Donnerstag, 13. August 2015

Immer schwer, aber immer gut

Wie schön ich diese Tage finde. Es ist so heiß, dass ich mich fühle wie in einem anderen Land, auf Städtetrip in einer fremden Metropole, na gut, so fremd nun auch wieder nicht, aber da ist dieses Urlaubsgefühl, befeuert dadurch, dass einfach keine Arbeit mehr da ist und im Büro auch niemand mehr so tut, als wäre das anders, alle kommen und gehen, wann sie wollen, eigentlich könnten wir auch wegbleiben, es würde niemandem auffallen, niemanden stören. Die völlige Irrelevanz des eigenen Tuns, und die Leichtigkeit, die damit einhergeht, aber ist mir ja klar, dass die viele Zeit sich nur deswegen so herrlich anfühlt, weil ich noch Geld bekomme, Geldgeldgeld. Und wie Facebook derweil meint, mich immer mal wieder an die Zeit von vor zwei Jahren erinnern zu müssen, an die große Haltlosigkeit, bevor dann erst mal alles wieder gut wurde. Nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle, ich klicke mich durch die Tabellen der jeweiligen Hilfsorganisationen, gebraucht wird kleingeschnittenes Obst, Bulgursalat (viel), und als ich den Link für den Blogeintrag eben noch mal raussuchen will, lese ich, dass jetzt keine Lebensmittelspenden mehr erlaubt sind, es ist ein Skandal, dass das Veterinäramt vor den Ärzten da ist, sagt die Sprecherin. Der Typ, der mich neulich auf der Straße angeschrien hat, treibt sich immer noch hier in der Gegend rum, ich sehe ihn fast täglich, in seinem immergleichen Hawaiihemd und mit seinem die große Weltverschwörung zergrübelnden Blick. „Der hat nicht dich gemeint“, sagte mir so ein Hippie, der einfach ein paar Schritte neben mir herging, nachdem ich zu ihm gesagt hatte, ogott habe ich mich erschrocken, und gesagt hatte, der hätte wenigstens was Nettes schreien können, aber er hat du blöde Schlampe geschrien, „das hat nichts mit dir zu tun“, sagte der Hippie, und ich: „Nein, ich weiß, ich lasse das alles durch mich hindurch“, und er: „Ja, das ist immer schwer, aber immer gut“, und wir wünschten uns einen schönen Abend und gingen unserer Wege. Immer schwer, aber immer gut: Nicht gemeint zu sein. Und wenn es nichts mit einem zu tun hat.

Dienstag, 28. Juli 2015

Wenn ich daran denke, was jetzt wieder alles umsonst war

Wenn ich daran denke, was jetzt wieder alles umsonst war, schreibe ich auf einen Zettel (endlich wieder mehr Zeit zum Schreiben), den ich fortan als Lesezeichen benutze (endlich wieder mehr Zeit zum Lesen). Der sogenannte Strategieplanungstag, die Kundenanalyse, die unzähligen Präsentationen, die Diskussion über den neuen Firmennamen, das Basteln der neuen Website, all die Meetings, bei denen über eine Zukunft diskutiert wurde, die es nun doch nicht geben wird. 
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Ein sehr schönes Buch: Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen, das zu sehr großem Appetit auf Kimchi führte, vorerst nicht selbst gemacht, sondern mitgenommen aus der Kühltheke des Asialadens:
Foodfotografie, ich komme
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Über Cloudette vorhin auf diese Liste gestoßen: Grundnahrungsmittelvorrat für eine Person und 14 Tage. Gruselwusel bei gleichzeitiger Faszination: Kirschen im Glas, Birnen in Dosen, Aprikosen in Dosen, auf staatlichen Rat gebunkert.
Weiters herausgefunden, dass es eine Warn-App gibt, herausgegeben vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sie heißt NINA. „Mit NINA sind Sie stets aktuell über Gefahren informiert, denn die Push-Funktion macht Sie auf neue Warnungen aufmerksam.“ Was will man mehr, als stets aktuell über Gefahren informiert zu sein? Höchstens ein paar Dosenaprikosen.

