Dienstag, 30. Oktober 2012

Sonntag, 28. Oktober 2012

Nur für Frauen


Nach einer der Filmvorführungen sei ein Mann auf sie zugekommen, erzählt die Regisseurin Kirsi Liimatainen bei der Veranstaltung gestern. Dass ihr Film ihm gut gefallen hätte, habe er ihr gesagt, und dass sie jetzt bloß aufpassen solle, dass er nicht als Film nur für Frauen wahrgenommen werde.
Da hätte sie erstmal nach Hause gehen und lange nachdenken müssen, sagt Liimatainen, trockener Humor. Drehbuch, Kamera, Regie sind bei ihrem Film Festung mit Frauen besetzt – aber das hat sich, wenn ich Liimatainen richtig verstanden habe, eher so ergeben als dass es eine programmatische Entscheidung war.

Nur für Frauen – an dieser Formulierung bleibe auch ich hängen. „Nur“ kann exklusiv, ausschließlich bedeuten, aber eben auch im abwertenden Sinne: lediglich, bloß. Und diese Abwertung, hinter der ich wie immer ein gesellschaftliches Interesse vermute, scheint sehr gut zu funktionieren: Eine Medienprofessorin berichtet, dass junge Regisseurinnen ihre Filme lieber nicht bei Frauenfilmfestivals einreichen, sich lieber nicht in die ‚feministische Ecke’ stellen wollen – auch aus Angst, dann für immer auf dieses Thema oder Anliegen reduziert zu werden. Nur für Frauen eben. Nicht weiter relevant.
Unnötig zu erwähnen, dass die einzigen Männer auf der Veranstaltung für lange Zeit die beiden hinter dem Technikpult waren, bevor später am Nachmittag auch zwei oder drei im Publikum zu sehen waren. Frustrierend zu erleben, wie sich die Podiumsdiskussion, spätestens als sie fürs Publikum geöffnet wurde, thematisch zerstreute und verflachte und schließlich in einer Erregung a la „Wie müssen uns doch bei den Männern nicht entschuldigen, wenn sie aufgrund von Quotenregelungen eventuell nicht mehr so ungehindert Karriere machen können wie früher!“ mündete.

Na, heute zum ersten Mal auf dem Fahrrad?, solch hämische Gedanken schießen mir durch den Kopf, wenn vor mir auf der Straße jemand langsam und unsicher hereiert und ich grad nicht überholen kann, was mich jedes Mal ganz ungeduldig macht (wobei ich beileibe nicht zu den waghalsigsten Radfahrerinnen der Welt gehöre). Und: Na, noch nicht so viel über Feminismus nachgedacht?, so ließe sich mein Unwillen zusammenfassen, der mich in allgemeinen Diskussionen zu dem Thema immer öfter erfasst, je mehr ich mich damit beschäftige.
Und so, wie es Radfahrer_innen gibt, die auf der Überholspur unterwegs sind und mich links liegen lassen, gibt es selbstverständlich auch Gesprächspartner_innen, die weitaus mehr wissen und sich klügere Gedanken machen als ich. Aber öfter als anderen sehnsuchtsvoll hinterherzuwinken, ärgere ich mich momentan über diejenigen, die den Weg blockieren.

Ärgere mich zB über das Klischee von der lilalatzhosentragenden, verbitterten, männerhassenden Emanze, das auch gestern wieder aufgerufen wurde, und das angeblich junge Frauen davon abhält, sich dem Feminismus zuzuwenden. Anstatt dass einmal analysiert würde, was hinter solchen Klischeevorstellungen von Klischees eigentlich steckt: Die Behauptung, dass du als Feministin sexuell unattraktiv bist. Und das ist das Schlimmste, was dir als Frau passieren kann. Argumentations-strukturen einer sexistischen Gesellschaft: selbst auf Veranstaltungen mit dezidiert feministischer Ausrichtung zu finden. Auch da sieht man mal wieder, wie gut es funktioniert, das antifeministische Abwehrsystem.
Und ich ärgere mich über die Betonung von „Nur für Frauen“, die impliziert: Alles, an dem Männer nicht beteiligt sind, ist weniger bis nichts wert. „Ein Buch über Frauen ist ein Frauenbuch; ein Buch über Männer ist ein Buch“, wie katjaberlin mal auf Twitter schrieb. Ein Filmfestival mit Filmen nur von Frauen nennt sich Frauenfilmfestival, und ein Filmfestival mit Filmen nur von Männern wäre dann Cannes

Seufz. Mehr kann ich dazu gerade eigentlich nicht sagen.

