Donnerstag, 27. Dezember 2012

Da liegt noch ne Socke


, sagt ein Mann im Waschsalon zu mir, dabei hab ich noch gar nicht alle Sachen in die Maschine gepackt. Aber eine Socke ist danebengefallen und liegt jetzt auf dem Boden, da hat er Recht. Ob er auch was gesagt hätte, wenn das ein Schlüpper gewesen wäre?, das frage ich mich erst später. Sage: Ja, danke, drehe mich nicht um zu dem Mann, der einen etwas abgerockten Eindruck macht, das habe ich schon beim Reinkommen bemerkt. Und der es gut mit mir meint, Solidarität im Waschsalon, wo alle wissen, was für ein Mist es ist, keine eigene Maschine zu haben. Plötzliche Fürsorglichkeit angesichts danebengefallener, zumal einzelner Socken ist hier eine sehr nachvollziehbare Regung. Wie wenn man ein Stofftier auf dem Gehweg liegen sieht und sich fragt, welches Kind das wohl usw. Jetzt schnell nachschlagen, wie war das noch bei Brinkmann mit dem sommerlichen Schuh, „allein / auf der weiten Fläche des leeren Strandes“?  Richtig: „Das ist nicht fürchterlich. Das / ist einfach nur’n Schuh.“
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Drei Tage vor Heiligabend gleich zwei Verkäuferinnen im winzigen Spielwarenladen am Spreewaldplatz, die, während ich mich umschaue, immer am jeweils nächsten Regal dermaßen auffällig-unauffällig ein paar Sachen ordnen, dass ich am liebsten fragen möchte: „Bei Ihnen wird sicher viel geklaut, was?“, so ganz mitfühlend. Bei Dussmann hingegen laufen junge Frauen mit Engelsflügelchen aufm Rücken rum, um der Kundenschar den Weg zu weisen.
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Vor einem Jahr zu Weihnachten schon den Kopf geschüttelt über die Idee, dass sich zwei ZEIT-Reporter als Obdachlose ausgeben, um durch die reichste Gegend Deutschlands zu ziehen, an jeder Haustür fragend, ob sie hier übernachten, aufs Klo gehen, etwas zu essen haben dürften. Dieses Jahr waren die beiden wieder unterwegs, in Neukölln, das ist ja quasi bei mir ums Eck. Und wie denen da geholfen wurde, man kann nur staunen, am Ende hätte die Frau (die sich letztes Jahr übrigens einen Schwangerenbauch vorgeschnallt hatte, wegen Maria-Ähnlichkeit, dieses Jahr nicht) sogar einen Job gehabt.
Dass uns zwei verkleidete Reporter nun übers Leben als Obdachloser wahrscheinlich soviel erzählen können wie Günter Wallraff übers Frausein, wenn er sich denn endlich mal die Langhaarperücke aufsetzen würde, ist klar, ne. Was ist also Sinn und Zweck dieser Dossiers? Jammern und Schaudern? Auch-mal-an-die-eigene-Nase-fassen, was Hilfsbereitschaft angeht? Gute Unterhaltung? Nadia Shehadeh hat sich jedenfalls geärgert, und ich kann das absolut verstehen (und mag ihre pointierte Schreibweise). Was mir dazu noch eingefallen ist: „Schreibt doch mal was über Obdachlose“, wo misscaro erklärt, warum sie dieser Vorschlag wütendtraurigirgendwas macht – auch sehr lesenswert. 
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Samstag, 15. Dezember 2012

Notizen KW 50


„Frauen an die Macht: Was können sie anders?“, fragt die aktuelle ZEIT, und ich wette, dass der Arbeitstitel der Reihe war: Was können sie besser. Und dann irgendwer gesagt hat: Nee, „besser“ ist zu wertend, lass da lieber „anders“ hinmachen. Ey, ich bin Frau, ich kann anders!, das bei nächster Gelegenheit mal anbringen.
Jedenfalls auch eine Form von Antifeminismus: Verlangen, Frauen zB in Führungspositionen müssten es anders/besser machen als Männer. Und wenn sie das nicht tun: Tja, dann können doch eigentlich gleich die Männer in den entsprechenden Postitionen bleiben, oder? – gesehen im Interview mit Maybritt Illner (online leider nur die Vorabmeldung), die ob solcher Anfechtungen bewundernswert gelassen bleibt und am Ende zum Stichwort Emanzipation des Mannes sagt: „Wenn Frauen künftig weder beruflich noch privat von mir abhängig sind, muss ich als Mann mit aller Kraft und Brutalität herausfinden, wozu ich gebraucht werde, worin meine Rolle besteht.“
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Hihi.
   
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Kate Bush liebe ich auch sehr.
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Und hurra: mein Lieblingsbeautyblog ist wieder auf Sendung. Unvergessen der Eintrag, in dem Martha einen Lidschatten namens „Adam and Steve“ zum Anlass nahm, um zu sagen: Adam and Steve haben dieselbe Daseinsberechtigung wie Adam and Eve. Und auch Madame and Eve, versteht sich. 

Dienstag, 11. Dezember 2012

Und nichtmal Haare sind einfach nur Haare


Mich eben durch die hier verlinkten Artikel gelesen, mich gefragt, warum es eine solche Website eigentlich nicht im deutschsprachigen Raum gibt – Frauen, Mode, Essen, Sex und die Wirtschaft – überhaupt diese Form der Essays, diese Art, ICH zu sagen und sich gleichzeitig Gedanken übers große Ganze zu machen, ist hierzulande – außer in Blogs – nicht sehr weit verbreitet. Oder? Gegenbeispiele bitte in die Kommentare.
Einer der verlinkten Artikel jedenfalls behandelt Jada Pinkett Smiths Reaktion auf die allgemeine Empörung darüber, dass sie es ihrer Tochter erlaubt habe, sich die Haare abzuschneiden. Dass dieses Erlaubt-haben zunächst mal infrage gestellt werden müsse, schreibt Jada auf ihrer Facebook-SeiteDenn Körper, Geist und Seele ihrer Tochter würden nur einer Person gehören: ihrer Tochter, und sie allein dürfe darüber entscheiden. Schluck. „It's also a statement that claims that even little girls have the RIGHT to own themselves and should not be a slave to even their mother's deepest insecurities, hopes and desires“, schreibt Jada weiter, was mich daran erinnert, wie die Eltern meiner Mutter ihr als Jugendliche eine Wette vorgeschlagen haben: Sie solle sich nicht die Haare abschneiden lassen, bis sie 18 wäre, und würde dafür 50 Mark oder sowas bekommen, meine Mutter hat auch durchgehalten (und trägt die Haare seitdem kurz, bis heute).
Und natürlich wollten die Eltern meiner Mutter die Wette mit mir wiederholen, worauf ich mich nicht eingelassen habe. Als ich mir mit 15, 16 dann die Haare habe abschneiden lassen, sagte mein ältester Bruder, geschickt auf die angenommene Meinung seiner damaligen Freundin verweisend: „Also A. würde sagen, vorher hattest du etwas Besonderes, und das hast du jetzt nicht mehr.“ Woraufhin ich heulen musste (und meine Haare sind jetzt wieder lang).
Was ich mich frage: „the deepest insecurities, hopes and desires“, von denen Jada spricht – klar kann man sich als Mutter oder überhaupt als Mensch vornehmen, die nicht auf die eigene Tochter oder überhaupt auf andere Menschen anzuwenden. Trotzdem bestehen sie ja weiter, die tiefsten Ängste, Hoffnungen und Wünsche, und wirken sich in unseren Handlungen aus, ich habe hier – Stichwort Körpergeschichte – ja schonmal darüber nachgedacht. Nicht dass wir wiederum die Sklaven unserer verborgenen Gefühle wären – aber das Unbewusste, oh, das Unbewusste, all das, was wir in unserem unsichtbaren, niemals ganz ausgepackten Rucksack mit uns schleppen und das zB dazu führt, dass mir beim Lesen von Jada Pinkett Smiths Statement beinahe die Tränen kommen.

