Mittwoch, 16. August 2017

Deutscher Buchpreis – die Longlist

„Da ist der Vater, Sven, der auch mithilfe von Drogen nicht recht über die Scheidung hinwegkommt, und da ist seine Neue, die alle nur The Dudess nennen, eine, die die Dinge in die Hand nimmt und aufräumt in Svens Leben. Und da ist Melanie, Vevs Mutter, die zu Nathan und seinen beiden Söhnen zieht, aber auch in ihrer neuen Familie nicht den richtigen Platz findet.“
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„Was ist zu tun, wenn man von allem endgültig genug hat, die Therapeutin aber dennoch Vorsätze für das neue Jahr hören möchte? Franka Stremmer, Anfang vierzig, rafft sich zu einem letzten Kraftakt auf: Zwölf Männer in zwölf Monaten!“
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„Ruth Zacharias reist nach Berlin. Dort will die Gastdozentin, Dokumentarfilmerin und Essayistin die Vernissage ihres früheren Studenten Mirko Sonntag besuchen.“
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„Ricarda Kraft, Rhetorikprofessorin in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden. Ihre alte Weggefährtin Isabel, Professorin an der Stanford University, lädt sie zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein.“
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„Matuschka ist vierzig, als ihr Vater stirbt, mit der sie sich das Haus teilte. Ohne seine Fürsorge weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Einen Mann hat sie nicht und von dort, wo sie wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschka ist eine, die bleibt, Bewohnerin des Hinterlands, einer von anderen längst aufgegebenen Welt.“
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„Als die deutsche Frankenstein-Expertin Jana Krippen auf dem Campus ihrer neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihr der junge Stammzellenforscher Moe sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat er diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Moe ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit der deutlich älteren Frau zu beginnen.“
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Klingt eigentlich alles voll interessant. Nicht.

Dienstag, 25. Juli 2017

Sexismus stirbt nicht

Ich habe über Facebook davon mitbekommen. Unglücklicherweise sah ich, kurz nachdem ich auf den Link zu den Beiträgen im Merkur (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) geklickt hatte, den Post eines Facebook-Friends, der zusammenhanglos fragte, ob denn der alte Holzmichel noch lebe, weswegen sich die Debatte zum Sexismus an Schreibschulen nun in meinem Kopf für immer mit folgendem Refrain verbunden hat: Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch, jaaa, er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht. 
Danach gefragt, welche Erfahrungen ich als Jungautorin a.D. denn mit Sexismus im Literaturbetrieb gemacht habe, könnte ich davon berichten, wie ich einst auf Einladung des Goethe-Instituts zusammen mit einer Delegation deutscher Schriftsteller_innen nach Riga reiste und eine Abends, auf dem Weg von da nach dort, begleitet von ein paar Letten, die offenbar auch nichts Genaueres wussten, als dass es gerade von da nach dort ging, gefragt wurde: So, you are the writer’s girlfriend?
Und ich sagte: No, I am the writer.
Dass ich mich jetzt ärgere, daran nicht festgehalten zu haben – an der Überzeugung, meinetwegen dem Glauben, ein writer zu sein – und mir stattdessen jahrelang erzählt habe, ich wisse nicht so recht, ob ich überhaupt noch schreiben wolle, wo was und wie, steht auf einem anderen Blatt.
Ob ich an die große Liebe glaube?
Ob ich einmal heiraten möchte?
Ob ich Kinder haben will?
Alles Fragen, die mir als Jungautorin in Interviews gestellt wurden.
Aber ich war ja dankbar, dass ich Interviews geben durfte.
Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch.
Wie sehr mich das nervt. Aber ich kann den Ohrwurm (wahlweise: den Sexismus) nicht einfach abstellen. 
Vor ein paar Jahren noch hätte ich die aktuelle Debatte intensiv verfolgt. Jetzt habe nur die Beiträge von Anke Stelling, Martina Hefter, Stefan Mesch und Katy Derbyshire gelesen, allesamt empfehlenswert. Ich weiß, dass diskutiert wird, weiß, dass das wichtig ist. Gleichzeitig werde ich müde, wenn ich überhaupt nur daran denke. So müde, dass mir die Tränen kommen beim Gähnen. So müde, dass ich in der Sekunde einschlafen könnte, wie es M. neulich passiert ist, als J. ihr etwas erzählte, was sie nicht hören wollte, und sie aber auch nicht einfach weggehen konnte. (Auch ein Ohrwurm: We fade to grey.)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Später

Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Eis gegessen. Vanille, Pistazie, Stracciatella, ist das auch für Kinder, hat L. mich heute gefragt, und ich habe Ja gesagt, und er hat es probiert, Stracciatella, obwohl er sonst immer nur Himmelblau nimmt, dieses Schlumpfeis mit bunten Streuseln. Ich habe vergessen zu fragen, wie es ihm geschmeckt hat. Aber ich glaube, gut.
Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Geburtstage gefeiert. Denn ein paar Sonnenstunden gab es, doch, wir werden uns erinnern. An die Würstchen auf dem Grill, die Girlanden im Garten, das Bier in unserer Hand und das Geburtstagskind, das schon ein bisschen besser als letztes Jahr, aber immer noch nicht ganz verstanden hat, was eigentlich das Besondere an diesem Tag ist. Dafür verstehen wir es ja, wissen es ganz genau und werden es nie vergessen: Da bist du auf die Welt gekommen. Ja, du. Ja, diese Welt. Stell dir das mal vor.
Später werden wir sagen, ich vermisse dieses Geräusch. Das leise, beständige Rauschen, etwas daran hat uns beruhigt. Wir konnten so gut dazu einschlafen, und wenn wir wach waren, hat es uns eigentlich auch nicht gestört. Später werden wir sagen, aber ein bisschen merkwürdig war das schon. Wie tief die Pfützen waren. Wie trüb die Blicke der Passanten. Und wie die Erdbeeren auf dem Balkon ersoffen sind, das war schade.

Dienstag, 4. Juli 2017

Schieflage

Im Baum vor dem Fenster haben zwei Tauben sich ein Nest gebaut. Tauben. Diese Tiere, die in lebenslanger Monogamie leben, was auch klingt wie eine Freiheitsstrafe – die, zu der wir alle verurteilt werden wollen. Oder nicht? Nach dem Nestbau sind die Tauben weggeflogen. Ein Eichhörnchen entdeckte das Nest, legte sich ab und zu hinein, wenn die Sonne schien, und chillte. Hörte Hiphop über seine kleinen Eichhörnchen-Kopfhörer, wippte ab und zu mal mit dem Fuß. Doch die Tauben kehrten zurück. Seit ein paar Wochen sitzen sie abwechselnd im Nest und brüten. Nicht, dass ich sie auseinanderhalten könnte. Dass sie abwechselnd brüten, hab ich auch nur im Internet gelesen.

Durch den Regen in der letzten Woche – ein Jahrhundertregen war das, ein Drittel der Wassermenge, die sonst in einem Jahr fällt, kam innerhalb von 36 Stunden vom Himmel, „und das an meinem Geburtstag!“, war ich versucht zu seufzen, wie die Eistänzerin, die ich früher gerne gewesen wäre, („die tat mir damals so leid“, der einzige Kommentar unter dem Video, ach Menschheit) – ist das Nest in Schieflage geraten.

Die Taube, auf ihren Eiern sitzend, versuchte, es zu richten, pickte hier mal nach einem Ast, um ihn neu festzustecken, ruckelte im Nest hin und her, um den Schwerpunkt zurück zu verlagern. Ergebnislos.

