Sonntag, 29. Juli 2012

Gelesen: Fleischmarkt


von Laurie Penny.
Hm. Gestern gelesen, deswegen alles hier erster Eindruck. Also: Ein bisschen enttäuschend. Schon klar, ein Buch, das in einer Verlagsreihe namens „Flugschrift“ erscheint und an vielen Stellen so deutlich polemisch geschrieben ist, will keine ausführliche Analyse von irgendwas sein und muss auch nicht in jedem Punkt in die Tiefe gehen. Aber trotzdem. Ein bisschen zu gehetzt war es mir dann doch. Laurie Penny packt viele Gedanken und Beobachtungen in die 130 Seiten: Dass von Frauen erwartet wird, sexuell attraktiv zu sein, aber sie verurteilt werden, wenn sie sexuell ausschweifend sind. Dass Intimität zwischen Menschen etwas anderes ist als das, was in Pornos gezeigt wird. Wie bemerkenswert es ist, dass Verkauf von Sex tabuisiert wird bei gleichzeitiger Allgegenwärtigkeit von „sex sells“. Dass Essstörungen gelesen werden können als ein selbstzerstörerischer Versuch, Autonomie wiederzugewinnen in einer Gesellschaft, die weibliche Körper beurteilt und kontrolliert. „Wenn du magersüchtig bist, schrumpft die Welt auf die Größe eines Tellers“: Penny berichtet hier aus eigener Erfahrung. Furcht vor weiblichem Fleisch und Fett setzt sie mit Furcht vor weiblicher Macht und Kraft gleich. „Wenn wir unsere Körper zurückfordern, muss das damit einhergehen, dass wir auch unsere Macht zurückfordern“, schreibt sie. Wer ist dieses Wir, das sie behauptet?, habe ich mich da gefragt. Zurückfordern, von wem jetzt konkret? Und wie definiert sich „unsere Macht“ genau? Was mir wiederum gefallen hat, sind so Formulierungen wie „die sozial akzeptierte weibliche Identität“, die weniger etwas mit biologischen Gegebenheiten zu tun hat als mit, tja, Shoppen von Kleidern und Make-up. Ganz am Schluss geht es denn noch um die „Drecksarbeit“: unbezahlte, renommeefreie Hausarbeit, die ja zum allergrößten Teil von Frauen übernommen wird. Also nicht alles so ganz neu für mich. Und dann das Fazit. „Nur indem die Frauen des 21. Jahrhunderts sich daran erinnern, wie man „Nein“ sagt, werden sie ihre Stimme wieder hörbar machen und ihre Kraft spüren. (...) Wir müssen unsere schwachen Bemühungen zu glauben, dass unsere Körper ganz akzeptabel sind, aufgeben und anfangen zu wissen, und zwar mit klarer und strahlender Gewissheit, dass wir starke und mächtige Menschen sind.“ Ja, und da könnt ich das Buch dann doch auch wieder in die Ecke schmeißen. Ich versteh schon: da ist jemand, der mal auf den Tisch hauen will, so! sagen, sich erheben, einen Aufruf starten, wachrütteln, all das, und das Anliegen ist ja auch respektabel. Aber: „Die Frauen des 21. Jahrhunderts“? Ernsthaft, alle? So weit kann niemand seine Arme ausstrecken, um die alle zu umfassen. Und davon zu reden, „dass wir starke und mächtige Menschen sind“, nachdem das ganze Buch eine Analyse der gesellschaftlichen Grob- und Feinmechanik war, die lieber schwache und machtlose Frauen produzieren will, wirkt in meinen Augen ein wenig leer, mit zu wenig Inhalt hinterlegt. Es reicht eben nicht, genug zu essen (was ich tue), Nein zu sagen (was ich auch oft tue) und mit dem Partner auszuhandeln, wer wie oft das Bad putzt (was ich tun würde, wenn ich einen Partner hätte). Und es ärgert mich, dass am Ende dieses Buches wieder nur eine Utopie steht. Denn ich will die bessere Welt jetzt, hier, sofort. Ich will Mittel, die ich einsetzen kann, auch jetzt, hier, sofort. Aber mit meiner Frage, welche Mittel das sein könnten, stehe ich nach der Lektüre dieses grundsätzlich klugen, engagierten Buchs doch wieder alleine da. Ist es ungerecht, das dem Buch zum Vorwurf zu machen? Wahrscheinlich schon.