Donnerstag, 22. November 2012

Gelesen: Tanzen auf Beton


von Iris Hanika.
Irgendwer, und ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mir vorher schon von diesem Buch erzählt, hat gesagt: Tanzen auf Beton, das beziehe sich aufs Berghain, und dort würde dann Sex gehabt, und da das Buch bekanntermaßen sehr autobiografisch sei, könne man sich den Rest ja denken. Lüstern-lästernd der Tonfall bei dieser Rede; ich nahm erstmal Abstand von der Lektüre. Aber irgendwas, und ich weiß nicht mehr, was es war, hat mich dann doch veranlasst, mir das Buch zu besorgen. Gestern Abend habe ich es gelesen. In einem Rutsch.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, Tanzen auf Beton bezieht sich aufs Berghain. „Tanzen auf Beton zu Musik aus Beton ist mehr ein Wippen und Hüpfen auf Beton“, es werden sich dabei sorgenvolle Gedanken um die Bandscheibe gemacht; „Tanzen auf Beton ist eher was für die jungen Leute.“ Und auch Sex im Berghain ist eher was für die jungen Leute, zu denen man nicht mehr gehört, es wird sich also bloß vorgestellt, wie es wäre: „Das wäre dann schmutziger Sex gewesen, nicht wahr? Beziehungsweise „anonymer Sex“, das ist der Fachausdruck. Ein roher Akt, aber keiner der Roheit! Ficken auf Beton halt, Sex im Krach. Wir wären um ein Erlebnis reicher. Von dem wir den Enkeln nicht erzählen wollen, sollten wir einmal welche haben, doch könnten wir davon zehren, weil wir mit Gewissheit wüssten, auch einmal jung gewesen zu sein.“
Es löst immer eine gewisse Euphorie bei mir aus, wenn ich beim Lesen denke: Ja, genau!, genau!!!, sei es, weil mir stilistisch etwas gefällt, ich mich mit den Gedanken/Gefühlen verbinden kann oder weil ich einen bestimmten Sachverhalt treffend auf den Punkt gebracht finde. Das mit der Gewissheit, jung gewesen zu sein, wild, am Leben – und die Dinge, die man dafür tut, die man sich überlegt, hätte getan haben zu können – war jedenfalls so ein Ja-genau-Moment, und es gab noch viele, viele davon. Ein Glücksfall von einem Buch für mich, zumal es auch explizit ums Frausein geht.
„Die Vorstellung, dass eine Frau etwas ist, das keine Rechte hat, keine Wünsche zu haben, nichts zu melden hat, wenn ein Mann in der Nähe ist, dass eine Frau eben kein Mensch ist, sondern – etwas, dass eine Frau ein Ding ist, weil alles, was den Menschen ausmacht, Eigenschaften des Mannes sind, saß so tief in mir drin, dass ich gar nichts von mir wusste.“ Wie diese Vorstellung das Leben, die Beziehungen der Erzählerin beeinflusst hat, ist Thema in diesem Buch; währenddessen ist es schwierig zu sagen, wovon es eigentlich handelt.
„Weiterer Bericht aus der unendlichen Analyse“, so lautet der Untertitel, mit Analyse ist Psychoanalyse gemeint, es wird also viel nachgedacht, nachgeforscht, geblödelt auch, es gibt Reiseskizzen, Gedanken über Musik, Beobachtungen, Momentaufnahmen, Passagen wie diese hier: „Dass eine Liebesbeziehung überhaupt und hauptsächlich dafür da ist, andere Dinge zu tun, als verliebt zu sein, dass es in Wirklichkeit darum geht, sich durch den Alltag zu helfen, dass Nicht-allein-sein am Ende wichtiger ist als Verliebtsein, das – begreife ich überhaupt erst jetzt. Zu spät.“
Wunderbare Lektüre. Und um nochmal aufs Berghain zurückzukommen: Ich war da ja auch schon, ne. Sogar zweimal. Das erste Mal werde ich als Auch-ich-war-jung-Anekdote in Erinnerung behalten, auch wenn es keinen Sex gab. Und beim zweiten Mal sind mir eigentlich nur die suchenden Blicke derjenigen aufgefallen, die zu denken schienen: Jetzt bin ich drin, aber was soll denn hieran so toll sein? Tja. Das wars, Leute. Ein drittes Mal Berghain wirds für mich nicht geben. Die anderen Bücher von Iris Hanika interessieren mich jetzt hingegen sehr.

Sonntag, 18. November 2012

Zweimal im Theater gewesen


, gedacht: Das ins-Theater-gehen besser mal sein lassen, vorerst. Weil ich derzeit bei allem, was ich auf der Bühne sehe, immer nur sehe, was mir gezeigt werden soll, was sich die Regie gedacht hat, wie es die Schauspieler umsetzen. Und ich verstehe auch, welches Gefühl ausgelöst werden soll – aber es wird nicht ausgelöst, nicht bei mir. Stattdessen eine seltsame Beklemmung, kein Jammern und Schaudern verspürt zu haben bei den zwei Stücken, die doch unbedingt Jammern und Schaudern hatten hervorrufen wollen, so unterschiedlich die Inszenierungen auch waren.
Fühl das jetzt, los!, hat die Musik in dem einen Stück geschrien, Countertenorrenaissancegesänge, schön eigentlich. Musik, die man auflegt, um sich in einen eventuell bereits vorhandene Melancholie einzukuscheln, und die hier aber eher so wirkte, als würde man auf ein Nutellabrot noch Zucker streuen, damit die Geschmacksknopsen auch sicher merken: Ah, süß. Guck, wie metaphorisch ich bin!, hat wiederum das Bühnenbild in dem anderen Stück geschrien; eine Rampe, viel zu hoch und zu steil, um sie überwinden zu können, gegen die die Spieler anrannten wie, na was wohl, gegen ihr Schicksal.

Lasst mich doch alle in Ruhe mit euren inszenatorischen Ideen!, habe ich geschrien, bei beiden Stücken, nicht laut natürlich, eher so nach innen. Mich selbst angeschrien, weil ich ja weiß, dass meine inszenatorischen Ideen – und seien es die des Alltags, der Art, wie ich auf andere Menschen zugehe, mich den Dingen des Lebens stelle – auch bloß rückgreifen auf das, was jeder kennt. So ist es, du wirst hineingeboren, du lernst die Gesten, die Sprache, das ganze Repertoire, du kannst nicht originell sein, höchstens unverständlich, und das willst du ja auch nicht.
Der dringende Wunsch, mich für einen Moment auf mein Bett zu legen und die Decke anzustarren, mich einmal, nur ein einziges Mal nicht verhalten zu müssen. Und die Behauptung von John Berger, die mir nicht aus dem Kopf geht: Dass Frauen von kleinauf daran gewöhnt werden, diejenigen zu sein, die angeschaut werden. Dass sie die Betrachterposition immer mitdenken, auf sich anwenden, selbst dann, wenn sie allein in einem Zimmer sind. Nicht bloß irgendetwas tun, sondern sich selbst dabei beobachten, wie man etwas tut: kenn ich. Die Frage, ob das tatsächlich was mit meinem Frausein zu tun hat, oder nicht doch eher mit meinem Temperament.

Dass eine der Probenideen gewesen wäre, mit zitternden Händen in der Kaffeetasse zu rühren, mit dem Löffel immer gegen den Tassenrand, um zu zeigen, wie nervös sie sei, erzählt mir K. Na klar, die zitternden Hände, tausendmal gesehen, überhaupt das Stilmittel: Kenntlichmachen der inneren Bewegungen durch äußere Bewegungen. Dann habe sie das aber wieder sein gelassen, sagt K. noch, man verstehe die Figur, die Szene ja auch so.
Interessant, wie sich der Zugang zu, der Umgang mit dem, was einem gezeigt wird, mit der Zeit verändert. Stolperte neulich zB über einen Filmschnipsel von Miranda July und musste feststellen, dass mir alles, was ich vor ein paar Jahren noch bezaubernd fand an ihr, inzwischen eher auf die Nerven geht: die Zerbrechlichkeit, die sie ausstrahlt, die ausgestellte Behutsamkeit ihrer Bewegungen, die Skurrilität von dem, was sie erzählt.
Dachte dann auch an so ein paar deutsche Schauspielerinnen, die eine bestimmte Attitüde an sich haben in ihrem Spiel, immer besonders unmittelbar, echt wirken wollen: Intensitääääät, so nenne ich das. Und Intensitääääät wäre wiederum etwas gewesen, das ich mir mit Anfang 20 noch als Lebensgefühl gewünscht hätte; eine Person zu sein, die einfach alles in sich reinschaufelt, durch sich hindurchfließen lässt, die Tage, Nächte und Menschen, der düstere Glamour des Sich-verschwendens. Inzwischen auch nicht mehr so attraktiv. Dafür aber plötzlich wieder Lust gehabt, Tocotronic zu hören; gerade die Überkandideltheit des letzten Albums ist momentan etwas, das mir gefällt.

Mal darüber nachdenken, ob ich wirklich glaube, dass es keine Echtheit gibt. Ob davon ausgegangen werden kann, dass jede Bewegung als Mensch bereits eine Inszenierung ist. „Authentizität als Fiktion“, diese Masterarbeit wurde mit Sicherheit schon geschrieben.

