Freitag, 2. September 2016

Ich gehe die Straße herunter,

unten an der Ecke ist eine Säuferkneipe, wie ich sie innerlich immer nenne, beim Aufschreiben fällt mir auf, wie abfällig das klingt, dabei habe ich eigentlich eine Sympathie für diese in Berlin, wie es scheint, oder zumindest in meinem Kiez immer seltener werdenden Lokale, in denen die Männer schon mittags vor ihren Bieren sitzen, oft auch Frauen, Frauen jedenfalls immer hinter der Theke, herzliche, raue, unendlich patente Frauen.
Ich gehe also die Straße herunter, und unten an der Ecke, an einem der Tische sitzt schon ein Mann, der mir entgegen schaut, völlig unauffällig sowohl seine Erscheinung als auch sein Schauen, er sieht eben einfach nur, dass ich die Straße runter gehe, so wie ich ihn da sitzen sehe, nichts weiter. Und just in dem Moment, als ich an ihm vorbeigehe, kommt die Thekenfrau raus und bringt dem Mann sein Bier, n einsames Eckchen haste dir hier ja ausgesucht, sagt sie, stellt ihm sein Bier hin, und er sagt: Joah, so ein leicht verlegenes Joah, und er sagt: Danke, so ein freundliches kurzes Danke, und nimmt, während sich die Frau schon wieder abwendet und einen routinierten Raucherhusten ausstoßend zurück in die Säuferkneipe geht, seinen ersten Schluck Bier.
Und zehn vor zwei, ich bin auf dem Weg in die Pause, bin mit G. verabredet, und auf dem ganzen Weg zu G., dem ich als erstes natürlich von dem Mann erzähle, rede ich mir innerlich gut zu: Das war nicht schlimm. Das war überhaupt nicht schlimm. Der Mann da, der ist auch Teil einer sozialen Gemeinschaft, die Thekenfrau kennt ihn, andere Gäste kennen ihn sicher auch, und was weiß ich denn, wer ihn sonst noch kennt und mag und liebt vielleicht, und was ist schon dabei, sich um zehn vor zwei wo hinzusetzen und einen ersten Schluck Bier zu trinken und friedlich ein bisschen in der Gegend herum zu gucken, ist doch jedenfalls nicht schlimm.
Nicht weiter schlimm.

Mittwoch, 31. August 2016

Loch im Kopp

Hör auf, du machst der noch n Loch im Kopp!, hörte ich eine Mutter eben zu ihrem Sohn sagen, und schon als Kind muss ich diesen Spruch gehört haben, nicht nur einmal, öfters, auch wenn ich nicht mehr weiß, von wem. Aber ganz deutlich erinnere ich mich plötzlich an meine kindliche Vorstellung vom Loch im Kopf, kreisrund, nicht einmal besonders groß, dahinter ist es schwarz. Kein Blut gehört zu der Vorstellung, auch keine Schmerzen, das Loch im Kopf, in der glatten Schädelwand, etwa an der Schläfe, sieht eher aus wie das eines Nistkastens, passt ja auch, denke ich, wir haben schließlich alle einen Vogel.