Freitag, 26. Oktober 2012

Unsere Lehrer


Unser Englischlehrer in der Mittelstufe, der jede seiner Stunden am Ende mit einem „Also nochmal ganz kurz auf Deutsch“ zusammenfasste. Unsere Englischlehrerin in der Oberstufe, Kettenraucherhusten, Falten tief ins Gesicht eingegraben, Typ „Es ist auch für mich die sechste Stunde!“, die mit uns Lord of the Flies las, uns auch den Film zeigte. Mich danach fragte (warum mich?, kann mich an die Gesprächssituation nicht erinnern), warum die Jungs im Kurs bei den Gewaltszenen gelacht hätten. Aus Unsicherheit?, eine Antwort der Lehrerin zuliebe, genauso wie betroffenes Schweigen während des Films eine Reaktion der Lehrerin zuliebe gewesen wäre. Dass die Jungs aus dem Kurs schon unzählige Male „From Dusk till Dawn“ geguckt hatten, sich bei den Splatterszenen nicht einkriegen konnten; dass auch die Gewaltszenen in den Filmen, die sie sonst so konsumierten, vorallem der Unterhaltung dienten – dass die Lehrerin das nicht im Blick hatte, wundert mich im Nachhinein. (Der Sozialkundelehrer in der Mittelstufe zeigte uns einmal Ausschnitte aus „Der große Diktator“. Wie die Hitlerdarstellung in dem Film auf ihn gewirkt hätte?, Frage an einen Mitschüler. Antwort: Ja, bedrückend, schlümm. Standardreaktion; verinnerlicht: Hitler nicht anders finden zu dürfen als so, selbst dann nicht, wenn Chaplin ihn spielt.) Unser Biolehrer, alle Stufen, der früher bei der Bundeswehr gewesen war, als was?, man munkelt, in einer höheren Position. Sein abruptes Umschalten vom Spaßerlmachen zum Zücken des roten Büchleins, in das er vorgeblich die Namen der Schüler_innen notierte, die jetzt, zwei Sekunden zu spät, noch lachten. Unser Kunstlehrer, Leistungskurs Oberstufe, mit seinem gespielten Lachen, wenn er seine vernichtenden Urteile abgab: „Ja, das ist jetzt – ganz schlecht!“ Und unsere Deutschlehrerin in der Unter- und Mittelstufe, die mich anschnauzte, als ich, es ging in irgendeinem Zusammenhang um die ersten Nachkriegsjahre, das Wörtchen „Wiederaufbau“ einwarf: Ein Wiederfinden sei das gewesen, höchstens, ein Wiedereinsammeln, aber noch lange kein Aufbau! Unsere Lehrer, Erwachsene, und noch wenn ich an sie zurückdenke das Gefühl: Unvorstellbar, einmal so zu werden wie die. Bin auch nicht so geworden wie die, aber nicht weil ich nicht erwachsen geworden wäre oder ganz anders. Sondern weil meine Perspektive als Schülerin andere Menschen aus ihnen gemacht hat; Menschen, die so nur in meiner Wahrnehmung existierten. Das unwiderstehliche Gedankenspiel, wie das Ich von damals wohl das Ich von heute wahrnehmen würde: Einzufädeln auf die lange Kette der Selbstbeurteilung, -bewertung, -benotung, der Zeugnisse, die wir uns selbst ausstellen, täglich: Sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft, ungenügend, ungenügend, ungenügend.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Samstag, 20. Oktober 2012