Dienstag, 6. November 2012

Als das Kind Kind war


Ich habe kurze Haare wie meine Geschwister; die Nachbarn, erzählen mir die Eltern später, denken lange Zeit, wir wären alle Jungen. Einmal, frisch geschnitten, gefällt mir die Frisur nicht, ich stehe vor dem Spiegel, empört: Ich habe einen Fußballkopf!, ja wie ein Fußball sieht mein Kopf aus!, erst als ich in den Kindergarten gehe, fange ich an, mir die Haare wachsen zu lassen. Die beste Freundin lässt sich Ohrlöcher stechen, ich nicht. Spiele auch nicht mit Barbies, denn Barbies sind blöd, finde ich in erster Linie wohl um ein gutes Kind zu sein; es ist die Haltung der Eltern, während mich Mädchenspielzeug doch sehr fasziniert. Das Regenbogen-pony, das die Freundin besitzt, von mir jeweils adoptiert, wenn ich bei ihr bin.  
Im Schwimmbad, meine Geschwister und ich dreschen einander im Nichtschwimmerbecken Wasser ins Gesicht, fragt mich ein Mädchen: Bist du ein Junge oder ein Mädchen? Ein Mädchen, wieso?, sieht man doch, denke ich, ich trage einen Badeanzug, aber die Frage verunsichert mich, und das soll sie wohl auch. Wollte nur wissen, sagt das Mädchen, wendet sich ab. Das ist nichts für Jungen!, sage ich zu einem Jungen, der auch mal gucken will in vergessenwasfürein Heft, ein Spielzeugkatalog vielleicht, in dem die Freundin und ich blättern, wir sitzen auf der Rückbank vom Auto. Warum denn das nichts für Jungen sein solle, fragt meine Mutter von vorne und ich habe keine Antwort; das eigentlich Unangenehme ist zu merken, dass meine Mutter hier nicht auf meiner Seite steht.
Ein einziges Mal prügele ich mich, mit einem Jungen aus meiner Kindergartengruppe, warumweshalb keine Ahnung, es dauert nicht lang, ist wohl eher so ein Raufen, wir werden getrennt, sitzen rechts und links von der Gruppenleiterin, was irgendwie auch eine Auszeichnung ist, etwas Besonderes, heulen beide – Jetzt heult ihr beide, stellt die Leiterin fest, höchst zufrieden.

Bitte die Kamerafahrt über die Spielzeugkolonne hinweg zu beachten:  

Samstag, 3. November 2012

Komm, schenk mir ein


Hagestolz, sagt der Exfreund, nachdem wir die Neuigkeiten ausgetauscht haben, A und B haben endlich eine gemeinsame Wohnung gefunden, C und D bekommen einen Sohn, bei E steht die Geburt kurz bevor. Hagestolz, dieses Wort habe er neulich in einem Roman entdeckt, sehr gut habe ihm das gefallen. Hagestolz, ein älterer, unverheirateter Mann, soviel weiß ich. Einer, der die Ehe verachtet, fügt der Exfreund hinzu. Sehr gut, betont er noch einmal; verstehst du, könnte er im Grunde gleich sagen, der Hagestolz, das bin ich. Aber genau diese Mitteilung spart er aus, und es ist ja nicht so, als hätt ich’s noch nicht begriffen. Ein bisschen eitel ist er auch, der Hagestolz, nichtwahr, sage ich.

Und dann die Exkollegin, die ich beneide, weil sie den Absprung geschafft hat, und die in der obligatorischen Abschiedsmail an alle schreibt, sie hoffe, in Zukunft dem ein oder anderen  von uns mal zufällig über den Weg zu laufen. Da kann ich nur den Hut ziehen ob soviel versteckter Gemeinheit: Sie will eigentlich nichts mehr mit uns zu tun haben, teilt sie uns zwischen den Zeilen mit, höchstens noch mit ein paar wenigen, und auch mit denen eigentlich nur dann, wenn es das Schicksal so ergibt. Lass uns Freunde bleiben: Ja, Brieffreunde – per Flaschenpost.

Dieser Impuls, es anderen geben oder zeigen zu wollen oder jemandem mal schön einen einzuschenken – und wie man als Empfänger solcher Handlungen immer bloß reagieren kann: Nimm’s hin, schau’s dir halt an, schluck’s runter. Als würden alle Menschen, dachte ich gestern, mit einem Kanister voll ätzender Bitterkeit in der Hand rumrennen, jederzeit bereit, ihren Mitmenschen etwas davon ins Becherchen zu füllen. H., die sagt, ich sei ja schon schlank, aber eben nicht sehr. M., die sagt: Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich Angst vor dir. J., der sagt: Eigentlich sind wir ja Feinde.

Und ich nehm mein Becherchen, als wär’s der Schnaps, der plötzlich vor einem auf dem Tisch steht, wenn alle schon sehr betrunken sind und niemand weiß, wer diese Runde bestellt hat. Einer geht noch, einer geht noch rein; beim nächsten Mal, ich ahne es schon, bin ich es wieder, die anderen einen ausgibt. 

Dienstag, 30. Oktober 2012

Sonntag, 28. Oktober 2012

Nur für Frauen


Nach einer der Filmvorführungen sei ein Mann auf sie zugekommen, erzählt die Regisseurin Kirsi Liimatainen bei der Veranstaltung gestern. Dass ihr Film ihm gut gefallen hätte, habe er ihr gesagt, und dass sie jetzt bloß aufpassen solle, dass er nicht als Film nur für Frauen wahrgenommen werde.
Da hätte sie erstmal nach Hause gehen und lange nachdenken müssen, sagt Liimatainen, trockener Humor. Drehbuch, Kamera, Regie sind bei ihrem Film Festung mit Frauen besetzt – aber das hat sich, wenn ich Liimatainen richtig verstanden habe, eher so ergeben als dass es eine programmatische Entscheidung war.

Nur für Frauen – an dieser Formulierung bleibe auch ich hängen. „Nur“ kann exklusiv, ausschließlich bedeuten, aber eben auch im abwertenden Sinne: lediglich, bloß. Und diese Abwertung, hinter der ich wie immer ein gesellschaftliches Interesse vermute, scheint sehr gut zu funktionieren: Eine Medienprofessorin berichtet, dass junge Regisseurinnen ihre Filme lieber nicht bei Frauenfilmfestivals einreichen, sich lieber nicht in die ‚feministische Ecke’ stellen wollen – auch aus Angst, dann für immer auf dieses Thema oder Anliegen reduziert zu werden. Nur für Frauen eben. Nicht weiter relevant.
Unnötig zu erwähnen, dass die einzigen Männer auf der Veranstaltung für lange Zeit die beiden hinter dem Technikpult waren, bevor später am Nachmittag auch zwei oder drei im Publikum zu sehen waren. Frustrierend zu erleben, wie sich die Podiumsdiskussion, spätestens als sie fürs Publikum geöffnet wurde, thematisch zerstreute und verflachte und schließlich in einer Erregung a la „Wie müssen uns doch bei den Männern nicht entschuldigen, wenn sie aufgrund von Quotenregelungen eventuell nicht mehr so ungehindert Karriere machen können wie früher!“ mündete.

Na, heute zum ersten Mal auf dem Fahrrad?, solch hämische Gedanken schießen mir durch den Kopf, wenn vor mir auf der Straße jemand langsam und unsicher hereiert und ich grad nicht überholen kann, was mich jedes Mal ganz ungeduldig macht (wobei ich beileibe nicht zu den waghalsigsten Radfahrerinnen der Welt gehöre). Und: Na, noch nicht so viel über Feminismus nachgedacht?, so ließe sich mein Unwillen zusammenfassen, der mich in allgemeinen Diskussionen zu dem Thema immer öfter erfasst, je mehr ich mich damit beschäftige.
Und so, wie es Radfahrer_innen gibt, die auf der Überholspur unterwegs sind und mich links liegen lassen, gibt es selbstverständlich auch Gesprächspartner_innen, die weitaus mehr wissen und sich klügere Gedanken machen als ich. Aber öfter als anderen sehnsuchtsvoll hinterherzuwinken, ärgere ich mich momentan über diejenigen, die den Weg blockieren.

Ärgere mich zB über das Klischee von der lilalatzhosentragenden, verbitterten, männerhassenden Emanze, das auch gestern wieder aufgerufen wurde, und das angeblich junge Frauen davon abhält, sich dem Feminismus zuzuwenden. Anstatt dass einmal analysiert würde, was hinter solchen Klischeevorstellungen von Klischees eigentlich steckt: Die Behauptung, dass du als Feministin sexuell unattraktiv bist. Und das ist das Schlimmste, was dir als Frau passieren kann. Argumentations-strukturen einer sexistischen Gesellschaft: selbst auf Veranstaltungen mit dezidiert feministischer Ausrichtung zu finden. Auch da sieht man mal wieder, wie gut es funktioniert, das antifeministische Abwehrsystem.
Und ich ärgere mich über die Betonung von „Nur für Frauen“, die impliziert: Alles, an dem Männer nicht beteiligt sind, ist weniger bis nichts wert. „Ein Buch über Frauen ist ein Frauenbuch; ein Buch über Männer ist ein Buch“, wie katjaberlin mal auf Twitter schrieb. Ein Filmfestival mit Filmen nur von Frauen nennt sich Frauenfilmfestival, und ein Filmfestival mit Filmen nur von Männern wäre dann Cannes

Seufz. Mehr kann ich dazu gerade eigentlich nicht sagen.

