Samstag, 6. September 2014

Krank


Donnerstagmittag auf Arbeit gesagt, ich sei krank, nach Hause gegangen und hundert Stunden geschlafen, gegähnt, nochmal hundert Stunden geschlafen, dann einen Rekreationsspaziergang durch die Nachbarschaft gemacht. Freitagnachmittag, es ist sonnig und warm, die Leute freuen sich und sind draußen, mein Weg durch den Park wird begleitet vom Raunen der Dealer, „Hallo, whats up, hey, howareyoudoin’“. Ich erinnere mich daran, wie H. und ich einmal darüber redeten, dass wir gerne wissen würden, was für ein Leben die Dealer eigentlich führen, und dass wir es, so unsere Vermutung, wohl kaum erfahren würden, selbst wenn wir einen mal fragten. „Hey, what is your life like, show me, show me!“, unerträglicher Gedanke auch. Irgendjemand hat „Merkel du Motherfucker“ an eine Häuserwand gesprayt. Ich erinnere mich daran, wie G. mal erzählte, dass in der U-Bahn, die aus unerklärlichen Gründen nicht losfuhr, so ein Typ aus einer Jungsgruppe sagte: „Fahr los, du Opfer“, ich will den Merkel-Spruch fotografieren, habe aber mein Handy vergessen. Die ehemalige Kita („Wir wollen hier nicht weg, wir müssen“, so oder so ähnlich lautete zuletzt der Spruch auf dem Plakat an der Tür) ist jetzt zur einen Hälfte Eisladen (veganes Eis, Kugel 1 Euro), zur anderen Häfte Späti; was die Neueröffnungen der Restaurants angeht, habe ich längst den Überblick verloren. So viele Leute hier, so viele Touristen, denke ich und kann für einen Moment gar nicht glauben, dass ich auch hier wohne – „Du wohnst nicht hier!“, schrie mich das Vorderhaus-Nachbarskind vor einer Weile an, unten im Hausflur, vom Kindersitz des Vaterfahrrads aus, ganz sicher war es sich und empört: „Du wohnst nicht hier!“, und während der Vater noch besänftigend sprach: „Doch, guck mal, die Frau hat auch einen Schlüssel, die wohnt ganz bestimmt hier“, hatte ich innerlich schon kapituliert. Richtig, ich wohne nicht hier, ich tue nur so. Für immer, immer, immer. Aber heißt es nicht auch, fake it till you make it. Vor einer Bäckerei sitzt ein anderer Vater mit einem anderen Kind auf dem Schoß, ich meine ihnen das alternative Leben schon an der lila Pluderhose anzusehen, die er trägt, zufrieden sehen sie aus, er mümmelt an einem Börek und sie hat einen Orangenkarottensaft vor sich stehen. Auch die beiden würde ich gerne fotografieren, aber ich würde mich ja doch nicht trauen, sie zu fragen. Ich erinnere mich daran, dass ich mir das alles schon einmal überlegt habe, ein Blog mit Fotos, oder ein Blog nur mit Beschreibungen der Begegnungen, die sich aus der Darf-ich-euch-fotografieren-Frage ergeben (oder auch nicht), eine Überwindung, ein Projekt gegen die eigene Zurückhaltung. In der Apotheke kaufe ich Nasenspray und Aspirin, schließlich bin ich wirklich krank. „Haste n paar Cent?“, brüllt mir auf dem Rückweg der Punk vor dem Kaisers entgegen, „bringste mir n Quark mit?“