Samstag, 28. Mai 2016

Viel Spaß, sagt der Kellner

, als er uns den Kuchen aufs Tischchen stellt, Cheesecake für S., Brownie für mich, wir sitzen draußen, es ist wärmer als ich dachte, ich ziehe meine Jacke aus und an dem Tag nicht wieder an. Wir sprechen über Medikamente in Einmaldosis, die uns, obwohl wir uns in verschiedenen Fällen schon von ihrer Wirksamkeit überzeugen konnten, verdächtig vorkommen, es sollten doch bitte immer drei Tabletten sein, sage ich, damit man das Gefühl hat, an drei Tagen aktiv was gegen seine Krankheit zu tun, es können ja Placebos dabei sein, wäre mir egal. Dann überlegen wir, wann wir uns das nächste Mal sehen, ob ich S. besuchen könnte, noch bevor sie im Juli wieder einmal herkommt, wir schauen auf den Platz vor uns, auf die Bäume Autos Fahrradfahrer und ich habe ein spezifisches Berlin-Gefühl, das mich inzwischen nur noch sehr selten überkommt, nämlich wenn ein Moment die Erinnerung daran weckt, wie ich es mir mal vorgestellt hatte, hier zu leben, in der schönen, schrecklichen Hauptstadt. Neben S. in einem Café zu sitzen und über dies und das zu reden, unaufgeregt, eine Insel der Vertrautheit in all der weitgehenden Anonymität, die Berlin einem schenkt, das trifft es schon relativ gut.
Viel Spaß damit, das hat der Typ im Handyladen eben gesagt, erzählt S., und der Kellner wünscht uns zum Abschied erneut: Viel Spaß noch, mit einem strahlenden Lächeln, das wir so aus Prinzip nicht erwidern, es ist ein Grad an Freundlichkeit, sage ich im Weitergehen, der schon wieder misstrauisch macht. Musst du zufällig zum Baumarkt?, fragt S., und ich sage: Ja, zufällig schon, tatsächlich will ich mir Holz zuschneiden lassen, um damit die Spüle zu verkleiden. Beim Zuschnitt muss man eine Nummer ziehen, ich habe die 68, angezeigt wird die 62, S. macht sich auf in die unendlichen Weiten zwischen den Regalreihen, um einen Schraubenzieher und Porzellankleber zu suchen, nach ein paar Minuten drückt mir ein Typ die 66 in die Hand, das dauert mir hier zu lange, sagt er, und als S. zurückkommt, beschließe ich, dass auch mir das zu lange dauert.
Und was machst du jetzt?, fragen wir uns, als wir wieder draußen stehen, ich weiß, dass meine Nachbarn heute im Hof grillen, aber habe ich da jetzt schon Lust drauf? Eigentlich nicht, eigentlich will ich lieber noch ein bisschen mit S. durch die Straßen gehen, in eine Boutique, vor deren Eingang aus Vintagekleidern zurechtgenähte Hipster-Kleider hängen („Los modernos“, sagte M. neulich zu ihrem Vater, um ihm das Wort Hipster zu übersetzen, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Zukunft nur noch von „den Modernen“ zu sprechen). Wir schauen uns die Kleider erst genauer an, als wir den Laden nach einer kurzen Runde wieder verlassen haben, eigentlich ganz schön, sagt S., ja eigentlich, sage ich, und der Verkäufer, der sich von hinten an uns herangeschlichen hat, fragt: Wieso denn nur eigentlich?, er mustert uns und fragt: Mal im Ernst, warum solltet ihr nicht solche Kleider tragen?, was mir schmierig vorkommt, denn wenn er uns auch nur einmal kurz angeschaut hat, kann sich das unmöglich beziehen auf: ihr mit eurem Style, sondern bloß auf: ihr mit euren Körpern.
Aber sieh mal, sage ich im Weitergehen zu S., die Leute sehen viel mehr Potenzial in uns als wir selbst, die denken, wir könnten in Vintagekleidern durch die Welt tänzeln, die denken, wir würden viel Spaß haben. Ich könnte, sage ich dann, hier im Eisladen arbeiten, tatsächlich ist da ein Aushang, Aushilfe gesucht, und S. wirft mir erst einen Seitenblick zu, ob ich das wohl ernst meine, ich sage: Wo ich doch sonst grad nix mit mir anzufangen weiß, und sie sagt: Ja, warum nicht. Kurz stelle ich es mir sehr wunderbar vor, an Sommertagen hinter dem Tresen zu stehen und Hörnchen, Waffeln sagt man hier, mit Vanille, Pistazie, salzigem Karamell in die Hände anderer Menschen zu drücken, dann sind wir schon in der nächsten Boutique, wo ich mir neue Sandalen kaufe und S. sich ein Jäckchen, die beiden etwas verspulten Verkäuferinnen scheinen uns durchaus sympathisch zu finden, dabei hat S. vorhin noch erzählt, sie wäre in dem Laden früher auch schon mal schief angeschaut worden.
Aber inzwischen sind wir wahrscheinlich viel mehr so die Zielgruppe, sagt sie, als wir wieder draußen stehen, und ich sage: Klar, sowieso, wir sind jetzt Mitte dreißig, im besten Konsumentinnenalter, zumindest von außen betrachtet kein Vergleich zu den armen Studentinnen, die wir waren, als wir uns kennen gelernt haben vor zehn Jahren, neulich habe ich ein Foto gefunden von uns, von damals, wir waren Babys, sagte S., als ich es ihr zeigte, wir waren melancholische Babys, wir hatten ja keine Ahnung und wussten doch alles, alles so viel besser als heute. Zum Abschied umarmen wir uns, wir sagen: Bis bald, als wäre dieses Bald schon morgen oder übermorgen, und für eine Sekunde fällt es mir leicht zu vergessen, dass es so nicht ist.