Freitag, 26. Oktober 2012

Unsere Lehrer


Unser Englischlehrer in der Mittelstufe, der jede seiner Stunden am Ende mit einem „Also nochmal ganz kurz auf Deutsch“ zusammenfasste. Unsere Englischlehrerin in der Oberstufe, Kettenraucherhusten, Falten tief ins Gesicht eingegraben, Typ „Es ist auch für mich die sechste Stunde!“, die mit uns Lord of the Flies las, uns auch den Film zeigte. Mich danach fragte (warum mich?, kann mich an die Gesprächssituation nicht erinnern), warum die Jungs im Kurs bei den Gewaltszenen gelacht hätten. Aus Unsicherheit?, eine Antwort der Lehrerin zuliebe, genauso wie betroffenes Schweigen während des Films eine Reaktion der Lehrerin zuliebe gewesen wäre. Dass die Jungs aus dem Kurs schon unzählige Male „From Dusk till Dawn“ geguckt hatten, sich bei den Splatterszenen nicht einkriegen konnten; dass auch die Gewaltszenen in den Filmen, die sie sonst so konsumierten, vorallem der Unterhaltung dienten – dass die Lehrerin das nicht im Blick hatte, wundert mich im Nachhinein. (Der Sozialkundelehrer in der Mittelstufe zeigte uns einmal Ausschnitte aus „Der große Diktator“. Wie die Hitlerdarstellung in dem Film auf ihn gewirkt hätte?, Frage an einen Mitschüler. Antwort: Ja, bedrückend, schlümm. Standardreaktion; verinnerlicht: Hitler nicht anders finden zu dürfen als so, selbst dann nicht, wenn Chaplin ihn spielt.) Unser Biolehrer, alle Stufen, der früher bei der Bundeswehr gewesen war, als was?, man munkelt, in einer höheren Position. Sein abruptes Umschalten vom Spaßerlmachen zum Zücken des roten Büchleins, in das er vorgeblich die Namen der Schüler_innen notierte, die jetzt, zwei Sekunden zu spät, noch lachten. Unser Kunstlehrer, Leistungskurs Oberstufe, mit seinem gespielten Lachen, wenn er seine vernichtenden Urteile abgab: „Ja, das ist jetzt – ganz schlecht!“ Und unsere Deutschlehrerin in der Unter- und Mittelstufe, die mich anschnauzte, als ich, es ging in irgendeinem Zusammenhang um die ersten Nachkriegsjahre, das Wörtchen „Wiederaufbau“ einwarf: Ein Wiederfinden sei das gewesen, höchstens, ein Wiedereinsammeln, aber noch lange kein Aufbau! Unsere Lehrer, Erwachsene, und noch wenn ich an sie zurückdenke das Gefühl: Unvorstellbar, einmal so zu werden wie die. Bin auch nicht so geworden wie die, aber nicht weil ich nicht erwachsen geworden wäre oder ganz anders. Sondern weil meine Perspektive als Schülerin andere Menschen aus ihnen gemacht hat; Menschen, die so nur in meiner Wahrnehmung existierten. Das unwiderstehliche Gedankenspiel, wie das Ich von damals wohl das Ich von heute wahrnehmen würde: Einzufädeln auf die lange Kette der Selbstbeurteilung, -bewertung, -benotung, der Zeugnisse, die wir uns selbst ausstellen, täglich: Sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft, ungenügend, ungenügend, ungenügend.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Samstag, 20. Oktober 2012

Gelesen: Bodies – Schlachtfelder der Schönheit


von Susie Orbach.
Zunächst mal, lieber Arche-Verlag: Titten auf dem Cover sind keine gute Idee. Nein, auch dann nicht, wenn die Brustwarzen mit Pflastern abgeklebt sind. Anekdötchen: Susie Orbachs erstes Buch, „Fat is a Feminist Issue“ (1978), kam in Deutschland unter dem Titel „Das Anti-Diät-Buch“ auf den Markt. Ahahaha. Und dass Orbach „Lady Di wegen deren Bulimie behandelte“, steht im Klappentext von „Bodies“ (2009) gleich im ersten Satz. Ich bin über AnyBody Deutschland, eine Organisation, die zum Endangered Body Netzwerk gehört, das wiederum von Susie Orbach mitbegründet wurde, auf das Buch aufmerksam geworden.

Dass Orbach Psychoanalytikerin ist, merkt man beim Lesen schnell. Ich selber pflege ja eine kleine, bislang unanalysiert gebliebene Abneigung gegen Psychogedöns und werde zB ganz kribbelig, wenn ich lese, wie Orbach nach einer Therapiesitzung mit einer bestimmten Patientin ein heftiges Brennen auf der gesamten Haut spürte – um in der nächsten Sitzung zu erfahren, dass der Bruder ebendieser Patientin als Kind auf einen heißen Herd gefallen und an seinen Verbrennungen verstorben ist – was vor der Geburt der Patientin geschah, was aber trotzdem Teil ihrer Körpergeschichte geworden ist, und was Orbach nun in einer „Körper-Gegenübertragung“, so der Fachbegriff, wahrgenommen hat. Hrm, hrm, kann ja sein. Und meine Kribbeligkeit ist denn wahrscheinlich auch eine Körper-Gegenübertragung von wem oder was jetzt genau? Sprechen wir beim nächsten Mal darüber.
Der grundlegende Gedanke war für mich nämlich wirklich erhellend: „Jeder Körper wird durch die Körpergeschichte der Familie geprägt.“ Eigentlich ja banal: Natürlich spürt jedes Baby, wie mit ihm umgegangen wird, zaghaft, ruppig, liebevoll. Darin drückt sich die Körperlichkeit der nächsten Bezugspersonen aus, die somit die Körperlichkeit des Kindes prägen, das, in einer fernen Zukunft, die Körperlichkeit der eigenen Kinder prägen wird usw. usf. über die Generationen hinweg. Dass also in meinen Körper von klein auf etwas eingeschrieben wurde, das nicht im Sinne der autonomen Entscheidung „meins“ ist, sondern von meinen Eltern und deren Eltern, ihren Empfindungen und Erfahrungen kommt, ist für mich ein neuer Blickwinkel. „Man braucht nur einmal Geschwister mit gleichen familiären Gesichtsmerkmalen zu betrachten, um zu erkennen, wie ihnen die jeweilige emotionale Geschichte ins Gesicht geschrieben steht.“ – oh ja. Und liegt es vielleicht auch daran, dass uns die Menschen auf den Fotos von früher so fremd erscheinen – dass es nicht nur ihre Frisuren sind, ihre Kleider, die Interieurs, sondern auch und vorallem der Ausdruck auf ihren Gesichtern, der ein anderer ist, von anderen Zeiten, anderen Sitten erzählt?

Um mal eine von Orbachs Hauptthesen in eigenen Worten und verallgemeinernd zusammenzufassen: Die Tatsache, dass wir täglich mit Bildern von Idealkörpern konfrontiert werden (die dank Photoshop nichts mehr mit wirklichen Körpern zu tun haben müssen), vergiftet unser Verhältnis zu unserem eigenen Körper – zumal uns ständig eingeredet wird, wir seien, gerade was unser Aussehen betrifft, unseres eigenen Glückes Schmied. „Fast jede/r redet in irgendeiner Form – ob nun auf der ästhetischen, gesundheitlichen oder moralischen Ebene – davon, das Beste aus dem eigenen Körper zu machen, was die Besorgnis verrät, dass dieser Körper, so wie er ist, nicht gut genug ist.“ Oder, wie ein Trainer im Fitnessstudio mir einmal sagte: Wenn du ein dickes Auto hast, dann sage ich okay, du hast Geld, aber wenn du einen guten Körper hast, dann sage ich Respekt, dafür hast du selbst gearbeitet. Illustriert ganz gut, was Orbach meint, wenn sie vom Körper als „Dauerbaustelle, ein Objekt permanenter Verbesserung“ spricht.
Das Versprechen, so-und-so aussehen zu können, wenn man nur das-und-das macht, kennen wahrscheinlich viele, und ich selber muss diese Gedanken immer wieder aus meinem Kopf verbannen. Mir klar machen, welche Industrie dahinter steckt (zB die, die mit Haarfärbemitteln, Cellulite- und Antifaltencremes Geld macht), und dass von deren Seite keinerlei Interesse daran besteht, das Bedürfnis nach dem guten Körper zu befriedigen, weil: Kapitalismus, und dass vorallem Frauen angehalten werden, sich am besten mit nichts als dem Streben nach dem guten Körper zu beschäftigen, weil: Patriarchat.
(Wo wir schon bei den Frauen sind, das hier hab ich mir auch notiert: „Ein Körper, der einst wegen seiner glatten Makellosigkeit und Sexyness bewundert wurde, wird jetzt wegen der natürlichen Folgen des Sexualakts verdammt“, bemerkt Orbach am Beispiel von Britney Spears und der allgemeinen Häme ob ihres Postschwangerschaftskörpers, mit dem sie es wagte eine Bühne zu betreten. Sehe ich genauso: Das Bild der sexy Frau ist makellos auch im Sinne von unverbraucht. Das Bild der schwangeren Frau ist eine ganz andere Liga – nichtmal dasselbe Spiel. Folgt das Bild der Mutter: niemals sexy. Oder das Bild der Frau, der man gar nicht ansieht, dass sie Kinder hat!!!, Riesenkompliment, gehe zurück auf makellos und unverbraucht.)

