Montag, 25. Juni 2012

Meister und Perle

„Ist gut, Perle“, sagt der Meister ('Putz & Stuck & Ausbau' auf der Visitenkarte, die er mir später überreicht) ins Telefon, er steht noch im Treppenhaus, hat meine Wohnung noch nicht betreten. Ich nehme an, er telefoniert mit seiner Freundin, aber als er später einen Kollegen anruft, nennt er auch den: Perle.
Kann ja sein, dass ich mich verhört habe. Neulich im Bodyfit-Kurs dachte ich schließlich auch, der Trainer würde „Angriff“ schreien, und erst als er runterzählte, begriff ich, dass er wohl „Acht noch“ geschrien hatte.
Über mein Bad lacht der Meister nur. „Also die Dusche muss raus. Und dann muss ich mir das angucken. Die Fliesen da?“ Er zeigt auf den Boden, wo an einer Stelle irgendetwas die Fliesen nach oben gedrückt hat. „Sehen auch schon so aus wie die Alpen. Also mal sehen.“
Oh. Kaffee? Ich habe leider keine Milch.
„Egal. Ich trink alles.“
Während wir auf den Rückruf von der Hausverwaltung warten, schaut der Meister sich in meiner Wohnung um. „Und sieben Jahre schon?“ Er scheint es nicht ganz fassen zu können.
Naja, ich hänge an der Wohnung.
„Ist ja auch nett, die Gegend.“ Er grinst über meine Kaffeekanne, Bodum-Imitat. „Der gute alte Durchdrücker...“ Dann wendet er sich wieder dem Bad zu.
Ich meine ihm ansehen zu können, dass er sich darauf freut, die Dusche rauszureißen; zu schauen, was dann ist. Ein Mensch, der seine Arbeit gerne macht. Wir werden uns in Zukunft wohl häufiger sehen. Vielleicht wird er dann anfangen, auch mich Perle zu nennen.
„Na, gut geschlafen, Perle?“ – „Ich mach Schluss für heute, Perle.“
Und wird mir eine neue Dusche hinterlassen, vielleicht ein komplett neues Bad. Der Meister hat seinen Kaffee aufgetrunken. „Ich sage danke dafür erstmal.“ Er reicht mir die Hand.
Bis morgen.

Montag, 18. Juni 2012

Grmpf.

Gestern der Typ vor dem Café. „Ach, ich finde es auch schade, dass es nicht geklappt hat mit dem Verlieben, ich meine, sie ist 31, das wäre vom Alter her super gewesen“, erzählt er seiner Begleiterin in der Mithören-erwünscht-Lautstärke und fixiert dabei: mich. Direkt ein Bild von diesem Mann, Online-Dater, sehr aktiv, schützt sich selbst auf dieser allzu rationalen Suche nach einer Partnerschaft mit dem Gedanken, dass er sich wenn, dann aber verlieben will. Schlechte Aussichten, denke ich. Und wie sehr mich dieses Beziehungsblabla, all dieses Reflektieren und Bewerten rund ums Partnersuchen, Partnerhaben, Partnerverlieren, das ich natürlich selbst schon ausführlich zelebriert habe, momentan ankotzt. Fall in love, be silent, die.

Freitag, 15. Juni 2012

Donnerstag, 14. Juni 2012

Alltag


Der kleine Schlecker in meiner Straße schließt zum Ende des Monats, in den Fenstern hängen Plakate: 30% auf alles. Fünf, sechs Kunden sind heute im Laden, als ich ihn betrete, so viele wie sonst nie. „Leichenfledderer“, erinnere ich mich, war die kritische Selbstbezeichnung eines anderen Schlecker-Kunden, neulich in einem Radiobericht. Und obwohl es sich anbieten würde, kaufe ich nichts außer Klopapier und Zahnpasta, zwei Dinge, die ich seit jeher bei diesem Schlecker gekauft habe. Der Laden ist zu traurig, immer schon gewesen, ich habe keine Lust auf Schnäppchenjagd. An der Kasse eine Frau, die ich nicht kenne, ich denke an die beiden Verkäuferinnen, die hier gearbeitet haben, wie die eine einmal mit dem Gesicht eines Kinds, das niemanden zum Spielen hat, hinter der Kasse saß und Preisschildchen auseinanderprickelte, wie die andere mir einmal, als ich unschlüssig vor dem Süßigkeitenregal stand, die Schokokugeln der Eigenmarke empfahl.

