Geheimnis. Im Film erzählt Abramovic, wie sie mit 40, nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten, sich fett und hässlich und einsam gefühlt habe, und dann erstmal shoppen gegangen sei. Luxusmode.
Ein klassischer weiblicher Aufwertungsmechanismus, behaupte ich. K. nickt. Wir kennen das beide: Sich was Schönes anziehen, sich schminken; Dinge, die man tut, um ein bisschen besser auszusehen und sich in direkter Folge ein bisschen besser zu fühlen. Ein Gefühl, das natürlich nur aus der Grunderfahrung von „Ich erhalte Anerkennung für mein Aussehen“ heraus entstehen kann; der Blick von außen und die Kriterien, nach denen eine positive Bewertung erfolgt, sind da schon miteinberechnet.
Wie R. vor hundert Jahren mal zu mir sagte: Ich würd mir doch nicht mehr die Haare waschen, wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre.
Und ich: Ich schon, ganz allein für mich würde ich das tun!
Aber wer weiß. Sind ja Gedankenspiele. Marina Abramovics glattes Gesicht hingegen: vollkommen real. Genauso wie zB Madonnas Knackarsch. Ach, die kann auch nicht in Würde altern, sagt man dann. Wie lächerlich, sich die Falten unterspritzen zu lassen, sich jugendlich anzuziehen, um alles in der Welt nicht so alt wirken zu wollen, wie man ist.
Man sollte doch meinen, dass die das nicht mehr nötig hat. Als wäre Anerkennnung, die man fürs Aussehen erhält, irgendwie minderwertig, als sollte sie ab einem bestimmten Alter unbedingt verzichtbar sein. Dabei ist es nicht so, als hätte man jemals die Wahl gehabt, ob man aufgrund von Aussehen bewertet werden will oder nicht. Sowas findet einfach statt. Und fängt an, wenn man noch gar nicht denken kann. Wer von uns war nicht das niedliche Baby?
Und dann soll es bitte Schicksal sein, ob man schön, wie lange man jung ist. Bei alldem nicht zu dünn sein. Nicht zu stark geschminkt. Nicht zu faltenfrei. Die Grenzen, innerhalb derer man die Bewertung von Aussehen positiv zu beeinflussen versuchen darf, sind eng gesteckt. Mühelos solls aussehen. Ganz natürlich. Bemerkenswert die Häme, die Frauen bei Botox-Verdacht entgegenschlägt: Da will wohl eine was haben, das ihr nicht mehr zusteht!
Die hässliche Befriedigung darüber, dass am Ende noch jeder an der Anerkennung-für-Aussehen-Front nach hinten gerückt ist: auch so eine Art von Aufwertungsmechanismus. Und währenddessen darüber nachdenken, ob ich mir jetzt doch mal die Haare färben soll.