Mittwoch, 27. August 2014

Tante


Der schnaufende Atem, die emsigen kleinen Schritte die Treppe hoch, bepackt mit Taschen, in einer davon die Weihnachtsgans, bei ihr zu Hause vorbereitet, bei uns zu Hause in den Backofen gesteckt. Die Begrüßung: Beugt euch mal zu mir runter, sie anderthalb Köpfe kleiner als wir alle, trotz Absatzschuhe (natürlich damenhaft), trotz toupierter Haare (natürlich gülden gefärbt). Ihr Wangentätscheln, fast ein bisschen zu fest. Und dann erst mal einen Calvados und ein Zigarettchen. Blitzblaue Augen, heller Verstand, Sternzeichen Jungfrau, niemals Flausen im Kopf. Für uns Kinder gibt es aromatisiertes Marzipan, jedes Jahr wieder, wir haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihr zu sagen, dass wir das eigentlich nicht mögen, tauschen es bei unserem Vater gegen Kinderschokolade ein. Die Gans, die eigentlich eine Flugente ist, wird zum Mittagessen verspeist, Rotkraut und Apfelmus sind selbstgemacht, die Klöße nicht, da findet sie die aus der Packung, halb-und-halb, genausogut, dazu einzwei Gläser Weißwein, immer wieder der Stolz auf die knusprige Haut. Ihr Schnarchen beim Schläfchen nach dem Essen durchsägt das ganze Haus, wir kichern. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Meinen ersten Kuss, den fand ich einfach grauslig. Wie sie mal zu mir gesagt hat: Kein Wunder, dass die Jungens nicht so spannend für dich sind, du kennst ja die Laffen (Anspielung auf meine Brüder). Wie sie mal zu mir gesagt hat: Weißt du, die Männer, das sind eigentlich arme Schweine (Anspielung auf die angebliche Triebhaftigkeit). Wie wir sie heute noch nachmachen, wir Kinder, die wir längst keine Kinder mehr sind, vor allem ihr „Bah!“, ein Laut der satten Freude – durchaus nicht das schlechteste, was von einem Menschen in Erinnerung bleiben kann. Tante, die eigentlich unsere Großtante war: Heute ist ihr Geburtstag und ihr Todestag, und ich denke an sie.

Dienstag, 26. August 2014

Dienstagabend

Der Blick von diesem Typen am Radwegrand, von Weitem schaut er mir entgegen, fixiert mich, der ist im Wahn, denke ich, und dass ich den Blick jetzt bloß nicht persönlich nehmen darf, die Angriffslust, die er ausstrahlt, hellwach sieht er aus, wie auf dem Sprung in ein komplett anderes Universum. Und denkt wahrscheinlich, er könnte mit seinen Gedanken uns Fahrradfahrer steuern. Oder müsse uns abwehren. Was weiß denn ich und bin auch schon vorbei.
Irrlichternde Menschlein in dieser Stadt. Die junge Frau, die mir auf B.s Lesung eine getrocknete Rosenblüte in die Hand legte, eine Weile schweigend neben A. und mir stehenblieb und dann wieder verschwand. Der Mann, der in der U-Bahn die 50-Euro-Scheine zählte, einen ganzen Stapel davon hatte er dabei, blätterte sie immer wieder neben sich auf den Sitz, berauschtes Lächeln in die Runde. All die, die mit sich selber reden. Die lachen ohne Grund, tanzen ohne Musik, die langsam den Boden unter den Füßen verlieren. 

Montag, 25. August 2014

Montagabend

Zehn Uhr abends, und ich bin betrunken, jedenfalls fühlt es sich so an, aber in Wahrheit bin ich nur todmüde. Der Rausch der Werktätigen, haha. Heute gehört: „Ihr Gebiss ist wirklich in einem sehr gepflegten Zustand“, und obwohl ich weiß, dass ich das als Kompliment auffassen kann, muss ich doch kurz denken: Klingt, als wäre ich ein Pferd. Dabei würde man mit einem Pferd natürlich nicht so sprechen. Wie das wohl ist, die Zähne von anderen Leuten sauberzumachen?, die Frage stelle ich mir, aber nicht laut.
Im Büro dann der Praktikant an seinem vorletzten Tag, das Ende herbeisehnend, dabei äußerlich ganz gelassen, wie immer. Aber er sitzt mir schräg gegenüber, und ich kann sehen, was für ein Gesicht er macht. Hinter der zur Schau gestellten Höflichkeit ein gerüttelt Maß an Überheblichkeit, sind das alles Idioten hier, denkt er. Und ist dabei gezwungen, vom einen zum anderen zu dackeln und nach Aufgaben zu fragen, hast du noch was für mich, hast du vielleicht noch was, oder du, dass ihm das würdelos vorkommt, liegt auf der Hand, und dass er sich gegen dieses Gefühl wehren muss. Wenn er dann eine Aufgabe hat, erledigt er sie in Rekordzeit, natürlich macht er dabei Fehler. Fehler, auf die ich ihn nicht hinweise, die ich stillschweigend behebe, soll er doch bitte denken, er wäre uns allen überlegen, soll er doch bitte morgen seinen letzten Tag haben. Sollen doch bitte alle morgen ihren letzten Tag haben. Ich auch!
Zu Hause dann den ersten Kakao in diesem Herbst getrunken.
Und diese Fotostrecke bewundert.