Das Spiel schauen wir am Abend in einem kleinen Gartenlokal am Ufer, am Nebentisch drei Frauen mittleren Alters. „Ich lass mir hier nicht andauernd den Mund verbieten, was soll denn das“, höre ich eine von ihnen später sagen, ihr gespielt ungläubiges, überlegenes Lachen, ich habe keine Ahnung, worauf sich diese Bemerkung bezieht, spüre keinerlei Spannungen von den Frauen ausgehen. Auch sonst eine nette Stimmung in dem Lokal, keine Fußballfans, eher Nachbarn, die es eben auch lustig finden, das Spiel zu schauen. Zwei Minuten vor Spielbeginn erscheint auf dem Bildschirm die Frage, ob sich der Fernseher in zwei Minuten auf Standby schalten soll; der junge Mann, der es schafft, diese Frage durch An- und Ausschalten des Geräts verschwinden zu lassen, erntet Szenenapplaus. Zwei Minuten vor Spielende schaltet sich der Fernseher dann aus, ohne vorher zu fragen, großes Gelächter, jetzt fällt aber auch kein Tor mehr. Manuel Neuers rotes, verschwitztes Gesicht: „Den hat das EM-Fieber gepackt“, sage ich zu H., er lacht.

Männer in Serviceberufen: Der Falafelverkäufer. Lächelt nie und verleiht seinem Amt damit eine besondere Würde. Erinnert mich an mein Vorhaben von Anfang des Jahres, selber auch nicht mehr so viel zu lächeln; nicht, um soziale Situationen irgendwie geschmeidiger zu gestalten. „Der Kinokartenverkäufer muss mich nicht sympathisch finden“, wie ich M. erläuterte; eine Weile lang habe ich das sehr gut durchgehalten, aber es ist doch eine Sache, die ich mir vornehmen muss, die Gewohnheit ist: Lächeln.

Dass ich momentan so wenig arbeite, genauer: so wenig tue, das ich als Arbeit anerkenne, macht mich nervös und führt dazu, dass ich um fünf Uhr nachts aufwache und solche Dinge in den Blog tippe. Kenne das, genauso wie die Anfälle von: Du musst Dein Leben ändern (i.e. Dir einen anderen Job suchen, nochmal was Neues studieren, überhaupt mal für längere Zeit ins Ausland gehen, oder Dir wenigstens ein Ehrenamt suchen), die mit dieser Unruhe normalerweise einhergehen. Jahrelang diese Gedanken furchtbar ernst genommen, unglücklich gewesen deswegen. Inzwischen zur Einsicht gelangt, dass ich diesen Mach-Dich-nützlich-Imperativ, das grundkapitalistische Tu-was(-damit-Du-Dir-mehr-kaufen-kannst) loswerden muss, sonst nix. Mach Dich unnütz. Schlaf noch ein bisschen.

Montag, 11. Juni 2012

Gelesen: Das Mädchen

von Angelika Klüssendorf.

"Der Geruch des Regens nach einem heißen Sommertag löst in ihr ein Gefühl von Freude und Traurigkeit zugleich aus. Sie stellt sich vor, wie es wäre, tot zu sein. Es ist ihr wichtig, dass jemand um sie trauert. Außer ihrer Freundin Elvira und ihrem Bruder fällt ihr niemand ein, der um sie trauern würde. Es gelingt ihr nicht, sich vorzustellen, dass sie sich einfach auflösen wird, denn sie ist überzeugt davon, dass alles, was auf dieser Welt geschieht, etwas mit ihr zu tun hat; die Luft, die sie atmet und die sie umgibt, ist nur da, weil es sie gibt, würde sie nicht atmen, gäbe es auch keine Luft. Früher hat sie jeden Abend vor dem Einschlafen gebetet, inzwischen aber ist ihr der Glaube an Gott so fern wie der Tod."