Freitag, 27. Juli 2012

Alles herrlich

Das Prinzenbad und ich. Große Liebe. Mit allem drum und dran, also auch mit der Frage: Warum haben wir uns nicht schon viel früher kennen gelernt? Ganz einfach: Weil ich mich nicht getraut habe. In der Zeitung immer nur gelesen, wie schlimm es da sei, Schlägereien, Polizei. Dann denkt man sich noch die typische Freibadüberfüllung hinzu und nimmt Abstand. Irgendwann im Mai aber war es soweit, an einem dieser ersten sehr heißen Tage damals, meine Wohnung ein Backofen und ich nix zu tun, Sehnsucht nach Wasser, die Seen ja leider alle viel zu weit weg, also. Den alten Bikini rausgekramt und los. Und alles gleich herrlich gefunden am und im Prinzenbad. Die sogenannte Ruhezone rund ums erste Becken, wo man auf Steinen liegen kann und im Schatten; wo ich seitdem immer liege. Wie kalt das Wasser ist. Wie weitläufig das Gelände. Und wie gemischt das Publikum. Dass die Stammgäste einander freundlich grüßen. Und dass die Kids alle hinten am zweiten Becken mit der Rutsche sich tummeln. In den Schulferien ist es bestimmt noch ein bisschen voller, dachte ich mir bei meinem ersten Besuch schon so; war es dann auch, heute. Und trotzdem alles herrlich, kein Gepöbel, kein Gechecke, die wunderbare Kreisch- und Plansch-Geräuschkulisse nur ca stündlich unterbrochen von der sanften Durchsage des Bademeisters: „Wir erinnern uns jetzt nochmal daran: Wir wollen nicht von den Längsseiten ins Becken springen und uns auch nicht gegenseitig schubsen! Und weil wir auf dem Gelände nicht rauchen dürfen, machen wir jetzt auch alle unsere Zigaretten aus!“ Ein Stündchen habe ich sicher geschlafen, den Rest der Zeit zwischen Becken und Badelaken gewechselt. Und wieder mal bemerkt, was die Sonne mit dem Hirn macht, vollkommen bräsig am Ende vor lauter Zufriedenheit. Große Liebe, ich sags ja.

Montag, 23. Juli 2012

Irgendwann ziehe ich hierher zurück

Wir waren im Zoo, die Eltern und ich, Tiere und die anderen Familien anschauen. Am Abend erzählen die Eltern vom Aquazoo, Streichelzoo, Babyzoo; da waren wir überall, früher. „Also macht man dann, wenn man Kinder hat, Sachen, die für Kinder interessant sind, die man als Erwachsener sonst nicht machen würde, wo man auch als Erwachsener allein nicht hingehen würde?“, stolpere ich fragend voran. Die Eltern nicken. „Wir haben eigentlich immer darauf geachtet, dass wir am Wochenende was zusammen machen“, sagt meine Mutter. „Ja, und wir haben da auch von profitiert“, sagt mein Vater. Ich denke an den Freund von K., der einen Abend mit uns im Theater und anschließend saufen war, einen Meter Kölsch, aber auf einem Zettelchen schon zu stehen hatte, was er am nächsten Tag machen wollte, sobald seine Frau nachgekommen wäre und seine drei Kinder. Marionettentheater, Abenteuerspielplatz. Paralleluniversum.

Im Botanischen Garten heute muss ich ein bisschen suchen, bis ich die Bank finde, die meine Großeltern gespendet haben; auf einer kleinen Plakette stehen ihre Namen. Dass wir dorthin kommen würden, um an die beiden zu denken, so haben sie sich das vorgestellt, ein schöner Gedanke eigentlich, woandershin gehen zu können als auf den Friedhof. Aber meine Mutter hat nur die Augen verdreht. Hat sich in ihrem Leben genug vorschreiben lassen müssen von ihren Eltern, dann bestimmt nicht auch noch, wo und wie zu gedenken sei. Und auf der Bank sitzt nun auch schon ein Mann, neugierig und freundlich schaut er mir entgegen, graue Haare, Trainingsanzug. „Sitzen!“, fordert er mich auf, aber ich schüttele den Kopf, das nächste wäre dann nämlich wohl „Reden!“, und danach steht mir nicht der Sinn.

