Samstag, 4. Februar 2017

35 Tage 2017

Dass Heiter Scheitern nach fast zwei Jahren wieder einen Podcast aufgenommen haben, hat mich sehr gefreut. Für mich – um eine der im Gespräch aufgeworfenen Fragen zu beantworten – bringen die drei auf jeden Fall mehr Glück als Unglück in die Welt (ein Bewertungskriterium, das ich fortan auch für mein eigenes Wirken übernehmen werde).
*
In einer „Nichts mehr zu tun, aber noch dasitzen müssen“-Bürosituation in der letzten Woche angefangen, Die Rekruten zu gucken. Mich daran erinnert, dass ich damals, in meinem früheren Leben, ab und zu auch mal mit Soldaten zu tun hatte, die als Patienten zu uns kamen. Und die, wie mir auffiel, wenn wir den Zeitplan nicht einhalten konnten, es offenbar gewohnt waren zu warten, klaglos, fraglos, vermutlich stundenlang hätten dasitzen können ohne ein sichtbares Zeichen der Unruhe oder des Unmuts. Dinge, die man offenbar beim Militär lernt.
*
Die Pilotfolge zu „I love Dick“, die auf Amazon zu sehen ist und die mir sehr gut gefallen hat (das Buch wird jetzt von Matthes & Seitz erneut herausgebracht, in der aktuellen Edit findet sich ein Auszug, der mich weniger gepackt hat (Hilfe, ich wandle mich von der Romanleserin zur Serienkonsumentin)) hat mich wieder auf Lhasa de Sela gebracht, deren Alben ich schon vor Urzeiten mal von H. bekommen habe. Ganz wunderbare Musik.
*
Bäm.

Sonntag, 29. Januar 2017

29 Tage 2017

Berlin: Internationale Tapeten – Farbenmischzentrale – Gardinenstudio
*
Essensideen, die wie eine Kriegserklärung klingen: Ich brate den Chicoree und esse ihn mit Parmesan!!!
*
Dreigroschenopern-Songtitel-Ideen für die heutige Zeit: „Ballade vom prekären Leben“, „Kinderwunsch-Duett“, „Das Lied vom Essenbestellen“.
*
Der Futblog meldet sich ab. Mit einer Begründung, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Wahrscheinlich kennen das viele: Hielt man seine eigene Meinung vor ein paar Jahren noch für einen äußerst wertvollen Debattenbeitrag, ist einem inzwischen die Beschränktheit der eigenen Perspektive klargeworden – und die Tatsache, dass die eigene Stimme andere, bei denen es wichtiger wäre, dass sie gehört werden, übertönt. Einfach mal öfter die Klappe halten – gut. 
Dass diese Schlussfolgerung aber unter anderem dazu geführt hat, dass ich kaum noch schreibe, beobachte ich wiederum in Hinblick auf meine Entwicklung als denkender Mensch dann doch mit Besorgnis. Denn damit, dass ich Geschichten erzählen möchte, diese Geschichten aber aus Gründen für nicht erzählenswert halte, stelle ich mir andauernd selbst ein Beinchen. Derweil bleibt das Blatt Papier natürlich weiß.
*
La La Land gesehen. Fast unfreiwillig (der Film, in den wir eigentlich wollten, war ausverkauft. Aber die Zilliarden Oscar-Nominierungen hatten mich doch auch neugierig gemacht). Gedacht, ich würde augenrollend im Kino sitzen, dann unverhofft sehr eingenommen gewesen. Beim Hätte-würde-könnte-Ende sogar ein Tränchen verdrückt! Ausrufezeichen! (Jetzt ein Ohrwurm: „Hätte ich für jedes Hätte ich jedes Mal nur 50 Cent gekriegt …“)
*
Lektüre weiterhin: Patti Smith – M Train.

