Freitag, 19. Juni 2015

Als ich vor drei Jahren

Als ich vor drei Jahren auf einer Lesung von Laurie Penny war, damals stellte sie ihr Buch Fleischmarkt vor, fand das in einer kleinen Buchhandlung im Prenzlauer Berg statt, vor etwa dreißig Leuten. Für die Lesung im SO36 vergangenen Mittwoch waren 200 Karten allein im Vorverkauf weggekommen, und als ich ankam, um viertel vor sieben – die Abendkasse sollte um sieben öffnen – war da schon eine Menschenschlange, die bis um die nächste Straßenecke ging. Ich war zur Lesung mit L. verabredet. Aber lass uns das doch nicht machen, sagte ich. Lass uns unsere eigene feministische Lesung veranstalten. Gegenüber vom SO36, vor dem Bateau Ivre, wurden gerade zwei Plätze frei, also setzten wir uns dorthin, wie so Münchner, sagte L., und tranken Weißweinschorlen.
Es stimmt nicht, was im Internet steht, es ist niemand außen vor geblieben, am Ende sind alle reingekommen, das können L. und ich bezeugen. Sogar wir hätten noch rüberhuschen können, als die Türsteher_innen mit jetzt-aber-schnell-Winkbewegungen die letzten Leute einließen, aber da hatten wir gerade die nächsten Schorlen bestellt.
Wir sprachen nicht über Feminismus an diesem Abend. Warum auch, es ist ja alles gesagt. Oft und oft und von vielen.  
Aber wie oft denke ich im Gegensatz dazu: Oh nein. Das zähle ich nicht mit. Das nehme ich gar nicht mehr wahr. Das Oh-nein-Denken ist Normalität geworden. 
Ich bin meine eigene feministische Großmutter, und ich habe in meinem Leben nichts erreicht.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Und dann der Exkollege

Und dann der Exkollege, der längst woanders PR macht, aber trotzdem noch mal zum Mittagessen vorbeikommt, entspannt sei sein neuer Job, erzählt er, und dass er plane, einen Blog zu starten und damit zusätzlich Geld zu verdienen, er habe da so einen Artikel gelesen, fünf- bis fünfzehntausend Euro würden manche Blogger im Monat machen, fünfhundert Euro allein für eine auf Instagram hingehaltene Uhr, und das bei einer Followerzahl, wo er denken würde: Das bekomme ich auch noch hin. Und Freunde von ihm hätten einen Reiseblog gestartet, vor einem Jahr erst, und die würden jetzt schon überallhin eingeladen und um die ganze Welt jetten. Und worum solls auf deinem Blog gehen?, frage ich, Lifestyle, sagt er, Reisen, Essen natürlich auch. Natürlich, ich nicke, sehe den Blog schon vor mir, nettes Layout, tolle Fotos, locker geschriebene Texte, diese ganz spezielle Stimmung verströmend, die Lifestyle-Blogs nunmal verströmen, die Welt ist voller schöner Dinge, sagen sie einem, entdecke sie, entdecke dich selbst, vergiss nicht, wie kostbar das Leben ist, wie wertvoll jede einzelne Sekunde, genieße sie, konsumiere sie, los kauf das, kauf mir das ab. Das könnte ich auch, denke ich kurz, gleich hier mein Mittagessen fotografieren, einen geheimnisvollen, verführerischen Blognamen überlegen und den ersten Post verfassen, das eigene Leben, Kochen, Reisen einmal durch die kapitalistische Verwurstungsmaschinerie drehen, ohne Darm bitte, und die Pommes mit Mayo, und bald zeige ich für fünfhundert Euro irgendwelche Uhren in die Kamera, ja warum eigentlich nicht. Später beim Yoga hält die Lehrerin ihr iPhone hoch, ihr wisst alle, dass das ein iPhone ist, sagt sie, und was man damit machen kann, aber andere Menschen, aus Ländern, die technisch nicht so weit entwickelt sind, die wissen das nicht, und während ich noch rätsele, welche Länder sie da wohl konkret meinen mag (wahrscheinlich „Afrika“, haha, denke ich), leitet sie über zu: Seht ihr, die Dinge haben immer nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. Die Dinge an sich sind leer. Und so, sagt sie, sei es auch mit Menschen, denen wir begegneten, und dem, was uns geschehe, und ich denke, wenn mir jetzt aber ein Mensch begegnet, der mir seine Faust mitten ins Gesicht ballert, soll ich dem dann auch erst selber die Bedeutung geben? Und hat sonst jemand im Raum gerade noch solche Gedanken, oder finden alle anderen das nun wirklich erhellend oder bereichernd oder sonstwie inspirierend? Neulich hat eine andere Lehrerin erzählt, dass die Moleküle unserer Fußsohlen und die Moleküle des Bodens einander abstoßen würden, sodass wir im Grunde immerzu schweben, und dann denke ich, dass ich darüber mal einen Blogeintrag verfassen müsste: Was ich am Yoga zweifelhaft finde, und damit habe ich mich schon wieder rauskatapultiert aus der Sparte Lifestyleblogs und bin wieder hier.

