Mittwoch, 13. Mai 2015

Endlich die vertrockneten Lilien weggeräumt,


die schon viel zu lang auf meiner Fensterbank standen, längst tote Blumen, traurig. Ich mag keine Lilien, seit ich mir mal einen ganzen Strauß davon kaufte und von ihrem Duft stechende Kopfschmerzen bekam, seit ich einmal bei Domian eine angehende Bestatterin sagen hörte, sie wisse jetzt auch, wozu all die Blumen bei Aufbahrungen gut sind. Der gelbe Staub der Lilienpollen auf meiner Fensterbank, und gleich der Gedanke an die Fernsehreportage über irgendein Luxushotel mit Lilien im Badezimmer und wie der Manager sagte, es gebe einen Angestellten, dessen Aufgabe es sei, täglich die Lilienpollen zu entfernen, damit sie ja keine Flecken auf der Gästekleidung, den Bademänteln und Handtüchern hinterlassen. Die Vorstellung, das sei die einzige Aufgabe dieses Angestellten, ich bin Lilienpollenentferner im Luxushotel, und das anerkennende Nicken in jeder Smalltalkrunde, ein verantwortungsvoller Job, dochdoch, durchaus.

Montag, 27. April 2015

Arbeitswut


Wie mein ehemaliger Chef, der inzwischen nur noch freier Mitarbeiter ist, und als solcher sich dermaßen ins Zeug legt, dass alle sich verwundert die Augen reiben, wie der also mir gegenüber andeutet, die Firma könne eventuell demnächst wieder verkauft und von jemand anderem aufgekauft werden, wir sitzen nebeneinander auf einem Eingangsbereichssofa (nehmen Sie noch ganz kurz Platz) und warten. Und ich frage: Wer will uns denn noch?, und er sagt, dochdoch, da gäbe es sicher Interessenten, da müsse man nur mal über den Richtigen stolpern, das könne ganz schnell passieren, er sagt: Und ihr seid ja auch nicht teuer, B. und M. und du, und dann die Büromiete, das ist ja nichts, wo man hintenüberkippen würde. Gut, der E., der sei teuer. Und du, denke ich, bestimmt auch. Aber wir ja nicht. Nach dem Termin sagt er, ich solle doch ein kleines Gedächtnisprotokoll schreiben, was wir so besprochen hätten, nicht wahr, er würde dann natürlich noch ergänzen. Und E., der teure E., für den ich ein Textchen geschrieben habe, ist nicht zufrieden damit, sagt mit einer Betretenheit, mit einem großen Bedauern (es tut uns Leid, Ihnen mitteilen zu müssen): Du ich finde das nicht gut, tröpfchenweise gibt er mir dann die Informationen, die ich brauche, damit das Textchen besser werden kann, gib mir diese Infos doch gleich, denke ich, plötzlich wütend, kommt selten vor, aber dann gleich sehr, gleich Hass auf die Arbeit, gleich Sinnlosigkeit, schlimm. Und auch wenn es Bürogefühle sind, sind es doch Gefühle, Arbeitswut, haha, die auch nach Feierabend nicht so schnell verpufft, wie ich es gerne hätte.