Samstag, 21. Januar 2017

21 Tage 2017

Wie ich einmal versuchte, den Schnee zu fotografieren.
*
„Liebe Fahrgäste! Zu Ihrer eigenen Sicherheit möchten wir Sie bitten, sich während der Fahrt festzuhalten.“ Immer wieder dieser Spruch, jeden Morgen im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Der Gedanke daran, dass auch dahinter eine Geschichte steckt: freistehende Fahrgäste, die bei einer scharfen Bremsung durch den Bus purzeln, sich verletzen, die BVG anklagen: Warum sagt einem denn niemand, dass man sich FESTHALTEN muss?, daraufhin die eine Person, die diesen Spruch entworfen, einer anderen Person zur Abnahme vorgelegt hat, der Mann mit der sonoren Stimme, der ihn eingesprochen hat, die Kette aller Beteiligten–
*
Abnehmen ist auch so ein Trend derzeit, scheint mir. Nicht verdruckst-erfolglos mit Kohlsuppendiät o.ä., sondern professionell, mit Fachwissen unterlegt und dem entsprechenden Vokabular: ein Defizit essen, Makronährstoffe, Refeed Day und was nicht alles. Ich will natürlich auch ständig abnehmen, weil: Leben als Frau, schaffe es aber kraft meiner Intelligenz immer wieder, mir das auszureden, weil: Muss nicht. Muss überhaupt nichts, danke.
Warum genau mir dieser Trend suspekt ist, darüber könnte ich nun lange nachdenken. Vermutung: Weil das Ganze auf dem Gedanken aufbaut, man hätte es selbst in der Hand. Ich bin Herrin meines eigenen Körpers. Diese Illusion. Der unendliche Rausch, der darin besteht, irgendetwas kontrollieren zu können – und sei es das eigene Gewicht. In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, können wir wenigstens noch Kalorien zählen. Hurra.
*
Lektüre: Patti Smith: M Train.

Sonntag, 15. Januar 2017

15 Tage 2017

„Wir haben die Wohnung gekauft“, sagt M., als ich gerade nur dezent nachgefragt habe, wie sie eigentlich an die Wohnung gekommen seien, ob auf dem freien Markt oder über Beziehungen … Achso.
*
Später landen wir in einer Neuköllner Bar, in der Austern auf der Karte stehen. Früher, erzählt F., war das mal eine dieser typischen Eckkneipen, seine Freundin und er haben da mal Darts gespielt. „Ich hätt gerne den günstigsten Weißwein“, sage ich zu der Bedienung, um mich aktiv von dem Ambiente abzugrenzen. „Das ist ein weißer Burgunder“, sagt sie beim Einschenken.
*
Am Mittwochabend kommt J. nicht zur Probe, wegen der Unwetterwarnung, schreibt sie. Unwetterwarnung? Davon haben wir gar nichts gehört, malen uns aber kurz aus, wie wir später wieder vor die Tür treten werden und es stürmt und schneit und hagelt und blitzt und donnert, so wie wir es alle noch nie erlebt haben werden.
*
Vor dem Burgerladen an der Ecke baut der Typ, der dort immer den Kaffee kocht, einen Schneemann, wirklich mannsgroß, sein Gesicht ist menschlich geformt mit großer Nase, auf der eine Sonnenbrille sitzt.
*
Es gibt Menschen, die so eine grundsätzliche Gekränktheit ausstrahlen, dass man zunächst denkt, man hätte ihnen etwas zuleide getan – obwohl man weiß, dass das nicht der Fall ist. Es dauert ein Weilchen, bis man versteht, dass diese Gekränktheit sich nicht auf einen bestimmten Menschen bezieht oder einen bestimmten Vorfall, sondern auf das Leben selbst, das einfach eine Enttäuschung ist und das niemals auch nur eins seiner Versprechen hält.
*
Zum Schluss noch dies, eins dieser Facebook-Spielchen:
Also: „Ich komme dann schon, wenn es so weit ist.“ (Michael Ballhaus: Bilder im Kopf.) Hrr hrr hrr.   