Gelesen: Bodies – Schlachtfelder der Schönheit


von Susie Orbach.
Zunächst mal, lieber Arche-Verlag: Titten auf dem Cover sind keine gute Idee. Nein, auch dann nicht, wenn die Brustwarzen mit Pflastern abgeklebt sind. Anekdötchen: Susie Orbachs erstes Buch, „Fat is a Feminist Issue“ (1978), kam in Deutschland unter dem Titel „Das Anti-Diät-Buch“ auf den Markt. Ahahaha. Und dass Orbach „Lady Di wegen deren Bulimie behandelte“, steht im Klappentext von „Bodies“ (2009) gleich im ersten Satz. Ich bin über AnyBody Deutschland, eine Organisation, die zum Endangered Body Netzwerk gehört, das wiederum von Susie Orbach mitbegründet wurde, auf das Buch aufmerksam geworden.

Dass Orbach Psychoanalytikerin ist, merkt man beim Lesen schnell. Ich selber pflege ja eine kleine, bislang unanalysiert gebliebene Abneigung gegen Psychogedöns und werde zB ganz kribbelig, wenn ich lese, wie Orbach nach einer Therapiesitzung mit einer bestimmten Patientin ein heftiges Brennen auf der gesamten Haut spürte – um in der nächsten Sitzung zu erfahren, dass der Bruder ebendieser Patientin als Kind auf einen heißen Herd gefallen und an seinen Verbrennungen verstorben ist – was vor der Geburt der Patientin geschah, was aber trotzdem Teil ihrer Körpergeschichte geworden ist, und was Orbach nun in einer „Körper-Gegenübertragung“, so der Fachbegriff, wahrgenommen hat. Hrm, hrm, kann ja sein. Und meine Kribbeligkeit ist denn wahrscheinlich auch eine Körper-Gegenübertragung von wem oder was jetzt genau? Sprechen wir beim nächsten Mal darüber.
Der grundlegende Gedanke war für mich nämlich wirklich erhellend: „Jeder Körper wird durch die Körpergeschichte der Familie geprägt.“ Eigentlich ja banal: Natürlich spürt jedes Baby, wie mit ihm umgegangen wird, zaghaft, ruppig, liebevoll. Darin drückt sich die Körperlichkeit der nächsten Bezugspersonen aus, die somit die Körperlichkeit des Kindes prägen, das, in einer fernen Zukunft, die Körperlichkeit der eigenen Kinder prägen wird usw. usf. über die Generationen hinweg. Dass also in meinen Körper von klein auf etwas eingeschrieben wurde, das nicht im Sinne der autonomen Entscheidung „meins“ ist, sondern von meinen Eltern und deren Eltern, ihren Empfindungen und Erfahrungen kommt, ist für mich ein neuer Blickwinkel. „Man braucht nur einmal Geschwister mit gleichen familiären Gesichtsmerkmalen zu betrachten, um zu erkennen, wie ihnen die jeweilige emotionale Geschichte ins Gesicht geschrieben steht.“ – oh ja. Und liegt es vielleicht auch daran, dass uns die Menschen auf den Fotos von früher so fremd erscheinen – dass es nicht nur ihre Frisuren sind, ihre Kleider, die Interieurs, sondern auch und vorallem der Ausdruck auf ihren Gesichtern, der ein anderer ist, von anderen Zeiten, anderen Sitten erzählt?