Sonntag, 22. März 2015

Gegen zwanzig vor elf

Gegen zwanzig vor elf versammeln sich die Leute aus den umliegenden Büros unten auf dem Hof, geht das jetzt los mit der Sonnenfinsternis, frage ich, meine Kolleginnen und ich schauen aus dem Fenster, keine von uns hat eine dieser Spezialbrillen dabei, mit denen man gefahrlos in die Sonne schauen kann, und auch die Leute unten auf dem Hof haben nicht alle eine, manche schauen durch ihr Handy, einige schneiden eine goldglitzernde Rettungsdecke in Streifen und halten sie sich vors Gesicht, einer hält sich einen Karton über den Kopf, eine Lochkamera. A. macht schnell auch so einen Karton zurecht, ich werfe einen Blick auf die winzige leuchtende Sichel, die innen an der braunen Pappwand erscheint, und bin merkwürdig gerührt. Meine Kolleginnen gehen nun doch raus, ich nicht. Ich habe Kopfschmerzen von dem einen Bier zuviel, das ich gestern nach dem Treffen mit F. noch getrunken habe, und was F. gesagt hat und wie, geht mir nach, dass man sich wirklich und ernsthaft nicht darauf vorbereiten könne, wie es sei, ein Kind zu haben, und er sprach davon nicht mit dem Ergriffenheitspathos junger Väter, sondern mit einem ernsten, fast forscherhaften Interesse an der Unfassbarkeit mancher Dinge. F. ist so einer, mit dem ich gerne befreundet wäre, und bei dem ich keine Chance habe, nicht, weil er mich nicht sympathisch finden würde, sondern weil er schon ein ganz und gar vollständiges, eingefasstes und gut funktionierendes Leben hat, in dem gar kein Wunsch aufkommt nach neuen Freunden. Aber vielleicht denke ich mir das nur so, denke ich, einen hochkalorischen Vanilledrink in mich hineinkippend, den E. mir neulich geschenkt hat, Astronautennahrung, sagte er mit seinem strahlenden Lächeln, das seine Fähigkeit aufblitzen lässt, sich für etwas vollkommen zu begeistern; eine Fähigkeit, die mir abgeht und die ich an anderen beneide. Dass überhaupt eine Sonnenfinsternis ansteht, habe ich erst vor zwei Tagen mitbekommen, als ich am Fielmann im Karstadt am Hermannplatz vorbeiging; an jedem einzelnen Spiegel klebte ein Zettel mit der Info, man verkaufe hier keine Spezialbrillen für die Sonnenfinstenis, und es reizte mich sehr, nun einen der Verkäufer doch danach zu fragen. Bei der letzten Sonnenfinsternis, daran erinnere ich mich genau, wurden diese Brillen überall angeboten, es gab einen richtiggehenden Sonnenfinsternis-Hype und von der Schule wurden Ausflüge organisiert zur Sonnenfinsternisbeobachtung, ich nahm nicht daran teil, im selben Jahr wurde ich volljährig, wie habe ich diesen Geburtstag eigentlich gefeiert, mit Freunden? Hatte ich damals Freunde? Schon damals jedenfalls hieß es, die nächste Möglichkeit, eine Sonnenfinsternis zu beobachten, bestünde erst im Jahr 2015, lächerlich weit schien mir das in der Zukunft zu liegen, eine Jahreszahl wie ausgedacht.

Mittwoch, 18. März 2015

Haben Sie fünfzig Cent


Haben Sie fünfzig Cent für was zu essen, ich habe gar kein Essen, sagt eine Frau auf der Straße zu mir, es klingt sorglos, heiter, fast albern, wie ein Kinderreim, der ihr nicht aus dem Kopf geht und den sie mit comicfigurenhaft verstellter Stimme aufsagt. Ich sortiere seit neuestem die 10- und 20-Cent-Münzen aus meinem Portemonnaie und bewahre sie in meiner Jackentasche auf, griffbereit, um jedem etwas zu geben, der mich anspricht, keine Unterschiede mehr machen jetzt, ich reiche der Frau ein paar Münzen, es sind nicht ganz fünfzig Cent, aber das scheint egal zu sein. Erst später erinnere ich mich an diese andere Frau, die mich mal am Kanal ansprach und die sagte, sie bräuchte Geld für ein U-Bahn-Ticket, ich gab ihr fünfzig Cent, und sie sagte, das würde aber nicht reichen, und ich sagte, mehr hätte ich nicht, was gelogen war, sagte, sie müsse halt noch jemand anderen fragen, so pädagogisch, dass ich mich heute dafür schäme, warum habe ich ihr nicht einfach das Geld für ein Ticket gegeben, fertig, und alles weitere nicht mein Problem. Jetzt sind Sie gefragt, steht im Brief vom Gasanbieter, der mich darauf hinweist, dass ich den Abschlag nicht komplett bezahlt habe, was daran liegt, dass mir die neu berechnete Abschlagshöhe nicht mitgeteilt wurde, aber klar, jetzt bin ich gefragt. Vollidioten, der Kernassi-Tonfall von dem Typen, der mir neulich den Kühlschrank hier hochgeschleppt hat, alleine, auf seinem Rücken, nachdem zwei seiner Kollegen zuvor an der Treppenhaussituation gescheitert und unverrichteter Dinge wieder abgezogen sind, aber das lag nicht am Treppenhaus, das lag daran, dass das Vollidioten waren!, achso?, na dann. Die Männerschritte des Nachbarn über mir, die Bässe der Nachbarin unter mir, dazwischen ich mit meinen Gedanken an die Erdbeeren, die ich in den Balkonkästen pflanzen will.