Dienstag, 24. Mai 2016

Gelesen: Delisle, Klemm, Basener

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem
Graphic Novel. Der Comiczeichner Guy Delisle begleitet seine Frau, die bei „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, nach Israel. Sie wohnen mit ihren Kindern in Ost-Jerusalem, und Guy begegnet der Stadt, dem Land mit einer sympathischen Unvoreingenommenheit, mit viel Unwissen und ohne große Erwartungshaltung. Er lässt sich überraschen und seine Leserinnen daran teilhaben: an einer samstäglichen Autofahrt durch Mea Shearim, an den betrunkenen Haredim zu Purim, an dem Leben der Siedler und Araber in Hebron und so weiter. Gerade diese Unvoreingenommenheit ist eine schöne, seltene Haltung einem Land gegenüber, über das, wie mir oft scheint, jeder eine Meinung hat; wie über kein anderes Land wird über Israel Bescheid gewusst und geurteilt. Sehr angenehm, wenn da mal jemand kommt und neugierig guckt und eventuell erst mal ein paar Skizzen machen will. Außerdem mochte ich, wie Guy Delisle sein Vater- und Hausmanndasein immer mal wieder thematisiert. Hier gibt es eine Leseprobe. 

Gertraud Klemm: Muttergehäuse
„Aberland“ mochte ich sehr, noch einmal auf das aktuelle Buch aufmerksam geworden bin ich durch ein Interview mit der Autorin, aus dem ich im Kopf behalten habe, dass man „Muttergehäuse“ nicht wie einen Roman lesen dürfe. Das Buch ist geprägt von einer radikal persönlichen Sicht, ausgehend vom Kinderwunsch der Erzählerin, der unerfüllt bleibt, bis sie und ihr Mann sich zur Adoption entschließen. Der Blick aufs Mutterdasein in all seiner klaustrophobischen Enge und Kontrolliertheit-durch-Gesellschaft ist dabei alles andere als romantisierend. Die Außenseiterposition der nichtleiblichen Mutter wird sehr eindringlich beschrieben, auf eine ruppige, auch mit sich selbst ruppige Art geht es einmal quer durch alle Gefühlslagen, aber die Schilderungen kommen niemals emotionalisierend daher. Es ist ein Buch, das zu sich selber spricht, ein Sich-über-sich-selbst-klarwerden, an dem die Leserin teilhaben kann, hier wird keine Geschichte erzählt, sondern man bekommt die Möglichkeit, an einer Gefühlsentwicklung teilzuhaben, und diese Erzählhaltung hat mir sehr gefallen. Leseprobe hier. 

Anna Basener: Heftromane schreiben und veröffentlichen
Man sollte sich von den selbstironischen Kapitelüberschriften („1. Warum? Mitreißende Einleitung über die Notwendigkeit dieses Buchs“) nicht täuschen lassen, es handelt sich um einen sehr ernst gemeinten und ernst zu nehmenden Ratgeber für alle, die gerne einen Heftroman schreiben wollen (und dazu zähle ich). Denn es gibt einiges zu beachten, wenn man die Dramaturgiefolge „Das Verlieben. Der Konflikt. Die Lösung. Das Happy End“ auf 90 Manuskriptseiten so umsetzen will, dass die Heftroman-Lektorin vor Freude in die Hände klatscht. Ob es mir gelingen wird?, fragte sich die Bloggerin bange. Zunächst mal muss ich wohl zu Recherchezwecken erst noch einige Heftromane lesen.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Ein paar Fotos aus der letzten Zeit

Graffiti.

Viele Köpfe.

Ein Mann mit Schwanz.

Ist das auch noch diese so genannte Sharing Economy?

Und da hab ich meine Steuererklärung reingeworfen.

Lektüre: Annemarie Schwarzenbach. "Es war auf jeden Fall gut." Oh Zigaretten, oh Melancholie.

Hierüber könnte man nun lange nachdenken.

Was es alles gibt.

Was es außerdem alles gibt.
 
Frauenzeitschriften. So interessant.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Erinnerungen an mein früheres Leben: Doktor P.