Um mal eine von Orbachs Hauptthesen in eigenen Worten und verallgemeinernd zusammenzufassen: Die Tatsache, dass wir täglich mit Bildern von Idealkörpern konfrontiert werden (die dank Photoshop nichts mehr mit wirklichen Körpern zu tun haben müssen), vergiftet unser Verhältnis zu unserem eigenen Körper – zumal uns ständig eingeredet wird, wir seien, gerade was unser Aussehen betrifft, unseres eigenen Glückes Schmied. „Fast jede/r redet in irgendeiner Form – ob nun auf der ästhetischen, gesundheitlichen oder moralischen Ebene – davon, das Beste aus dem eigenen Körper zu machen, was die Besorgnis verrät, dass dieser Körper, so wie er ist, nicht gut genug ist.“ Oder, wie ein Trainer im Fitnessstudio mir einmal sagte: Wenn du ein dickes Auto hast, dann sage ich okay, du hast Geld, aber wenn du einen guten Körper hast, dann sage ich Respekt, dafür hast du selbst gearbeitet. Illustriert ganz gut, was Orbach meint, wenn sie vom Körper als „Dauerbaustelle, ein Objekt permanenter Verbesserung“ spricht.
Das Versprechen, so-und-so aussehen zu können, wenn man nur das-und-das macht, kennen wahrscheinlich viele, und ich selber muss diese Gedanken immer wieder aus meinem Kopf verbannen. Mir klar machen, welche Industrie dahinter steckt (zB die, die mit Haarfärbemitteln, Cellulite- und Antifaltencremes Geld macht), und dass von deren Seite keinerlei Interesse daran besteht, das Bedürfnis nach dem guten Körper zu befriedigen, weil: Kapitalismus, und dass vorallem Frauen angehalten werden, sich am besten mit nichts als dem Streben nach dem guten Körper zu beschäftigen, weil: Patriarchat.
(Wo wir schon bei den Frauen sind, das hier hab ich mir auch notiert: „Ein Körper, der einst wegen seiner glatten Makellosigkeit und Sexyness bewundert wurde, wird jetzt wegen der natürlichen Folgen des Sexualakts verdammt“, bemerkt Orbach am Beispiel von Britney Spears und der allgemeinen Häme ob ihres Postschwangerschaftskörpers, mit dem sie es wagte eine Bühne zu betreten. Sehe ich genauso: Das Bild der sexy Frau ist makellos auch im Sinne von unverbraucht. Das Bild der schwangeren Frau ist eine ganz andere Liga – nichtmal dasselbe Spiel. Folgt das Bild der Mutter: niemals sexy. Oder das Bild der Frau, der man gar nicht ansieht, dass sie Kinder hat!!!, Riesenkompliment, gehe zurück auf makellos und unverbraucht.)

Kurz nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, bin ich über dieses Video hier gestolpert. „Karen Walrond kennt dich nicht, aber sie ist komplett überzeugt davon, dass du schön bist.“ Ich muss gestehen, ich habe mir das Video nicht bis zu Ende angeschaut, nur durchgespult, um mir die Sinnsprüchlein zwischendrin anzusehen. „Denk dran: Es gibt Unterschiede, aber es gibt keine Makel. Kontrolliere deine eigene Perspektive; Perspektive ist alles. Um jung zu bleiben, höre nie auf, auf das Wundervolle zu schauen“ usw. usf. Und ich bin immer noch dabei zu ergründen, was mich an dieser Botschaft, die einem ja schnell mal entgegenschallt, wenns um Empowerment gehen soll, so wütend macht. Du bist schön, egal was die anderen sagen.
Wende ich also den alten Trick an und kehre die Geschlechter um: Würde so ein Video auch für Männer gedreht werden? Nein. Will man Männern alle naslang erzählen, sie seien schön, no matter what? Oh nein. Schönheit ist für Männer überhaupt nicht in dem Maße eine (Selbst-)Bewertungskategorie wie für Frauen. (Vielleicht noch nicht, wer weiß.) So komme ich immerhin meinem Unwillen dieser Auch-du-bist-schön-Botschaften auf die Spur: Es ist die Kategorie, die mich stört. Die implizite Aufforderung, Schönheit als Bewertungskategorie für sich anzuerkennen.
Natürlich muss man hier unterscheiden zwischen der Vorstellung von Schönheit, die gesellschaftlich vorherrschend ist, also weiß-schlank-jung-ebenmäßig (würde ich beim Blick auf die Zeitschriftencover mal zusammenfassen). Und der Vorstellung von Schönheit, die Empowerment-Kampagnen verbreiten wollen, nämlich: Vielfalt. Ich verstehe ja auch die Utopie dahinter: Wenn alle Frauen sich ab heute schön fänden, gäbe es keine Schönheitsideale mehr und ganze Wirtschaftszweige würden zugrunde gehen. Es gäbe dann quasi auch keine Schönheit mehr, weil ja alle schön wären. Dann, ja dann könnten wir diese Kategorie endlich begraben.
Aber ist das nicht ein perfider Mechanismus? Denn er sagt doch: Liebe Frauen, es ist wieder mal an euch: Findet euch schön, so wie ihr seid. Denkt immer dran: Die Veränderung muss in euren Köpfen beginnen. Viel Erfolg wünscht euch euer Patriarchat. PS: Solange ihr noch mit eurer Schönheit beschäftigt seid, regeln wir hier weiter die Dinge, ok? Wir sehen ja, ihr habt Wichtigeres zu tun – und so ein Umdenken braucht ja auch Zeit!