Mittwoch, 28. Januar 2015

In der U-Bahn

In der U-Bahn hat ein Typ den Standardspruch der Obdachlosenzeitschriftenverkäufer zusammenschrumpft, aus „Hätten Sie vielleicht Interesse an der Motz, oder eine kleine Spende“ wird „Hätten Sie vielleicht Interesse an einer kleinen Spende“, was mir im Nachklang erst auffällt, nachdem der Typ schon wieder ausgestiegen ist, ins Gesicht geschaut habe ich ihm nicht. Die junge Frau gegenüber spricht mit Schauspielerinnenstimme ins Telefon, auf angenehm getunt und überartikuliert, tatsächlich arbeitet sie wohl im Krankenhaus, sie erwähnt OPs, die umverlegt worden seien und erzählt dann von den Franzosen, die jetzt bei ihr zu Hause für sie kochen und mit denen sie später noch ein Bier trinken geht. Eine Bank weiter reden zwei Männer miteinander italienisch, klares, reines, wunderschönes Italienisch, ich verstehe alles, was sie sagen, dabei beherrsche ich die Sprache gar nicht, ich könnte ihnen ewig zuhören.

Sonntag, 25. Januar 2015

Noch eine Woche

Noch eine Woche in der kleinen Wohnung, von der ich dachte, dass ich ihr einen Abschiedsbrief schreiben würde, tschüss kleine Wohnung, in der ich fast neun Jahre gewohnt habe, so und so warst du und so und so war ich in dieser Zeit, aber jetzt bin ich gar nicht mehr in der Stimmung.
Das wars schon, ich hab schon Abschied genommen, vielleicht als ich die Bücher in die Kisten gepackt und angefangen habe, die Fenster und Türen zu streichen, vielleicht schon viel früher, vor einem Jahr, als die Hoffnung auf die Wohnung, in die ich nächstes Wochenende tatsächlich ziehe, wie ein Silberstreif am Horizont erschien, oder vor drei Jahren, als – damals noch in einem anderen Leben, damals noch mit K. – der Umzug in eine gemeinsame Wohnung beinahe greifbar war, und wie das dann scheiterte, und wie K. und ich dann scheiterten, und wie dieses Scheitern seine Kreise in meinem Leben zog; ein Stein, in den See geworfen, die Ringe, die sich auf der Wasseroberfläche ausbreiten, zum Ufer hin verschwinden.
Anfangs habe ich gedacht, ich bleibe hier nur zwei oder drei Jahre, habe ich immer gerne erzählt, aber dann, nach zwei oder drei Jahren, waren alle größeren Wohnungen schon zu teuer geworden. Als ich hergezogen bin, gab es hier noch gar nichts, habe ich immer gerne erzählt, und als das Freie Neukölln aufmachte, berichtete man sich im Gerüchte-Tonfall davon, hast du gehört, in der Pannierstraße hat jetzt eine Kneipe aufgemacht. Inzwischen kann man an der Ecke von einer Bar in die nächste stolpern, das Freie Neukölln aber hat vor kurzem wieder zugemacht, der Besitzer gab dazu ein Interview, für das er auf meinem Facebook tüchtig verhöhnt wurde; eine Kneipe für Seinesgleichen gründen, aber sich dann beschweren, wenn plötzlich zuviele dieser Seinesgleichen angetanzt kommen.
Während ich hier wohnte, wurden um die Ecke Carlofts gebaut, Apartments mit Autoaufzug, und sogenannte New-York-Lofts, die erst keiner haben wollte, mit einem Restaurant im Erdgeschoss, an dem sich mehrere Betreiber versucht haben, jetzt wird dort Schickimickiküche serviert von einem der Loftbesitzer, wie ich vermute, seiner Kundschaft gehts gut, das kann man sehen, so wie es immer mehr Leuten in diesem Viertel immer besser und besser geht, was natürlich daran liegt, dass es nicht mehr dieselben Leute sind wie früher.