Mittwoch, 15. Juli 2015

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Ich träume, dass mein Buch bereits erschienen ist, ich halte es in der Hand, es ist dick und hat einen Leineneinband, ich kann mich gar nicht daran erinnern, es zu Ende geschrieben zu haben, ich denke nur: Huch, mein Buch ist ja schon da, hab ich gar nicht mitbekommen! Und das, obwohl ich jeden Tag den Perlentaucher lese. Ist wohl noch nicht rezensiert worden, folgere ich daraus, hat also keine Aufmerksamkeit bekommen, tja. Fazitgefühl: Kein Erfolg. Und das wiegt schwerer als das Buch in meiner Hand.
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Das Hotpantsverbot zieht an mir vorbei, die Bravo-Flirttipps ziehen an mir vorbei, ich erinnere mich an eine Stelle in einem Kinder-/Jugendbuch, wo sich die Erzählerin über ein anderes Mädchen in ihrer Klasse lustig macht, das sich immer Vaseline auf die Lider schmiert, für einen strahlenden Blick, und wie ich mir dann auch Vaseline auf die Lider geschmiert habe, und wie das gar keinen Effekt hatte. Wie ich solche Tipplisten damals verschlungen hätte, ganz sicher, und wie ich jahrelang supergut angekommen bin mit Dauerlächeln und -schweigen, so geheimnisvoll, ganze Jahre verplempert mit Zuhören, Zuhören, Zuhören.
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Ich fand Victoria einen Scheißfilm. Habe weder dieses Wir-sind-echte-Berliner-Getue geglaubt noch dass Victoria in drei Monaten Berlin niemanden kennen gelernt haben soll, und dann die Vergangenheit als angehende Konzertpianisten, das als Identifikationsangebot an die höherschichtige Zuschauerschaft, nee. Unglaublich lahmer Anfang, und dann diese blondierte Karikatur von einem Oberschurken, Bitch hier, Bitch da, und dass Victoria im weiteren Verlauf nicht ein einziges Mal auch nur eine einzige vernünftige Entscheidung zu erwägen scheint. Aus feministischer Sicht nicht vertretbar, hab ich jemals erwähnt, dass dieses Urteil, damals über den Film Black Swan gefällt, zu meinem Blogtitel führte?
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Ich habe zu nichts Lust. Zu nichts, nichts, nichts. Dieses graue Gefühl, eine Wolkendecke aus Beton, schwebt über meinem Kopf.
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Vielleicht bist du ja wie eine Spinne, die sich gerade häutet, sagt L. zu mir, L., die mir einfach so selbstgebackene Kekse im Büro vorbeibringt, L., die – ich romantisiere jetzt – die Freiheit besitzt, sich einfach so in die Küche zu stellen und Kekse zu backen, wenn sie Lust dazu hat, und damit dann noch andere Menschen zu beglücken. Spinnen häuten sich auch?, frage ich, ich dachte, nur Schlangen. Doch, Spinnen auch, sagt sie.

Freitag, 19. Juni 2015

Als ich vor drei Jahren

Als ich vor drei Jahren auf einer Lesung von Laurie Penny war, damals stellte sie ihr Buch Fleischmarkt vor, fand das in einer kleinen Buchhandlung im Prenzlauer Berg statt, vor etwa dreißig Leuten. Für die Lesung im SO36 vergangenen Mittwoch waren 200 Karten allein im Vorverkauf weggekommen, und als ich ankam, um viertel vor sieben – die Abendkasse sollte um sieben öffnen – war da schon eine Menschenschlange, die bis um die nächste Straßenecke ging. Ich war zur Lesung mit L. verabredet. Aber lass uns das doch nicht machen, sagte ich. Lass uns unsere eigene feministische Lesung veranstalten. Gegenüber vom SO36, vor dem Bateau Ivre, wurden gerade zwei Plätze frei, also setzten wir uns dorthin, wie so Münchner, sagte L., und tranken Weißweinschorlen.
Es stimmt nicht, was im Internet steht, es ist niemand außen vor geblieben, am Ende sind alle reingekommen, das können L. und ich bezeugen. Sogar wir hätten noch rüberhuschen können, als die Türsteher_innen mit jetzt-aber-schnell-Winkbewegungen die letzten Leute einließen, aber da hatten wir gerade die nächsten Schorlen bestellt.
Wir sprachen nicht über Feminismus an diesem Abend. Warum auch, es ist ja alles gesagt. Oft und oft und von vielen.  
Aber wie oft denke ich im Gegensatz dazu: Oh nein. Das zähle ich nicht mit. Das nehme ich gar nicht mehr wahr. Das Oh-nein-Denken ist Normalität geworden. 
Ich bin meine eigene feministische Großmutter, und ich habe in meinem Leben nichts erreicht.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Und dann der Exkollege