Da ist die Erzählstimme: Ruhig und ganz nah am Mädchen, immer an (und auf) ihrer Seite. Sie schildert ihre Gefühle und Gedanken, aber sie IST NICHT das Mädchen. Nein, es ist eine Draufsicht, ein Abstand zwischen Stimme und Mädchen, der dem Leser den Freiraum gibt, mitzugehen. Ganz anders, als wenn das Buch aus der Ich-Perspektive des Mädchens geschrieben wäre, oder auch nur mit einer Erzählstimme, die an irgendeiner Stelle schreien würde: Seht her, welch ein Elend!
So etwas passiert aber nicht. Dabei ist das Elend riesig bei dieser Kindheit und Jugend in der DDR mit prügelnder Mutter und Alkoholikervater. Den Gedanken, „dass alles normal wird, eines Tages“, findet das Mädchen „so unwirklich, als würde sie die Augen schließen und glauben, blind zu sein“, sie lebt den Umständen entsprechend.
Und die Erzählstimme weiß, so meint man, schon am Anfang, als das Mädchen Scheiße aus dem Fenster schmeißt, dass sie am Ende mit eingegipstem Arm auf einer Wiese liegen wird, davon träumend, mit den Wildenten forzufliegen; ein Bild, das mich sehr berührt hat.
Eine weitere Aufbruchsfantasie findet sich kurz vor Schluss, das Mädchen schwimmt im Meer: „Sie stellt sich vor, sie würde auf den Meeresgrund sinken, sich dort mit aller Kraft abstoßen, durch das Wasser schwungvoll nach oben schnellen, und dann würde sie wieder auftauchen, wie neu, als wäre ihr nie etwas passiert.“
Es sind solche Szenen, die zeigen, dass das Mädchen eine enorme innere Stärke hat. Früh stellt sie es selbst schon fest, im Vergleich zu ihrem Bruder, der sich mit seinen Ticks viel deutlicher als gequälte Kreatur zu erkennen gibt, als das Mädchen es sich selbst jemals erlauben würde: „Sie empfindet kein Mitleid für ihn, dafür ist sie zu sehr auf dem Sprung, und doch möchte sie nicht, dass ihr Bruder so ist, wie er ist. Er leistet niemandem Widerstand.“
Die Widerständigkeit des Mädchens, die genaue Wahrnehmung ihrer Gefühle, der gerade Blick auf die Dinge: all das bringt nicht nur das Mädchen durch ihre Jugend, es bringt auch den Leser durch diese knallharte Geschichte.


Sonntag, 10. Juni 2012

Internethit




No more tears, my heart is dry
I don't laugh and I don't cry
I don't think about you all the time
But when I do ? I wonder why
One day baby, we'll be old
Oh baby, we'll be old
And think of all the stories that we could have told

Freitag, 8. Juni 2012

Das Verbündetensuchgesicht


Ich habs heute morgen wieder gesehen, vom Fahrrad aus, als ich an der Bäckerei auf der Ohstraße vorbeigefahren bin. Früh wars, acht Uhr, ich war erst zehn Minuten vorher aufgewacht mit einem Schreck und der Gewissheit: Der Wecker hat nicht geklingelt.

Handywecker: Das Handy ist uralt, es schaltet sich immer mal wieder von selbst aus in der letzten Zeit, ganz aus, mausetot ist es dann. Hat also nicht geklingelt, das ist mir noch nie passiert, aber ich weiß es sofort, sehe es am Licht in meinem Zimmer, es ist schon zu hell. Um halb neun muss ich auf Arbeit sein.
Kaltstart. Kein Kaffee, kein Frühstück, nur duschen und dann raus.

Ich fahre also die Ohstraße entlang, und wie immer riecht es bereits ein paar Meter vor der Bäckerei nach frischen Backwaren, und zwar eher nach Kuchenböden als nach Brot, süß und, ja, verführerisch. Ich überlege, schnell abzusteigen, etwas zu kaufen, schaue hin zur Bäckerei, vor der ein Tisch steht mit vier Stühlen.
Einander gegenüber sitzen dort ein Mann, Gesicht zur Straße, und eine Frau, Gesicht zum Mann. Die Frau redet spanisch, laut, zu laut für diese Uhrzeit, selbst für Spanisch zu laut. Sie ist betrunken, ich höre es ihr an, obwohl ich nicht verstehe, was sie sagt, kann selbst nur ein paar Brocken spanisch. Halte doch nicht an, fahre vorbei.

Und während ich vorbeifahre, schaut der Mann mich an, für ein paar Sekunden nur. Mit einem Verbündetensuchgesicht. Einem Ausdruck, der sagt: Ja, die Frau, die mir gegenüber sitzt, ist betrunken, ich weiß es, du merkst es auch. Ja, sie redet zu laut. Ich bin mit ihr unterwegs, ja, aber ich bin nicht so betrunken. Ich bin der, der schaut. Ich bin eher so wie du, nicht wie sie. Siehst du das?

Der Mann lächelt mir zu, ein kleines Lächeln, ein wenig verlegen, wie es sich gehört zum Verbündetensuchgesicht, ich habe es schon so oft gesehen. Entschuldigend ist es manchmal, manchmal auch hässlich. Denn es ist immer ein Lächeln über die andere Person, über ihren Zustand, der auf irgendeine Art und Weise von der Norm abweicht, über die Peinlichkeit, die das mitunter darstellen kann.

Ach, das Verbündetensuchgesicht. Ich habs sicher selber schon gemacht, und jemand anderes hat es wegen mir gemacht. Ich schaue den Mann an, starr, lächle nicht zurück, verbünde mich nicht, bin schon vorbeigefahren. Dass der Wecker nicht geklingelt hat am Morgen, das spüre ich jetzt, am Abend noch, ein Tag, der viel zu hastig begonnen werden musste, heruntergeschlungen, verschluckt.