Kurz nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, bin ich über dieses Video hier gestolpert. „Karen Walrond kennt dich nicht, aber sie ist komplett überzeugt davon, dass du schön bist.“ Ich muss gestehen, ich habe mir das Video nicht bis zu Ende angeschaut, nur durchgespult, um mir die Sinnsprüchlein zwischendrin anzusehen. „Denk dran: Es gibt Unterschiede, aber es gibt keine Makel. Kontrolliere deine eigene Perspektive; Perspektive ist alles. Um jung zu bleiben, höre nie auf, auf das Wundervolle zu schauen“ usw. usf. Und ich bin immer noch dabei zu ergründen, was mich an dieser Botschaft, die einem ja schnell mal entgegenschallt, wenns um Empowerment gehen soll, so wütend macht. Du bist schön, egal was die anderen sagen.
Wende ich also den alten Trick an und kehre die Geschlechter um: Würde so ein Video auch für Männer gedreht werden? Nein. Will man Männern alle naslang erzählen, sie seien schön, no matter what? Oh nein. Schönheit ist für Männer überhaupt nicht in dem Maße eine (Selbst-)Bewertungskategorie wie für Frauen. (Vielleicht noch nicht, wer weiß.) So komme ich immerhin meinem Unwillen dieser Auch-du-bist-schön-Botschaften auf die Spur: Es ist die Kategorie, die mich stört. Die implizite Aufforderung, Schönheit als Bewertungskategorie für sich anzuerkennen.
Natürlich muss man hier unterscheiden zwischen der Vorstellung von Schönheit, die gesellschaftlich vorherrschend ist, also weiß-schlank-jung-ebenmäßig (würde ich beim Blick auf die Zeitschriftencover mal zusammenfassen). Und der Vorstellung von Schönheit, die Empowerment-Kampagnen verbreiten wollen, nämlich: Vielfalt. Ich verstehe ja auch die Utopie dahinter: Wenn alle Frauen sich ab heute schön fänden, gäbe es keine Schönheitsideale mehr und ganze Wirtschaftszweige würden zugrunde gehen. Es gäbe dann quasi auch keine Schönheit mehr, weil ja alle schön wären. Dann, ja dann könnten wir diese Kategorie endlich begraben.
Aber ist das nicht ein perfider Mechanismus? Denn er sagt doch: Liebe Frauen, es ist wieder mal an euch: Findet euch schön, so wie ihr seid. Denkt immer dran: Die Veränderung muss in euren Köpfen beginnen. Viel Erfolg wünscht euch euer Patriarchat. PS: Solange ihr noch mit eurer Schönheit beschäftigt seid, regeln wir hier weiter die Dinge, ok? Wir sehen ja, ihr habt Wichtigeres zu tun – und so ein Umdenken braucht ja auch Zeit!

Dienstag, 16. Oktober 2012

Eben noch betrunken getanzt


, jetzt schon wieder auf dem Fahrrad. Gegangen, ohne tschüss zu sagen, wie ich das manchmal mache bei größeren Runden oder Partys, wenn mir allein schon der Gedanke ans „Oh du gehst schon!?“ zuviel ist. Dezent meine Tasche genommen, so getan, als wollte ich nur kurz auf dem Flur auf mein Handy gucken, im Vorbeigehen Richtung Haustür noch die Jacke mitgenommen, und raus. Erinnerung daran, wie ich vorhin reingekommen bin, noch mit Jacke an erstmal ans Buffet und mir ein Glas Wein eingeschenkt, die abfälligen Blicke der zwei Frauen neben mir: Guck mal, wie die sich hier bedient, ist die überhaupt eingeladen oder hat die nur durchs Fenster gesehen, dass. Man weiß ja nie. „Also kennst du hier eigentlich auch niemanden?“, fragt eine andere Frau mich später, nein, nur die Gastgeberin und ihren Freund, und selbst die beiden sehe ich wenns hochkommt einmal im Jahr. Wir plaudern ein bisschen, die andere Frau und ich, finden auch Themen, das Gespräch bleibt im Fluss, und trotzdem löst sich dabei das Gefühl nicht auf, dass wir eben nur miteinander plaudern, weil wir hier sonst niemanden kennen, und dass uns beiden dabei ein bisschen langweilig ist. Irgendwann erzählt sie mir von einem befreundeten Künstlerpaar, sehr erfolgreich, die hätten gerade ein Kind bekommen und würden sich aber gar nicht darum kümmern, immer weiter ihre Projekte und Ausstellungen vorantreiben und das Kind quasi abschieben, die hätten wohl nicht begriffen, dass mindestens im ersten Jahr einer komplett aussetzen müsse, um das Kind zu versorgen. Ich sage aha und hm-hm, die andere Frau ist selber Künstlerin, hat aber die letzten zweieinhalb Jahre ausgesetzt, um eben ihr Kind zu versorgen und ihren Mann beim Sprung in die Selbständigkeit zu unterstützen; die Verurteilung eines anderen Lebensstils geht mit der Verteidigung des eigenen oft Hand in Hand, scheint mir. „Wollen wir mal gucken, ob schon getanzt wird?“, frage ich schließlich, und ja, die Gastgeberin tanzt, ich geselle mich, drei Gläser Wein inzwischen intus, dazu, die andere Frau auch und zwei Männer, die seltsamerweise ihre Jacken anhaben, als wollten sie gerade raus oder wären gerade erst reingekommen; jedenfalls hatten sie sicher etwas anderes vor als mit uns hier zu tanzen, so möchten sie aussehen. Aber lustig ist es dann doch. Und stinkt wie in einem Raubtierkäfig, merke ich, als ich vom Weinholen zurückkomme. Es reicht mir, merke ich kurz darauf. Der Weg nach Hause durch Friedrichshain, die Illusion, immer geradeaus zu fahren, dabei beschreibt der Weg einen langen Bogen, Viertelkreis fast, die Route der M10, die nebenherbimmelt. Und auf dem letzten Drittel des Wegs eine bisher nie gehabte Gefühlsqualität: Familienvater, möchte ich sagen; als würde ich vorne im Auto sitzen, meine Kinder auf der Rückbank, auf dem Heimweg vom Schwimmen. Dass ihm da manchmal fast die Augen zugefallen seien, hat mein Vater mir einmal erzählt, so müde sei er gewesen, und so müde bin ich plötzlich, unendlich müde, ich kenne den Weg, er ist nicht kompliziert, er ist nur lang, und ich kann ihn nicht abkürzen, Gefühlsqualität Familienvater also: die Länge des Wegs aushalten, in aller Demut. Zuhause schalte ich den Fernseher ein für Domian, auf dem Bildschirm blitzelt es an den Rändern, ein dunkles Blau erscheint, das sich langsam herabsenkt zu mattem Schwarz; der hat den Geist aufgegeben, nach zwölf Jahren, zwei Monate vor dem Ende der GEZ-Mann-Ära verabschiedet sich mein Fernseher. Ich werde mir keinen neuen kaufen. 

Samstag, 13. Oktober 2012

Hm.


