Freitag, 12. Dezember 2014

In der U-Bahn


auf dem Hinweg eine blinde Frau mit ihrem Begleiter, dir macht es doch nichts aus, ein paar Stationen zu stehen, sagt er zu ihr, die Plätze sind besetzt von Grundschulkindern, einige von ihnen werden bald auf die Frau aufmerksam, mustern sie stumm und nachdenklich, eine Bank weiter spielt ein Mädchen Schach auf ihrem Handy, Chess!, wirft der Junge ihr gegenüber auftrumpfend ein und erklärt, ohne dass sich jemand dafür interessiert, was sie alles mit der Dame machen kann. Bei den Erwachsenen in seinem Umfeld, kann ich mir vorstellen, rufen solche Erläuterungen regelmäßig Begeisterungsstürme hervor, bei den Kindern in seiner Klasse blitzt er damit ab. Dann entdecke ich plötzlich M. und taumele durch das halbe U-Bahn-Abteil auf ihn zu, kurz liegen wir uns in den Armen, ich lobe ihn schnell für seine Fahrt aufnehmende Karriere als Comedy-Star, er bedankt sich und sagt gleich, aber es sei viel Arbeit, sich immer wieder bei Veranstaltern anzubieten, Arbeitsproben zu sammeln, wichtig: ins Fernsehen zu kommen; Klinken putzen, denke ich und bin doch überrascht, dass es das ist, was er als erstes betont. Und von wo nach wo ziehst du um? Von Kreuzberg nach Kreuzberg! Akkurate Entscheidung, sagt er und muss schon aussteigen, zusammen mit der Grundschulkinderschar. Weil der neue Vermieter auf mein Klingeln nicht öffnet und auf dem Messingschild am Eingang steht, sein Büro sei im fünften Stock, betrete ich das Haus, als jemand anderes es verlässt, stiefele bis ganz nach oben und lese in meinem Buch weiter. Nach einer halben Stunde rufe ich den Vermieter an, ich warte auf Sie, sage ich, und er: Und ich auf Sie, aber Sie müssen halt klingeln, ich: Das hab ich, ich sitze hier vor Ihrer Tür, er: Nee, ich: Doch! Wie sich herausstellt, hat der Vermieter sein Büro inzwischen im Erdgeschoss, oben wohnt nur noch sein Vater, er hat das Schild an der Haustür nie geändert, und die Klingel war ausgestellt, warum auch immer, her mit dem Mietvertrag!, unterschrieben, endlich, hätten wir das auch. In der U-Bahn auf dem Rückweg ein Typ, der mir schräg gegenüber allein auf seiner Bank sitzt, aber wahllos mal in meine Richtung ein bisschen was aus seinem Leben erzählt, vernuschelt und verwaschen und ohne dass es ihm wohl darauf ankommt, verstanden zu werden oder eine Antwort zu bekommen. Ja nee warum eigentlich nicht sich manchmal einfach irgendwohin setzen und so ins Leere reden, immer wieder diese Momente, wo es mir unbegreiflich erscheint, dass so viele Menschen es schaffen, sich an die gesellschaftlichen Konventionen zu halten, nicht weiter aufzufallen, niemals auszuflippen, niemals auch nur kurz davor zu stehen – die wahre Kunst: das Leben zu meistern.