Es fiel mir nicht schwer, alle menschlichen Gefühle auf diese Situation zu projizieren. Ja, so sitzt man eben da, wenn was plötzlich in Schieflage geraten ist. Man versucht, das Ganze wieder zu richten, so unbeholfen und dumm, dass es allen, die es mitansehen müssen, wehtut. Aber man kann ja nicht einfach davonfliegen. Dafür hat man das Nest nicht gebaut, die Eier nicht gelegt. Man wird stur sitzen bleiben und aufs Beste hoffen, und wenn der nächste Windstoß einen samt Gelege doch vom Baum fegt, dann, ja dann wird man halt weiterschauen müssen.

Freitag, 16. Juni 2017

Ich könnte

Ich könnte ewig aus dem Fenster schauen und zusehen, wie die Äste des Baums sich im Wind wiegen. Ich könnte ewig zuhören, wie das Laub raschelt und rauscht. Ich könnte ewig durch die Stadt gehen in meinem bodenlangen Kleid und spüren, wie der glatte schwere Stoff gegen meine Beine schlägt mit dem Geräusch von flatternden Fahnen. Ich könnte ewig auf dem Bürosofa liegen und lesen, während die anderen auf ihren Laptops herumtippen. Ich könnte ewig im Baumarkt herumlaufen, nur um zu gucken, was es dort alles gibt. Ich könnte mir ewig die Augen reiben, ich könnte ewig Campari Soda trinken, ich könnte ewig dem Klinkern der Eiswürfel im Glas lauschen. Ich könnte ewig mit meinen Eltern am Abendbrottisch sitzen. Ich könnte ewig ein Kind auf dem Arm halten, das ein bisschen müde ist. Ich könnte ewig nach dem Hibiskus schauen, der so viele Blätter verloren hat und der jetzt neue, zarte, hellgrüne sprießen lässt, während sich eine Blüte nach der anderen öffnet. Ich könnte mich ewig fragen, was wohl wird. Ich könnte ewig keine Antwort finden.

Freitag, 5. Mai 2017

Und das verblüffte Gesicht des Typen

, der jetzt draußen auf dem Bahnsteig steht.
Im nächsten Waggon ist einer, den solltet ihr euch mal anschauen, habe ich zu den Männern vom Sicherheitsdienst gesagt, die zu dritt in dem Waggon standen, in den O. und ich gewechselt sind, mit ihren neongrünen Jacken, mit ihrem Schäferhund, mit ihrem sogleich sehr interessierten Blick: Ein Betrunkener? Aggressiv? Einer, der randaliert?
Eher so ein Psychotischer, sage ich vorsichtig, denn tatsächlich kann ich nicht sagen, ob der Typ betrunken war, wie er da saß mit der blutigen Wunde über dem Auge und der Sonnenbrille auf der Nase und vor sich hinredete in einer Sprache, die wir nicht verstanden, und plötzlich laut anfing zu singen, aber nicht fröhlich, und der dann aufstand und sich zwischen uns und den Frauen, die uns gegenüber saßen, an die Haltestangen hängte–
Und die Blicke, die wir mit diesen Frauen wechselten, unsere Oha-Au-weia-Gesichter–
Aber wenn ich eins gelernt hab in all den Jahren in Berlin, dann, dass es nie darum gehen darf, eine Situation auszuhalten, sondern immer darum, einen Ausweg zu finden.
Komm, wir gehen eins weiter, habe ich zu O. gesagt.
Und die Männer vom Sicherheitsdienst ziehen sich schon mal ihre Handschuhe an, und bei der nächsten Station gehen sie rüber und schauen sich den mal an. Und jetzt stehen sie mit dem Typen draußen auf dem Bahnsteig, und er macht ein Gesicht wie einer, der nicht weiß, was er Schlimmes getan haben soll, der nicht weiß, wie ihm geschieht; fast kindlich verblüfft und überhaupt nicht aggressiv.
Und es stimmt ja, denke ich, er hat nichts Schlimmes getan.
Daran sind wir jetzt schuld, sage ich zu O., und er sagt: Ich glaub, die Frauen von eben sind froh, dass der weg ist, und dann fährt die Bahn auch schon weiter, und dann sind wir auch schon weg.