Sonntag, 8. Januar 2017

7 Tage 2017

Es kann doch nicht so schwer sein, hier mal wieder etwas reinzuschreiben. Vielleicht wöchentlich oder so?, vielleicht sollte ich wirklich einen festen Termin dafür festmachen, es muss ja nichts großes sein, Alltagsbeobachtungen reichen. Babysteps. Überhaupt erst mal wieder reinkommen ins Schreiben für den Blog.
*
Zu Beginn des Jahres bin ich zur Abwechslung mit einem Job beschäftigt, bei dem ich unter Festanstellungs-Bedingungen jeden Tag den ganzen Tag mit den gleichen Leuten in einem Raum sitze und arbeite, oder, wenn es gerade keine Arbeit gibt, so tue als ob. Sehr schön zu beobachten auch hier mal wieder der Unterschied zwischen dem Kollegen, der reinkommt und seine Ansichten zur Lage der Nation verkündet, als hätten wir alle nur darauf gewartet, und den beiden Kolleginnen, die gemeinsam beratschlagen, ob die jetzt gleich zu versendende E-Mail vielleicht doch nicht freundlich genug formuliert ist. Derweil vor den Riesenfenstern das große Wetterpanorama: Der Regen peitscht, die Sonnen strahlt, die Schneeflocken taumeln hilflos zu Boden.
*
Lage der Nation, so heißt übrigens auch ein Podcast, den ich seit ein paar Wochen trotz gelegentlichem Zwei-Klugscheißer-unterhalten-sich-Nervfaktor ganz gerne höre, wie überhaupt mein Podcast-Konsum gestiegen ist. Sehr gerne mochte ich die Doku-Serie „Der Anhalter“, sehr viel gelacht habe ich schon über „My Dad Wrote A Porno“.
*
Gestern im Asia-Laden gleichzeitig genervt und gerührt gewesen von einem mittelalten Paar, das umständlich die Zutaten für das, wie ich mir vorstellte, am Abend gemeinsam zu kochende Essen zusammen suchte. „Schau mal, das hier müsste doch Koriander sein, oder?“ – „Ich glaube, wegen der Fischsauce müssen wir jetzt mal die Dame an der Kasse fragen.“ Es schien, als würden sie sich noch nicht lange kennen – so behutsam, wie sie miteinander umgingen. Frage, warum der Pärchenprogrammpunkt „Gemeinsam kochen“ Instant-Aggressionen bei mir auslöst. Wahrscheinlich, weil ich das mit P. damals regelmäßig veranstaltet habe und wir regelmäßig an den dabei zu umschiffenden Klippen (Wer hat in der Küche das Sagen? Und sollte Kochen nicht eigentlich etwas sein, das einen sagenhaft entspannt?) zerschellt sind. Klingt jetzt dramatischer, als es war, aber seitdem steht für mich fest, dass sich kochtechnisch alle anderen sich knallhart mir unterzuordnen, d.h. erst dann zu erscheinen haben, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Weswegen ich im Asialaden war, übrigens: Sesamöl. Oh Sesamöl aus gerösteten Sesamsamen, Licht meiner Augen, Liebe meines Lebens.
*
Ich finde Agnes Obel toll. fantastisch.

*
Und Jill Soloway auch.
*
Und zuletzt noch ein Link aus meiner etwas angestaubten Linkliste für den Blog: Neukölln in den 2000ern und 2016. Seufz!  

Freitag, 2. September 2016

Ich gehe die Straße herunter,

unten an der Ecke ist eine Säuferkneipe, wie ich sie innerlich immer nenne, beim Aufschreiben fällt mir auf, wie abfällig das klingt, dabei habe ich eigentlich eine Sympathie für diese in Berlin, wie es scheint, oder zumindest in meinem Kiez immer seltener werdenden Lokale, in denen die Männer schon mittags vor ihren Bieren sitzen, oft auch Frauen, Frauen jedenfalls immer hinter der Theke, herzliche, raue, unendlich patente Frauen.
Ich gehe also die Straße herunter, und unten an der Ecke, an einem der Tische sitzt schon ein Mann, der mir entgegen schaut, völlig unauffällig sowohl seine Erscheinung als auch sein Schauen, er sieht eben einfach nur, dass ich die Straße runter gehe, so wie ich ihn da sitzen sehe, nichts weiter. Und just in dem Moment, als ich an ihm vorbeigehe, kommt die Thekenfrau raus und bringt dem Mann sein Bier, n einsames Eckchen haste dir hier ja ausgesucht, sagt sie, stellt ihm sein Bier hin, und er sagt: Joah, so ein leicht verlegenes Joah, und er sagt: Danke, so ein freundliches kurzes Danke, und nimmt, während sich die Frau schon wieder abwendet und einen routinierten Raucherhusten ausstoßend zurück in die Säuferkneipe geht, seinen ersten Schluck Bier.
Und zehn vor zwei, ich bin auf dem Weg in die Pause, bin mit G. verabredet, und auf dem ganzen Weg zu G., dem ich als erstes natürlich von dem Mann erzähle, rede ich mir innerlich gut zu: Das war nicht schlimm. Das war überhaupt nicht schlimm. Der Mann da, der ist auch Teil einer sozialen Gemeinschaft, die Thekenfrau kennt ihn, andere Gäste kennen ihn sicher auch, und was weiß ich denn, wer ihn sonst noch kennt und mag und liebt vielleicht, und was ist schon dabei, sich um zehn vor zwei wo hinzusetzen und einen ersten Schluck Bier zu trinken und friedlich ein bisschen in der Gegend herum zu gucken, ist doch jedenfalls nicht schlimm.
Nicht weiter schlimm.