Meine Wohnung erinnert mich halt daran, dass ich nie so richtig über den Studentenstatus hinausgekommen bin, habe ich in den letzten Jahren schließlich gerne erzählt, und F. war der Einzige, der dazu etwas Hilfreiches zu sagen hatte, nämlich dass es doch auch etwas Widerständiges habe, in einem Viertel, in dem alles immer teurer wird, an dem festzuhalten, was man sich schon immer leisten konnte und immer leisten können wird. Aber nicht mal das stimmte so ganz, ich hatte hier Staffelmiete, auch meine Wohnung wurde immer teurer und ich will nicht wissen, für wieviel der Vermieter sie als nächstes loswird.
Ach, kleine Wohnung. Ich weiß noch, was ich als erstes hierherbrachte, meine Schreibmaschine und ein Poster von Papst Benedikt, das ich auf der Buchmesse bei irgendeinem katholischen Kleinverlag hatte mitgehen lassen. Meine dämliche Mitbewohnerin schenkte mir zum Abschied von der WG eine Packung Taschentücher, mit Rosendekor, für den Fall, dass doch mal ein Tränchen der Einsamkeit fließen sollte. Tatsächlich hatte ich ein bisschen Angst vor dem Alleinewohnen, aber kaum hatte ich damit angefangen, fand ich es herrlich und fragte mich, warum ich das nicht schon viel früher gemacht hatte. Das Unbeobachtetsein, das Tun und Lassen, was man will, die Freiheit vom Kommunikationszwang, nur dass in der Putzordnung mal jemand anderes dran wäre als ich, das hätte ich manchmal gerne gehabt.
Als ich in einer der ersten Nächte das dumpfe Stampfen und Hämmern hörte, dachte ich noch, da wäre eventuell eine Fabrik im Nebengebäude, mit unablässig stampfenden und hämmernden Maschinchen, die seltsame Vorstellung, dass in dieser Fabrik Briefumschläge hergestellt würden. Dabei war es natürlich die Disco, von der ich beim Einzug nichts wusste, im Keller des Hauses nebenan. Irgendwann fand dort jeden Tag eine Technoparty statt, und wir Nachbarn taten uns zusammen und reichten eine Lärmbeschwerde bei der Stadt ein, kurz darauf gab es eine Drogenrazzia in der Disco und sie musste schließen, kurz darauf gab es neue Betreiber und das Stampfen und Hämmern kehrte wieder, seltener, aber doch. Ich gewöhnte mich daran, genauso wie jeden Frühling wieder an den Lärm der Autowerkstatt, wo bei milderen Temperaturen alle Arbeiten im Freien erledigt werden.
Wie heiß es hier im Sommer immer geworden ist, Südseite und unter dem Dach. Und wie kalt im Winter, Altbau und uralte Fenster. Und von den Menschen möchte ich gar nicht erst anfangen, all den Menschen in diesen fast neun Jahren, die gekommen sind und wieder gegangen oder geblieben, oder die vorher schon da waren und jetzt nicht mehr oder immer noch. Die mich hier besucht haben, und die die Wohnung alle, alle mochten. Aber jetzt wohne ich wirklich nicht mehr hier, ich bleibe nur noch kurz. Tschüss, kleine Wohnung. Tschüss, ihr neun Jahre, ich weiß, ihr kommt nie wieder.