Dienstag, 18. November 2014

Zu dumm


Die sind zu dumm zum Scheißen!, brüllt der neue Chef ins Telefon, die Tür zu seinem Büro ist weit geöffnet, die Praktikantin, die er vom Fleck weg als persönliche Assistentin engagiert hat und die ihm seitdem immer gegenübersitzen muss, findet das wahrscheinlich witzig (ich mag sie nicht, aber sie ist sehr jung und sie tut mir leid, eben weil sie so jung ist, und eben weil ich auch mal so jung war und so was wahrscheinlich witzig gefunden hätte, tue ich mir selber leid), der Kollege links von mir fragt leise: Aber der redet nicht von uns, oder?, da muss ich dann lachen. Schonmal habe ich für Chefs gearbeitet, die ich nicht mochte und habe es hinterher bereut. Und jetzt? Träume ich von einem Umzug in eine größere Wohnung, was, wenn mich die beiden Mitbewerber, die der Vermieter heute am Telefon erwähnte, nicht ausstechen, sogar wahr werden könnte. Nachdem ich jahrelang immer wieder geträumt habe (und zwar nachts, nicht tagsüber), meine Wohnung wäre viel größer als in Wirklichkeit, da gäbe es weitere Räume, von denen ich sogar wüsste, aber die ich aus irgendeinem Grund nie benutzt hätte, und ich würde durch diese Räume wandeln und mich fragen – warum, warum habe ich hier nicht gewohnt, mich ausgebreitet, alle Räume in Besitz genommen, mich immer nur auf so einen kleinen Teil beschränkt – warum? Man übertrage diesen Traum wahlweise auf meine Persönlichkeit oder auf meine Art, mein Leben zu leben, und denke sich seinen Teil. G. jedenfalls, dem ich neulich von diesem Traum erzählte, musste ziemlich lachen. Nach Feierabend spricht die Praktikantin von der ehemaligen Chefin als „Trulla“, mit einer Selbstsicherheit, bei der ich denke: Stimmt schon, die meisten Kollegen würden ihr jetzt beipflichten. Ich aber wittere mal wieder Misogynie und mache bloß große Augen.

Donnerstag, 6. November 2014

Das Fahrrad: Nachtrag

Wie sich heute früh herausstellte, war nur der Stecker locker, der die Lichtkabel mit dem Dynamo verbindet. Dass mir da wohl jemand den Stecker gezogen hatte, haha, passt irgendwie auch hervorragend in die Wahnsinnsanalogie der ganzen Fahrrad-Geschichte. Bei der Internetrecherche zu Fahrradlicht-Problemquellen übrigens auf diesen Text gestoßen, über den ich ziemlich lachen musste. Und nun weiterhin gute Fahrt.

Mittwoch, 5. November 2014

Das Fahrrad

Das Fahrrad in die Werkstatt gebracht, das ich täglich fahre und das, wie sich herausstellte, nicht nur einen neuen Antrieb, sondern ein komplett neues Hinterrad brauchte, abgeholt, viel Geld bezahlt, Gute Fahrt gewünscht bekommen, einen Tag lang gute Fahrt gehabt. Dann fehlte nach Feierabend plötzlich die Kappe, die das Licht abdeckt.
Das Fahrrad in die Werkstatt gebracht, den Mechanikern beim Herumkramen in den Kramkisten zugeschaut, eine triumphierende Mechanikerfaust gesehen, als eine passende Kappe gefunden war, lachen müssen, wenig Geld bezahlt, Gute Fahrt gewünscht bekommen, einen Tag lang gute Fahrt gehabt. Dann funktionierte nach Feierabend das Licht plötzlich nicht mehr, weder vorne noch hinten.
Überlegt: Das Fahrrad jetzt wieder in die Werkstatt bringen? Nein, heimfahren, mich morgen drum kümmern, auf dem Weg von Polizisten angehalten worden, aber Sie haben da doch Licht!, gesagt bekommen, JA SCHON ABER UND UND UND geantwortet, mit wütendem Eifer meine Fahrrad-Leidensgeschichte dargelegt, kein Geld bezahlt, Aber fahren Sie vorsichtig gewünscht bekommen, zu Hause angekommen, beinahe heulen müssen.
An das Täschchen denken müssen mit dem Aufdruck „U can’t buy happiness but u can buy a bike and that’s pretty close“, das ich neulich auf einem dieser Hipster-Handwerkermärkte gesehen habe und hätte ich genug Geld dabei gehabt, hätte ich es gleich gekauft.
Dass es aber auch solche Dinge sind, die mich gerade dermaßen aus dem Takt bringen.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Lebensmittelmotten also.