Irgendwann ziehe ich hierher zurück, denke ich später, als ich durch die Stadt laufe, die alten, die uralten Wege, am Kindergarten, der Grundschule vorbei, hoch zum Platz der Republik und oberhalb der Gathe durch Straßen, die ich noch gar nicht kenne. Der Drang, die Menschen anzusprechen, die Frau mit den Rastahaaren, die Frau mit dem Kurierrucksack zu fragen: Lebst du hier, wo, warum, wieso läufst du an einem Montagmittag hier entlang? 

Donnerstag, 19. Juli 2012

Dating mit „Der Herr der Ringe“

„Ihr solltet nicht so offenherzig sein. Es gibt nämlich Ents – und Ents.“
„Würdet Ihr es sehr unhöflich finden, wenn wir fragten, was Ihr mit uns tun wollt?“
„Ich werde nichts mit Euch tun. Nicht, wenn Ihr damit meint: Euch etwas anzutun ohne Eure Einwilligung. Es könnte sein, dass wir zusammen etwas tun. Ich gehe meinen eigenen Weg. Aber Euer Weg mag mit dem meinen eine zeitlang nebenher laufen. Lasst uns gehen.“
„Wohin?“
„In eins meiner Häuser.“
„Ist es sehr weit?“
„Was macht das schon.

Sonntag, 15. Juli 2012

Im Museum: Diane Arbus

Ganz schwer zu fassen, was mir an den Fotografien von Diane Arbus so gegen den Strich geht. Dass es stets der „Blick-auf“ ist, der Blick auf die FKK-Camper, die Behinderten, die Transvestiten, die Tätowierten, auf all die Menschen, die Arbus selbst offensichtlich unter dem Begriff „Freaks“ subsumiert hat. Und natürlich ist jeder Blick ein Blick-auf; der Knackpunkt ist wohl der, dass der Blick sich in Arbus’ Bildern auf das dezidiert Andere, das Abnorme richtet. Die Dame, deren Frisur dem Pudel gleicht, der neben ihr sitzt; der Junge mit den stöckchendünnen Beinen, der eine Spielzeughandgranate in den Händen hält; die Frau mit dem Babyäffchen auf dem Schoß, sie alle kommen mir beim Betrachten seltsam vor. Und darin erschöpft es sich. Sie kommen mir natürlich auch seltsam vor, weil die Fotografien ganz deutlich einer anderen Zeit entstammen, man sieht es an den Interieurs, den Frisuren, den Kleidern; diesen Abstand kann ich nicht beheben. Aber den anderen Abstand, den zu den Portraitierten, eben auch nicht. Denn so, scheint es mir, sind die Fotos gemeint: Ich zeige euch jetzt mal was. „Ich glaube wirklich, dass es Dinge gibt, die niemand sähe, wenn ich sie nicht fotografieren würde“, hat Diane Arbus einmal gesagt, und dieser Satz ist mir unheimlicher als alle Fotos zusammen. Heißt das etwa, dass sich die Portraitierten nicht einmal selbst sehen können, nicht so, wie Diane Arbus sie sieht, und was ist das Spezifische an ihrer Sichtweise, was stellt sie fest? Die Abweichungen von der Norm? Und was kann ich als Betrachterin heute in diesen Fotos sehen: Mehr als die Abweichungen von der Norm? Der deutliche Schwerpunkt auf die „Freaks“ gibt den Blickwinkel vor: Ich sehe nur noch das Absonderliche. Es gibt keinen anderen Weg. Aber dieser Weg ist ausgetrampelt, und ich will ihn nicht gehen.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Mein Körper tut mir weh

Wie Frauenfiguren immer schon, immer noch und wohl bis in alle Zeiten über ihre Körper erzählt werden. Und dass die Verletzungen, die dem weiblichen Körper zugefügt werden, immer die Verletzung der Seele mitmeinen. Eine Frau, die als Kind missbraucht, als Jugendliche vergewaltigt, als Erwachsene sexuell belästigt wird: solche Vorgänge definieren die Frauenfigur, bestimmen ihr Leben. Die allem zugrunde liegende Erzählung, dass der Körper der Frau auch gegen ihren Willen verfügbar gemacht werden kann, diese Ohnmachtsandrohung und gleichzeitig die Definiton: das Schlimmste, was einer Frau passieren kann, passiert ihrem Körper, kann also überhaupt erst passieren, weil sie diesen Körper hat. Eine unerquickliche Mischung aus Selbst schuld und Fürchtet euch. Eine Frau, die sich prostituieren muss, ganz oft erzählt als der letzte Ausweg, das letzte Mittel, der Körper als das, was die Frau jedenfalls immer noch besitzt, das sie einsetzen, mit dem sie etwas erreichen kann. Eine Frau, die mit einem Mann schläft, den sie nicht begehrt, immer aus Gründen, wegen mangelnder Selbstachtung oder gerne auch mal, um zu zeigen, dass diese Frauenfigur besonders tough sein soll, denn es muss schon was heißen, wenn eine den Imperativ nicht befolgt: Gib Dich nur dem hin, den Du liebst. Eine Frau, die abtreibt oder abtreiben muss oder eine Fehlgeburt hat: jeder Eingriff ein Angriff. All das, all das, schon so oft gelesen, schon so oft gesehen. 