Sonntag, 24. August 2014

Sonntagabend

Gelesen: „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann. „Und weißt du noch, wie zuversichtlich wir vor zehn Jahren gewesen sind?“, fragt Stella ihre Freundin Clara in einem Brief. „Beinahe verwegen. Und dabei ging es um nichts. Was wir wollten, ist das, was wir haben – Mann, Kind, Dach über dem Kopf, ein abgeschlossenes Leben.“ Und Clara schreibt: „Früher habe ich mir manchmal vorstellen können, ich wäre jemand anders. Heute bin ich nur noch ich selber. Müde und überfordert.“ Und Stella? „Sie ist gerne allein, früher war sie nicht gerne allein, so einfach ist das, sie weiß nur nicht mehr genau, wann diese Veränderung eigentlich eingetreten ist.“ Das ist es, was mir an dem Roman eigentlich sehr gut gefallen hat. Dieses Thema. Wie man sich selber langsam, ganz schleichend aus dem Blick verlieren kann, einhergehend mit einem Misstrauen sowohl dem eigenen Leben gegenüber als auch dem Wunsch nach Veränderung. Genauso unheimlich im Grunde, wie wenn der Stalker hundertmal klingelt.
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Wikipedia-Fund der Woche (und ewiges Bedauern, nicht Soziologie studiert zu haben): Behaviorem.  „Einige Begrüßungsrituale (erste Hälfte 20. Jahrhundert): Hände an Hosennaht und Verbeugung – Österreich, Deutschland, Argentinien.” Hände an Hosennaht! Finde ich ja urkomisch, weiß aber bei näherer Betrachtung überhaupt nicht, warum. Wie so oft.
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Mal wieder Lust zu malen, mal wieder Lust zu tanzen, mal wieder Lust zur Schule zu gehen. Mal wieder eine Funktion f von x bestimmen, mal wieder eine Gedicht interpretieren, mal wieder Vokabeln lernen, mal wieder die Sportsachen zu Hause vergessen. 

Samstag, 16. August 2014

Büble


Immer, wenn ich an dem Werbeplakat fürs Büble-Bier vorbeifahre, muss ich an M. denken, genauer: wie er auf der Rückfahrt von R.s und B.s Hochzeit sich ein Büble-Bier aufmachte, es war ein heißer Tag, K. saß am Steuer und ich auf dem Beifahrersitz, hinten M., neben ihm zwei Kästen ungetrunkenes Bier, vier Tage lang waren wir auf dem Land gewesen mit allen Freunden, Bekannten und Verwandten von R. und B., und B.s Vater hatte in seiner Hochzeitsrede gesagt, er könne es nicht begreifen, dass die jungen Menschen nun wieder auf die Idee kämen zu heiraten, das widerspreche allen Idealen, die er als junger Mensch gehabt hätte, und R.s Vater hatte in seiner Hochzeitsrede gesagt, dass in einer Ehe immer einer nach den Sternen schauen müsse und einer nach dem Sturm, und R. und B. hatten eigentlich von Anfang an furchtbar angestrengt ausgesehen, sodass ich mich fragte, für wen machen sie diese Feier eigentlich, für sich selbst ja offensichtlich nicht, und die jeweiligen Familien wären allem Anschein nach lieber unter sich geblieben, und wir, die Freunde, wir hatten uns am Ende auch nichts mehr zu sagen und saßen schweigend im Auto, im Stau. Es war so um die Mittagszeit, und M. sagte plötzlich, ich glaube, ich mach mir ein Bier auf, und wir lachten, und M. fragte, wollt ihr auch. Und dass Büble-Bier irgendwann mal auf Plakaten beworben werden würde, war damals noch gar nicht abzusehen, soweit ich weiß, hatte B. die Kästen selber aus seiner Heimat herangekarrt, niemand kannte die Sorte. Schmeckts denn, fragte ich, und M. sagte, ist halt warm, und dann schwiegen wir wieder. M. mit seinen großen Augen, dem immer etwas erschrocken wirkenden Blick, inzwischen selbst verheiratet, aber als das gefeiert wurde, gehörte ich dem Freundeskreis schon nicht mehr an, inzwischen Vater einer Tochter, wie ich hörte, gesehen habe ich ihn seit Jahren nicht mehr.