Hier wenigstens ein Bild von dem Kokosdrink, den ich trank, während ich diesen Eintrag verfasste. Ja, ist lecker. Kokosdrinkhersteller können mich gerne kontaktieren.

Freitag, 5. Juni 2015

Und wovon


Und wovon brauchst du wirklich Urlaub, fragt Ingo, wir radeln nebeneinander her durch den Park am Gleisdreieck, vorhin im Unterricht habe ich verkündet, dass ich den Sommerkurs, der bei der Lehrerin privat stattfindet, nicht mitmachen werde, ich brauche mal Urlaub von der Sprache, habe ich gesagt, aber Ingo ist Psychologe und fragt nach. Ach, sage ich, es ist warm, der Himmel bewölkt und auf den Parkwiesen sitzen die Kids in kleinen Gruppen, so darf man sich also eine Jugend in Berlin vorstellen, denke ich, man trifft sich abends mit seinen Freunden im Park am Gleisdreieck, eigentlich auch von der Lehrerin, sage ich, die hat so was Trauriges seit zweidrei Monaten, so was dermaßen Trauriges, dass man denkt, vielleicht ist in ihrem Leben was passiert, jemand ist gestorben oder krank, jemand fehlt ihr oder etwas, jedenfalls macht ihr das mit uns keinen Spaß mehr, und mir auch nicht mehr mit ihr. Und auch vom Unterricht brauche ich Urlaub, von dem Gefühl, wenn ich fleißiger wäre, würde ich vielleicht vorankommen, aber ich bin nicht fleißig und komme nicht voran, es ist wie damals in der Schule. Wovon noch?, Ingo muss gar nicht fragen, ich setze die Aufzählung stumm alleine fort, von meinem Job brauche ich Urlaub, von der Langeweile und der Stupidität und der Arbeitswut, von meinen Kollegen, von der Frage, und was machst du heute zu Mittag, die mittlerweile jeden verdammten Tag gestellt wird, sogar vom Feierabend brauche ich Urlaub, davon, nach Hause zu kommen und erst mal gar nichts mit mir anfangen zu können. Ich brauche Urlaub von meiner Wohnung, in der immer noch die Umzugskartons zusammengefaltet an der Wand stehen, in der immer noch die nackten Glühbirnen von der Decke hängen, und von der Aussicht, dass das noch monatelang so bleiben wird. Und wovon wirklich?