Dienstag, 16. Oktober 2012

Eben noch betrunken getanzt


, jetzt schon wieder auf dem Fahrrad. Gegangen, ohne tschüss zu sagen, wie ich das manchmal mache bei größeren Runden oder Partys, wenn mir allein schon der Gedanke ans „Oh du gehst schon!?“ zuviel ist. Dezent meine Tasche genommen, so getan, als wollte ich nur kurz auf dem Flur auf mein Handy gucken, im Vorbeigehen Richtung Haustür noch die Jacke mitgenommen, und raus. Erinnerung daran, wie ich vorhin reingekommen bin, noch mit Jacke an erstmal ans Buffet und mir ein Glas Wein eingeschenkt, die abfälligen Blicke der zwei Frauen neben mir: Guck mal, wie die sich hier bedient, ist die überhaupt eingeladen oder hat die nur durchs Fenster gesehen, dass. Man weiß ja nie. „Also kennst du hier eigentlich auch niemanden?“, fragt eine andere Frau mich später, nein, nur die Gastgeberin und ihren Freund, und selbst die beiden sehe ich wenns hochkommt einmal im Jahr. Wir plaudern ein bisschen, die andere Frau und ich, finden auch Themen, das Gespräch bleibt im Fluss, und trotzdem löst sich dabei das Gefühl nicht auf, dass wir eben nur miteinander plaudern, weil wir hier sonst niemanden kennen, und dass uns beiden dabei ein bisschen langweilig ist. Irgendwann erzählt sie mir von einem befreundeten Künstlerpaar, sehr erfolgreich, die hätten gerade ein Kind bekommen und würden sich aber gar nicht darum kümmern, immer weiter ihre Projekte und Ausstellungen vorantreiben und das Kind quasi abschieben, die hätten wohl nicht begriffen, dass mindestens im ersten Jahr einer komplett aussetzen müsse, um das Kind zu versorgen. Ich sage aha und hm-hm, die andere Frau ist selber Künstlerin, hat aber die letzten zweieinhalb Jahre ausgesetzt, um eben ihr Kind zu versorgen und ihren Mann beim Sprung in die Selbständigkeit zu unterstützen; die Verurteilung eines anderen Lebensstils geht mit der Verteidigung des eigenen oft Hand in Hand, scheint mir. „Wollen wir mal gucken, ob schon getanzt wird?“, frage ich schließlich, und ja, die Gastgeberin tanzt, ich geselle mich, drei Gläser Wein inzwischen intus, dazu, die andere Frau auch und zwei Männer, die seltsamerweise ihre Jacken anhaben, als wollten sie gerade raus oder wären gerade erst reingekommen; jedenfalls hatten sie sicher etwas anderes vor als mit uns hier zu tanzen, so möchten sie aussehen. Aber lustig ist es dann doch. Und stinkt wie in einem Raubtierkäfig, merke ich, als ich vom Weinholen zurückkomme. Es reicht mir, merke ich kurz darauf. Der Weg nach Hause durch Friedrichshain, die Illusion, immer geradeaus zu fahren, dabei beschreibt der Weg einen langen Bogen, Viertelkreis fast, die Route der M10, die nebenherbimmelt. Und auf dem letzten Drittel des Wegs eine bisher nie gehabte Gefühlsqualität: Familienvater, möchte ich sagen; als würde ich vorne im Auto sitzen, meine Kinder auf der Rückbank, auf dem Heimweg vom Schwimmen. Dass ihm da manchmal fast die Augen zugefallen seien, hat mein Vater mir einmal erzählt, so müde sei er gewesen, und so müde bin ich plötzlich, unendlich müde, ich kenne den Weg, er ist nicht kompliziert, er ist nur lang, und ich kann ihn nicht abkürzen, Gefühlsqualität Familienvater also: die Länge des Wegs aushalten, in aller Demut. Zuhause schalte ich den Fernseher ein für Domian, auf dem Bildschirm blitzelt es an den Rändern, ein dunkles Blau erscheint, das sich langsam herabsenkt zu mattem Schwarz; der hat den Geist aufgegeben, nach zwölf Jahren, zwei Monate vor dem Ende der GEZ-Mann-Ära verabschiedet sich mein Fernseher. Ich werde mir keinen neuen kaufen. 