Auf dem Rückweg vom Geldautomaten mir zwei Cheeseburger geholt, im Weitergehen verspeist, im derart beseelten Zustand mal versucht, ernsthaft darüber nachzudenken, wovor ich denn eigentlich Angst habe, wenn ich nun meinen Job kündige. Davor, dass ich dann nie wieder einen finde. Oder nur einen schlechter bezahlten. Oder einen, der meiner Selbstachtung noch weniger zuträglich ist (sagt man: abträglich?) als der jetzige. Dass ich verarme, und zwar innerhalb weniger Wochen, achwas: Tage. Dass ich mit dem, was ich eigentlich machen will, niemals erfolgreich sein werde. Nicht erfolgreich genug jedenfalls. Dass ich dann nur noch zuhause sitze, mit Menschenangst. Während alle anderen mit ihrer bereits im Kindergarten begonnenen Karriere – alle außer mir selbstverständlich damals schon gewusst, wohin es gehen soll, und dieses Ziel mit Ehrgeiz verfolgt – an mir vorbeiziehen, bald unerreichbar sind mit dem ganzen Geld, das sie verdienen, und den ganzen Sachen, die sie sich leisten können und sich absurderweise auch leisten, Schreibtische für 4000 Euro und für die Kinderlein ausschließlich Kleider von Petit Bateau. Zuhause dann hingesetzt, um eine Liste zu erstellen: auf der einen Seite die Sorge, auf der anderen Seite das vernünftige Gegenargument. Ha, als würde meine Psyche sich durch solche Tricks besänftigen lassen; ich verliere sofort die Geduld. Nochmal raus, um einen Sekt zu kaufen für heute Abend, trinke ich ja ganz gerne in der letzten Zeit, mag das kicherige Gefühl nach einzwei Gläschen und den Geschmack, untrennbar damit verbunden, dass es was zu feiern gibt – dabei gibt es nichts – ich hab die Kündigung noch nicht mal geschrieben. 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Schönheitsideale


Die ca sechzehnjährigen Mädchen, die mir gegenübersitzen, erinnern mich an mich selbst in dem Alter, so klug wie sie tun habe ich mich damals auch gefühlt; nie klüger als in dem Alter. Sie tragen die Uniform aus engen Jeans und Oberteilen mit Turnschuhen, die Haare lang und offen, die Gesichter einen halben Ton zu dunkel geschminkt, stumpf gepudert, so furchtbar jung. Und ihre Art zu sprechen, immer leicht gelangweilt, Unterton von: Ist doch so, oder?, aber das ist keine Frage, die sich an irgendjemanden richtet, sie sind sich sicher.
Dass es da ein Mädchen gebe in ihrer Klasse, die halbwegs professionell modeln würde, berichtet die eine, und die sei so dünn, dass alle es schon eklig finden würden – aber die Fotos würden dann doch ästhetisch aussehen, das verstehe sie nicht. Mein Impuls, gleich loszupoltern wegen eklig, ich halte mich zurück, und die Moderatorin der Runde reagiert denn auch sogleich, gelassen erklärt sie, dass es aber nicht darum gehen dürfe, Körper in gut und schlecht einzuteilen. Und der Körper auf den Fotos sei auch nicht der Körper der Klassenkameradin, sondern eine digital bearbeitete Version davon.
Und man darf den Mädchen ihre Dummheit ja wirklich nicht zum Vorwurf machen, denke ich, sie hatten einfach noch nicht sehr viel Gelegenheit, sich in der Welt umzuschauen oder viele Gedanken zu denken, sie gehen noch zur Schule, leben in ihrer Mädchenwelt. Altertypische Beschränktheit, und mein enges Gefühl, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.
Dass sie trotz feministischen Selbstverständnisses, trotz aller parat gehaltenen vernünftigen Argumentationen trotzdem ihre Körper immer wieder kritisch mustern würden, berichten mehrere Frauen in der Runde, dass sie trotzdem denken würden: zweifünf Kilo weniger wären nicht schlecht, und wie sie das nerven würde. Breite Zustimmung, leicht hysterische Bekenntnisstimmung: Sagbloß, das geht mir genauso!
Und ich kenne das ja auch. Gedanken, die ich niederkämpfen muss, täglich, denen ich keine Chance geben will, denn sie sind leer, leer, leer. Und dazu muss ich sagen: Ich bin schlank, habe nie die Anrufung erhalten, dochmal 15 Kilo abzunehmen, wie eine andere Frau erzählt, die sich über Gleichmacherei in der Diskussion beschwert. Meine einzige Erinnerung daran, wie ich mal mit 18 aus dem Urlaub zurückkam und fünf Kilo weniger wog und dafür von mehreren Seiten Komplimente bekam, gerne mit der Versicherung: Nein, dick sei ich ja vorher wirklich nicht gewesen!, aber wie ich jetzt aussähe!!, das sei doch wow!!! Die fünf Kilo waren aber schnell wieder drauf.
Dass er schockiert sei, sagt einer der wenigen Männer im Raum, schockiert, also ehrlich schockiert und sich das so nicht vorgestellt hätte, er würde die Typen auf dem Men’s Health Cover ja auch sehen, aber sich eben denken, so sehen die halt aus, so muss ich nicht aussehen, und bisher habe er immer angenommen, dass alle anderen das genauso halten würden. 

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Good, the girl said


Die Sonne war wie ein riesiges Fünfzigcentstück, das jemand mit Kerosin übergossen und dann mit einem Streichholz angezündet hatte, und dann hatte er gesagt: „Hier, halt das mal, ich hol mir nur eine Zeitung“, und er hatte die Münze in meine Hand gelegt und war nie wiedergekommen.
Gleich auf den ersten Metern das Gefühl: Das ist aber eine sehr gute Übersetzung, oder?, ich kenne den Text nicht im Original, dennoch der Eindruck, dass der Übersetzer einen eigenen Tonfall gefunden hat; nicht versucht hat, das amerikanische Timbre, wie ich es mal nennen will, ins Deutsche zu übertragen.
Diese Lässigkeit, die amerikanische Erzähler oft haben, die Kurzangebundenheit ihrer Dialoge, und wie die Offenheit und Weite der Landschaft immer mitzuschwingen scheint. Ist natürlich eine steile These, dass die Größe des Landes sich auf die Literatur auswirkt, aber trotzdem: auch dieser Humor, der niemals verbissen auf Pointe aus ist, sondern die Seltsamkeiten des Lebens bemerkt und vorbeitreiben lässt wie Tumbleweed in der Wüste, kurz vor Las Vegas..., dafür gibt es im Deutschen keine Entsprechung.
Man merkt einer Carver-Übersetzung immer an, dass sie eine Carver-Übersetzung ist, es gibt diesen Tonfall im Deutschen nicht, selbst wenn man versuchen würde ihn zu treffen, würde es, zweite steile These, nicht funktionieren. Klar ist aber auch, dass „Forellenfischen in Amerika“, der Roman, von dem ich hier eigentlich spreche, nur von Richard Brautigan geschrieben werden konnte, eine Banalität im Grunde, dass jedes Buch nur von seinem jeweiligen Verfasser usw., wo war ich?
Ach ja, die Übersetzung. Von Günter Ohnemus. Hier mal eine Stelle, die ich ganz wunderbar finde, der Erzähler wird von einer jungen Frau („Mädchen“) zum Miteinanderschlafen animiert:

Ich hatte keine Wahl, denn mein Körper war wie ein Schwarm Vögel auf einem Telefondraht, der in die Welt hinausgespannt war, und Wolken rüttelten vorsichtig an den Drähten. 
Ich bumste mit dem Mädchen.
Es war wie die ewige neunundfünfzigste Sekunde, wenn sie zur Minute wird und dann irgendwie dämlich aussieht.
„Gut“, sagte das Mädchen und drückte mir einen Kuss ins Gesicht.

U.a. weil ich wissen wollte, was die Vorlage war für „bumsen“, ein Wort, das aus einem vergangenen Jahrzehnt zu mir spricht, habe ich den Text im Internet herausgesucht. Und bitte:

There was nothing else I could do for my body was like birds sitting on a telephone wire strung out down the world, clouds tossing the wires carefully.
I laid the girl.
It was like the eternal 59th second when it becomes a minute and then looks kind of sheepish.
"Good," the girl said, and kissed me on the face.

Also wirklich eine sehr gute Übersetzung, meiner Meinung nach; wie der Übersetzer mit all seinen winzigen Akzentsetzungen die Szene interpretiert: „Ich hatte keine Wahl“, viel zwingender als ein wörtlich übersetztes „Da war nichts anderes, was ich hätte tun können“. Oder „my body was like birds sitting“: Kein Versuch, diese Verschleifung auf Deutsch nachzuahmen, stattdessen rückt der Vogelschwarm ins Bild. Oder was alles an Lächerlichkeit und Verächtlichkeit im sheepish-wirken mitschwingt, zusammengefasst im „irgendwie dämlich“. Oder was es dem „Gut“ dann auch für einen Ton gibt, wenn man quasi den Schmatzer des tantenhaft ins Gesicht gedrückten Knutschers hört, und dem Erzähler nicht bloß unbestimmt aufs Gesicht geküsst wird.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Heulen


G. schaut mich etwas verständnislos an, als ich plötzlich beginne, von Entauthentifizierung des Authentischen zu sprechen. Wegen meiner Erkältung dringen meine eigenen Worte nur gedämpft zu mir durch; was ich eigentlich meinte, konkret: Dass ich mir schon manchmal das Heulen verkniffen habe, weil ich die gesonderte Aufmerksamkeit, die es beim Gegenüber hervorruft, nicht auf diese Art und Weise herstellen wollte. Sondern überzeugt davon bin, dass all meine Anliegen es verdienen, wichtig genommen zu werden, egal wie emotional ich sie vortrage. Wenn ich aber bemerke, dass Heulen als ultimatives Signal für Dringlichkeit wahrgenommen wird, besteht die Gefahr, dass Heulen zum Mittel wird. Und dabei geht es nicht um meinen eigenen Heulimpuls, sondern darum, wie die Umwelt darauf reagiert. Erstmal schön die eigene Verletzlichkeit bzw. Verletztheit unter Beweis stellen, ein Selbstbild zeichnen als offene Wunde, als verzweifelndes Subjekt – „soviel muss man schon aufbringen, um als Frau ernst genommen zu werden“, sage ich. G. bleibt skeptisch. Eine der Schauspielerinnen, die wir eben auf der Bühne gesehen haben, hat ausgerechnet, wieviele Tode sie während ihrer Karriere schon sterben musste, hunderte, wieviele Akte der Gewalt ihr angetan wurden, tausende, wie oft sie schon heulen musste, in jedem einzelnen verdammten Stück. Wenn das mal nicht die Rolle ist, die auch für mich vorgesehen ist, denke ich, bitter.