Sonntag, 31. Mai 2015

Das Brot vom Vortag

Und dann der Mann, der vor dem Brotregal im Kaisers am Kotti neben mir steht und auf den Korb deutet, in dem die Brote vom Vortag zum halben Preis liegen, die sind auch gut, sagt er, und kosten nur einszehn. Ja, die sind auch gut, sage ich, weil ich das wirklich glaube, Brot, zumal ungeschnittenes, wird ja nicht so schnell schlecht. Trotzdem nehme ich mir ein frisches Brot aus dem Regal. Und sogleich schießt mir durch den Kopf, was ich sagen könnte, müsste ich mich dafür verteidigen. Dass die Brote vom Vortag mir alle zu groß sind, oder dass ich genau das mit den Sesamkörnern haben will. Dabei muss ich mich gar nicht verteidigen. Ich möchte lieber ein frisches Brot. Brot vom Vortag für einszehn zu kaufen ist für mich eine Art von Sparsamkeit, die sich nach Armut anfühlt, und dieses Gefühl will ich nicht haben. Muss ich auch nicht, ich bin nicht arm. Warum mich der Mann auf die Brote für einszehn wohl hingewiesen hat? Weil er dachte, ich sehe die nicht? Weil er nicht versteht, warum irgendjemand ein Brot zum Normalpreis kaufen sollte, wenn das für einszehn auch gut ist? Dass ich gerade von einer Yogastunde komme, die im Einzelpreis siebzehn Euro kostet, das sage ich dem Mann natürlich nicht, dass ich wie die Gentrifizierung in Person vor kurzem in eine komplett sanierte Altbauwohnung gezogen bin, die fast doppelt soviel kostet wie vor der Sanierung. Überhaupt nichts sage ich zu dem Mann. An der Kasse steht er zufälligerweise wieder hinter mir, eine Packung Käse legt er noch aufs Band, auch billig, aber sicher auch nicht schlecht, und noch zweidrei Sachen, ein Einkauf für unter sechs Euro, schätze ich, und zahle, stecke meine plötzliche Beklemmung – das könnte dein Einkauf sein – weg, als wärs mein Portemonnaie, und gehe, das frische Brot in der Tasche.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Endlich die vertrockneten Lilien weggeräumt,


die schon viel zu lang auf meiner Fensterbank standen, längst tote Blumen, traurig. Ich mag keine Lilien, seit ich mir mal einen ganzen Strauß davon kaufte und von ihrem Duft stechende Kopfschmerzen bekam, seit ich einmal bei Domian eine angehende Bestatterin sagen hörte, sie wisse jetzt auch, wozu all die Blumen bei Aufbahrungen gut sind. Der gelbe Staub der Lilienpollen auf meiner Fensterbank, und gleich der Gedanke an die Fernsehreportage über irgendein Luxushotel mit Lilien im Badezimmer und wie der Manager sagte, es gebe einen Angestellten, dessen Aufgabe es sei, täglich die Lilienpollen zu entfernen, damit sie ja keine Flecken auf der Gästekleidung, den Bademänteln und Handtüchern hinterlassen. Die Vorstellung, das sei die einzige Aufgabe dieses Angestellten, ich bin Lilienpollenentferner im Luxushotel, und das anerkennende Nicken in jeder Smalltalkrunde, ein verantwortungsvoller Job, dochdoch, durchaus.

Montag, 27. April 2015

Arbeitswut


Wie mein ehemaliger Chef, der inzwischen nur noch freier Mitarbeiter ist, und als solcher sich dermaßen ins Zeug legt, dass alle sich verwundert die Augen reiben, wie der also mir gegenüber andeutet, die Firma könne eventuell demnächst wieder verkauft und von jemand anderem aufgekauft werden, wir sitzen nebeneinander auf einem Eingangsbereichssofa (nehmen Sie noch ganz kurz Platz) und warten. Und ich frage: Wer will uns denn noch?, und er sagt, dochdoch, da gäbe es sicher Interessenten, da müsse man nur mal über den Richtigen stolpern, das könne ganz schnell passieren, er sagt: Und ihr seid ja auch nicht teuer, B. und M. und du, und dann die Büromiete, das ist ja nichts, wo man hintenüberkippen würde. Gut, der E., der sei teuer. Und du, denke ich, bestimmt auch. Aber wir ja nicht. Nach dem Termin sagt er, ich solle doch ein kleines Gedächtnisprotokoll schreiben, was wir so besprochen hätten, nicht wahr, er würde dann natürlich noch ergänzen. Und E., der teure E., für den ich ein Textchen geschrieben habe, ist nicht zufrieden damit, sagt mit einer Betretenheit, mit einem großen Bedauern (es tut uns Leid, Ihnen mitteilen zu müssen): Du ich finde das nicht gut, tröpfchenweise gibt er mir dann die Informationen, die ich brauche, damit das Textchen besser werden kann, gib mir diese Infos doch gleich, denke ich, plötzlich wütend, kommt selten vor, aber dann gleich sehr, gleich Hass auf die Arbeit, gleich Sinnlosigkeit, schlimm. Und auch wenn es Bürogefühle sind, sind es doch Gefühle, Arbeitswut, haha, die auch nach Feierabend nicht so schnell verpufft, wie ich es gerne hätte.