Samstag, 13. Oktober 2012

Hm.


Auf dem Rückweg vom Geldautomaten mir zwei Cheeseburger geholt, im Weitergehen verspeist, im derart beseelten Zustand mal versucht, ernsthaft darüber nachzudenken, wovor ich denn eigentlich Angst habe, wenn ich nun meinen Job kündige. Davor, dass ich dann nie wieder einen finde. Oder nur einen schlechter bezahlten. Oder einen, der meiner Selbstachtung noch weniger zuträglich ist (sagt man: abträglich?) als der jetzige. Dass ich verarme, und zwar innerhalb weniger Wochen, achwas: Tage. Dass ich mit dem, was ich eigentlich machen will, niemals erfolgreich sein werde. Nicht erfolgreich genug jedenfalls. Dass ich dann nur noch zuhause sitze, mit Menschenangst. Während alle anderen mit ihrer bereits im Kindergarten begonnenen Karriere – alle außer mir selbstverständlich damals schon gewusst, wohin es gehen soll, und dieses Ziel mit Ehrgeiz verfolgt – an mir vorbeiziehen, bald unerreichbar sind mit dem ganzen Geld, das sie verdienen, und den ganzen Sachen, die sie sich leisten können und sich absurderweise auch leisten, Schreibtische für 4000 Euro und für die Kinderlein ausschließlich Kleider von Petit Bateau. Zuhause dann hingesetzt, um eine Liste zu erstellen: auf der einen Seite die Sorge, auf der anderen Seite das vernünftige Gegenargument. Ha, als würde meine Psyche sich durch solche Tricks besänftigen lassen; ich verliere sofort die Geduld. Nochmal raus, um einen Sekt zu kaufen für heute Abend, trinke ich ja ganz gerne in der letzten Zeit, mag das kicherige Gefühl nach einzwei Gläschen und den Geschmack, untrennbar damit verbunden, dass es was zu feiern gibt – dabei gibt es nichts – ich hab die Kündigung noch nicht mal geschrieben. 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Schönheitsideale