Sonntag, 30. September 2012

Dass er getan hat, was er tun musste


In dem Roman, den ich gerade lese, erzählt ein Mann einem anderen Mann eine Geschichte, die er selbst erlebt hat: Mann und Frau begegnen sich in einer Bar. „Vivienne hieß sie. Schöner Name für eine attraktive Frau.“ Ich muss an Pretty Woman denken, wegen des Namens, vielleicht ist der Satz sogar ein Zitat und Vivienne eine Professionelle? Nein. Anders als andere Frauen lacht sie über die Witze des Erzählers, nimmt ihn mit zu sich, „sie hat mir Chopin vorgespielt, nackt am Klavier.“ 
Doch dann kommt der Ehemann nach Hause, da liegen die beiden schon miteinander im Bett. Vivienne schiebt den Erzähler auf den Balkon, wo der Ehemann ihn trotzdem sieht, ein Boxertyp („Keine Ahnung, wie eine Frau wie Vivienne einen solchen Kerl heiraten konnte“), der die Frau sogleich verprügelt; der Erzähler darf zugucken und sich gemeint fühlen: „Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich mir eine Lektion erteilt.“
Und was macht er? Nichts. Wartet, bis der Ehemann ihm die Balkontür öffnet, erkundigt sich, ob er die Polizei rufen soll, zieht sich an und geht. „Ich hätte ihn verprügeln sollen“, sagt er in der Rückschau. „Oder mich verprügeln lassen, worauf es wahrscheinlich hinausgelaufen wäre. Ob ich mich dann besser gefühlt hätte, weiß ich nicht. Es wäre einfach richtig gewesen.“
Zweifellos genauso richtig, denke ich, wie dieses Erzählprinzip, bei dem mal wieder eine Frau zum Opfer gemacht werden muss, damit dem Mann sein „nacktes kleines Ich“ in vollem Ausmaß bewusst wird. Und bezeichnend auch, dass es bei dieser Reflexion vorallem um die Frage geht, was der Mann hätte tun können, um sich selbst besser zu fühlen. 

Die Hauptfigur des Romans, ein 60jähriger Philosophieprofessor, hat die Geschichte mit Vivienne nicht selbst erlebt; hört sie nur von einem Freund. Einige Tage später wird seine 20jährige Tochter auf einem Rastplatz von einem dämlichen Ehepaar angepöbelt, sie pöbelt zurück, der Mann beleidigt sie.
Und wie reagiert der Herr Professor? „Das Herz klopft ihm bis in die Kehle, und gleichzeitig durchströmt ihn eine andere, namenlose und beinahe angenehme Empfindung. Der Kerl hat ‚Flittchen’ gesagt. Zu Philippa.“ Da kickt man dann schonmal gerne einen Campingtisch um und lässt sich auf eine Prügelei ein, auf „den längst vergessenen Rausch aus tierhafter Wut und Angst.“
„Nicht!“, ruft das Töchterchen von der Seite, kennt man auch: Die unbeachtet bleibende, spitze Schreie der Vernunft ausstoßende, gelegentlich auch hysterisch werdende Frau, die stets bloß danebensteht, während Männer sich schlagen. Tatsächlich gelingt es dem Professor, seinen Gegner niederzustrecken. 
„Was er wirklich fühlt“, darüber wird er sich anschließend klar, „ist weder Triumph noch Beschämung, sondern etwas von der Art, was man heute nicht mehr gut sagen kann. Dass er getan hat, was er tun musste. Wenn jemand deine Tochter ein Flittchen nennt, musst du kräftig hinlangen, um ihretwillen und damit das Wort dich nicht jahrelang verfolgt.
Gut zu wissen. Was die Tochter tun muss, wenn jemand sie Flittchen nennt, wird selbstverständlich nicht erörtert. Ihre Rolle erschöpft sich darin, sich „wie ein geschocktes Unfallopfer“ zum Auto führen zu lassen. Ihre Ehre hat der Vater gerettet, er selber hat Satisfaktion erlangt, zurück geht’s auf die Autobahn, ich blättere weiter. 

Montag, 24. September 2012

Notizen


„Stellen Sie sich vor, Sie erleben zum ersten Mal Paris, sind dabei von einer unglücklichen Liebesaffaire gequält, haben außerdem gerade eine Schachtel Gauloises weggeraucht und drei Espressi getrunken – so ist es, ein Baby zu sein.“ Alison Gopnik im Interview mit dem Zeit-Magazin. Mit Baby meint sie hier übrigens: Dreijährige. Um diesen Bewusstseins-zustand nachzuvollziehen, fehlt mir momentan eigentlich nur Paris.

Verabredung per Mail zum Kino mit zwei Freunden: Das dauert, bis alle sich auf einen Tag geeinigt haben, auf eine Uhrzeit. Wollen wir das erstmal vormerken, und dann bestätigen? Etwas durchgenudelt die Frage, wie man sich wohl verabredet hat, damals, als es noch kein Internet und nur Festnetztelefon gegeben hat. Erfolgloses Googlen nach dem schönen, melancholischen Text, den Peter Glaser mal darüber geschrieben hat, wenn ich mich recht entsinne: ein Erzähler, der durch die Nacht läuft, ein paar Kneipen anpeilt, in denen sich sonst manchmal Freunde versammeln, diesmal trifft er niemanden an, geht wieder nach Hause.

Dieses BRD-Gefühl, das mich aus dem neuen Roman von Stephan Thome anweht, den ich gerade lese, und das ich auch hatte bei den Erzählungen von Dieter Wellershoff; es mag an der Arriviertheit der Figuren liegen, an der Art, wie sie sprechen: „Das Innere ist noch nicht fertig“, sagt Bernhard. „Ich richte mich nach und nach ein. Géraldine kennt einen guten Restaurateur für alte Möbel.“
Im wahren Leben manifestiert sich dieses Gefühl im Anblick von schirmchenverzierten, sahnebehäubten Eisbechern (wichtig: Schälchen nicht aus Pappe oder Plastik, sondern aus Glas), die von wohlhabend aussehenden Rentnern, ggf. mit Enkeln, in Fußgängerzoneneisdielen sitzend verspeist werden. Zuletzt gesehen in Tegel. Ein bestimmtes Verständnis von Es-sich-gut-gehen-lassen, das ich mit Westdeutschland, meiner Kindheit, den achtziger Jahren assoziiere.

Einen Blogeintrag über Aufklärung geschrieben, inspiriert von diesem hier auf ihdl. Am Ende doch zu intim, um ihn online zu stellen. Schnipsel: Erinnerung an den Biolehrer am Gymnasium, von dem es hieß, er sei früher mal Offizier bei der Bundeswehr gewesen. Sein Ton knüpft daran an. Sex sei in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, stellt er gleich klar. Darüber redet man nicht!, offensichtlich will er daran festhalten. Verteilt einen Zettel, auf dem der Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau geschildert wird, gipfelnd im gemeinsamen Höhepunkt. Wir lesen ihn still durch. Noch Fragen? Nein. 