Doktor P. ging zum Rauchen immer in den Keller; in die Tiefgarage unter dem ambulanten OP-Zentrum, das ihm gehörte und dessen Räume er, nach Bedarf auch mit Personal, an Ärzte verschiedenster Disziplinen vermietete, die dort allerhand Eingriffe durchführten: Fettabsaugungen, Abtreibungen, Grauer Star. Zu einem dieser Ärzte und seinem Team gehörte auch ich. Ich saß an „unseren“ OP-Tagen an der Rezeption des OP-Zentrums, begrüßte „unsere“ Patienten, bereitete sie auf ihre OP vor und verabschiedete sie danach wieder; medizinische Kenntnisse brauchte ich dafür nicht.
Doktor P. war Anästhesist; nicht das anspruchsvollste aller Fachgebiete, wie man sagt. Weil „unsere“ Patienten keine Vollnarkose brauchten, hatte ich mit ihm nicht viel zu tun. Aber natürlich war er immer präsent, führte Anästhesie-Aufklärungsgespräche mit den Patienten anderer Ärzte und stand oft selber mit im OP-Saal. Oder eben im Keller, um zu rauchen.
„Guten Tag, ich hab hier heute einen Termin“, so was in der Art sagten die meisten Patienten, wenn sie an die Rezeption traten, ganz als müsste man wissen, wer derjenige sei und um wie viel Uhr der Termin. „Sie müssen mir schon auch Ihren Namen sagen!“, hatte mich eine Sprechstundenhilfe einst angefahren, als ich mich ähnlich wurstig an der Rezeption gemeldet hatte. „Der steht Ihnen schließlich nicht auf die Stirn geschrieben!“ Mir war es wichtig, immer freundlich zu bleiben. „Sagen Sie mir bitte einmal Ihren Namen? Ja, schön, dass Sie da sind! Haben Sie den Aufklärungsbogen dabei?“
Weil ich zu jedem Patienten dasselbe sagte, jedem dasselbe erklärte und mir irgendwann nicht mehr sicher war, wem ich was schon gesagt und erklärt hatte, gewöhnte ich mir ein andauerndes „Wie gesagt“ an. „Das sind wie gesagt die Schmerztabletten, die Sie wie gesagt dreimal am Tag nehmen müssen …“ Das Gute war, dass sich „unsere“ Patienten alle auf das Ergebnis der OP freuten, und es war schön, mich ein bisschen um sie kümmern zu können, an einem für sie doch recht aufregenden Tag.
Mit zehn Euro die Stunde kam mir der Job fürstlich bezahlt vor. Ich hatte ihn von einer Freundin übernommen, die in Germanistik promoviert hatte, wiederum über einen Bekannten an der OP-Rezeption gelandet war und es dort nur zwei Monate ausgehalten hatte. Im Gegensatz zu mir, ich blieb fast zwei Jahre lang dabei. Damals verstand ich mich selbst noch als Künstlerin, aber leben, nein leben konnte ich davon natürlich nicht. Einen seltsamen Nebenjob zu haben war ebenso Notwendigkeit wie Teil der Selbstinszenierung.
Meine drei Kolleginnen hingegen, die in Vollzeit angestellt waren, gingen ihrer Arbeit mit der miesen Laune von Menschen nach, die keinen Gedanken daran verschwenden, dass der eigene Job etwas ist, das Spaß machen oder gar das Leben mit Sinn erfüllen sollte. Waren sie zu zweit, lästerten sie jeweils über die nicht anwesende Dritte; dass über mich wahrscheinlich ebenso gelästert wurde, blendete ich einfach aus. Aber als mir angeboten wurde, meine Stundenzahl deutlich zu erhöhen, lehnte ich vor allem deswegen ab, weil ich in und mit diesem Team nicht noch mehr Zeit verbringen wollte.
Wenn Doktor P. nichts anderes zu tun hatte, schlurfte er wie ein Teenager, dessen Oma sich aufregen würde, dass der Junge die Füße nicht vom Boden bekommt, durch die Räume, beobachtete durch die Bullaugenfenster der OP-Türen, was dahinter vor sich ging, oder stellte sich an die Rezeption, hinter mich und die Auszubildende aus seinem Team, die dort auch immer saß. Für die wenigen Lücken im Tag hatte ich immer ein Buch dabei, und einmal nahm Doktor P. es ohne zu fragen in die Hand, schaute auf den Titel („Rot und Schwarz“ von Stendhal) und warf mir über seinen Brillenrand hinweg einen fragenden Blick zu, fragte aber nichts. Wir haben nie viel miteinander geredet, waren uns aber sympathisch, er mir mit seiner jungenhaften Art, und ich ihm, ja, wie habe ich wohl auf ihn gewirkt. „Soll ich sonst noch irgendwas beachten?“, fragten ihn seine Patienten manchmal, eine letzte Frage, gestellt vorne an der Rezeption. „Rauchen Sie?“, fragte Doktor P. dann jeweils. „Ja? Dann hören Sie auf zu rauchen.“