Die ca sechzehnjährigen Mädchen, die mir gegenübersitzen, erinnern mich an mich selbst in dem Alter, so klug wie sie tun habe ich mich damals auch gefühlt; nie klüger als in dem Alter. Sie tragen die Uniform aus engen Jeans und Oberteilen mit Turnschuhen, die Haare lang und offen, die Gesichter einen halben Ton zu dunkel geschminkt, stumpf gepudert, so furchtbar jung. Und ihre Art zu sprechen, immer leicht gelangweilt, Unterton von: Ist doch so, oder?, aber das ist keine Frage, die sich an irgendjemanden richtet, sie sind sich sicher.
Dass es da ein Mädchen gebe in ihrer Klasse, die halbwegs professionell modeln würde, berichtet die eine, und die sei so dünn, dass alle es schon eklig finden würden – aber die Fotos würden dann doch ästhetisch aussehen, das verstehe sie nicht. Mein Impuls, gleich loszupoltern wegen eklig, ich halte mich zurück, und die Moderatorin der Runde reagiert denn auch sogleich, gelassen erklärt sie, dass es aber nicht darum gehen dürfe, Körper in gut und schlecht einzuteilen. Und der Körper auf den Fotos sei auch nicht der Körper der Klassenkameradin, sondern eine digital bearbeitete Version davon.
Und man darf den Mädchen ihre Dummheit ja wirklich nicht zum Vorwurf machen, denke ich, sie hatten einfach noch nicht sehr viel Gelegenheit, sich in der Welt umzuschauen oder viele Gedanken zu denken, sie gehen noch zur Schule, leben in ihrer Mädchenwelt. Altertypische Beschränktheit, und mein enges Gefühl, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.
Dass sie trotz feministischen Selbstverständnisses, trotz aller parat gehaltenen vernünftigen Argumentationen trotzdem ihre Körper immer wieder kritisch mustern würden, berichten mehrere Frauen in der Runde, dass sie trotzdem denken würden: zweifünf Kilo weniger wären nicht schlecht, und wie sie das nerven würde. Breite Zustimmung, leicht hysterische Bekenntnisstimmung: Sagbloß, das geht mir genauso!
Und ich kenne das ja auch. Gedanken, die ich niederkämpfen muss, täglich, denen ich keine Chance geben will, denn sie sind leer, leer, leer. Und dazu muss ich sagen: Ich bin schlank, habe nie die Anrufung erhalten, dochmal 15 Kilo abzunehmen, wie eine andere Frau erzählt, die sich über Gleichmacherei in der Diskussion beschwert. Meine einzige Erinnerung daran, wie ich mal mit 18 aus dem Urlaub zurückkam und fünf Kilo weniger wog und dafür von mehreren Seiten Komplimente bekam, gerne mit der Versicherung: Nein, dick sei ich ja vorher wirklich nicht gewesen!, aber wie ich jetzt aussähe!!, das sei doch wow!!! Die fünf Kilo waren aber schnell wieder drauf.
Dass er schockiert sei, sagt einer der wenigen Männer im Raum, schockiert, also ehrlich schockiert und sich das so nicht vorgestellt hätte, er würde die Typen auf dem Men’s Health Cover ja auch sehen, aber sich eben denken, so sehen die halt aus, so muss ich nicht aussehen, und bisher habe er immer angenommen, dass alle anderen das genauso halten würden. 

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Good, the girl said


Die Sonne war wie ein riesiges Fünfzigcentstück, das jemand mit Kerosin übergossen und dann mit einem Streichholz angezündet hatte, und dann hatte er gesagt: „Hier, halt das mal, ich hol mir nur eine Zeitung“, und er hatte die Münze in meine Hand gelegt und war nie wiedergekommen.
Gleich auf den ersten Metern das Gefühl: Das ist aber eine sehr gute Übersetzung, oder?, ich kenne den Text nicht im Original, dennoch der Eindruck, dass der Übersetzer einen eigenen Tonfall gefunden hat; nicht versucht hat, das amerikanische Timbre, wie ich es mal nennen will, ins Deutsche zu übertragen.
Diese Lässigkeit, die amerikanische Erzähler oft haben, die Kurzangebundenheit ihrer Dialoge, und wie die Offenheit und Weite der Landschaft immer mitzuschwingen scheint. Ist natürlich eine steile These, dass die Größe des Landes sich auf die Literatur auswirkt, aber trotzdem: auch dieser Humor, der niemals verbissen auf Pointe aus ist, sondern die Seltsamkeiten des Lebens bemerkt und vorbeitreiben lässt wie Tumbleweed in der Wüste, kurz vor Las Vegas..., dafür gibt es im Deutschen keine Entsprechung.
Man merkt einer Carver-Übersetzung immer an, dass sie eine Carver-Übersetzung ist, es gibt diesen Tonfall im Deutschen nicht, selbst wenn man versuchen würde ihn zu treffen, würde es, zweite steile These, nicht funktionieren. Klar ist aber auch, dass „Forellenfischen in Amerika“, der Roman, von dem ich hier eigentlich spreche, nur von Richard Brautigan geschrieben werden konnte, eine Banalität im Grunde, dass jedes Buch nur von seinem jeweiligen Verfasser usw., wo war ich?
Ach ja, die Übersetzung. Von Günter Ohnemus. Hier mal eine Stelle, die ich ganz wunderbar finde, der Erzähler wird von einer jungen Frau („Mädchen“) zum Miteinanderschlafen animiert:

Ich hatte keine Wahl, denn mein Körper war wie ein Schwarm Vögel auf einem Telefondraht, der in die Welt hinausgespannt war, und Wolken rüttelten vorsichtig an den Drähten. 
Ich bumste mit dem Mädchen.
Es war wie die ewige neunundfünfzigste Sekunde, wenn sie zur Minute wird und dann irgendwie dämlich aussieht.
„Gut“, sagte das Mädchen und drückte mir einen Kuss ins Gesicht.

U.a. weil ich wissen wollte, was die Vorlage war für „bumsen“, ein Wort, das aus einem vergangenen Jahrzehnt zu mir spricht, habe ich den Text im Internet herausgesucht. Und bitte:

There was nothing else I could do for my body was like birds sitting on a telephone wire strung out down the world, clouds tossing the wires carefully.
I laid the girl.
It was like the eternal 59th second when it becomes a minute and then looks kind of sheepish.
"Good," the girl said, and kissed me on the face.

Also wirklich eine sehr gute Übersetzung, meiner Meinung nach; wie der Übersetzer mit all seinen winzigen Akzentsetzungen die Szene interpretiert: „Ich hatte keine Wahl“, viel zwingender als ein wörtlich übersetztes „Da war nichts anderes, was ich hätte tun können“. Oder „my body was like birds sitting“: Kein Versuch, diese Verschleifung auf Deutsch nachzuahmen, stattdessen rückt der Vogelschwarm ins Bild. Oder was alles an Lächerlichkeit und Verächtlichkeit im sheepish-wirken mitschwingt, zusammengefasst im „irgendwie dämlich“. Oder was es dem „Gut“ dann auch für einen Ton gibt, wenn man quasi den Schmatzer des tantenhaft ins Gesicht gedrückten Knutschers hört, und dem Erzähler nicht bloß unbestimmt aufs Gesicht geküsst wird.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Heulen


G. schaut mich etwas verständnislos an, als ich plötzlich beginne, von Entauthentifizierung des Authentischen zu sprechen. Wegen meiner Erkältung dringen meine eigenen Worte nur gedämpft zu mir durch; was ich eigentlich meinte, konkret: Dass ich mir schon manchmal das Heulen verkniffen habe, weil ich die gesonderte Aufmerksamkeit, die es beim Gegenüber hervorruft, nicht auf diese Art und Weise herstellen wollte. Sondern überzeugt davon bin, dass all meine Anliegen es verdienen, wichtig genommen zu werden, egal wie emotional ich sie vortrage. Wenn ich aber bemerke, dass Heulen als ultimatives Signal für Dringlichkeit wahrgenommen wird, besteht die Gefahr, dass Heulen zum Mittel wird. Und dabei geht es nicht um meinen eigenen Heulimpuls, sondern darum, wie die Umwelt darauf reagiert. Erstmal schön die eigene Verletzlichkeit bzw. Verletztheit unter Beweis stellen, ein Selbstbild zeichnen als offene Wunde, als verzweifelndes Subjekt – „soviel muss man schon aufbringen, um als Frau ernst genommen zu werden“, sage ich. G. bleibt skeptisch. Eine der Schauspielerinnen, die wir eben auf der Bühne gesehen haben, hat ausgerechnet, wieviele Tode sie während ihrer Karriere schon sterben musste, hunderte, wieviele Akte der Gewalt ihr angetan wurden, tausende, wie oft sie schon heulen musste, in jedem einzelnen verdammten Stück. Wenn das mal nicht die Rolle ist, die auch für mich vorgesehen ist, denke ich, bitter.