Mittwoch, 12. September 2012

Ideen:

„Weinende Männer im Film – ein Zusammenschnitt.“ Und: „Männer strippen für Frauen, Frauen strippen für Männer – eine vergleichende Untersuchung.“ Auf was man halt so kommt, wenn man sich einen dermaßen langweiligen Film wie „Magic Mike“ anschaut. Einzig interessanter Aspekt: Wie die Damen sich in erster Linie über das Spektakel schlapplachen, das die Herren veranstalten, wenn sie blankziehen. Das Übertriebene der Stripshowinszenierung mit all den Kostümen und den Choreografien, niemals so, dass der einzige Gedanke sein könnte: Wie geil. Sondern gleichzeitig immer: Wie albern aber auch. Das ist alles nicht ganz ernst gemeint, und unter diesen Vorzeichen darf dann weibliches Begehren stattfinden, oder was. Während strippende Frauen, würde ich meinen, nicht darauf achten müssen, ihre Performance mit Humor, Ironie oder sonstigem doppelten Boden zu versehen. Ausziehen reicht. Warum funktioniert das umgekehrt nicht? Während wir uns darüber den Kopf zerbrechen, hier nun der, wie das Internet behauptet, erste Film mit weinendem Mann aller Zeiten:

Montag, 10. September 2012

Wie Sesemi Weichbrodt immer sagte

Wenn ich nun doch einmal etwas über meine Generation sagen wollte, dann wäre es, dass wir alle Wunschkinder waren. Und dass wir glücklich werden sollten. So friedlich war es auf der Welt, als wir geboren wurden, so sicher die Verhältnisse, so rosig die Zukunft und so tiefschürfend der Zeitgeist, dass unsere Eltern das als wichtigstes Erziehungsziel festlegen konnten.
Heute hoffen sie eher, dass wir einen Job bekommen, und wenn wir einen haben: einen unbefristeten, besser bezahlten. „Wir haben einfach studiert, was uns interessiert, und Arbeit zu finden war überhaupt nie ein Problem!“, sagte eine Freundin meiner Mutter einmal zu mir, Empörung in ihrer Stimme ob der heutigen Situation. „Ihr habt es so schwer!“, das habe ich schon oft gehört, auch von meinen Eltern.
Schwer hin oder her, habe ich irgendwann gesagt, so sei es halt, ich würde es nicht anders kennen. Und  merke immer mal wieder an der Art, wie die Eltern auf mein Leben gucken, dass sie, die es anders kennen, nicht ganz begreifen können, warum ich mein Leben so lebe, wie. Und glücklich werden? Wie haben sie sich das eigentlich vorgestellt, ich habe sie nie danach gefragt.
Mich von Anfang an als eigene Persönlichkeit zu sehen, das war der Ansatz meiner Eltern, und als ich neulich irgendwo auf das Wort Individualisierungszwang stieß, musste ich wieder daran denken. Sei du selbst, los jetzt, und bitte schon als Baby ganz eigen und besonders, und dann sei glöcklich, du gutes Kend. Dass wir es einmal schlechter haben würden als sie, damit haben unsere Eltern nicht gerechnet.
Aber ich will lieber nichts über meine Generation sagen, vertrete doch den Standpunkt, dass es sie nicht gibt. Es gibt nur Menschen in meinem Alter, und mit ein paar von ihnen unterhalte ich mich manchmal über solche Sachen. Und dann gibt es die ein oder andere Parallele. Enttäuschung, vorallem. Die der Eltern, weil unser Leben nicht so ist, wie sie es sich gewünscht hatten – aber dafür können wir nichts, das sind die Umstände. 
Und unsere eigene Enttäuschung, die viel schwerer fassbar ist. Ein schales Gefühl, unter den Möglichkeiten geblieben zu sein, denn mit so wenig konkreten Inhalten das Glücklich-werden auch immer hinterlegt war, eins wissen wir genau: „Glücklich bin ich nicht.“ So sagte es T. gestern zu mir, trotzig fast, als wäre das die verspätete Rebellion, unser Aufstand, unser Protest gegen die Werte der vorigen Generation. „Wenigstens das ist sicher“, fügte er hinzu, „in unseren unsicheren Zeiten.“ 

Samstag, 8. September 2012

Donnerstag, 30. August 2012

Die lauten Mädchen

Sie begegnen mir im Fitnessstudio, in der Umkleide, ich höre ihre Stimmen drei Schrankreihen weiter, immer leicht kratzig, auf die sexy Art, aufgedreht, sie sprechen schnell, sie sprechen Text, es geht zack auf zack. Wie der einen ihr Iphone gestohlen worden ist, oh nein echt, und dass die andere gestern sooo lange arbeiten musste, du warst im Urlaub?, wird die dritte gefragt, ich geb dir ne Woche, dann brauchst du wieder welchen, haha. Ich nenne sie: Die lauten Mädchen. Unklar, woher sie sich kennen, arbeiten sie zusammen, haben sie gemeinsam studiert oder sich tatsächlich bei der Fitness kennen gelernt, in einem der Kurse, die sie immer besuchen, schwitzend, die Hanteln stemmend, lächelnd noch beim zehntausendsten Crunch, wenn alle anderen schon erledigt sind, verdrehen sie höchstens mal die Augen. Ich schleiche schweigend an ihnen vorbei, vermeide es, sie anzuschauen, die lauten Mädchen mögen mich nicht, bilde ich mir ein, vielleicht weil sie merken, dass ich sie nicht mag. Dass ich höchstens halb so schnell spreche wie sie, höchstens halb so laut, und dass ich dieses locker-flockige Ein-Wort-gibt-das-andere überhaupt nicht drauf habe. „Affektiert“ ist das Wort, das mir zu ihnen einfällt, dabei bin ich mir sicher, dass sie immer so sind, genauso sprechen mit ihren Eltern und Freunden und Arbeitskollegen, und von affektiert kann dann ja wohl keine Rede mehr sein, wenn das, was auf mich gekünstelt wirkt, für sie Alltag ist. Der ständige Ton. Für mich: ein Fiepen im Ohr. Hast du das nicht auf Facebook gesehen?, ja ich schicks dir nochmal, kommst du morgen in den Kurs? Bis morgen dann also, tschüss! Tschüss meine Liebe, Küsschen! Still ist es zwischen den Schrankreihen, wenn die lauten Mädchen abgezogen sind, der Wirbel, den sie gemacht haben, legt sich innerhalb von Sekunden, und was bleibt, ist bloß die Tatsache, nicht so sorglos zu sein wie sie, nicht so eifrig und flink, auch kein Iphone zu besitzen, noch nichtmal im Urlaub gewesen zu sein, und überhaupt noch nie durchgehalten zu haben bis zum zehntausendsten Crunch.  

Donnerstag, 23. August 2012

„Ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen.“


Diesen Satz habe ich gestern gesagt. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Dabei hätte es bereits einige Gelegenheiten dafür gegeben; die früheste, an die ich mich erinnern kann, liegt so viele Jahre zurück, dass ich nicht einmal mehr die Namen der Beteiligten weiß: Ein Bekannter also stand zwischen einer Bekannten und mir, wir waren gemeinsam in der Stadt unterwegs, es wurde Straßenmusik gespielt, und er legte die Arme um uns, rechts links, und summte und schunkelte im Takt. 
Ekelhaft, darüber waren meine Bekannte und ich uns nachher einig. In der Situation gesagt allerdings haben wir: nichts.
Und zuletzt wäre der Satz vor ein paar Wochen angebracht gewesen, als der Yogalehrer mir bei der Endentspannung über die Arme und Beine strich, meinen Hinterkopf in seinen Händen wog. Angenehm war mir das nicht. Gesagt allerdings habe ich: wieder nichts.

Gestern aber. In der Bar, zu dem Typen, der sich zu uns gesetzt hatte, er wirkte ein wenig verwirrt, erzählte mir, er wohne um die Ecke, nannte mir den Straßennamen, er sei zum ersten Mal in dieser Bar, legte die Hand auf meine Schulter, und dann ich.
Ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen.
Freundlich gesagt. Und er: Ja, schön, er wolle nur sagen, schön, eine schöne Frau sei ich, und einen schönen Abend wünsche er.
Danke.
Ich war so aufgeregt, dass ich erstmal aufstehen und rausgehen musste, E. kam mir nach, schlug einen Sitzplatzwechsel vor, ich saß dann hinterher neben J., der sagte, das wäre aber keine Männer-Frauen-Sache gewesen, der Typ hätte ihm auch die Hand auf die Schulter gelegt, und ich: OK, aber ich wollte eben nicht angefasst werden.
Interessiert mich nicht, was das für eine Sache war, hätte ich sagen sollen statt: OK.
Oh, es ist doch eine Männer-Frauen-Sache, sagte J. später noch, der Typ war längst aufgestanden vom Tisch, wandelte im Raum herum und warf mir hin und wieder intensive Blicke zu, die ich versuchte zu ignorieren.
Und dann, im Gespräch, legte J. die Hand auf meine Schulter, wie man das manchmal so macht, wenn man einander zugewandt ist und sich etwas erzählt, vertraulich, und ich merkte, dass er plötzlich stockte.
Du darfst das, sagte ich schnell. Wir kennen uns.
Ja nur, das war genau die Geste von eben, sagte er.

Furchtbar komplex, dieses ganze Wer-berührt-wen-wie-und-warum, denke ich jetzt. Mir fallen die Freundschaftsrudelbegrüßungsumarmungen ein, die ich nicht mag, und wie K. mir gestern auf den Hintern gehauen hat, weil ich vorhatte, ein Bier selber zu bezahlen statt es auf ihren Deckel schreiben zu lassen, was mir sehr gut gefallen hat. Wie awkward es manchmal sein kann, einer anderen Person auch nur die Hand zu geben. Die Instant-Intimität von gelungenen Ein-Nacht-Ständchen.
Und dass eine Geste nie genau die Geste von eben ist.