Nun gut, man kann sich seine Feinde nicht aussuchen. Und wann habe ich sonst schon mal die Gelegenheit, entschieden gegen irgendetwas vorzugehen. Stunden vor dem Küchenregal verbracht, alles Offene aussortiert, alles Unverdächtige in Tupperdosen-Quarantäne verbannt, gewischt, gewischt, gewischt. Ob’s das jetzt war? Woher die Viecher kamen, weiß ich nämlich immer noch nicht. Derweil schickt M. eine Rundmail, Empfänger unsichtbar, liebe Berliner Freunde, und ob jemand Lust hätte, mit auf das Konzert am selben Abend zu kommen? Mails, die ich niemals verschicken würde, weil ich Angst hätte, dass entweder niemand mitkommt oder gleich mehrere Personen, die sich untereinander dann nicht verstehen. An M., die ich sicher ein dreiviertel Jahr nicht gesehen habe, schreibe ich zurück, dass ich dabei bin. Als wir uns abends treffen, ist sie in Begleitung einer Freundin, die, während M. mir noch vor Konzertbeginn kurz ihr aktuelles Herzeleid klagt, sagt, wir sollten das jetzt nicht persönlich nehmen oder ihr übel, aber sie würde lieber doch wieder nach Hause fahren und mit ihrem Freund telefonieren. Mit einem strahlenden Lächeln sagt sie das und dem inneren Leuchten einer Person, die vollkommen beseelt davon ist, auf die eigenen Gefühle zu hören. Mir fällt innerlich die Kinnlade runter, so unsensibel finde ich das M. gegenüber, die für eine halbe Minute auch etwas konsterniert wirkt und sich dann nichts mehr anmerken lässt. Das Konzert ist sehr schön. Gestern zum ersten Mal die Heizung angemacht, und jetzt auch noch die Zeitumstellung. Bald ist es um vier Uhr schon so dunkel, wie es im Sommer niemals wird; mir graut immer ein bisschen davor.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Deutsches Sympathieorchester

Netter Verleser neulich, gleich gedacht, da ist doch bestimmt schon jemand drauf gekommen, aber Google sagt: Nein. Dann eine Berufsbezeichnung dazu ausgedacht, Triangelistin im Deutschen Sympathieorchester, aber zu kokett, oder Artikeleröffnung: Gäbe es ein Deutsches Sympathieorchester, er/sie würde sicher die erste Geige spielen. Aber auf wen würde die Beschreibung zutreffen. Herbert Grönemeyer? Lebt der überhaupt noch in Deutschland?
Derweil grölt draußen schon wieder dieser Typ rum, ich weiß nicht, der ist neu, redet betrunken und vorwurfsvoll mit keine Ahnung wem. Zwischendurch kurze Pausen, ob und wer antwortet, ist nicht zu hören. Neulich das verlinkte Video irgendwo im Internet, gar nicht angeschaut, nur den Artikel dazu angefangen zu lesen, dass da jemand vom Balkon aus einen Typen gefilmt hat, der im Hof stehend seine Frau beschimpft, die sich wohl hinter einem der Fenster verbirgt, und dass dieser jemand, der das gefilmt hat, doch besser die Polizei hätte rufen sollen. Und heute irgendwo im Internet dieser Artikel, dass man aufhören sollte, die News zu lesen, dass man sich fragen soll, welche News aus dem vergangenen Jahr hat mein Leben wirklich beeinflusst? Natürlich auch diesen Artikel nicht zu Ende gelesen.
Am Kotti der Aushang mit der Reisewarnung, mehrsprachig, dass im Oktober verstärkt mit Polizeikontrollen zu rechnen ist. Und das läuft unter dem Namen „Mos maiorum“? Wie zynisch, denke ich. Und dass auch das News sind, die mein Leben nicht wirklich beeinflussen, schießt mir später durch den Kopf. Hallo, Privilegien. Soll ich euch was auf der Triangel vorspielen?