Donnerstag, 5. Juli 2012

Im Prinzip, aus Prinzip und ums Prinzip herum

Unangenehmes Telefonat mit der Hausverwaltung heute morgen, wegen der Mietminderung, die ich natürlich am besten doch nicht geltend machen soll, jetzt, wo ich so ein schönes neues Bad eingebaut bekommen habe. Irgendwann sage ich, es gehe mir aber ums Prinzip. Muss ein bisschen grinsen, denn wie blöd habe ich früher die Menschen gefunden, denen es bei irgendetwas ums Prinzip ging, verbohrte und verknöcherte Typen, alle. Und noch vor zwei Jahren wäre ich wahrscheinlich eingeknickt, hätte gesagt: OK, und danke nochmal für das schöne neue Bad; nur, um die Situation zu entspannen, um zu gefallen. Und hätte mich später darüber geärgert. Und zwar wegen des PRINZIPS.

Als ich endlich Feierabend habe, regnet es. Ich denke: Du wirst sowieso nass, also kannst du genausogut langsam fahren. An der Ecke Behren-/Charlottenstraße steht ein junger Mann unterm Vordach, ruft: Liebling!, und winkt, sehr adrett sieht er aus. Ich schaue, wem er wohl zuwinkt, habe die adrette junge Frau schon vor mir, er ruft noch einmal: Julius!, bemerkt meinen Blick, lacht mir zu, übermütig, verliebt. Ich sehe auch den anderen Mann, der irgendetwas zurückruft, aber dann ist grün, und ich fahre weiter.
Der Gendarmenmarkt ist wegen, wie ich eben erst recherchiert habe, „Classic Open Air“ abgesperrt, mit Bühne und Tribüne und Sichtschutz ringsum. Und davor, auf dem Gehweg, auf den Mauervorsprüngen, Treppeneingängen, auf mitgebrachten Stühlen sitzen lauter Leute, denen man ihr gutes Leben ansehen kann; Zaungäste sind sie und bestens ausgerüstet, mit Schirmen und Regencapes, einige haben Weinflaschen dabei, sogar Picknickkörbe sehe ich, sie lauschen auf Feuersteins Stimme. Das ist es also, was ich in zwanzig, dreißig Jahren mit meinen Freunden machen werde, wenn wir uns abends miteinander verabreden, denke ich, wie herrlich.
Kurz vor der Leipziger Straße fährt M. an mir vorbei, der früher unten bei mir im Haus gewohnt hat, und den ich sehr gemocht habe, seine Herzlichkeit und Theatralität, sein italienisches Englisch, jammerschade, dass er ausgezogen ist, auch solche Leute können einem fehlen, die das eigene Leben nur am Rande berühren, sehr sogar. Ich rufe seinen Namen, und er sieht mich, erkennt mich gleich, seine lieben Augen, wir wenden uns noch einmal nacheinander um, halten nicht an.
Auf der Oranienstraße denke ich dann, dass ich ewig so weiterfahren könnte, und belehre mich selbst, dass es nur deshalb so schön ist, weil ich eben weiß, dass ich bald schon daheim bin. Das Handy klingelt, ich gehe nicht dran, rufe H. erst von zu Hause aus zurück. Er hatte mir während der Badbauarbeiten Asyl gewährt, sagt, dass er es fast ein bisschen traurig fände, dass ich wieder ausgezogen sei; geht mir genauso. Die große, kühle, stille, immer noch sehr leere Wohnung mit 11 Freunde neben dem Klo und Schokolade im Schrank, ein guter Ort, nicht nur im sogenannten Mietminderungszeitraum.