Und dann der Exkollege, der längst woanders PR macht, aber trotzdem noch mal zum Mittagessen vorbeikommt, entspannt sei sein neuer Job, erzählt er, und dass er plane, einen Blog zu starten und damit zusätzlich Geld zu verdienen, er habe da so einen Artikel gelesen, fünf- bis fünfzehntausend Euro würden manche Blogger im Monat machen, fünfhundert Euro allein für eine auf Instagram hingehaltene Uhr, und das bei einer Followerzahl, wo er denken würde: Das bekomme ich auch noch hin. Und Freunde von ihm hätten einen Reiseblog gestartet, vor einem Jahr erst, und die würden jetzt schon überallhin eingeladen und um die ganze Welt jetten. Und worum solls auf deinem Blog gehen?, frage ich, Lifestyle, sagt er, Reisen, Essen natürlich auch. Natürlich, ich nicke, sehe den Blog schon vor mir, nettes Layout, tolle Fotos, locker geschriebene Texte, diese ganz spezielle Stimmung verströmend, die Lifestyle-Blogs nunmal verströmen, die Welt ist voller schöner Dinge, sagen sie einem, entdecke sie, entdecke dich selbst, vergiss nicht, wie kostbar das Leben ist, wie wertvoll jede einzelne Sekunde, genieße sie, konsumiere sie, los kauf das, kauf mir das ab. Das könnte ich auch, denke ich kurz, gleich hier mein Mittagessen fotografieren, einen geheimnisvollen, verführerischen Blognamen überlegen und den ersten Post verfassen, das eigene Leben, Kochen, Reisen einmal durch die kapitalistische Verwurstungsmaschinerie drehen, ohne Darm bitte, und die Pommes mit Mayo, und bald zeige ich für fünfhundert Euro irgendwelche Uhren in die Kamera, ja warum eigentlich nicht. Später beim Yoga hält die Lehrerin ihr iPhone hoch, ihr wisst alle, dass das ein iPhone ist, sagt sie, und was man damit machen kann, aber andere Menschen, aus Ländern, die technisch nicht so weit entwickelt sind, die wissen das nicht, und während ich noch rätsele, welche Länder sie da wohl konkret meinen mag (wahrscheinlich „Afrika“, haha, denke ich), leitet sie über zu: Seht ihr, die Dinge haben immer nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. Die Dinge an sich sind leer. Und so, sagt sie, sei es auch mit Menschen, denen wir begegneten, und dem, was uns geschehe, und ich denke, wenn mir jetzt aber ein Mensch begegnet, der mir seine Faust mitten ins Gesicht ballert, soll ich dem dann auch erst selber die Bedeutung geben? Und hat sonst jemand im Raum gerade noch solche Gedanken, oder finden alle anderen das nun wirklich erhellend oder bereichernd oder sonstwie inspirierend? Neulich hat eine andere Lehrerin erzählt, dass die Moleküle unserer Fußsohlen und die Moleküle des Bodens einander abstoßen würden, sodass wir im Grunde immerzu schweben, und dann denke ich, dass ich darüber mal einen Blogeintrag verfassen müsste: Was ich am Yoga zweifelhaft finde, und damit habe ich mich schon wieder rauskatapultiert aus der Sparte Lifestyleblogs und bin wieder hier.

Hier wenigstens ein Bild von dem Kokosdrink, den ich trank, während ich diesen Eintrag verfasste. Ja, ist lecker. Kokosdrinkhersteller können mich gerne kontaktieren.

Freitag, 5. Juni 2015

Und wovon


Und wovon brauchst du wirklich Urlaub, fragt Ingo, wir radeln nebeneinander her durch den Park am Gleisdreieck, vorhin im Unterricht habe ich verkündet, dass ich den Sommerkurs, der bei der Lehrerin privat stattfindet, nicht mitmachen werde, ich brauche mal Urlaub von der Sprache, habe ich gesagt, aber Ingo ist Psychologe und fragt nach. Ach, sage ich, es ist warm, der Himmel bewölkt und auf den Parkwiesen sitzen die Kids in kleinen Gruppen, so darf man sich also eine Jugend in Berlin vorstellen, denke ich, man trifft sich abends mit seinen Freunden im Park am Gleisdreieck, eigentlich auch von der Lehrerin, sage ich, die hat so was Trauriges seit zweidrei Monaten, so was dermaßen Trauriges, dass man denkt, vielleicht ist in ihrem Leben was passiert, jemand ist gestorben oder krank, jemand fehlt ihr oder etwas, jedenfalls macht ihr das mit uns keinen Spaß mehr, und mir auch nicht mehr mit ihr. Und auch vom Unterricht brauche ich Urlaub, von dem Gefühl, wenn ich fleißiger wäre, würde ich vielleicht vorankommen, aber ich bin nicht fleißig und komme nicht voran, es ist wie damals in der Schule. Wovon noch?, Ingo muss gar nicht fragen, ich setze die Aufzählung stumm alleine fort, von meinem Job brauche ich Urlaub, von der Langeweile und der Stupidität und der Arbeitswut, von meinen Kollegen, von der Frage, und was machst du heute zu Mittag, die mittlerweile jeden verdammten Tag gestellt wird, sogar vom Feierabend brauche ich Urlaub, davon, nach Hause zu kommen und erst mal gar nichts mit mir anfangen zu können. Ich brauche Urlaub von meiner Wohnung, in der immer noch die Umzugskartons zusammengefaltet an der Wand stehen, in der immer noch die nackten Glühbirnen von der Decke hängen, und von der Aussicht, dass das noch monatelang so bleiben wird. Und wovon wirklich?